„Vom Streifenhörnchen zum Nadelstreifen“ – Hans Peter Klein kritisiert fulminant die Kompetenzorientierung im Bildungswesen

kleinthumbNach der Veröffentlichung der ersten PISA-Studie aus dem Jahr 2000 begann in Deutschland bildungspolitisch eine neue Zeitrechnung. Das unbefriedigende Abschneiden der deutschen Schülerinnen und Schüler führte zu einer Vielzahl von Veränderungen in Schule und Hochschule. Zentrales Merkmal, neben strukturellen Veränderungen, ist die Orientierung des Lernens und seiner Überprüfung an Kompetenzmodellen.

Hans Peter Klein, Professor für Didaktik der Biowissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, kritisiert diese Neuorientierung am Kompetenzbegriff im vorliegenden Buch fundamental. Die grundsätzliche Kritik an den deutschen Bildungsreformen der letzten zwanzig Jahre, insbesondere am sogenannten Bologna-Prozess, wie sie Konrad Paul Liessmann  (Theorie der Unbildung und Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung, beide erschienen im Paul Zsolnay Verlag, Wien 2006 bzw. 2014) und auch Jürgen Kaube (Im Reformhaus. Zur Krise des Bildungssystems, zu Klampen, Springe 2015) bereits dezidiert vorgetragen haben, expliziert Klein nun im Detail. Dabei knöpft sich Klein gezielt die zentralen Abiturprüfungen nach der Kompetenzorientierung vor.

Der Titel des Buches bezieht sich auf eine zentrale Abituraufgabe im Leistungskurs Biologie in Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2009. Sie stammt aus dem Teilgebiet der Populationsökologie und beschäftigte sich mit nordamerikanischen Streifenhörnchen. Klein seziert diese Aufgabe förmlich und zeigt, dass man mehrere Teilaufgaben ohne biologische Kenntnisse nur mit dem Vermögen der Lesekompetenz bewältigen konnte. In den folgenden Kapiteln führt er aus, dass dies beileibe kein Einzelfall war. Auch in anderen Bundesländern fanden sich Abituraufgaben, die Neuntklässler ohne Vorwissen bestehen konnten, wie er sogar in einem Schülerexperiment nachwies. Ähnliches gilt für einige Abituraufgaben im Fach Mathematik: „Der Verfall des fachlichen Niveaus in Mathematik lässt sich zweifelsfrei an dem Verlauf des Mathematikunterrichts der letzten 25 Jahre aufzeigen.“

Immerhin lässt Klein auch Gegenbeispiele gelten und lobt vor allem die Abituraufgaben aus Mecklenburg-Vorpommern. Als Ursache des dargestellten Bildungsverfalls gilt Klein der Kompetenzbegriff, der überall auftaucht und trotz aller Definitionsversuche unscharf bleibt. Der Ton seiner Anklage ist häufig polemisch, teilweise sarkastisch. Überflüssig sind auf jeden Fall die beiden im Anhang abgedruckten Artikel fremder Autoren, die eher der Belustigung diesen. Denn das Thema ist ernst. Deutschland ist auf junge Menschen mit einem hohen Bildungsniveau angewiesen. Die breite Vergabe von Abschlüssen durch eine Absenkung der Anforderungen ist sicher der falsche Weg. Hans Peter Klein kündigt im Vorwort zwei weitere Bände zu dieser Thematik an. Darauf kann man sehr gespannt sein. Ebenso auf die Reaktionen aus der Bildungspolitik, die sich dieser scharfen Kritik stellen muss.

Hans Peter Klein: Vom Streifenhörnchen zum Nadelstreifen. Das deutsche Bildungswesen im Kompetenztaumel.  zu Klampen Verlag , Springe 2016. 328 Seiten, gebunden. 22,00 €

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„Valdivia“ – Rudi Palla taucht ab in die Geschichte der ersten deutschen Tiefsee-Expedition

9783869711249_5Galiani Berlin ist ein Verlag für besondere Bücher. Fernab von Mainstream und E-Book Subkultur präsentiert er regelmäßig echte Bücher, die man heutzutage fast schon als kleine Kunstwerke bezeichnen muss. Sorgfältig editiert und kreativ layoutet enthält das vorliegende Buch den Druck einer Karte auf dem Vorsatzpapier, zahlreiche Schwarz-Weiss-Grafiken, eine sehr professionell zweiseitig gedruckt, Fotos und eindrucksvollen vierfarbigen Abbildungen (unter anderem von Ernst Haeckel) auf einem speziellen Papier so wie früher die Farbtafeln in den Folianten. Das Thema dieses Bandes ist ein wissenschaftshistorisches Fundstück: die Geschichte der ersten deutschen Tiefsee-Expedition, die vom 1. August 1898 bis zum 1. Mai 1899 stattfand.

Der Verfasser Rudi Palla ist bekannt für sonderliche Bücher, wie seine letzten Titel belegen: Unter Bäumen (2006), Kurz Lebensläufe der Narren (2008) und Der Kapitän und der Künstler. Die Erforschung der Terra Australis (2013). Es ist höchst interessant zu lesen, wie viel Eigeninitiative, Mut und Forschergeist notwendig waren, um diese Pionierleistung deutscher Meeresbiologie am Ende der 19. Jahrhunderts zu vollbringen. Und man ist beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit die Besatzung der Valdivia allen Widrigkeiten von Krankheiten, über Versorgung, technische Probleme und politische Verhältnisse, trotzte.

Der Erfolg dieser neunmonatiger Expedition war bemerkenswert: die Ausbeute an gefangenen Tieren, darunter zahlreiche neue Arten, und Unmengen von Messergebnissen über Meerestiefe, Temperatur und klimatische Verhältnisse. Insbesondere der Zusammenhang zwischen der Fauna in höheren und tiefen Schichten wurde erstmals systematisch untersucht. Es dauerte viele Jahre bis die Ergebnisse wissenschaftlich aufbereitet und publiziert wurden. Sie dienen teilweise heute noch als Grundlage der aktuellen Tiefseeforschung.

Leider kann die textliche Darstellung dieser spannenden Geschichte nicht überzeugen. Ich hätte mir einen zusammenhängenden Text aus der Perspektive von heute gewünscht, der neuste Erkenntnisse mit einbezieht. Stattdessen ist das Buch additiv in mehrere Abschnitte gegliedert, die sich kaum aufeinander beziehen. Nach einem Prolog mit einem Rückbezug auf Jules Vernes 20 000 Meilen unter den Meeren folgt ein Einschub zu den Flottenphantasien von Kaiser Wilhelm II., dann ein biographischer Abschnitt über den Initiator und Leiter der Expedition, Carl Chun, dann ein Bericht über einen Vortrag von Chun. E schließt sich eine Beschreibung des Schraubendampfers, seiner Besatzung und der Ausrüstung an. Erst auf Seite 87 beginnt dann die Schilderung der Reise. Und diese zitiert seitenlang aus dem Reisewerk von Chun selbst, das dieser 1903 über die Expedition veröffentlichte, oder paraphrasiert es. Nur gelegentlich gibt es Kommentare von Palla, etwa zur Kolonialgeschichte, oder kleine sachliche Korrekturen, zum Beispiel zum angeblich dreitausend Jahre alten Drachenbaum auf Teneriffa. Doch hätte man sich statt des Hinweises „was natürlich nicht stimmt“ hier eine präzisere Angabe gewünscht. Es stört  zudem, dass sich Palla bei seinen Ausführungen den altbackenen, adjektivreichen Stil von Chun zu eigen macht: „Nach stürmischen Tagen, in denen das Schiff heftig rollte … Aufgeregt stürmten die an Deck Anwesenden auf die Back. Rasch versah Navigator Sache …“.

Versöhnlicherweise gibt es noch einen Epilog aus heutiger Sicht – mit dem bemüht originellen Titel „Geht Poseidons Reich unter?“. Hier erfährt man auch, was aus den Protagonisten der Reise geworden ist. Aber wie gesagt, eine Verflechtung dieser einzelnen Abschnitte wäre für den Lesefluss und den Aufbau eines höheren Spannungsbogen günstiger gewesen. So führt der Umschlagtext von Frank Schätzing in die Irre. Denn spannend wie ein Krimi geriert sich das Buch nicht. Und trotzdem ist es kaufenswert.

Rudi Palla: Valdivia. Die Geschichte der ersten deutschen Tiefsee-Expedition. Galiani Verlag, Berlin 2016. 224 Seiten, gebunden. 28,- €