Der Arche Literatur Kalender 2018 strahlt Ruhe und Bewegung aus

Der Sommer verabschiedet sich langsam. Gleichwohl mag man noch nicht an das Jahresende denken. Doch die allermeisten Kalender für das kommende Jahr sind bereits gedruckt. Es gibt kaum einen thematischen Bereich, für den es keinen speziellen Kalender gibt. Neben unkäuflichen Varainten wie dem bekannten Pirelli-Kalender, werden die üblichen Abreißkalender, Tages-, Wochen- und Monatskalender angeboten, außerdem natürlich Lehrerkalender, Bauernkalender sowie unfassbar viele Katzenkalender und und und. Mich interessieren natürlich Literaturkalender. Im letzten Jahr habe ich den vorzüglichen Arche Kinder Kalender empfohlen. In diesem Jahr möchte ich den Arche Literatur Kalender 2018 vorstellen. Es ist ein vierfarbig  gedruckter Wandkalender, der jede Woche einen Autor, der in der jeweiligen Woche geboren oder gestorben ist, mit einem Textauszug und einem Foto vorstellt. Die Auswahl ist international und deckt in einer ansprechenden Mischung ein breites Literaturspektrum von der Frühromantik bis zur Postmoderne ab, wobei der Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert liegt. Einen besonderen Reiz macht die abwechslungsreiche Abfolge aus, die immer wieder überraschende Bezüge herstellt. So folgt auf Kurt Tucholsky Susan Sontag und auf diese wiederum Derek Walcott, Lars Gustafsson steht vor Simone de Beauvoir und so geht es weiter. Allerdings wäre es schön gewesen, wenn auch einige noch lebende Schriftsteller in die Auswahl mit einbezogen worden wären und nicht nur tote.

Sehr überzeugend wirkt die Bildzusammenstellung, bei der darauf geachtet wurde, nicht die gängigen Autorenfotos zu verwenden. Sie stehen zudem alle in einem thematischen Zusammenhang, denn die Arche Literatur Kalender stehen in jedem Jahr unter einem speziellen Motto. Darin unterscheidet sich der vorliegende Kalender auch vom ähnlich gestalteten Literaturkalender des Aufbau Verlages. 2018 heißt das Themenmotto „Ruhe & Bewegung“. Es ist erstaunlich, wie gut es dem Arche Kalender Verlag gelingt, die 53 Autorinnen und Autoren unter diesem thematischen Bogen zu vereinen. In fast allen Fällen sind passendes Bildmaterial und korrespondierende Textauszüge gefunden worden, die teilweise sogar einen neuen Blick auf die Verfasser werfen lassen. Das Titelblatt beispielsweise zeigt Vladimir Nabokov mit Tennisschlägern und seiner Braut Anfang 1920 in Berlin. Im Juni äußert und zeigt sich Henry Miller zum Radfahren, während es Kurt Tucholsky lieber gemütlich angeht und seine Liebe zur Entspannung an der Côte d`Azur in der zweiten Januarwoche formuliert.

Ausführliche biographische Angaben sowie sorgfältige Quellenangaben zum Text- und Bildmaterial ergänzen diesen inspirierenden Kalender. Für mich ist er ein Grund, sich auf das Jahr 2018 zu freuen.

Arche Literatur Kalender 2018. Arche Kalender Verlag, Zürich-Hamburg 2017. 60 Blätter, 54 Fotos, farbig. 22,- €

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Mirko Bonné findet Spuren des kleinen Prinzen in der Nordsahara

CoverWiderspenstigkeit_WebsiteWer kennt dieses Buch nicht? Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry zählt in ganz Europa zum Kulturgut und ist darüber hinaus eines der meist verkauften Bücher der Welt. Diese märchenhafte Geschichte ist kurz und daher schnell zu lesen. Sie enthält einfache philosophische Aussagen, die bei entsprechender Gelegenheit hartnäckig immer wieder in unser Gedächtnis zurückkehren. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, ist eine solche. Geschenk für die Liebste, Schullektüre und Zitatensammlung für Gottesdienste, dieses schmale Buch, das Saint-Exupéry noch selbst so eingängig illustriert hat, ist alles zugleich. Seit über siebzig Jahren geistert der kleine Prinz durch die Buchhandlungen und begeistert vor allem jüngere Leser. Selbst die unsägliche Verfilmung zu einer Fernsehserie, die außer den Personen nichts mit dem Zauber des Buches gemein hat, konnte dem Erfolg und dem Renommee dieses Buches nichts anhaben. In Düsseldorf existiert ein kleiner Verlag nur von der deutschsprachigen Ausgabe dieses Titels, der Karl Rauch Verlag. Er publiziert fast nichts außer den Werken von Saint-Exupéry, in immer neuen Varianten bis hin zu Merchandisingartikeln. Doch nachdem der Autor bekanntlich 1944 von einem Deutschen über dem Mittelmeer in seinem Aufklärungsflugzeug abgeschossen wurde, endete 2014 der Schutz der Urheberrechte. Lediglich die ursprüngliche Übersetzung ist weiter geschützt. Grund genug für den Karl Rauch Verlag, sich neues Terrain zu erschließen.
Mit Mirko Bonné konnte ein renommierter deutscher Schriftsteller (z. B. Wie wir verschwinden, 2009) für eine Zusammenarbeit gewonnen werden, deren Ergebnis nun vorliegt. Herausgekommen ist ein wunderschön aufgemachtes Buch, wie ich es selten in der Hand gehabt habe. Ein gebundener Band mit strukturiertem Umschlagpapier, zweifarbig gedruckt (schwarz und sandgelb), illustriert mit künstlerischen Schwarzweißfotos und aufgelockert mit Vignetten, dazu ein entsprechend farbiges Lesebändchen. Hinzu kommen ein sehr ansprechendes Layout und hervorragendes, festes, glatt gestrichenes Papier. Für Bücherliebhaber ist dieses Buch wirklich ein Genuss und sogar preiswert. Aber auch der Inhalt kann sich sehen lassen, obwohl das Vorhaben gewagt ist. Bonné begibt sich auf die Spuren von Saint-Exupéry. Tatsächlich findet sein Ich-Erzähler – wenn auch nur in der fiktiven Erzählung – das Flugzeug, mit dem Saint-Exupéry gemeinsam mit seinem Mechaniker André Prévot 1935 in der Nordsahara abstürzte, bevor die beiden nach einem fünftägigen Marsch durch die Wüste von Beduinen gerettet wurden. Dieses Erlebnis bildete Jahre später die Grundlage für die Geschichte um den kleinen Prinzen. Auch Mirko Bonné verwebt nun reale mit surrealen Schilderungen. Märchenhaft wird seine Erzählung dadurch, dass er einem sprechenden Wüstenfuchs begegnet, der als Nachkommen des damaligen Fuchses nach Spuren des kleinen Prinzen sucht. Zwischen diesen beiden entwickeln sich ähnlich philosophisch angereicherte Gespräche, insbesondere über die Widerspenstigkeit, wie in Der kleine Prinz. Das hätte ganz schnell kitschig oder epigonal wirken können, doch Mirko Bonné, dem hier auch seine Begabung als Lyriker zu Gute kommt, umschifft diese großen Untiefen mit erstaunlicher Geschicklichkeit. So legt der Karl Rauch Verlag eine lesenswerte Erzählung über die Wüste und das Leben vor, die der Nachdenklichkeit und der Gelassenheit in den Werken von Antoine de Saint-Exupéry durchaus gerecht wird.

Mirko Bonné: Die Widerspenstigkeit. Ein Märchen. Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 2017. 128 Seiten, gebunden. 18,- €

Logbuch Lyrik (11): Jan Wagners „Guerickes Sperling“ wieder gelesen

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Ich gestehe nach 13 Jahren. Das mir seinerzeit auf meine Bitte hin zugesandte Rezensionsexemplar von Jan Wagners „Guerickes Sperling“ habe ich nie besprochen. Damals schrieb ich regelmäßig Beiträge für die Rubrik Buchtipp in der Rheinischen Post. Dort wurden Bücher ausschließlich und vorbehaltlos empfohlen. Es gab keinen Platz für differenzierende Urteile. Der zweite Gedichtband von Jan Wagner hatte mir nicht so gut gefallen, dass ich ihn dort vorstellen wollte.

Inzwischen ist Jan Wagner zum erfolgreichsten deutschen Lyriker der Gegenwart avanciert. Als erster Lyriker erhielt er 2015 den Preis der Leipziger Buchmesse, woraufhin sein sechster Gedichtband „Regentonnenvariationen“ zu einem veritablen Bestseller avancierte, der sogar eine Taschenbuchausgabe erleben darf. Im Jahr 2017 wurde Wagner schließlich mit dem renommiertesten deutschen Literaturpreis, dem Georg-Büchner-Preis, ausgezeichnet. Das war nun Grund genug für mich, im Bücherregal nach besagtem Buch zu suchen, es noch einmal zu lesen und es nun endlich zu besprechen.

Ich muss sagen, diese Gedichte kann man relativ zügig lesen. Wagners Lyrik ist nicht anstregend, sie ist nicht sperrig und kaum hermetisch. Man stolpert nicht beim Lesen, man bleibt nicht hängen. Der Rhythmus und der Wohlklang der Worte verführen zum Weiterlesen. Ab und an liest man eine Zeile noch einmal, weil sie einem besonders gut gefällt, wie mir beispielsweise diese: „der tag, der seine kreide nimmt und geht.“ Durch den gesamten Gedichtband weht eine sanfte positive Grundstimmung, angereichert mit einer leicht melancholischen Note.

Formal sind alle Texte unglaublich gekonnt fabriziert. Wagner spielt mit den literarischen Formen, ohne jemals schiefe Bilder oder bemühte Reime zu produzieren. Man findet neben freien Versen sapphische Oden, häufiger Terzinen, Haikus und sogar einen formidablen Sonettenkranz über die Stadt Görlitz.

Wenn es nicht so unqualifiziert klingen würde, könnte man sagen, Jan Wagner schreibt schöne Gedichte. Das liegt auch am Inhalt. Zentrale Themen sind Reiseeindrücke und Naturbeschreibungen sowie Rückblicke auf historische Ereignisse wie im Titelgedicht, das auf ein physikalisches Experiment von Otto von Guericke anspielt. Das führt dazu, dass immer wieder das Wort „himmel“ auftaucht – offenbar in Fortführung seines ersten Gedichtbandes „Probebohrung im Himmel“ (2001). Auch der Blick aus dem oder in ein Fenster wird häufig inszeniert. Jahreszeiten und Tageszeiten spielen eine große Rolle. Personale Konflikte sucht man dagegen ebenso vergebens wie die Auseinandersetzung mit moderner Technologie. Selbst alltägliche Gegenstände wie Handy oder Toaster zählen nicht zum Inventar der Wagnerschen Gedichte, allenfalls wird einmal ein Fernseher erwähnt. Hier könnte natürlich eine Kritik an dieser fein austarierten, kunstfertigen Lyrik ansetzen. Doch ein einzelner Lyriker kann nicht allen Ansprüchen gerecht werden. Und eine derartige Kritik würde dieser so souverän vorgetragenen Poesie nicht gerecht. Jan Wagner ist ein würdiger Träger des Georg-Büchner-Preises.

Jan Wagner: Guerickes Sperling. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2004. 84 Seiten, gebunden. 

Logbuch Lyrik (10): „Alt?“ – Franz Hohler setzt sich lyrisch mit dem Tod auseinander

9783630875446_CoverDer Schweizer Schriftsteller Franz Hohler hat in seinem langen Leben eine riesige Zahl an Texten veröffentlicht, vornehmlich Kurzgeschichten und Erzählungen, aber auch Kinderbücher, Romane und Theaterstücke. Ganz selten auch Gedichte. Nun hat er mit „Alt?“ einen neuen Lyrikband vorgelegt, der thematisch um ein einziges Thema kreist: das Altwerden. Hohler selbst ist inzwischen 74 Jahre alt und macht sich aus nahe liegenden Gründen sehr persönliche Gedanken über den Tod: „Wenn du / das Alter betrittst / setz den Helm auf // es herrscht / Steinschlagefahr.“ Dieser Text steht auf der Rückseite des Umschlags und ist in mehrfacher Hinsicht typisch für Hohlers Lyrik. Es ist nur ein einziger Satz, der in Zeilen gebrochen wird. Der Zeilenumbruch dient als Atempause. Die Länge der Verse ist sehr kurz. Es handelt sich vielfach eher um Aphorismen, Sprachspiele und Gedankensplitter als um Lyrik.

Die toten Freunde Urs Widmer und Hans Arp tauchen in diesem Buch ebenso auf wie Todesanzeigen und Kindheitserinnerungen. Schwach sind die Texte, die sich auf moderne Zeiten beziehen wie das Gedicht „iPhone“: „Wenn er plötzlich / erscheint / auf dem kleinen Bildschirm / in deiner linken Hand / und dich anschaut / der Tod / wisch ihn weg / mit dem Finger / und wähle das App / Leben.“ Mit moderner Lyrik hat das wenig zu tun. Die Pointe in der letzten Zeile beispielsweise ist ein überkommenes Stilmittel.

Gleichwohl sind Franz Hohler auch poetische Perlen gelungen. In einigen, wenigen Gedichten findet er eindringliche Bilder und eine ansprechende lyrische Darstellung. In „Besuch“ schwebt ein Schmetterling durchs Fenster auf den Schreibtisch, klappt ein paar Mal die Flügel auf und zu, ehe er „in den Tag / und den Tod“ taumelt. Auch der Text „Warte nur“ klingt nach: „irgend einmal / nimmt der Tod / die Sonnenbrille ab // und schaut dich an.“ Hohler Fans werden diesen Gedichtband mögen. Für Lyrik-Interessierte bietet er insgesamt ein bisschen wenig.

Franz Hohler: Alt? Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2017. 96 Seiten, gebunden. 16,- €

Magnus Brechtken entlarvt endlich die Legendenbildung um Albert Speer

9783827500403_CoverIn unserem bescheidenen, bürgerlichen Haushalt gab es in meiner Kindheit nur wenige Bücherregale, die kaum Platz für Neuerscheinungen ließen. Es kamen zwar immer wieder neue Romane hinzu, ganz selten jedoch Sachbücher. An zwei Bände erinnere ich mich dennoch ganz genau: die dicke, schwarze Hitler-Biographie von Joachim Fest und die Erinnerungen von Albert Speer mit dem gelben Rand der Ullstein-Ausgabe. So habe ich es jedenfalls in Erinnerung. Oder waren es doch die „Spandauer Tagebücher“? Die Bücher standen jedenfalls in der Diele. Oder doch eines von ihnen im Wohnzimmer?Erinnerungen können sehr trügerisch sein. Und dies gilt in ganz besonderer Weise für die „Erinnerungen“ von Hitlers berühmten Architekten Albert Speer, die 1969 erstmals erschienen und eine ganze Generation von Deutschen hinsichtlich der Frage ihrer Mitschuld beruhigten. Denn selbst der Vertraute von Hitler hatte (angeblich) nichts vom systematischen Massenmord in den Vernichtungslagern gewusst. Mit diesen Legenden um Albert Speer (1905-1981) räumt Magnus Brechtken (geb. 1964), stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, in seiner voluminösen Biographie nun restlos auf.

Auf den ersten Blick erscheinen die 910 dicht bedruckten Seiten unlesbar. Aber dann stellt man fest, dass der Anhang bereits 330 Seiten ausmacht und die restlichen rund 570 Seiten ausgesprochen spannend geschrieben sind. Es ist eine wissenschaftliche Biographie auf höchstem Niveau, die keinen Wunsch nach Belegen und Verweisen offen lässt und zugleich einen breiten Leserkreis anspricht. Beispielsweise geht Brechtken ausführlich auch auf die in – längst vergessenen – Illustrierten wie Quick und Jasmin erschienenen Interviews und Homestories ein.

Insgesamt ist dieses Buch weit mehr als eine Biographie. Es reflektiert detailliert und differenziert unseren Umgang mit der Nazi-Vergangenheit, der es Albert Speer, den Reichsminister für Rüstung und Munition von 1942-1945, der im Nürnberger Prozess zu 20 Jahren Haft verurteilt worden war, ermöglichte, nach seiner Freilassung 1969 eine zweite Karriere als Publizist und vielfach angefragter Zeitzeuge zu erleben. Wahrheitstreue war Speers Sache nicht, wie Brechtken unermüdlich und durchgängig nachweist. Speers Selbststilisierung beginnt bereits mit einem Märchen über seine Geburt und durchzieht vor allem seine Erinnerungen an seine Rolle im Nationalsozialismus. Seine vermeintliche Rolle als dienstbeflissener Beamter, der nicht wusste, was hinter den Kulissen geschah, kauften ihm viele Deutsche nur zu gerne ab. Aber es ist nach Brechtkens Belegen unstrittig: Albert Speer war – um es einmal ganz unverblümt zusagen – ein karrieregeiler Obernazi und ein notorischer Lügner obendrein, dem es sogar noch gelang, Kunstschätze aus der Nazi-Zeit anonym zu versteigern.

Das Buch endet dann auch nicht mit dem Tod von Albert Speer. Brechtken lässt noch ein weiteres, unbedingt lesenswertes Kapitel folgen: „Nachleben (1981 bis heute)“, in dem er in seiner profunden Art unseren Umgang mit den Mythen um Albert Speer darstellt. Wenn man gewollt hätte, hätte man Speer schon sehr früh entlarven können, denn die meisten Quellen waren seit Ende der 60er Jahre längst öffentlich zugänglich. Aber offenbar wollten es einflussreiche Leute nicht, allen voran der renommierte Historiker und FAZ-Herausgeber Joachim Fest, der mit seinen Veröffentlichungen über Speer dessen Legendenbildung vielfach weitertransportierte. Und so dauerte es bis 2017, ehe Magnus Brechtken mit seinem grandiosen Werk diesem Spuk jetzt endlich eine Ende bereitete.

Magnus Brechtken: Albert Speer. Eine deutsche Karriere. Siedler Verlag, München 2017. 910 Seiten, gebunden. 40,00 €

 

„Von Sprache sprechen II“ – Lang lebe die Thomas-Kling-Poetikdozentur II

Cover_VON SPRACHE SPRECHEN II_Lilienfeld Verlag 2017

Seit dem Sommersemester 2011 gibt es an der Universität Bonn die Thomas-Kling-Poetikdozentur. Jedes Jahr wird eine herausragende Autorin oder ein Autor mit dieser besonderen Lehrtätigkeit ausgezeichnet. Finanziert wird diese besondere Dozentur, die Studierenden Einblicke in künstlerische Produktionserfahrungen ermöglicht, lobenswerter Weise von der Kunststiftung NRW. Auf Stefan Weidner, Barbara Köhler und Oswald Egger folgten Norbert Scheuer, Marion Poschmann, und Esther Kinsky als Poetikdozenten. Das Erfreuliche ist zudem, dass die Kunststiftung die Antrittsvorlesungen nebst Laudationes alle drei Jahre in Buchform veröffentlicht. Nun liegt der zweite Band vor, der sich nahtlos an den von mir euphorisch besprochenen Erstling anschließt.

Der Band beginnt mit einem Text des Thomas-Kling-Forschers Peer Trilcke, der uns mitnimmt auf seine Spurensuche zum Begriff „Widerton“, der in einem Gedicht aus dem Nachlass von Thomas Kling auftaucht. Seine Nachforschungen führen Trilcke bis zu einem Aufsatz eines Volkskundlers aus dem Jahre 1931 mit dem Titel „Widerton als Zauberpflanze“. Widerton ist ein Pflanzenname, auch wenn er mitunter uneinheitlich verwendet wird. Bei Kling ist es ein „Schönes Widertonmoos“. Trilckes weitere Ausführungen geben einen anregenden Einblick in die akribische Arbeit des Sprachkünstlers Thomas Kling.

Über Norbert Scheuer, den Preisträger von 2014, heißt es in der Laudatio von Thomas Fechner-Smarsly „Rätselhaft ist und bleibt vielleicht nur der eigentliche Antrieb: der Antrieb zu schreiben. In zwanzig Jahren, seit 1994 entstanden vier Romane, je zwei Erzählungs- und Gedichtbände.“ Scheuer, für seine Romane und Erzählungen vielfach ausgezeichnet, fällt als renommierter Prosaautor etwas aus der Reihe der Ausgezeichneten. Bei ihm wird der Bezug zu Thomas Kling nicht auf den ersten Blick deutlich.  Seine Antrittsvorlesung „Vom Begehren zu schreiben“ eröffnet einen sehr persönlichen Einblick in die Entstehung von Literatur. Und mit seinem Drang zu schreiben, Sprache und Geschichte zu erforschen, Erlebtes zu bewahren und fortzuschreiben, rückt er dann doch nahe an den Großmeister Kling heran: „Ich glaube, man erzählt, weil man vor etwas Angst hat, und sei es nur von der Stille und der Sinnlosigkeit der Existenz, die man irgendwie ertragen muss.“ Auf jeden Fall hat Norbert Scheuer, der die Eifel auf die literarische Landkarte brachte, einiges zu erzählen.

Marion Poschmann ist zwar auch eine erfolgreiche Prosaautorin (u.a. Die Sonnenposition, 2013), aber in mindestens gleicher Weise ist sie auch als Lyrikerin hervorgetreten, zuletzt mit Geliehene Landschaften (2016). Ihre Bonner Antrittsvorlesung dreht sich um poetische Taxonomie, die „Kunst der Unterscheidung“ mit sprachlichen Mitteln. In ihrem Ready-made „Moosgarten“, das sie erläutert, taucht neben neunundneunzig anderen Moosen auch das „Glashaar-Widertonmoos“ auf, womit sich der Kreis zu Thomas Kling schließt. Bleibt die Frage. Was aber leistet denn eine poetische Taxonomie? Poschmanns klare und überzeugende Antwort: „Sie unterscheidet die Unendlichkeit der Wahrnehmung von den Zumutungen der Eindeutigkeit.“

In ihrer informativen Einführung in das Werk und die Arbeit von Esther Kinsky bezeichnet Sabine Mainberger die Autorin als „versierte Grenzgängerin“, die in sehr unterschiedlichen Sprach- und Kulturräumen lebt und als Übersetzerin zwischen ihnen vermittelt. Erst später, nämlich 2010, trat die 1956 in Engelskirchen geborene vielfältige Literatin als Lyrikerin in Erscheinung, legte dann aber in kurzer Zeit gleich vier Gedichtbände vor. In ihrer hier abgedruckten Vorlesung widmet sie sich „dem sprachlichen Verhandeln der Fremde“ und zeigt die besonderen Herausforderungen der Übersetzung von Lyrik auf: „Wer sich ans Übersetzen von Gedichten macht, wird auch ums Schürfen nicht herumkommen, ums Ausloten  von Tiefen und Proben aus Sprachgestein.“

Der dritte Band wird mit der Antrittsvorlesung in Christoph Peters beginnen, denn dieser wurde 2017 als Thomas-Kling-Poetikdozent berufen. Wir dürfen uns jetzt schon darauf freuen, auch wenn es noch zwei Jahre bis zum Erscheinen sind, denn diese Reihe nähert sich aus vielfältigen Blickwinkeln und mit beeindruckender Tiefenschärfe dem Entstehungsprozess von poetischen Formen.

Kunststiftung NRW (Hg.): Von Sprache sprechen II. Die Thomas-Kling-Poetikdozentur. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2017. 104 Seiten. 14,90 €. 

Logbuch Lyrik (9): „Polderpoesie“ – Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden

img_2090So nah und doch so fern. Ich wohne gut vierzig Kilometer von der holländischen Grenze entfernt. Doch niederländische Lyrik? Dazu fällt mir nur Anna Enquist ein. Und hat Cees Noteboom nicht auch Gedichte geschrieben? Ja, sicher. Aber was ist mit der aktuellen Lyrikszene? Die Sprache ist eben doch eine entscheidende Grenze, sie wirkt stärker als die räumliche. Dem Übersetzer Stefan Wieczorek und dem Autor Christoph Wenzel, beide zugleich auch promovierte Literaturwissenschaftler, kommt nun das große Verdienst zu, junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden in einer zweisprachigen, kompakten und zugleich umfangreichen Anthologie dem deutschsprachigen Publikum zu präsentieren. Jung heißt in diesem Fall, dass alle Autorinnen und Autoren Jahrgang 1973 oder jünger sind (bis Jahrgang 1988). Wieczorek und Wenzel glauben damit eine Generation von Lyrikerinnen und Lyrikern zu erfassen, die sich „ästhetisch (wie auch räumlich) als hoch beweglich und originär“ darstellt. Der Titel „Polderpoesie“ bezieht sich dabei nicht nur auf die typische Landschaft dieser Region, sondern meint auch, dass diese Generation poetisches Neuland geschaffen hat. Dem kann man zumindest teilweise zustimmen.

Jeder der 21 Autorinnen und Autoren ist mit etwa sieben Gedichten vertreten, abhängig von der Länge der Texte. So enthält der Band von Annemarie Estors nur ihr Langgedicht „Ein Berg gestorbener Tiere“. Damit wird auch die Vielfalt der lyrischen Texte deutlich. Es gibt sehr kurze und sehr lange Gedichte, kompakte und mehrstrophige, in Blocksatz und rechtsbündig formatierte. Das Buch verwendet unterschiedliche Schriftarten für das Original und die Übersetzung, die sich jeweils gegenüber stehen. Fünf Übersetzerinnen und Übersetzer waren an diesem Projekt beteiligt. Da das Niederländische außer bei Eigennamen keine Großschreibung kennt, stellte sich mir die Frage, wann die Übersetzung ins Deutsche auf die übliche Groß- und Kleinschreibung verzichtet. Stefan Wieczorek selbst übersetzt Els Moors und Anne Büdgen komplett in eine Kleinschreibung. Weil diese im Original auf eine Zeichensetzung verzichten? Das macht Thomas Möhlmann auch, doch Ard Posthuma verwendet in seiner Übersetzung die korrekte deutsche Orthographie. Hier wären Hinweise im ansonsten sehr erhellenden Nachwort von Stephan Wieczorek hilfreich gewesen. Dem entnimmt man die überraschende Information, dass Poesie in Flandern und den Niederlanden deutlich populärer als im deutschen Sprachraum ist. Es gibt eine Vielzahl von Festivals, Preisen und Ernennungen zum Stadtdichter. Sehr interessant erscheint auch das literarisch-soziale Projekt „De enzame uitvaart / Das einsame Begräbnis“, das der flämische Dichter Maarten Inghels in Antwerpen koordiniert. Hier verfassen Dichter quasi stellvertretend für die Gesellschaft ein Gedicht für einsam Verstorbene, das während der Beerdigung vom Autor vorgetragen wird. Die beiden im Buch abgedruckten Beispiele „Eine Moschee“ und „Soviel Aufmerksamkeit waren Sie wohl nicht gewohnt“ sind berührend.

Es drängt sich die Vermutung auf, dass die Poesie bei unseren Nachbarn auch deshalb populärer ist, weil die Gedichte einfacher zugänglich sind. Sprachexperimentelle und hermetischer Texte liefert der vorliegende, insgesamt sehr lesenswerte Band jedenfalls kaum. Offenbar aufgrund verschiedener Förderungen, u.a. durch die Kunststiftung NRW, kommt der ansprechend gestaltete Band ausgesprochen preiswert daher. Und um es mit Andy Fierens zu sagen: „aber fakten bleiben fakten / der himmel ist blau / krebs ist hip // ich wollte du wärst ein seehund // dann könnte ich auf dich einknüppeln“.

Stephan Wieczorek / Christoph Wenzel (Hg.): Polderpoesie. Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden. [SIC]-Literaturverlag, Aachen, Berlin 2016. 391 Seiten. 16 €