Die Pfaueninsel in der Havel bei Potsdam – eine literarische Spurensuche

Wer den großartigen Roman „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche gelesen hat, der entwickelt Sehnsucht danach, diesen verwunschenen Ort aufzusuchen. Jedenfalls ging es mir so. In diesem Frühjahr hatte ich nun endlich die Gelegenheit, diesem Wunsch nachzukommen.

Der im Jahr 2014 erschienene Roman von Thomas Hettche spielt zwischen 1820 und 1880 auf der Berliner Pfaueninsel und basiert auf wahren Gegebenheiten. Zentrale Figur ist die kleinwüchsige Maria Dorothea Strakon, die als Königliches Schloßfräulein diese winzige Insel, die man innerhalb einer Stunde umrunden kann, durchgängig bewohnte. Die meisten Gebäude aus der damaligen Zeit – mit Ausnahme des Palmenhauses, das 1880 abbrannte – existieren noch heute, haben all die Kriegswirren und politischen Veränderungen überdauert.

Wolf Jobst Siedler schrieb vor fünfundzwanzig Jahren auch ein schmales Buch über die Pfaueninsel. Es trägt den Untertitel „Spaziergänge in Preußens Arkadien“. Wenn man die Fotos betrachtet, wird man ihn vermutlich gut nachvollziehen können.

Wenn man mit der kleinen Fähre übersetzt, scheint man in einer anderen Zeit anzukommen …

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„Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ – Irmgard Keun wird zum zweiten Mal wiederentdeckt

9783462316391_5Die 1905 in Berlin geborene Autorin Irmgard Keun wird ein zweites Mal wiederentdeckt. Und das mit Recht! Nach Kind aller Länder im Frühjahr publiziert der Verlag Kiepenheuer & Witsch nun auch Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften als gebundene Ausgabe im Belletristikprogramm, 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung 1936 im Exilverlag bei Allert de Lange in Amsterdam.

Ende der 70er Jahre gab es die erste Wiederentdeckung von Irmgard Keun. Der Düsseldorfer Claassen Verlag veröffentlichte damals mit Erfolg die wichtigsten ihrer Romane ebenfalls als gebundene Ausgaben. Darunter 1980 auch Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften. Keun erlebte und genoss den späten, zweiten Ruhm, noch kurz vor ihrem Tod 1982 in Köln.

Der vorliegende Roman hat viel von einem Kinderbuch und ist doch ein Buch für Erwachsene. Er erzählt ich in der Ich-Form aus der Perspektive eines anfangs zehnjährigen Mädchens dessen Erlebnisse und Streiche gegen Ende des Ersten Weltkriegs. Es sind in sich abgeschlossene Geschichten, die als Mosaiksteine zusammen ein eindrucksvolles Sittengemälde der bürgerlichen Gesellschaft am Ende der Kaiserzeit und kurz danach ergeben. In der letzten Geschichte dieses Episodenromans „Die große Leidenschaft“ ist das Mädchen schließlich dreizehn Jahre alt, was zu ersten Liebesverwirrungen führt.

Das Buch ist deshalb ein Erwachsenenroman oder zumindest ein Jugendroman, weil es der vielfach verlogenen Welt der Eltern den Spiegel vorhält. Diese Welt ist voller Konventionen, die dem Kind nicht geläufig oder einsichtig sind. So sagt es häufig die Wahrheit, die aber niemand hören möchte. Nachbarn, Lehrer und Mitschüler sind die wichtigsten Figuren in diesem Setting. Das namenlose Mädchen nimmt immer wieder Sprüche, Ratschläge oder aufgeschnappte Redewendungen der Erwachsenen wörtlich und setzt sie gut gemeint in die Tat um. So schreibt das Mädchen beispielsweise einen Brief an den Kaiser, um ihn vom Frieden zu überzeugen, und gibt ihm noch den Ratschlag, es wäre besser abzudanken. Natürlich müssen die Eltern des Mädchens für den Schaden, den ihr Kind angerichtet, gerade stehen und das Mädchen muss die unterschiedlichsten Strafmaßnahmen ausbaden. Doch die Energie des Kindes, sich nicht mit den Gegebenheiten abzufinden, bleibt ungebrochen. Der einzige, der wirklich Verständnis für das aufgeweckte Mädchen hat, ist der Nachbar Herr Kleinerz, der über die Streiche des Kindes auch lachen kann.

Lachen kann auf jeden Fall der Leser. Denn mit ihrer humorvollen Art gelingt Irmgard Keun in diesem nach achtzig Jahren noch erstaunlich frisch wirkenden Roman auch eine entlarvende Gesellschaftkritik.

Irmgard Keun: Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften. Kiepenheur & Witsch, Köln 2016. 206 Seiten, gebunden. 16,- €

Hermann-Josef Schüren lässt uns tief in eine versunkene Welt am Niederrhein eintauchen

JUNGE STIEREVor fünfzig Jahren sah die Welt am Niederrhein noch ganz anders aus. Hermann-Josef Schüren spürt ihr nach. Er lässt die längst versunkene Welt des dörflichen Lebens auf einem niederrheinischen Bauernhof aus dem Nebel der Erinnerungen aufsteigen. Auf der Grundlage intensiver autobiographischer Eindrücke und Erinnerungen, die er mit fiktiven Erlebnissen anreichert, gestaltet er einen großartigen Roman, der bei vielen Lesern die eigene Kindheit wieder lebendig werden lässt.

Hermann-Josef Schüren wurde 1954 in Kerken im Kreis Kleve geboren. In einem Dorf in der Nähe wuchs er auf, ehe er das Internat Collegium Augustianum Gaesdonck in Goch besuchte, aus dem bereits einige Schriftsteller hervorgegangen sind, wie Christoph Peters und Paul Ingendaay, die beide mit dem Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld ausgezeichnet wurden. Später studierte Schüren in Aachen, wo er 1988 in Philosophie promovierte und heute noch tätig ist. Bislang trat er vornehmlich als Kinderbuch- und Krimiautor in Erscheinung.

Schüren erzählt aus der Ich-Perspektive des zu Beginn des Romans etwa zehn Jahre alten Bauernsohns Jakob Schoepmann, der mit seinen älteren Brüdern am Dorfrand in einfachen Verhältnissen lebt. Jakob ist sensibel und das harte Landleben mit der ewigen Wiederkehr von Säen und Ernten, Aufziehen und Schlachten, Geburt und Tod macht ihm zu schaffen. Die angekündigte versprochene Schwester entpuppt sich als weiterer Bruder. Während die Mutter zumindest teilweise feinfühlig mit ihren Jungen umgeht, zeigt der Vater wenig Empathie für seinen zweitjüngsten Sohn. So bleibt Jakob ein Einzelgänger, der viel beobachtet. Aus seiner wertenden Perspektive werden die 60er Jahre, die auf dem Land noch besonderes den steifen Mief des Katholizismus und der Nachwehen des Nationalsozialismus atmeten, detailreich geschildert.

Schüren präsentiert eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Figuren aus der Verwandtschaft und der Nachbarschaft, die unterschiedliche Lebensentwürfe verfolgen und so einen breites Bild der Gesellschaft der damaligen Zeit zeichnen. Die unterdrückte Sexualität in der verklemmten Nachkriegsgesellschaft spielt ebenso eine große Rolle wie die Schatten der Vergangenheit, die Jakob sehr interessieren, deren Geheimnisse er aber seinem Vater nicht entlocken kann. Eine zentrale Rolle spielen zudem die Tiere. Kühe, Stiere, Schweine, Hühner, Kaninchen, Katzen und Tauben bestimmen den Alltag auf dem Bauernhof und konfrontieren Jakob immer wieder mit den grundsätzlichen Dingen des Lebens. Hinzu kommt der Glauben, durch den die Kirche dem Leben einen Sinn zu geben versucht. All dies verbindet Schüren mit eindrucksvollen Geschichten, wie der vom falschen Pfarrer, die allesamt dieser Zeitläufte verhaftet sind.

Jakob sucht die Nähe zu der blöden Mareike, einem Mädchen mit Hasenscharte, einer Außenseiterin im Dorf, der die „jungen Stiere“ in der Dunkelheit nachstellen und deren sexuellen Übergriffen sie schutzlos ausgeliefert ist. Jeder im Dorf wird es wissen, doch keiner redet darüber und keiner greift ein. Jakob selbst ist machtlos, findet aber schnell heraus, dass die blöde Mareike gar nicht blöd ist.

Seltsamerweise kommt die Schule in diesem Roman gar nicht vor, obwohl diese doch einen beachtlichen Teil der Kindheit in Anspruch nimmt und auch ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Schüren beschränkt sich ganz auf das Leben auf dem Bauernhof und seiner näheren Umgebung. Sprachlosigkeit prägt dieses derbe Landleben. Der anstehende Strukturwandel ist spür- und sichtbar. Die einst in ihren Traditionen verhaftete, aber intakte Dorfgemeinschaft beginnt sich aufzulösen. Aus sozialen Nachbarn werden egoistische Konkurrenten, die um das wirtschaftliche Überleben kämpfen.

Der Roman über Jakob und seine Brüder am Niederrhein umfasst etwa die Zeit von 1964 bis 1969. Genaue Daten werden nicht genannt. Nur anhand der beiden erwähnten Großereignisse, das WM-Endspiel England gegen Deutschland 1966 und die Mondlandung 1969, lassen sich konkrete Jahreszahlen festmachen. Jedes Kapitel erzählt eine eigene Geschichte. Doch fügen sich diese Episoden zu einem großen Ganzen zusammen. Das liegt an der chronologischen Reihenfolge und an geschickt eingebauten Leitmotiven, wie dem der tragischen Figur der blöden Mareike. Jakobs Kindheit endet mit seinem Entschluss, den elterlichen Hof zu verlassen und mit fünfzehn Jahren ins Internat zu gehen.

„Eine niederrheinische Elegie. Eine Hymne an das Leben.“, steht auf dem Rückumschlag des Buches. Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Mit diesem Roman zeigt Schüren eindrucksvoll, was Literatur im Unterschied zu einem Sachbuch leisten kann, und bewahrt ein Stück regionaler Gesellschaftsgeschichte vor dem Vergessen.

WERBUNG: Hermann-Josef Schüren: Junge Stiere. Roman. Grenz-Echo Verlag (GEV), Eupen 2015. 270 Seiten, Integralbindung. 19,95 €

„Zum Begreifen nah“ – Julia Trompeter ist nächster Gast bei „1 Gedicht und mehr“

Trompeter_Die_Mittlerin_FB    Julia Trompeter  Foto: Peter Susewind

Nächster Gast in meiner Reihe 1 Gedicht und mehr im Niederrheinisches Literaturhaus Krefeld wird am 21. Oktober um 20 Uhr die Kölner Autorin Julia Trompeter sein. In einem Wechselspiel aus Lesung und Gespräch werden wir uns intensiv mit ihrer Lyrik beschäftigen, aber auch ihren Debütroman vorstellen.

Julia Trompeter wurde 1980 in Siegburg geboren und studierte Philosophie, Germanistik und Klassische Literaturwissenschaft in Köln. Anschließend promovierte sie mit einer philosophischen Arbeit in Bochum. Sie lebt in Köln und tritt seit 2009 gemeinsam mit Xaver Römer mit ihrem Projekt Sprechduette auf. Ihr erster Roman „Die Mittlerin“, der 2014 im Schöffling Verlag erschien, wurde von der Kritik als ironisches Werk über den Literarturbetrieb gefeiert.

Mit großer Spannung wird ihr erster Lyrikband erwartet, der für das Frühjahr 2016 ebenfalls beim Verlag Schöffling & Co. angekündigt ist: „Zum Begreifen nah“. Trompeters Gedichte bestechen durch ihre Sprachspiele und den melodischen Rhythmus. Alltägliche Beobachtungen und Wahrnehmungen werden verdreht, reduziert, reflektiert und verdichtet. So gelingen Julia Trompeter eindrucksvolle poetische Texte. Sie wird aus beiden Werken vortragen.

„Der eiserne Sommer“ – Angelika Felenda startet eine Krimireihe zum Ersten Weltkrieg

46542Seit Volker Kutschers formidabler Serie um Kommissar Rath, der in der Zeit vom Ende der Weimarer Republik bis zu den Olympischen Spielen während der Zeit des Nationalsozialismus ermittelt, haben historische deutsche Kriminalromane sogar internationales Ansehen erreicht. Der Suhrkamp Verlag wagt sich nun daran, eine Lücke zu schließen und die Zeit des Ersten Weltkriegs zum kriminalen Gegenstand zu machen. Der Zeitpunkt dafür, hundert Jahre nach dem Ausbruch dieses Krieges, hätte kaum günstiger gewählt werden können. Als Autorin wurde die 1954 in Nördlingen geborene Übersetzerin Angelika Felenda gewonnen. Sie ist bislang als Schriftstellerin noch nicht in Erscheinung getreten. Neben ihrer Übersetzertätigkeit prädestiniert sie für das gewagte Unterfangen immerhin ein Studium der Geschichte. Zudem lebt die Autorin in München, wo auch der Roman angesiedelt ist.

Die Serie mit Kommissär Sebastian Reitmeyer beginnt am 28. Juni 1914, genau an dem Tag, an dem der Thronfolger Österreich-Ungarns, der Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin in Sarajevo ermordet wurden. Exakt einen Monat endet die erzählte Zeit des ersten Romans, also genau an dem Tag, an dem Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklärte und der erste Weltkrieg begann.Es folgt noch ein Epilog im September 2016. Die Serie ist somit ganz bewusst auf die historischen Ereignissse zugeschnitten.

Es gelingt Angelika Felenda auf überzeugende Weise, die Verhältnisse im Deutschen Reich zu Beginn des 20. Jahrhunderts darzustellen. Dabei beschränkt sie sich im ersten Band weitgehend auf die privilegierten Kreise. Standesdünkel, Obrigkeitsdenken, Etikette sind dabei zentrale Bestandteile der Monarchie. Felenda macht zudem einsichtig, wie stark das Militär ein eigenständiger Bestandteil dieser Gesellschaft war. Das Thema dieses Romans ist der Umgang mit Homosexualität, die – nicht verwunderlich – im Militär und auch in der Aristokratie eine bedeutsame Rolle spielte. Und da das Ausleben dieser sexuellen Neigung verboten war, bot sie einen hervorragenden Ansatzpunkt für Drohungen und Erpressungen. Genau darum geht. Weil sich in München in den hohen Kreisen ein ganzer Zirkel aus homosexuellen Angeboten, inklusive Vermittlung von Jünglingen und Verbreitung von Fotos, etabliert hat, versuchen militärische und politische Kreise, die Arbeit von Kommissär Reitmeyer, der durch einen dubiosen Mordfall auf die Spur dieser Machenschaften kommt, deutlich einzuschränken und zu behindern. Letztlich weiß Reitmeyer nicht mehr, wem er eigentlich trauen kann.

Es wird keine aktionsreiche Handlung geboten. Im Gegenteil. Aber der etwas behäbige Stil des Romans passt zum gesteltzten Gebahren der damaligen Zeit. Sprache und Milieuschilderungen wirken authentisch. Felenda erzählt linear auf zwei Ebenen. In die eigentliche Romanhandlung werden immer wieder Aufzeichnungen eines Offizieres eingeflochten. Dadurch ist der Leser dem Kommissär an Kenntnissen immer etwas voraus. Insofern ist dann auch die Auflösung relativ nahe liegend. Fragwürdig erscheint mir das, wie von vielen Krimiautoren so auch von Angelika Felenda, verwendete Konstrukt, den Kommissar selbst über die private Schiene in den Fall zu verwickeln. Das riecht immer schnell nach Kommissar Zufall und schadet der Glaubwürdigkeit. Zumindest überreizt Felenda dieses Plotmittel nicht. Die durch den Kriminalfall erzeugte Spannung nutzt sie, um die gesellschaftlichen und politischen Strukturen vor hundert Jahren dem Leser vor Augen zu führen. Auf diese Weise hat sie auch bei mir Neugier auf weitere Bände dieser Reihe geweckt.

Angelika Felenda: Der eiserne Sommer. Reitmeyers erster Fall. Kriminalroman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 435 Seiten, Klappenbroschur. 14,99 €.

„Angefangen wird mittendrin“ – Was macht eigentlich Ulrich Peltzer?

u1_978-3-10-060806-2Nach Herbert Genzmer, Andreas Mand, Gisbert Haefs und Christoph Peters präsentierte das Niederrheinische Literaturhaus Krefeld am gestrigen Abend mit Ulrich Peltzer zum fünften Mal einen Preisträger des Niederrheinischen Literaturpreises der Stadt Krefeld, um zu hören und zu sehen, was aus den einst Ausgezeichneten geworden ist. Glänzend moderiert wurde die Veranstaltung von Thomas Hoeps, selbst Autor und zugleich Leiter des Mönchengladbacher Kulturbüros.

2001 erhielt der 1956 in Krefeld geborene Schriftsteller den Niederrheinischen Literaturpreis. Schon seit 1975 lebt Ulrich Peltzer in Berlin, wo er zu einem „Urbanomanen“ geworden ist. Die Landschaft des Niederrheins löst daher keine Heimatgefühle mehr in ihm aus. Auch in Krefeld selbst fällt es ihm schwer – auch aufgrund der vielen Veränderungen in der Stadt -, sich emotionalisieren zu lassen. Gleichwohl wurde im Laufe des Gesprächs deutlich, wie bedeutsam Freundschaften, Erlebnisse und Geschichten aus seiner Krefelder Zeit sind und dass sie daher immer wieder Eingang in seine Texte finden.

In den dreizehn Jahren seit der Preisverleih sind die Erzählung Bryant Park (2002) und der Roman Teil der Lösung (2007) erschienen.  Beide Werke wurden außerordentlich viel beachtet und und mit weiteren Literaturpreisen gewürdigt. Außerdem veröffentlichte Peltzer 2011 seine Frankfurter Poetikvorlesungen mit dem programmatischen Titel Angefangen wird mittendrin. Zudem betätigt er sich seit einigen Jahren auch als Drehbuchautor für Spielfilme, so für Unter dir die Stadt mit Nicolette Krebitz. 2015 soll ein mit Film mit Isabelle Huppert in die Kinos kommen, an dem Peltzer ebenfalls mit geschrieben hat.

Übergreifendes Thema des Abends war der Bereich Literatur und Politik. Peltzer spürt in seinen Werken seit jeher politischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Veränderungen nach. Konsequenterweise spielt sein neuer Roman, der im Herbst 2015 publiziert werden soll, dann auch in mehreren Großstädten unserer globalisierten Welt. Der Auszug aus Das bessere Leben, den der Autor vortrug, führte in die brasilianische Metropole Sao Paulo. „Auf die richtigen Fragen haben wir immer die falschen Antworten gegeben“, antwortete Peltzer rückblickend auf das 20. Jahrhundert einem Zuhörer. Leider war die Zeit schon so weit fortgeschritten, dass weitere interessante Aspekte des Schaffens von Ulrich Peltzer nicht mehr behandelt werden konnten. Das Publikum regte eine zweite Veranstaltung zu einem späteren Zeitpunkt an. Ein sehr guter Vorschlag!

Zudem wurde deutlich, welchen großen kulturellen Gewinn die Stadt Krefeld hätte, wenn der Niederrheinische Literaturpreis wieder jährlich vergeben werden würde!

„Ostergewitter“ – Saskia Fischers beißende Vergangenheitsbewältigung

42280„Ich bin, bis auf den anhaltenden Durchfall als Baby und den Verkehrsunfall, nie ernsthaft krank gewesen, und doch kommt mir meine Kindheit vor wie eine einzige Krankheit.“ Was für ein böses Fazit. Mit einer immer wieder leicht ironisch durchbrochenen Bitterkeit lässt Saskia Fischer ihre Ich-Erzählerin Aleit ihr bisheriges Leben schonungslos durchleuchten: ihre Kindheit in der DDR und die Übersiedlung in den Westen. Die ganze Familie kommt auf den Prüfstand und wird gnadenlos auseinander genommen. Es ist eine Abrechnung mit der lieblosen, egoistischen Mutter, dem Missbrauch durch den Stiefvater, dem getrübten Verhältnis zur Halbschwester und die Entfremdung vom eigenen Ehemann. Nur die eigene Tochter wird liebevoll betrachtet. Der Roman ist eine unversöhnliche Suada, ein Monolog, in dem die Ich-Erzählerin ihr Leben Revue passieren lässt, während sie die aktuellen Ereignisse, beginnend am Ostersonntag über acht Tage beschreibt. Auslöser ist ein epileptischer Anfall, der Aleit ins Krankenhaus bringt. Dieses Gewitter im Kopf löst zahlreiche Erinnerungen aus, die Saskia Fischer in einer Prosa erzählt, die große Sogkraft entwickelt, sodass man den Roman trotz vordergründig wenig Handlung, aber zahlreichen scharfen Reflektionen, unbedingt weiterlesen möchte. Das Ganze ist so eindrucksvoll geschrieben und mit so vielen Details, vor allem aus der DDR-Zeit, gespickt, dass man schnell den Verdacht hegt, dass diese befreiende Brandrede, die in Teilen eben auch ein Wenderoman ist, stark autobiografisch geprägt ist. Ein Vergleich des Lebenslaufes der Ich-Erzählerin und der Autorin untermauert diese Vermutung. Saskia Fischer wurde 1971 in Schlema im Erzgebirge geboren und wuchs in der DDR auf. 1986 übersiedelte sie nach Nordrhein-Westfalen, wo sie ihr Abitur ablegte. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaften – die Protagonistin dagegen Geschichte -, in Bochum, brach das Studium jedoch ab und lebt nun seit vielen Jahren in Berlin.

„Heimat, denke ich, ist reines Sentiment und nichts als der Blick zurück“, heißt es an einer Stelle im Roman. Vielleicht muss so die nüchterne, konsequente Schlussfolgerung einer Person mit einer derartigen Lebensgeschichte lauten. Das Ostergewitter, das Aleit auf ihre Familienmitglieder niederprasseln lässt, hat zumindest eine reinigende Wirkung. Nachträglich wird der Stiefvater angeschwärzt, ihre Tochter wird ihm nach dem ersten Annäherungsversuch sofort entzogen und auch die Trennung von ihrem Ehemann scheint beschlossene Sache.

Saskia Fischer hatte sich bislang auf der Grundlage mehrerer großartiger Gedichtbände, zuletzt Scharmützelwetter (Suhrkamp Verlag, 2008), einen Namen als Lyrikerin gemacht. Ostergewitter zeigt, dass sie auch eine bemerkenswerte Prosaautorin ist. Wir dürfen auf ihre weiteren Werke sehr gespannt sein.

Saskia Fischer: Ostergewitter. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 196 Seiten, gebunden. 19,95 €.