Volker Kutscher erzählt eine Vorgeschichte zu seiner als „Babylon Berlin“ verfilmten Krimiserie

moabitHeute startet die mit großer Spannung erwartete Fernsehserie Babylon Berlin, die auf den Kriminalromanen von Volker Kutscher beruht. Wird es endlich die erste deutsche Serie von Weltformat? Die ersten Einblicke, die man geboten bekam, eröffnen ein sehr vielversprechendes, eindringlich inszeniertes Panorama. Die beiden abgedrehten Staffeln sind eine Adaption des ersten Romans von Volker Kutscher Der nasse Fisch. Inzwischen liegen sechs Romane bei Kiepenheuer & Witsch vor – zuletzt Lunapark – , drei weitere sind geplant. Sie werden dann den historisch brisanten Zeitraum 1929 bis 1936 in Deutschland umfassen, vom Aufkommen des Nationalsozialismus über den Untergang der Weimarer Republik bis zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin und den Kriegsvorbereitungen der Nazi-Diktatur. Kutscher nutzt brillant den Kriminalroman, um gesellschaftliche Veränderungen mit historischer Tiefenschärfe darzustellen. Dazu hat Kutscher ein breites Figurenensemble um seinen Kriminalkommissar Gereon Rath entwickelt, zudem auch viele historisch verbürgte Figuren gehören wie Raths Vorgesetzter Ernst Gennat.

Zeitgleich zum Serienstart legt Kutscher nun ein weiteres Werk aus seinem Gereon-Rath-Kosmos vor: die von Kat Menschik in ihrer besonderen Grafikreihe glänzend illustrierte Erzählung Moabit.  Sie spielt vor der Romanhandlung im Jahr 1927 und beschreibt die Entwicklung von Charlotte Ritter, der späteren Ehefrau von Gereon Rath, von der etwas naiven, wenngleich hellwachen Abiturientin zur angehenden Jurastudentin, die sich ihr Studium als Stenotypistin im Polizeipräsidium verdient. Aus „Lotte“ wird im Verlauf der Handlung „Charly“. Diesen neuen Spitznamen erhält sie von ihrer neuen Freundin Greta, die auch in den Romanen wieder auftaucht und mit der Charlotte Ritter die Nächte durchtanzt. Das einschneidende Erlebnis ist der Tod von Charlottes Vater, der als Oberaufseher im Zellengefängnis Moabit arbeitet und schließlich bei einer Gasexplosion ums Leben kommt. Dass diese kein Unfall, sondern ein Mordanschlag war, hinter dem der geheimnisvolle, aufstrebende Unterweltkönig Johann Marlow, auch bekannt als „Doktor Marbuse“, steckt, ahnt Charly Ritter noch nicht. Man darf gespannt sein, wann dieses Ereignis in den Romanen wieder aufgegriffen wird.

Kutscher hat mit Moabit jedenfalls eindrucksvoll gezeigt, dass er neben voluminösen Romanen, auch geschickt geplottete, multiperspektivische Erzählungen schreiben kann. Für alle Serienschauer sei angemerkt, dass diese sorgsam konstruierte Biografie der Protagonistin Charlotte Ritter von den Drehbuchschreibern um Tom Tykwer bereits über den Haufen geworfen wurde. Während Charly sich in der Romanwelt aus einem kleinbürgerlichen Milieu zur Jurastudentin emporarbeitet, verkörpert sie in der Serie eine Figur aus der Arbeiterklasse, die sich als Stenotypistin und bei ihren nächtlichen Eskapaden gelegentlich auch als Prostituierte verdingt. Schauen wir mal, wie sich diese unterschiedlich angelegten Erzählstränge in den nächsten Jahren weiterentwickeln. Darauf eine Overstolz!

WERBUNG: Volker Kutscher: Moabit. Illustriert von Kat Menschik. Verlag Galiani, Berlin 2017. 88 Seiten, gebunden. 18,- €

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