Fulminante „Fußballkritik“ – Das Beste aus 20 Jahren „Der Tödliche Pass“

9783730702550_cover_0 Im Mai 1999, also vor siebzehn Jahren, erhielt ich vom Verlag Die Werkstatt ein bestelltes Rezensionsexemplar: Legenden in Weiß und Blau von Hardy Grüne und Claus Melchior über den TSV 1860 München, meinen Lieblingsverein der 60er Jahre. Zum ersten Mal hatte ich ein Fußballbuch für eine Besprechung angefordert. Leider muss ich gestehen, dass ich diese Buchkritik nie verfasst habe. Aber hinten im Buch entdeckte ich ein Anzeige: „Wenn Sie wissen wollen, warum Jean Baudrillard die Rückennummer 3 trägt: Der tödliche Paß, die Zeitschrift zur näheren Betrachtung des Fußballspiels, sagt es Ihnen! Wer kritische, satirische, philosophische und jeden Falls ungewöhnliche Betrachtungen zum runden Leder sucht- diese Vierteljahresschrift hat sie. Andere spielen Fußball – wir denken drüber nach!“

Das klang aufregend. Gab es wirklich eine Zeitschrift, die sich intellektuell mit dem Fußball auseinandersetzte? Ich verlangte nach einem Probeheft, war begeistert und abonnierte das Magazin. Im Oktober 2003 war es dann soweit. In Heft 33 erschien mein erster eigener Beitrag unter dem Titel „Ein begrenztes Feld. Über Zusammenhänge von Fußball, Politik und Literatur in den 90ern“. Einige Jahre später schrieb ich dann regelmäßig eine Kolumne über das Leben mit Fortuna Düsseldorf. Nachdem daraus mehrere Bücher entstanden waren, beschränkte ich mich bis heute auf gelegentliche Einwürfe und Rezensionen von Fußballbüchern. Abonnent bin ich geblieben.Aus den A5-Heften ist längst eine veritable Schwarz-Weiß-Zeitschrift im A4-Format geworden. 2006 konnte man diese auch im Bahnhofsbuchhandel erwerben. Doch das rentierte sich leider nicht, sodass die Hefte wieder fast ausschließlich im Abo bezogen werde müssen.

Im letzten Jahr feierte das Magazin, das immer noch von den drei Gründungsvätern Stefan Erhardt, Johannes John und Claus Melchior herausgegeben wird, sein 20jähriges Jubiläum und das Erscheinen von Heft 80. Die höchst verdiente Festschrift dazu ist nun im Verlag Die Werkstatt erschienen. Das Beste aus 20 Jahren! 47 Beiträge aus 80 Heften von zwölf Autorinnen und Autoren. Dazu eine Einleitung von Stefan Erhardt und ein Nachwort von Jürgen Roth.

Die drei Herausgeber haben sich als Leitfaden für die Textauswahl auf das Thema „Fußballkritik“ geeinigt. Und es ist überraschend zu sehen, wie aktuell viele dieser teils heiteren, teils sehr bissigen Beiträge heute noch sind. Das gilt sowohl für die zahlreichen sprachsensiblen Artikel als auch für die Erörterung von Regeländerungen und vor allem für die Kritik an der fortschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs. Nur selten wird dabei die Vereinsbrille aufgesetzt, nie die rosarote, sondern fast immer die mit der geschärften Weitsichtigkeit.

Was ich nach all den Jahren allerdings immer noch nicht weiß: Warum eigentlich trägt  Jean Baudrillard die Rückennummer 3? Leider findet sich der Artikel, der darüber Auskunft gibt, nicht im Auswahlband. Da auch keiner meiner Beiträge aufgenommen wurde, ist das Anlass genug ein zweites Buch zu fordern – mit dem Schwerpunkt auf den Zusammenhängen zwischen Fußball und Literatur. Vorher gilt es allerdings diesen ersten Band mit seiner kritischen Spielfreude mindestens neunzig Minuten plus Nachspielzeit vollumfänglich zu genießen.

Stefan Erhardt (Hrsg.): Fußballkritik. Das Beste aus 20 Jahren DER TöDLICHE PASS. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2016. 224 Seiten, Paperpack. 14,90 €

Advertisements

„Zeitspiel“ – ein neues Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

01-titel_zeitspiel_03_final kleinEs gibt ein neues Fußballmagazin anzuzeigen. Das ist bereits eine positive Nachricht. Besonders erfreulich ist jedoch, dass es sich nicht um ein weiteres Online-Format handelt, sondern um eine sauber, vierfarbig gedruckte Zeitschrift. Das Vierteljahresmagazin trägt den passenden Titel „Zeitspiel“, denn es beschäftigt sich vornehmlich mit der Geschichte des Fußballs. Es begreift dabei Fußball als Teil der Gesellschaft und als Teil der weltweiten Kultur. Dabei richtet es den Blick tief in die Vergangenheit, vergisst aber nicht aktuelle Tendenzen zu kommentieren.

Bislang liegen drei Ausgaben vor, die das viel versprechende Konzept nachdrücklich umsetzen. Das erste Heft erschien im Juni letzten Jahres mit dem Schwerpunktthema „Überleben im Turbokapitalismus“. Die folgenden beiden Ausgaben widmeten sich den Titelthemen „Aufstiegsspiele“ sowie „Flucht, Vertreibung, Migration und Integration“. Insbesondere das letzte Thema macht deutlich, wie zeithistorische Themen höchste Aktualität besitzen können. Auf 37 sehr lesenswerten Seiten beleuchten die bekannten Buchautoren Hardy Grüne und Dietrich Schulze-Marmeling sowie Frank Willig die vielfältigen Aspekte dieses Themenkomplexes, angefangen bei den Ursprüngen des deutschen Fußballs 1872 über die polnischen Arbeitermigranten, die in den 20er und 30er Jahren zahlreiche Fußballmannschaften verstärkten – insbesondere bekanntermaßen Schalke 04 -, über jüdische Vereine, italienisch und türkisch geprägte Gastarbeitervereine (Beispiel: Türkiyemspor Berlin) bis hin zu Vereinen, die sich heute die Integration als Leitbild auf die Fahne geschrieben haben, wie der FC Wacker München. Die lange Textlandschaft wird aufgelockert durch zahlreiche Fotos, kurze Fallbeispiele und eine Reihe von Interviews.

2_titel_kleinDie regelmäßigen Rubriken heißen u.a. „Gästeblock“, in dem Stadien vorgestellt werden (Holstein Kiel in Heft 2, Fortuna Köln in Heft 3), „Legende“ (FC Carl Zeiss Jena, Wuppertaler SV), „Fankurve“ (SpVgg Bayreuth, 1. FC Lokomotive Leipzig) und „Zeitspiel International“. Hinzu kommt die Sparte „Was war da los“, die ein besonderes historisches Ereignis aus der Fußballgeschichte beleuchtet. Zentraler Bestandteil jeder Ausgabe ist zudem der Abschnitt „Mottenkiste“, der sich in den ersten vier Ausgaben dem vergessenen oder gar weithin unbekannten Fußball in Schlesien bis 1945 widmet.

Das alles ist verlässlich und fundiert, wenngleich gelegentlich auch etwas spröde erzählt, immer wieder angereichert mit Statistiken, die selten kleinere Fehler oder Unstimmigkeiten enthalten. Am Layout lässt sich sicher auch noch gewinnbringend schrauben.

Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist dieser neue Player auf dem Fußballzeitschriftenmarkt sehr zu begrüßen. Noch ist es eine Freizeitnebenbeschäftigung der ambitionierten Herausgeber. Aber es ist durchaus angedacht, diese Zeitschrift, die es bislang nur im Direktbezug gibt, zu professionalisieren. Ich wünsche dafür viel Erfolg. Zwischen dem seriös-langweiligen kicker und der lustigen Wundertüte 11 Freunde ist noch gehörig Raum auf dem Spielfeld. Möge Zeitspiel sich dort etablieren und länger halten als das Magazin Rund, das nach zwei Jahren (2005-2007) von der Verkaufsfläche verschwand und bis heute nur noch im Onlineformat durch das Internet geistert.

Zeitspiel. Magazin für Fußball-Zeitgeschichte. Herausgegeben von Hardy Grüne und Frank Willig. Erscheint vierteljährlich. Heft 2 (III/2015). 90 Seiten. 7,80 € – Heft 3 (I/2016). 98 Seiten. 7,80 €. Bezug: www.zeitspiel-magazin.de 

 

Der Swing vom Ding – Band 22 der Jahresschrift „Das Gedicht“ ist selbst ein Faszinosum

114194489988„Die Dinge singen hör ich so gern“, dichtete einst Rainer Maria Rilke. Ein Beleg für die besondere Beziehung der Dichter zu den leblosen Gegenständen. Grund genug für den unermüdlichen lyrischen Tausendsassa Anton G. Leitner – vielleicht könnte man ihn gar den kleinen Michael Krüger nennen, denn er ist Autor, Verleger, Herausgeber und Förderer in einer Person – der poetischen Betrachtung der Dinge einen ganzen Band zu widmen, nämlich den 22. Band seiner Jahresschrift Das Gedicht. Mitherausgeber von Der Swing vom Ding – Die Lust am Objekt ist der Lyriker Hellmuth Opitz, der neben einem Gedicht auch zwei kurze Essays beisteuert. Der eine porträtiert den schwedischen Schriftsteller Lars Gustafsson und seinen Blick auf die Dinge. Der zweite widmet sich als „Notizen zu einer Poesie der Gegenstände“ der speziellen Thematik dieses Bandes und gibt dieser eine angemessene Fundierung.

Die versammelten Gedichte sind sehr verschiedener Art, variieren stark in der Form und der Qualität. Sechs Zeilen reichen Robert Höpfner für einen Text über eine vergessene „Glüh-Birne“, die angeblich „zum Leuchten“ anfängt. Da scheint aber eher falsches Deutsch durch. Dem entgegen steht das Langgedicht „Epitaph auf ein Paar Halbschuhe“ von Horst Samson, das deutlich gelungener drei ganze Seiten füllt. Es werden die unterschiedlichsten Gegenstände bedichtet: eine Brille, eine Zigarre, Raumanzüge, ein schwarzes Hemd, ein verlorenes Schäufelchen, Regenschirme und und und. Hellmuth Opitz verwendet als Stilmittel die Personifikation, um ein Bügeleisen als „Madame Rowenta“ zu Wort kommen zu lassen. Das Gedicht mündet in der letzten Zeile schließlich in eine Schlusspointe, was nicht zuletzt deutlich macht, dass es den Herausgebern weniger um tiefschürfende Lyrik ging als vielmehr um Spaß an lyrischen Texten.

„Wenn die Poesie ein Lebensmittel ist, dann sichert DAS GEDICHT die Überlebensration für ein ganzes Jahr.“ So bewirbt Anton G. Leitner seine Jahresschrift. Dem kann ich nicht zustimmen. Aber die vorliegende Ausgabe ist zumindest ein Leckerbissen für Lyrikfans. Sie ist selbst ein Ding, ein Ding voller Poesie, kein Fetisch zwar, aber doch ein Faszinosum.

„Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm. / Ihr bringt mir alle die Dinge um.“, heißt es bei Rilke weiter. Das kann dem Band aber nun wirklich nicht nachgesagt werden. Im Gegenteil: er wertet die Dinge und unseren Alltag auf.

Das Gedicht Band 22: Der Swing vom Ding – Die Lust am Objekt. Herausgegeben von Anton G. Leitner und Hellmuth Opitz. Anton G. Leitner Verlag, München 2014. 160  Seiten, broschiert. 12,50 € 

Offenes Feld – eine neue, internationale Literaturzeitschrift

Titelseite_Ausgabe2_SchattenDas gibt es tatsächlich noch! Wie schön. Ich habe im Zeitalter der Onlinemagazine und Blogs schon nicht mehr daran geglaubt. Da machen sich Menschen auf, um eine neue Literaturzeitschrift im Printformat herauszugeben. Selbstlos, idealistisch, weil sie die Kunst lieben und zum Leben brauchen. Namentlich sind dies der Lyriker und Übersetzer Jürgen Brôcan und der Filmemacher Frank Wierke. Im September ist bereits die zweite Ausgabe von offenes Feld erschienen. Sie enthält Lyrik, Erzählungen, Kommentare zu Texten und Rezensionen. Die besondere Stärke der Zeitschrift ist ihr Konzept der Internationalität. Das vorliegende Heft bringt Übersetzungen aus dem Englischen (Gedichte von Arundhati Subramaniam) und Schwedischen (Gedichte von Staffan Söderblom sowie ein Kommentar dazu von Gunnar D. Hansson).

Eröffnet wird das Heft mit fünf neuen Gedichten von dem seit Jahrzehnten in Finnland lebenden, 1931 in Ostpreußen geborenen deutschsprachigen Poeten Manfred Peter Hein. Es ist sind sehr lesenswerte Altersgedichte. Die finnische Landschaft ist Ausgangspunkt oder Hintergrund für lyrische Betrachtungen am Ende des Lebens: „Nehmt auf Geister / des Abgrunds Urverheißung / im Atem des Lichts -„. Ulrich Schacht, in der DDR aufgewachsen und nun in Schweden lebend, legt einen längeren Auszug aus seiner Novelle „Die Insel der toten Vögel“ vor, der auf den vollständigen Text neugierig macht.

Gar nicht überzeugend liest sich dagegen das lyrische Triptychon von Klaus Anders, der sich bislang hauptsächlich als Übersetzer, u.a. von Michael Hamburger, hervorgetan hat: „Den Hang hinab eilt der Wald / Springt über Felsen zu Tal, verweilt“. Ein Wald kann vieles (schweigen, rauschen, Schutz bieten), aber ganz sicher nicht eilen und springen. Das ist schief und kann auch als bildliche Darstellung nicht gerettet werden. Auch andere Passagen treiben mir aufgrund der sprachlichen Mittel ein starkes Runzeln auf die Stirn: „Ruhig strömt in die schartige Enge, / Gelassen die Donau“. Auch die häufig verwendeten Anaphern „Hier“ und „Und“ zeugen nicht von einem poetischen Talent. Das ist aber ganz sicher Ulrich Koch, ein bemerkenswert produktiver Lyriker, der gleichwohl die Qualität seiner Texte halten kann. Sein Auszug „Aus der Geschichte der Körperdoubles“, zentriert gesetzte Gedichte, verarbeitet intensive Erinnerungen an die Kindheit zu verdichteten Texten. Einer endet mit den schönen Schlussversen: „Aus den Kühltürmen der Biergläser / steigen weiße Wolken.“

Besonders gewinnbringend ist das Zusammenspiel des übersetzten Langgedichts „Videoband“ von Staffan Söderblom mit dem essayistischen Kommentar dazu von Gunnar D. Hansson unter dem Titel „In Sachlichkeit und einer verwilderten Sprache“. Söderbloms Text gelingt es, Runeninschriften aus dem 11. Jahrhundert mit Naturimpressionen und Reflexionen über katholische Mafiafilme zu verknüpfen. Zur Jahreszahl passend sind die „Erinnerungen an 1914“ von Susanne Stephan in Form mehrerer Gedichte und einer längeren Rezension.

Für den Winter 2014 ist bereits das nächste Heft angekündigt. Wunderbar!

Offenes Feld. Heft Nr. 2, September 2014. Books on Demand, Norderstedt 2014. 114 Seiten, broschiert. 11,90 €.

poet – Das formidable deutschsprachige Literaturmagazin

poet 11.neu.inddIm Frühjahr 2006 veröffentlichte der bis dato unbekannte Verlag poetenladen aus der Buchstadt Leipzig die erste Ausgabe seiner Zeitschrift poet[mag]. Schlicht und wenig auffällig im Design schien dies eine der vielen idealistischen Versuche zu sein, sich selbst als Literaturverleger dazustellen. Das Layout, das keine Spur eines experimentellen Newcomers zeigte, bewirkte eine Konzentration auf das Wesentliche: den Text. Wie viele Ausgaben sollte man diesem Versuch geben? Drei, vier höchstens wohl aber sechs; dann würde auch dieses Magazin nur noch in Antiquariaten zu finden sein. Weit gefehlt. Fünfeinhalb Jahre später hat der unermüdliche Verleger Andreas Heidtmann um dieses Magazin und seine Internetseite www.poetenladen.de mit beeindruckender Beharrlichkeit einen Verlag etabliert, der Preisträger hervorbringt und von den großen Feuilletons ernst genommen wird.

Im Herbst 2011 ist inzwischen die 11. Ausgabe der Zeitschrift des poetenladen erschienen. Sie heißt nun nur noch poet und im Untertitel literaturmagazin. Das Format wurde ein wenig vergrößert: vom Taschenbuch auf DIN A5. Auch der Umfang wurde erweitert: von seinerzeit 176 auf stattliche 297 Seiten. Die neuste Ausgabe enthält zudem erstmals Illustrationen. Dabei konnte der Preis fast gehalten werden: 9,80 € statt vormals 8,80 €. Um es vorweg zu nehmen: in der unübersichtlichen Szene der zumeist kurzlebigen deutschsprachigen Literaturzeitschriften hat Andreas Heidtmann den poet ganz weit nach vorne gebracht. Trotz des Erfolges seiner Webseite lässt er es sich nicht nehmen, ein Magazin zu produzieren, das aktuell und vielfältig der Literatur der Gegenwart ein Forum bietet, das man nicht einfach anklickt, sondern als gutes Buch zum Blättern und Schmökern einlädt.

Das Heft ist in fünf formale Kapitel gegliedert und beginnt mit neuen Gedichten. Neben bewährten Autoren wie Uwe Kolbe, Dirk von Petersdorff sowie Anne Dorn präsentiert das Heft vor allem junge Lyrik von aufstrebenden Talenten. Darunter Tim Holland, Jahrgang 1987, der mit variantenreichen Formen, insbesondere durch teilweise mehrspaltig gesetzte Texte, überzeugt. Zudem stechen die Gedichte von Martina Weber („die träume, unsere wut hatte noch keine richtung gefunden, / einen verwertungszusammenhang schon gar nicht“) und Ulrich Koch („gäbe es Freunde / ihre Namen wären durchgestrichen“) hervor. Insgesamt eine lesenswerte Auswahl aktueller Lyrikproduktionen.

Der zweite Abschnitt besticht mit vierzehn deutschsprachigen Gedichten verschiedener Autorinnen und Autoren, die abwechselnd von Michael Buselmeier und Michael Braun vortrefflich kommentiert werden. Die beiden haben sich in den letzten zwanzig Jahren mit diesem Projekt einen Namen gemacht, insbesondere seit die Sammlung von 100 dieser kommentierten Gedichte 2009 im poetenladen unter dem Titel „Der gelbe Akrobat“ erschienen ist. Dieses Unterfangen beschränkt sich im Gegensatz zur ähnlich konzipierten Frankfurter Anthologie von Marcel Reich-Ranicki auf Autorinnen und Autoren der Gegenwart. Zudem wird von jedem Verfasser nur ein Gedicht besprochen. Dieses nutzen Braun und Buselmeier dann gekonnt als pars pro toto, um den Lyriker mit den Grundzügen seines Werkes vorzustellen. Der poet bringt die ersten sechs Neuen Folge des gelben Akrobaten, darunter auch Entdeckungen wie den bislang unbekannten Lyriker Levin Westermann  sowie acht Gedichte und Kommentare, die seinerzeit in der Buchausgabe keinen Platz erhielten. Hervorzuheben ist hier die Würdigung von Kerstin Preiwuß aus dem Jahre 2008, die das feine Gespür von Braun und Buselmeier für aktuelle Tendenzen in der Lyrik zeigt, denn 2012 wird der zweite Gedichtband dieser Autorin nun im Suhrkamp Verlag erscheinen. Aus dem Rahmen fällt dagegen die Kommentierung eines Gedichtes von Elisabeth Langgässer (1899-1950), die man schwerlich noch als Gegenwartsautorin gelten lassen kann.

Die zweite Hälfte des Literaturmagazins ist neuer Prosa, Interviews und Reportagen vorbehalten. Es gibt neue Geschichten beziehungsweise Textauszüge der bereits mehrfach ausgezeichneten Autoren Markus Orths und Michael Stavaric sowie Texte von Newcomern wie Lisa Vera Schwabe und Marc Oliver Rühle. Sie decken ein breites Spektrum ab und dienen gut als Appetitanreger, um sich eventuell mit dem einen oder anderen Autor näher zu beschäftigen. Die Gespräche drehen sich allesamt um das Thema Literatur und Zeit. Einige wurden per E-Mail geführt, sodass sie über das klassische Interview hinausreichen. Etwas ungewöhnlich ist, dass der Schriftsteller Jan Kuhlbrodt seine Frau Martina Hefter befragt. Eine schöne Idee sind die abschließenden Reportagen, die über Literaturstätten berichten. Katharina Bendixen besucht verschiedene Orte, an denen Stipendiaten arbeiten, und Johanna Hemkentokrax begibt sich auf eine literarische Café- und Kneipentour.

Leider treibt der Druckfehlerteufel immer noch über Gebühr sein Unwesen im poetenladen. Besonders ärgerlich war sein Wirken in der 1. Auflage von „Der gelbe Akrobat“. Aber auch in diesem Heft hat er sich in Primärtexte eingeschlichen. So muss es beispielsweise in Harald Hartungs Gedicht heißen „SOS, die Emden“ (statt „Emde“), worüber man beim Lesen gleich stolpert, weil der Reim holpert. Doch dieses Problem wird der Verlag sicherlich auch noch in den Griff bekommen. Die Nummer 11 des Halbjahresmagazins poet schürt jedenfalls – auch dank der außerordentlich gut passenden Illustrationen von Miriam Zedelius – hohe Erwartungen an die kommenden Ausgaben. Und wie der Herausgeber selbst in seinem Editorial anmerkt: „Literaturzeitschriften sind – im Vergleich zur flimmernden Rastlosigkeit des Internets – ein ästhetisches Mehr.“

poet Nr. 11. Literaturmagazin. Herausgegeben von Andreas Heidtmann. poetenladen, Leipzig 2011. 297 Seiten, broschiert. 9,80 €. ISBN 978-3-940691-27-9

P.S.: Inzwischen ist bereits Heft 15 erschienen! Alle Hefte sind weiterhin sehr empfehlenswert!