„Eigentlich Heimat“ – 29 Autorinnen und Autoren erzählen von Nordrhein-Westfalen

Cover_EIGENTLICH HEIMAT_Lilienfeld Verlag 2014Welches Verhältnis entwickeln wir zu Orten, die unsere Identität in der Kindheit oder im gegenwärtigen Leben prägen? Dieser Frage gingen 29 Autorinnen und Autoren aus Nordrhein-Westfalen auf Einladung der Kunststiftung NRW nach, die ihr 25-jähriges Jubiläum feiert. Herausgekommen sind ganz unterschiedliche Texte ganz unterschiedlicher Provenienz, die einen Einblick in das Leben gestern und heute im Rheinland und Westfalen geben, aber keineswegs Repräsentativität beanspruchen können. Das liegt auch daran, dass einige Regionen relativ häufig in den Texten auftauchen, so seltsamerweise das verregnete Wuppertal, und andere gar nicht. Insgesamt deckt die Auswahl die Landkarte von NRW jedoch ganz gut ab. Ziel war es ja auch weniger, die regionale Vielfalt als vielmehr die literarische Vielfalt dieses Bundeslandes aufzuzeigen. Und die spiegelt sich zweifelsohne in den 29 Prosatexten wider:

Autoren, die nicht mehr in NRW leben, legen zumeist Kindheitserinnerungen vor, wie Markus Orts in „Die Damalswelt“, die für ihn in Viersen verortet ist. Marie T. Martin dagegen imaginiert auf der Grundlage der Erzählungen ihrer Kommilitonin eine ihr fremde Heimatstadt: Wuppertal. Hanna Lemke, die wiederum tatsächlich aus Wuppertal stammt, beschreibt nachdrücklich ihre tristen Erfahrungen, die sie zwei Semester lang in Siegen sammeln musste, bevor sie diese Stadt wieder verließ. Marc Degens nähert sich seiner Heimatstadt Dorsten in einem Tryptichon aus Gedicht, Selbstauskunft und einer Grafitti-Collage. Von Marion Poschmann gibt es leider nur einen feuilletonistischen Beitrag über einen Trip nach Bad Münstereifel, der vor einigen Jahren bereits in der Frankfurter Allgemeinen erschienen ist. Gerade von dieser herausragenden Autorin hätte ich mir einen anspruchsvolleren Text gewünscht. Die jüngst für ihren Roman Am Fluss sehr gelobte Autorin Esther Kinsky nimmt uns mit nach Römlinghoven, einem verwunschenen Ort irgendwo bei Bonn. Ihr einfühlsamer und unprätentiöser Text lässt eine Kindheit am Rande einer Kiesgrube wieder lebendig werden, mit Hordenkindern, einer Gemüsefrau und präsenten Großeltern. Das Besondere an diesem Beitrag: er weckte bei mir längst vergessen geglaubte Erinnerungen an meine eigene Kindheit.

Barbara Köhler beschreibt den kleinen Duisburger See „Entenfang“ als einen aus der Zeit gefallenen Ort mitten im Ruhrgebiet. Frank Goosens Geschichte „Das schöne Mädchen vom Werkstoffhof“ spielt natürlich in Bochum und zeigt in seiner schnodderigen Art, wie in einer hässlichen Straße und an einem absolut unromatischen Ort wie einem Wertstoffhof durch zwischenmenschliche Nähe Schönheit und Romantik Einzug halten können. Sehr detailreich sind die Erinnerungen von Christoph Peters an seinen Heimatort Hönnepel am linken Niederrhein. Differenziert reflektiert er die Veränderungen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten dort in der Landwirtschaft, der Architektur und der Nachbarschaft vollzogen haben. Um zu der Feststellung zu gelangen, dass Hönnepel „mein Zuhause war und nicht ist“.

Diese Beispiele mögen genügen um zu zeigen, dass dieser Band einen bunten Strauß von Geschichten über das bevölkerungsreichste Bundesland bietet. Die gediegene Provinz kommt dabei häufig vor. Ich vermisse etwas härtere Geschichten aus dem Großstadt-Dschungel von Köln und Düsseldorf oder dem Ruhrgebiet. Und ich hätte mir insgesamt etwas mehr literarischen Tiefgang gewünscht. Aber  lesenswert ist diese Anthologie allemal!

Eigentlich Heimat. Nordrhein-Westfalen literarisch. Herausgegeben von Bettina Fischer und Dagmar Fretter. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2014. 224 Seiten, gebunden. 16,90 €
(Schriftenreihe der Kunststiftung NRW Literatur, Band 3)

„Von Sprache sprechen“ – Lang lebe die Thomas-Kling-Poetikdozentur

Cover VON SPRACHE SPRECHEN_Lilienfeld Verlag 2014Viel zu früh verstorben ist der einzigartige Sprachjongleur Thomas Kling (1957-2005), der seine letzten Jahre auf der Raketenstation Hombroich in Neuss verbrachte und auf mindestens eine Lyrikergeneration nachhaltig einwirkte. Sein Werk harrt immer noch einer umfassenden literaturwissenschaftlichen Aufarbeitung.

Die Kunststiftung NRW setzte 2011 die glorreiche Idee in die Tat um, Thomas Kling dadurch zu ehren, dass sie an der Universität Bonn eine Poetikdozentur einrichtete, in der jedes Jahr ein anderer Autor zwei Semester lang seine poetologischen Konzepte vorstellt und mit den Studierenden in einen Austausch tritt, und diese Dozentur nach ihm benannte. Thomas Kling hätte die Idee und ihre Umsetzung gefallen. Und ganz besonders auch, dass die jährlich gehaltenen Antrittsvorlesungen nebst Laudationes durch eine Publikation festgehalten und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden.

Im ambitionierten Lilienfeld Verlag sind nun die aus dem genannten Anlass entstandenen Vorträge der ersten drei Poetikdozenten samt Lobreden und einem einführenden Essay von Hubert Winkels erschienen. Letzterer beschreibt Thomas Kling in seinem kenntnisreichen und sehr persönlichem Beitrag als „sanften Beserker“, der unentwegt das Zwiegespräch „mit den großen fernen und den nahen lieben Toten“ führte. Die Poetikdozentur bietet nun immer wieder Anlass, in einen Totentanz mit Thomas Kling zu treten.

Als erster Dozent trat der  Essayist und Übersetzer, vor allem aus dem Arabischen, Stefan Weidner sein Amt an. In seiner Antrittsvorlesung „Warum Übersetzungen altern und die orientalischen Poesie so blumig ist“ macht er deutlich, welche bedeutende eigenständige Leistung eine literarische Übersetzung stets darstellt. Und er belegt eindrucksvoll, wie sehr Übersetzungen das Bild eines Kulturraums prägen können und bezüglich des Orients bei uns geprägt haben. Die orientalische Poesie erscheint uns beispielsweise nur aufgrund der bekannten Übersetzungen blumig, was sie im Original nicht ist.

Ganz andere Akzente formulierte die zweite Poetikdozentin Barbara Köhler 2012. Die bekannte Lyrikerin und Sprachbildnerin setzt sich ausgehend von Kafkas Bericht für eine Akademie mit der besonderen Situation einer Schriftstellerin als universitäre Lehrkraft im Hörsaal auseinander.

Nachfolger als ständiger Bewohner auf der Raketenstation Hombroich wurde der Lyriker und Essayist Oswald Egger. Nur konsequent, dass er 2013 auch die Thomas-Kling-Poetikdozentur übernahm. Seine eigenwillige Antrittsvorlesung kreist um das Thema „Wie heiße ich noch einmal (wenn ich einer bin)?“, nimmt damit Bezug zur Märchenfigur Rumpelstilzchen, zitiert Tucholskys geistreichen Nonsense-Text „Zur soziologischen Physiognomie der Löcher“, ohne dies zu verraten, und wirft Fragen auf wie „Gehört es zum Wesen des Gedichts, dass es den Eindruck erweckt, aber nicht vermittelt?“.

Solche anregenden Vorlesungen habe ich mir als Student immer gewünscht. Wenn man schon nicht mehr an der Uni weilen kann, so kann man mit diesem Buch wenigstens im Nachhinein bei den alljährlichen Auftaktveranstaltungen dabei sein. Mögen die Thomas-Kling-Poetikdozentur und die Gepflogenheit, die Vorträge zu veröffentlichen, noch lange, lange Bestand haben.

Von Sprache sprechen. Die Thomas-Kling-Poetikdozentur. Herausgegeben von der Kunststiftung NRW. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2014. 120 Seiten, Klappenbroschur. 14,90 €
(Schriftenreihe der Kunststiftung NRW Literatur, Band 2) 

Das Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum in Rheinsberg ist einen Abstecher wert

20140723_120808Das hätte sich Kurt Tucholsky (1890-1935)  in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können: dass 103 Jahre nach seinem Liebesurlaub mit seiner späteren Frau Else Weil in der  brandenburgischen Kleinstadt – seinerzeit preußischen Residenzstadt – Rheinsberg im wunderbar renovierten Schloss ein Museum existiert, das sein Leben und Werk würdigt, und im Marstall der Schlossanlage alljährlich zwei Schriftsteller als Stipendiaten residieren dürfen. Und dies nur, weil sein originelles „Bilderbuch für Verliebte“ Rheinsberg jahrzehntelang verknallte Paare mit Genuss im Bett oder anderswo gelesen oder sich vorgelesen haben.

20140723_121923Zugegeben, das kleine Musuem birgt keine Kostbarkeiten, aber es erfreut den Literaturinteressierten. Als eines der wenigen Originale prunkt gleich im Eingangsbereich Tucholskys letzter Schreibtisch aus seinem schwedischen Exil, nebst drehbarem Bücherbord und Koffer.

Die Stadtschreiber zu Rheinsberg, die es seit 1995 gibt, müssen am Ende ihres Stipendiats ein kurzes literarisches Werk vorlegen, das in der Schriftenreihe Rheinsberger Bogen veröffentlicht wird. Diese feinen Publikationen mit der Liebhaberauflage von 500 Exemplaren sind ebenfalls im Museum erhältlich. Heft 31 enthält beispielsweise Gedichte und Fotos von Marion Poschmann unter dem Titel Preußische Pyramiden.

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Düsseldorfer Beiträge zur Thomas Mann-Forschung Band 2

tmgd2Auch der zweite Band der Schriftenreihe der 2009 gegründeten Thomas Mann-Gesellschaft Düsseldorf enthält eine Reihe inspirierender Beiträge, auch wenn die Qualität der Aufsätze, die auf den Veranstaltungen des Jahres 2011 basieren, insgesamt heterogen ist. Das liegt daran, dass neben Fachaufsätzen renommierter Literaturwissenschaftler wie Hans-Georg Pott auch die Beiträge aus dem Studierenden- und Doktorandenforum zum Thema „Thomas Mann – ein Langweiler?“ aufgenommen wurden. Leider fehlt in diesem Band eine schriftliche Fassung des Vortrags von Hermann Kurzke, den dieser im genannten Zeitraum über „Das Streitgespräch der Brüder Thomas und Heinrich Mann in den ‚Betrachtungen eines Unpolitischen'“ in Düsseldorf gehalten hat.

Gleich mehrere Beiträge beschäftigen sich mit Thomas Manns letztem Roman Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Natürlich geht es da um Liebe und Erotik. Stefan Nagel untersucht „Felix Krulls Ars Armandi“ unter den beiden Stichworte „Pan-Erotik und Juwelendiebstahl“, die Thomas Mann selbst in einem Brief nennt. Nagel weist mit einem Rückgriff auf Hegel relativ schlüssig nach, dass Mann in seinem letzten Roman einen „letzten Humanisierungsversuch unternimmt, indem er zwei der wichtigsten und zentralsten abendländisch-bürgerlichen Grundwerte in Frage stellt: Ehe und Eigentum“. Besonders anregend sind die Ausführungen vom Björn Moll, der die Erotisierung des Blicks im Felix Krull darstellt. Er zeigt, wie das Auge des Protagonisten als Geschlechtsorgan konditioniert wird und dass Narzissmus, Voyeurismus und Exhibitionismus die Gründe seiner Erregung sind: „Das von Felix Krull angelernte erotische Sehen ist somit auch ein Muster der Welterfassung und einer theoretischen Auseinandersetzung mit der Welt.“

Musil Experte Hans-Georg Pott vergleicht die beiden großen Autoren des letzten Jahrhunderts anhand ihrer teilweise komplementären Romane, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs spielen: Der Mann ohne Eigenschaften und Der Zauberberg, und behauptet: „Ohne Dichtung keine Wahrheit“. Pott zeigt Ähnlichkeiten in den beiden Romanen auf, die in ganz unterschiedlichen Ansätzen sich derselben großen Thematik widmen, der europäischen Seelenverfassung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist, wie der Mathematiker Robert Musil einige gesellschaftliche Aspekte mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitstheorie analysierte. Und als Aphorismus bleibt seine Stelle im Gedächtnis: „Gute Menschen können eine böse Gemeinschaft bilden.“ Abschließend nennt Pott Robert Musil und Thomas Mann „das weithin leuchtende Zwillingssternbild der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts“, welches das Höchste in der geistigen Durchdringung sah. Über die Bedeutung von Musil ließe sich diesbezüglich vielleicht streiten.

Zwei Beiträge widmen sich dem schwierigen Verhältnis von Thomas Mann und Bertolt Brecht. Johannes Roskothen nennt es eine „unproduktive Spannung“, die zwischen den beiden deutschen Literaturgrößen herrschte, und reflektiert die gut dreißig Jahre, in denen die beiden Antipoden auf unterschiedlichste Weise in Kontakt kamen. Der Künstler Bernhard Heisig  (1925-2011) hat diese Konstellation in einem Doppelporträt dargestellt. Ute Olliges-Wiesczorek stellt den Druck, den die Thomas-Mann-Sammlung der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf 2010 erworben hat, und seine Entstehungsgeschichte ausführlich vor.

Lediglich aufgrund der vielen abgedruckten Fotos interessant ist die ausführliche Rekonstruktion des Besuchs Thomas Manns in der Düsseldorfer Buchhandlung Schrobsdorff im August 1954.

Anregende und zukunftsweisende Bezüge zwischen Thomas Mann und dem großen niederländischen Schriftsteller Harry Mulisch zeigt Marc van Zoggel im einzigen englischsprachigen Beitrag dieses Bandes auf. Er geht dabei dem Konzept von Ironie und Selbstironie in den Werken der beiden Autoren nach. Es wird deutlich, dass das umfassende Werk von Harry Mulisch noch ein Desiderat der deutschsprachigen Literaturwissenschaft darstellt.

Düsseldorfer Beiträge zur Thomas Mann-Forschung Band 2. Schriftenreihe der Thomas Mann Gesellschaft Düsseldorf. Wellem Verlag, Düsseldorf 2013. 238 Seiten, gebunden. 36,00 €

Düsseldorfer Beiträge zur Thomas Mann-Forschung

Band_GrAm 07. August 2009 wurde von Wissenschaftlern die Thomas Mann-Gesellschaft Düsseldorf gegründet. Warum? Gibt es nicht bereits genügend Gesellschaften, die Leben und Werk des deutschen Literaturnobelpreisträgers ausreichend würdigen und das Interesse daran wach halten? Nein, zum einen kann es gar nicht zu viele literarische Gesellschaften geben und zum anderen verfügt Düsseldorf mit der Thomas-Mann-Sammlung „Dr. Hans-Otto Mayer“ in der Universitäts- und Landesbibliothek über eine besondere Forschungsstätte, die es publikumswirksam zu nutzen gilt. Eine Vereinigung, die sich öffentliche Vorträge, Themenforen, Lesungen, Buchpräsentationen und literarische Führungen auf die Fahnen geschrieben hat, erscheint da als zielführende Initiative.

Der vorliegende erste Band der Schriftenreihe der Gesellschaft versammelt die seit der Gründung im Rahmen des Veranstaltungsprogramms gehaltenen Vorträge. Mit einer Ausnahme: leider fehlt eine schriftliche Fassung der Auftaktveranstaltung, die der für seinen hinreißenden Vortragsstil bekannte, emeritierte Professor Herbert Anton bestritt. Dieser verzichtete getreu dem Prinzip der gelebten Performanz auf eine Fixierung und Ausarbeitung seiner Notizen zum Thema „Thomas Mann und Schiller – Ästhetik der Existenz“. Gleichwohl versammelt der wohlfeile Band acht Aufsätze, die ein breites Spektrum der Thomas Mann-Forschung abdecken. Hinzu kommt ein Beitrag, der die erwähnte Sammlung der Uni-Bibliothek Düsseldorf ausführlich vorstellt.

Eröffnet wird der Band mit einem Aufsatz von Johannes Roskothen über Figurationen des Abstiegs in den Buddenbrooks. Der Text enthält einige schöne Ideen und Bezüge, doch werden diese oft nur angedeutet und nicht literaturwissenschaftlich ausgeführt und belegt. Insgesamt hätte man sich etwas mehr Tiefgang gewünscht. Demgegenüber belegt Volkmar Hansen die Bezüge zwischen Thomas Mann und Heinrich Heine stets detailliert. Überzeugend weist er in seiner Darstellung die Bedeutung von Heines Schriften für das Werk von Thomas Mann nach und zeigt, dass Heine nach Goethe und Schiller der dritte Rang in der Liste der literarische Größen gebührt, an denen sich Thomas Mann abarbeitet.

Sehr lesenswert ist die Untersuchung des Politikwissenschaftlers Reinhard Mehring zum letzten Werkplan Thomas Manns, einer Luther-Novelle oder Komödie, genauer einer Ehe-Komödie: „Thomas Mann selbst wäre in seiner Eheproblematik ironisch gebrochen als Luthers Alter Ego erschienen“. Mehring verfolgt dabei insbesondere den Aspekt der politischen Dichtung und versucht zu zeigen, dass Manns letzter Werkplan „die deutschen Möglichkeiten gelingenden Daseins in der Weichenstellung der Reformationszeit aufsuchte“.  Sascha Kirchner würdigt anschließend ausführlich die Freundschaft fürs Leben zwischen Thomas Mann und Bruno Frank, dem Spross einer jüdischen Bankiersfamilie, der selbst als Autor reüssierte, besonders mit seiner 1928 erstmals publizierten „Politischen Novelle“.

Statt des Vortragsmanuskripts enthält der Band ein ganzes Kapitel aus Hans Rudolf Vagets 2011 bei S. Fischer erschienenem Buch „Thomas Mann der Amerikaner. Leben und Werk im amerikanischen Exil“, nämlich das über die drei Begegnungen des Schriftstellers mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Franklin D. Roosevelt, den Mann einmal als „Rollstuhl-Cäsar“ bezeichnete. Der Beitrag ist mit 30 Seiten der längste des Sammelbandes und vielleicht sogar etwas zu lang, da er sehr detailverliebt wirkt. Dennoch sind die Belege schlüssig, mit denen Vaget zeigt, wie sich diese Begegnungen in Manns Josephsromanen widerspiegeln, und seine Einschätzung nachvollziehbar: „Nichts … hat ihn so vorbehaltlos zum Amerikaner gemacht wie dieses in seinem Leben Epoche machende Erlebnis seiner inneren Verbundenheit mit Franklin Roosevelt.“ Kirsten von Hagen unternimmt den Versuch, Liebe, Oper und Transgression bei Thomas Mann und Thea Dorn, einer Autorin der Gegenwart, darzustellen. Bei aller beeindruckender Fachkenntnis der Erfurter Gastprofessorin über die Rolle der Oper in der Literatur bleiben die Bezüge zu Dorns Opernkrimi „Ringkampf“ insgesamt doch etwas blass.

Markus Lorenz geht in seinem Beitrag mit dem Titel „Von Schneeblumen und Blumenschnee“ wiederholten Spiegelungen in Thomas Manns Zauberberg nach. Natürlich ist eine solche Thematik ohne Rückbezug auf Goethe, der sich zudem als Naturwissenschaftler intensiv mit der Optik beschäftigte, undenkbar, doch fällt dieser äußerst knapp aus. Zudem kommen die Ausführungen von Lorenz stellenweise etwas verquast daher: „Dem Turme und der rein betrachtenden Daseinsform ist der Protagonist geschworen, klösterlich-hermetisch vom Flachland abgeschlossen und zugleich reflexiv […] aus der erhöhten Position eines philosophischen Theoretikers oder eines episch-ästhetischen Olympiers auf das Leben in der Ebene hinabschauend“.

Den Abschluss bilden Betrachtungen des jungen Germanisten Frank Weiher zu Thomas Manns letztem Roman Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Dabei leitet ihn die Frage „Poetischer Funke oder gekrümmte Existenz?“, ohne diese abschließend beantworten zu können. Auch wenn nicht alle Beiträge überzeugen können, inspiriert der erste Band der Düsseldorfer Beiträge zur weiteren Beschäftigung mit Thomas Mann.

Düsseldorfer Beiträge zur Thomas Mann-Forschung. Schriftenreihe der Thomas Mann Gesellschaft Düsseldorf. Band 1. Wellem Verlag, Düsseldorf 2011. 208 Seiten, gebunden. 36,- €. ISBN 978-3-941820-05-0