„Von Sprache sprechen II“ – Lang lebe die Thomas-Kling-Poetikdozentur II

Cover_VON SPRACHE SPRECHEN II_Lilienfeld Verlag 2017

Seit dem Sommersemester 2011 gibt es an der Universität Bonn die Thomas-Kling-Poetikdozentur. Jedes Jahr wird eine herausragende Autorin oder ein Autor mit dieser besonderen Lehrtätigkeit ausgezeichnet. Finanziert wird diese besondere Dozentur, die Studierenden Einblicke in künstlerische Produktionserfahrungen ermöglicht, lobenswerter Weise von der Kunststiftung NRW. Auf Stefan Weidner, Barbara Köhler und Oswald Egger folgten Norbert Scheuer, Marion Poschmann, und Esther Kinsky als Poetikdozenten. Das Erfreuliche ist zudem, dass die Kunststiftung die Antrittsvorlesungen nebst Laudationes alle drei Jahre in Buchform veröffentlicht. Nun liegt der zweite Band vor, der sich nahtlos an den von mir euphorisch besprochenen Erstling anschließt.

Der Band beginnt mit einem Text des Thomas-Kling-Forschers Peer Trilcke, der uns mitnimmt auf seine Spurensuche zum Begriff „Widerton“, der in einem Gedicht aus dem Nachlass von Thomas Kling auftaucht. Seine Nachforschungen führen Trilcke bis zu einem Aufsatz eines Volkskundlers aus dem Jahre 1931 mit dem Titel „Widerton als Zauberpflanze“. Widerton ist ein Pflanzenname, auch wenn er mitunter uneinheitlich verwendet wird. Bei Kling ist es ein „Schönes Widertonmoos“. Trilckes weitere Ausführungen geben einen anregenden Einblick in die akribische Arbeit des Sprachkünstlers Thomas Kling.

Über Norbert Scheuer, den Preisträger von 2014, heißt es in der Laudatio von Thomas Fechner-Smarsly „Rätselhaft ist und bleibt vielleicht nur der eigentliche Antrieb: der Antrieb zu schreiben. In zwanzig Jahren, seit 1994 entstanden vier Romane, je zwei Erzählungs- und Gedichtbände.“ Scheuer, für seine Romane und Erzählungen vielfach ausgezeichnet, fällt als renommierter Prosaautor etwas aus der Reihe der Ausgezeichneten. Bei ihm wird der Bezug zu Thomas Kling nicht auf den ersten Blick deutlich.  Seine Antrittsvorlesung „Vom Begehren zu schreiben“ eröffnet einen sehr persönlichen Einblick in die Entstehung von Literatur. Und mit seinem Drang zu schreiben, Sprache und Geschichte zu erforschen, Erlebtes zu bewahren und fortzuschreiben, rückt er dann doch nahe an den Großmeister Kling heran: „Ich glaube, man erzählt, weil man vor etwas Angst hat, und sei es nur von der Stille und der Sinnlosigkeit der Existenz, die man irgendwie ertragen muss.“ Auf jeden Fall hat Norbert Scheuer, der die Eifel auf die literarische Landkarte brachte, einiges zu erzählen.

Marion Poschmann ist zwar auch eine erfolgreiche Prosaautorin (u.a. Die Sonnenposition, 2013), aber in mindestens gleicher Weise ist sie auch als Lyrikerin hervorgetreten, zuletzt mit Geliehene Landschaften (2016). Ihre Bonner Antrittsvorlesung dreht sich um poetische Taxonomie, die „Kunst der Unterscheidung“ mit sprachlichen Mitteln. In ihrem Ready-made „Moosgarten“, das sie erläutert, taucht neben neunundneunzig anderen Moosen auch das „Glashaar-Widertonmoos“ auf, womit sich der Kreis zu Thomas Kling schließt. Bleibt die Frage. Was aber leistet denn eine poetische Taxonomie? Poschmanns klare und überzeugende Antwort: „Sie unterscheidet die Unendlichkeit der Wahrnehmung von den Zumutungen der Eindeutigkeit.“

In ihrer informativen Einführung in das Werk und die Arbeit von Esther Kinsky bezeichnet Sabine Mainberger die Autorin als „versierte Grenzgängerin“, die in sehr unterschiedlichen Sprach- und Kulturräumen lebt und als Übersetzerin zwischen ihnen vermittelt. Erst später, nämlich 2010, trat die 1956 in Engelskirchen geborene vielfältige Literatin als Lyrikerin in Erscheinung, legte dann aber in kurzer Zeit gleich vier Gedichtbände vor. In ihrer hier abgedruckten Vorlesung widmet sie sich „dem sprachlichen Verhandeln der Fremde“ und zeigt die besonderen Herausforderungen der Übersetzung von Lyrik auf: „Wer sich ans Übersetzen von Gedichten macht, wird auch ums Schürfen nicht herumkommen, ums Ausloten  von Tiefen und Proben aus Sprachgestein.“

Der dritte Band wird mit der Antrittsvorlesung in Christoph Peters beginnen, denn dieser wurde 2017 als Thomas-Kling-Poetikdozent berufen. Wir dürfen uns jetzt schon darauf freuen, auch wenn es noch zwei Jahre bis zum Erscheinen sind, denn diese Reihe nähert sich aus vielfältigen Blickwinkeln und mit beeindruckender Tiefenschärfe dem Entstehungsprozess von poetischen Formen.

Kunststiftung NRW (Hg.): Von Sprache sprechen II. Die Thomas-Kling-Poetikdozentur. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2017. 104 Seiten. 14,90 €. 

„Polderpoesie“ – Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden

img_2090So nah und doch so fern. Ich wohne gut vierzig Kilometer von der holländischen Grenze entfernt. Doch niederländische Lyrik? Dazu fällt mir nur Anna Enquist ein. Und hat Cees Noteboom nicht auch Gedichte geschrieben? Ja, sicher. Aber was ist mit der aktuellen Lyrikszene? Die Sprache ist eben doch eine entscheidende Grenze, sie wirkt stärker als die räumliche. Dem Übersetzer Stefan Wieczorek und dem Autor Christoph Wenzel, beide zugleich auch promovierte Literaturwissenschaftler, kommt nun das große Verdienst zu, junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden in einer zweisprachigen, kompakten und zugleich umfangreichen Anthologie dem deutschsprachigen Publikum zu präsentieren. Jung heißt in diesem Fall, dass alle Autorinnen und Autoren Jahrgang 1973 oder jünger sind (bis Jahrgang 1988). Wieczorek und Wenzel glauben damit eine Generation von Lyrikerinnen und Lyrikern zu erfassen, die sich „ästhetisch (wie auch räumlich) als hoch beweglich und originär“ darstellt. Der Titel „Polderpoesie“ bezieht sich dabei nicht nur auf die typische Landschaft dieser Region, sondern meint auch, dass diese Generation poetisches Neuland geschaffen hat. Dem kann man zumindest teilweise zustimmen.

Jeder der 21 Autorinnen und Autoren ist mit etwa sieben Gedichten vertreten, abhängig von der Länge der Texte. So enthält der Band von Annemarie Estors nur ihr Langgedicht „Ein Berg gestorbener Tiere“. Damit wird auch die Vielfalt der lyrischen Texte deutlich. Es gibt sehr kurze und sehr lange Gedichte, kompakte und mehrstrophige, in Blocksatz und rechtsbündig formatierte. Das Buch verwendet unterschiedliche Schriftarten für das Original und die Übersetzung, die sich jeweils gegenüber stehen. Fünf Übersetzerinnen und Übersetzer waren an diesem Projekt beteiligt. Da das Niederländische außer bei Eigennamen keine Großschreibung kennt, stellte sich mir die Frage, wann die Übersetzung ins Deutsche auf die übliche Groß- und Kleinschreibung verzichtet. Stefan Wieczorek selbst übersetzt Els Moors und Anne Büdgen komplett in eine Kleinschreibung. Weil diese im Original auf eine Zeichensetzung verzichten? Das macht Thomas Möhlmann auch, doch Ard Posthuma verwendet in seiner Übersetzung die korrekte deutsche Orthographie. Hier wären Hinweise im ansonsten sehr erhellenden Nachwort von Stephan Wieczorek hilfreich gewesen. Dem entnimmt man die überraschende Information, dass Poesie in Flandern und den Niederlanden deutlich populärer als im deutschen Sprachraum ist. Es gibt eine Vielzahl von Festivals, Preisen und Ernennungen zum Stadtdichter. Sehr interessant erscheint auch das literarisch-soziale Projekt „De enzame uitvaart / Das einsame Begräbnis“, das der flämische Dichter Maarten Inghels in Antwerpen koordiniert. Hier verfassen Dichter quasi stellvertretend für die Gesellschaft ein Gedicht für einsam Verstorbene, das während der Beerdigung vom Autor vorgetragen wird. Die beiden im Buch abgedruckten Beispiele „Eine Moschee“ und „Soviel Aufmerksamkeit waren Sie wohl nicht gewohnt“ sind berührend.

Es drängt sich die Vermutung auf, dass die Poesie bei unseren Nachbarn auch deshalb populärer ist, weil die Gedichte einfacher zugänglich sind. Sprachexperimentelle und hermetischer Texte liefert der vorliegende, insgesamt sehr lesenswerte Band jedenfalls kaum. Offenbar aufgrund verschiedener Förderungen, u.a. durch die Kunststiftung NRW, kommt der ansprechend gestaltete Band ausgesprochen preiswert daher. Und um es mit Andy Fierens zu sagen: „aber fakten bleiben fakten / der himmel ist blau / krebs ist hip // ich wollte du wärst ein seehund // dann könnte ich auf dich einknüppeln“.

Stephan Wieczorek / Christoph Wenzel (Hg.): Polderpoesie. Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden. [SIC]-Literaturverlag, Aachen, Berlin 2016. 391 Seiten. 16 €

 

Logbuch Lyrik (8): „Fegefeuer“ von Norbert Hummelt

9783630875217_coverMit beeindruckender Konstanz legt Norbert Hummelt alle drei bis fünf Jahre einen neuen Gedichtband vor. Nach Zeichen im Schnee (2001), Stille Quellen (2004), Totentanz (2007) und Pans Stunde (2011) ist Fegefeuer bereits sein fünfter Band bei Luchterhand. Der 1962 im niederrheinischen Neuss geborene Schriftsteller lebt seit 2006 in Berlin, der Hauptstadt auch der Literaturszene. Für seine Werke wurde er mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet, darunter 2007 mit dem Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld. Norbert Hummelt hat sich darüber hinaus auch als Übersetzer (u.a. T.S. Eliots Gedichtzyklus Das öde Land) und Essayist einen Namen gemacht. 2015 war sein Gedicht „der turmfalke“ gar Gegenstand in einer zentralen Deutsch-Abiturklausur in Nordrhein-Westfalen.

Im Laufe der Jahre hat Hummelt in seiner Lyrik eine ganze eigene Form und einen unverwechselbaren Ton gefunden. Für die Form charakteristisch ist die Kleinschreibung, die Abkürzung „u.“ für das Wort „und“, die häufige Verwendung von zwei oder dreizeiligen Strophen und ganzen Sätzen sowie die klangliche Arbeit mit Binnenreimen, die nach Meinung von Hummelt selbst jedoch gar keine Binnenreime sind, sondern Endreime, die lediglich in der Mitte einer Zeile auftauchen, da der Vers dort erst zu Ende ist. Zur Verdeutlichung zitiere ich exemplarisch die ersten beiden Strophen des Gedichts „unter den glocken“:

„recht frohen dank für deine liebe post u.  für
die grüße von der hohen acht. ich hoffe auch,
du hast an mich gedacht u. meine karte von köln

bekommen, die karte mit dem dicken pitter! die
erkältung hat mich, wie du siehst, von der fahrt
nicht abgebracht. ich hatte mir am tag zuvor eine“

Viele der Gedichte von Norbert Hummelt in seinem neuen Gedichtband lassen sich geographisch verorten, da oftmals Ortsnamen erwähnt werden, wie „selikum“ und „ahrdorf“ aus seiner Heimat oder der Berliner Alexanderplatz. Wie in seinen vorangegangen Bänden schöpft Hummelt weiterhin sehr intensiv und höchst ertragreich aus der Vergangenheit, vor allem aus seiner Kindheit. Der Ton seiner Gedichte ist sehr melodisch und ruhig. Dabei sind seine Texte rhythmisch durchkomponiert. Dadurch erhalten die vermeintlichen Prosasätze ihre poetische Aufladung, die sie im Zusammenhang einer verdichteten Atmosphäre dann vollends entfalten. Eine weitere herausragende Eigenschaft von Hummelts Lyrik ist, dass seine Gedichtbände thematisch strukturiert sind. Seine 60 Texte in fegefeuer sind so in fünf Kapitel gegliedert, dass sie sich innerhalb dieser Kapitel auch inhaltlich aufeinander beziehen und zudem formal korrespondieren. Ganz stark ist der Beginn des Bandes mit dem Kapitel „Triptychon“, in dem Hummelt in drei Gedichten Traumfetzen mit Erinnerungen überblendet und den Leser sofort in seinen Bann schlägt. Der Sog, der den Wanderer immer wieder an den geheimnisvollen, dunklen Ort lockt, zieht den Leser unweigerlich ins Buch. Das Traumthema wird am Ende des Buches wieder aufgegriffen. Dort schließt das Titelgedicht mit den Versen: „doch trübe alles, leere luft! u. wenn man schläft, dann / kommt der traum; erst wird uns warm u. man sieht / feuerzungen u. dann brennt irgendwann der ganze raum.“ Ich habe auch Feuer gefangen. Für Norbert Hummelts neuen Gedichtband.

Norbert Hummelt: Fegefeuer. Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2016. 96 Seiten, gebunden. 18,00 €

Peter Longerichs voluminöse Hitler-Biographie ist auf dem Weg zu einem Standardwerk

9783827500601_CoverMehr als zwei Jahrzehnte galt Joachim Fests Hitler Biographie, die 1973 erschien und zu einem Bestseller avancierte, als das Buch, in dem zumindest aus deutscher Sicht fast alles zur deutschen Variante des Faschismus gesagt war. Fest stellte den Nationalsozialismus unter faschismustheoretischer Perspektive als Produkt des Führers dar, was es vielen Deutschen einfach machte, die Frage nach einer Mitverantwortung zu negieren oder zumindest abzumildern. Erst die zweibändige Hitler-Biographie des Briten Ian Kershaw (1998 bzw. 2000) bildete ein neues Standardwerk. Kershaw erklärte in einer anderen Sichtweise Hitlers Aufstieg und sein Herrschaftssystem mit Blick auf die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte.

Fünfzehn Jahre später veröffentlichte der Siedler Verlag nun in einem Jahr zwei neue voluminöse Hitler-Biographien. Während Wolfram Pyka einen eigenwilligen, neuartigen Blick auf Hitler und sein Herrschaftssystem unter dem Blickwinkel „Der Künstler als Politiker und Feldherr“ vornahm, stellt im vorliegenden Buch Peter Longerich Hitler detailliert als in vielen unterschiedlichen Bereichen sehr aktiven Politiker dar, der schließlich eine höchst extreme Führerdiktatur installierte.

Longerichs Buch ist eigentlich zu umfangreich, um es Seite für Seite durchzulesen. Aber wenn man es als Basisliteratur oder als Nachschlagewerk nutzt, bleibt man stets im aufgeschlagenen Kapitel hängen. Das Personen- und Ortsregister sowie die Anmerkungen sind excellent geführt. So lassen sich Detailfragen schnell klären. Longerichs Darstellung erfolgt chronologisch in sieben Teilen. In der abschließenden Bilanz heißt es: „Im Mittelpunkt des Dritten Reiches stand ein entschlossener Diktator, der diesen Prozess auf allen Ebenen formte, sämtliche Energien auf seine Person ausrichtete und sich eine Machtfülle erarbeitete, die ihm einen beispiellosen Handlungsspielraum eröffnete.“

Stringent und faktenreich untermauert der Londoner Geschichtsprofessor Peter Longerich, der 1955 in Krefeld geboren wurde und bereits mit seinen Biographien über Heinrich Himmler und Joseph Goebbels hervorgetreten ist, auf der Grundlage neuster Forschungen seine These. So ist diese Hitler-Biographie auf bestem Wege, ebenfalls zu einem neuen Standardwerk zu avancieren.

Peter Longerich: Hitler. Biographie. Siedler Verlag, München 2015. 1396 Seiten, gebunden. 39,99 €. 

Thomas Karlauf beleuchtet eloquent die späten Jahre von Helmut Schmidt

karlauf-schmidtDas besondere Interesse, dass die Deutschen in den letzten anderthalb Jahrzehnten für Helmut Schmidt aufgebracht haben, nutzen der Siedler Verlag und Thomas Karlauf für eine Biographie, die sich auf die Jahre nach Schmidts Ablösung als Bundeskanzler durch Helmut Kohl im Oktober 1982 beschränkt. Das Buch beginnt mit der Ausleuchtung der Hintergründe dieses Ereignisses, das durch das ungewöhnliche Mittel des konstruktiven Misstrauensvotums in der Geschichte der Bundesrepublik bislang einmalig blieb. Karlauf betitelt dieses erste Kapitel als „Inszenierung eines Verrats“.

Das voluminöse Buch ist in drei Teile gegliedert: „Jahre der Zurückhaltung (1982-1990)“, „Jahre der Einmischung (1991-2003)“ und „Wege des Ruhms“. Sie verdeutlichen die unterschiedlichen Phasen von Schmidts späten Jahren.

Egal, wo ich das Buch aufgeschlagen habe, ich habe mich festgelesen. Das liegt zum einem natürlich an der besonders spannenden Biographie dieses außergewöhnlichen Staatsmanns,  vor allem aber am glänzenden Stil von Thomas Karlauf, der bereits 2007 mit seiner herausragenden Biographie von Stefan George auf sich aufmerksam gemacht hat. Nun ist Karlauf aber nicht nur ein besonders guter Biograph, er besitzt auch im Fall Helmut Schmidt eine besondere Nähe zum Gegenstand, denn seit 1987 betreute er als Lektor Schmidts Buchveröffentlichungen. Trotz dieser Nähe und Verbundenheit gelingt es Karlauf die nötige kritische Distanz aufzubauen. Vermutlich erleichterte der Tod von Schmidt im November 2015 es Karlauf, der bereits auf Veranlassung von Helmut Schmidt mit den Vorarbeiten, insbesondere der intensiven Durchforstung seines Privatarchivs in Hamburg begonnen hatte, diese für einen Biographen notwendige Perspektive einzunehmen. Herausgekommen ist jedenfalls ein außerordentlich lesenswertes Buch, das dem Zeitgeist dieser 33 Jahre nachspürt, dabei Schmidts agiles Handeln als Publizist und Elder Statesman Revue passieren lässt und zahlreiche neue Details sowie unbekannte Facetten an Schmidt herausarbeitet, beispielsweise in seinem Verhältnis zu Kohl und zu Genscher, die ihn gemeinsam stürzten.

Thomas Karlauf: Helmut Schmidt – Die späten Jahre. Siedler Verlag, München 2016. 558 Seiten, gebunden. 26,99 €

„Lunapark“ – Volker Kutschers Kommissar Rath ermittelt 1934 im Umfeld der SA in Berlin

9783462315820_10Auf acht Bände hat Volker Kutscher seine Serie um Kommissar Gereon Rath geplant. Sie beginnt im April 1929 und soll während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin enden. Mit beeindruckender Konstanz legt Kutscher bislang alle zwei Jahre einen neuen voluminösen Fall vor (zuletzt 2014 Märzgefallene). Inzwischen hat er zeitgeschichtlich das Frühjahr 1934 erreicht. Die Sturmabteilung (SA) der Nationalsozialisten hat sich zu einer zweiten  Polizei im Staats aufgeschwungen, die sich an keinerlei Gesetze gebunden fühlt. Gerüchte um die Homosexualität ihres Führers Ernst Röhm machen die Runde.

Gleichwohl ist Lunapark der schwächste Band in dieser ambitionierten Reihe. Gereon Rath verlässt sich voll und ganz auf bereits eingeführte Personen – sowohl bei den Ermittlern (z. B. Gräf) als auch bei den Verbrechern (einmal mehr Doktor Marlow). Vermutlich ist dies Kutschers Zugeständnis an den Seriencharakter, denn schließlich werden Kutschers erste Romane gerade aufwändig für eine internationale Fernsehserie unter dem Arbeitstitel „Babylon Berlin“ verfilmt. Auch die Szenerie ist wenig originell, sie spielt an wenigen unspektakulären Orten in Berlin, vorzugsweise im Gebäude der Geheimen Staatspolizei sowie in der Wohnung von Gereon Rath und seiner Frau Charlotte, die auch in diesem Fall die wichtigste Nebenrolle innehat. Erst als Rath den stillgelegten Lunapark betritt (S. 368), in dem sich Kommunisten und der gesuchte Mörder versteckt halten, gewinnt die Handlung an Spannung.

Unverständlich bleibt zudem, warum Volker Kutscher den Fall für den Leser bereits auf Seite  247 auflöst. Dort wechselt die Erzählperspektive für ein kurzes Kapitel in die Sicht des Mörders. Damit werden unnötig früh die Hintergründe der Mordserie aufgeklärt. Der Leser weiß danach lange Zeit mehr als der Kommissar und der Spannungsbogen ist erst einmal dahin. Erst gegen Ende nimmt der Roman noch einmal Fahrt auf. Dabei beleuchtet er das historische Ereignis des sogenannten Röhm-Putsches Ende Juni 1934. Einerseits schätzt man die Serie wegen der fundierten historischen Hintergründe, andererseits wirkt es gestelzt, wenn etwa Charlys Chef ihr lange Passagen aus der berühmten Marburger Rede des Vizekanzlers Franz von Papen vorliest.

Trotz der genannten Einwände habe ich das Buch zügig zu Ende gelesen und bin wiederum sehr auf die nächsten Bände gespannt. Und hoffe, dass Kutscher noch einmal zur Klasse und Originalität der ersten vier Bände zurückfindet und nicht einfach routiniert die Serie zu Ende schreibt.

Volker Kutscher. Lunapark. Gereon Raths sechster Fall. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 560 Seiten, gebunden. 22,99 €

„Vom Streifenhörnchen zum Nadelstreifen“ – Hans Peter Klein kritisiert fulminant die Kompetenzorientierung im Bildungswesen

kleinthumbNach der Veröffentlichung der ersten PISA-Studie aus dem Jahr 2000 begann in Deutschland bildungspolitisch eine neue Zeitrechnung. Das unbefriedigende Abschneiden der deutschen Schülerinnen und Schüler führte zu einer Vielzahl von Veränderungen in Schule und Hochschule. Zentrales Merkmal, neben strukturellen Veränderungen, ist die Orientierung des Lernens und seiner Überprüfung an Kompetenzmodellen.

Hans Peter Klein, Professor für Didaktik der Biowissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, kritisiert diese Neuorientierung am Kompetenzbegriff im vorliegenden Buch fundamental. Die grundsätzliche Kritik an den deutschen Bildungsreformen der letzten zwanzig Jahre, insbesondere am sogenannten Bologna-Prozess, wie sie Konrad Paul Liessmann  (Theorie der Unbildung und Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung, beide erschienen im Paul Zsolnay Verlag, Wien 2006 bzw. 2014) und auch Jürgen Kaube (Im Reformhaus. Zur Krise des Bildungssystems, zu Klampen, Springe 2015) bereits dezidiert vorgetragen haben, expliziert Klein nun im Detail. Dabei knöpft sich Klein gezielt die zentralen Abiturprüfungen nach der Kompetenzorientierung vor.

Der Titel des Buches bezieht sich auf eine zentrale Abituraufgabe im Leistungskurs Biologie in Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2009. Sie stammt aus dem Teilgebiet der Populationsökologie und beschäftigte sich mit nordamerikanischen Streifenhörnchen. Klein seziert diese Aufgabe förmlich und zeigt, dass man mehrere Teilaufgaben ohne biologische Kenntnisse nur mit dem Vermögen der Lesekompetenz bewältigen konnte. In den folgenden Kapiteln führt er aus, dass dies beileibe kein Einzelfall war. Auch in anderen Bundesländern fanden sich Abituraufgaben, die Neuntklässler ohne Vorwissen bestehen konnten, wie er sogar in einem Schülerexperiment nachwies. Ähnliches gilt für einige Abituraufgaben im Fach Mathematik: „Der Verfall des fachlichen Niveaus in Mathematik lässt sich zweifelsfrei an dem Verlauf des Mathematikunterrichts der letzten 25 Jahre aufzeigen.“

Immerhin lässt Klein auch Gegenbeispiele gelten und lobt vor allem die Abituraufgaben aus Mecklenburg-Vorpommern. Als Ursache des dargestellten Bildungsverfalls gilt Klein der Kompetenzbegriff, der überall auftaucht und trotz aller Definitionsversuche unscharf bleibt. Der Ton seiner Anklage ist häufig polemisch, teilweise sarkastisch. Überflüssig sind auf jeden Fall die beiden im Anhang abgedruckten Artikel fremder Autoren, die eher der Belustigung diesen. Denn das Thema ist ernst. Deutschland ist auf junge Menschen mit einem hohen Bildungsniveau angewiesen. Die breite Vergabe von Abschlüssen durch eine Absenkung der Anforderungen ist sicher der falsche Weg. Hans Peter Klein kündigt im Vorwort zwei weitere Bände zu dieser Thematik an. Darauf kann man sehr gespannt sein. Ebenso auf die Reaktionen aus der Bildungspolitik, die sich dieser scharfen Kritik stellen muss.

Hans Peter Klein: Vom Streifenhörnchen zum Nadelstreifen. Das deutsche Bildungswesen im Kompetenztaumel.  zu Klampen Verlag , Springe 2016. 328 Seiten, gebunden. 22,00 €