„Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ – Irmgard Keun wird zum zweiten Mal wiederentdeckt

9783462316391_5Die 1905 in Berlin geborene Autorin Irmgard Keun wird ein zweites Mal wiederentdeckt. Und das mit Recht! Nach Kind aller Länder im Frühjahr publiziert der Verlag Kiepenheuer & Witsch nun auch Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften als gebundene Ausgabe im Belletristikprogramm, 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung 1936 im Exilverlag bei Allert de Lange in Amsterdam.

Ende der 70er Jahre gab es die erste Wiederentdeckung von Irmgard Keun. Der Düsseldorfer Claassen Verlag veröffentlichte damals mit Erfolg die wichtigsten ihrer Romane ebenfalls als gebundene Ausgaben. Darunter 1980 auch Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften. Keun erlebte und genoss den späten, zweiten Ruhm, noch kurz vor ihrem Tod 1982 in Köln.

Der vorliegende Roman hat viel von einem Kinderbuch und ist doch ein Buch für Erwachsene. Er erzählt ich in der Ich-Form aus der Perspektive eines anfangs zehnjährigen Mädchens dessen Erlebnisse und Streiche gegen Ende des Ersten Weltkriegs. Es sind in sich abgeschlossene Geschichten, die als Mosaiksteine zusammen ein eindrucksvolles Sittengemälde der bürgerlichen Gesellschaft am Ende der Kaiserzeit und kurz danach ergeben. In der letzten Geschichte dieses Episodenromans „Die große Leidenschaft“ ist das Mädchen schließlich dreizehn Jahre alt, was zu ersten Liebesverwirrungen führt.

Das Buch ist deshalb ein Erwachsenenroman oder zumindest ein Jugendroman, weil es der vielfach verlogenen Welt der Eltern den Spiegel vorhält. Diese Welt ist voller Konventionen, die dem Kind nicht geläufig oder einsichtig sind. So sagt es häufig die Wahrheit, die aber niemand hören möchte. Nachbarn, Lehrer und Mitschüler sind die wichtigsten Figuren in diesem Setting. Das namenlose Mädchen nimmt immer wieder Sprüche, Ratschläge oder aufgeschnappte Redewendungen der Erwachsenen wörtlich und setzt sie gut gemeint in die Tat um. So schreibt das Mädchen beispielsweise einen Brief an den Kaiser, um ihn vom Frieden zu überzeugen, und gibt ihm noch den Ratschlag, es wäre besser abzudanken. Natürlich müssen die Eltern des Mädchens für den Schaden, den ihr Kind angerichtet, gerade stehen und das Mädchen muss die unterschiedlichsten Strafmaßnahmen ausbaden. Doch die Energie des Kindes, sich nicht mit den Gegebenheiten abzufinden, bleibt ungebrochen. Der einzige, der wirklich Verständnis für das aufgeweckte Mädchen hat, ist der Nachbar Herr Kleinerz, der über die Streiche des Kindes auch lachen kann.

Lachen kann auf jeden Fall der Leser. Denn mit ihrer humorvollen Art gelingt Irmgard Keun in diesem nach achtzig Jahren noch erstaunlich frisch wirkenden Roman auch eine entlarvende Gesellschaftkritik.

Irmgard Keun: Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften. Kiepenheur & Witsch, Köln 2016. 206 Seiten, gebunden. 16,- €

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Stefan Bollmann unterbreitet geistreiche Lebenshilfe mit Goethe

9783421046802_CoverIch habe lange über den Buchtitel nachgedacht. Ob er passend ist oder gar selbst sinnlos. Allein damit hat er wohl seinen Zweck erfüllt. Denn natürlich ist ein Leben ohne Goethe nicht sinnlos. Stefan Bollmann zeigt vielmehr, wie man sein Leben auf der Grundlage von Goethes Leben und Werk reichhaltiger und eventuell glücklicher gestalten kann. Insofern müsste der Buchtitel eher lauten: Was wir von Goethe für unser Leben lernen können.

Der promovierte Germanist Stefan Bollmann, der bislang vor allem mit verschiedenen Büchern über Frauen, die lesen, Erfolg hatte, erweist sich im vorliegenden Band als profunder Goethekenner. Kenntnisreich zitiert er immer wieder an geeigneter Stelle aus Goethes Romanen, vornehmlich natürlich aus Die Leiden des jungen Werthers und Die Wahlverwandtschaften, aus seinen Theaterstücken, Gedichten und Briefen. Die Grundlage für diese unkonventionelle Besichtigung von Goethes Leben bildet die mit zahlreichen Beispielen belegte These, dass Goethe Architekt seines eigenen Lebens war: „Goethe ist ein Pionier des eigenen Lebens, der erste und bemerkenswerteste, den Deutschland hervorgebracht hat.“ Dabei streitet Goethe für ein tätiges Leben und zeigt zugleich, „dass es zwar kein Recht auf Glück gibt und Glück ohne Unglück nicht zu haben ist.“ Bollmann lädt uns zu acht Spaziergängen durch Goethes Leben ein, das er als Parklandschaft vor uns ausbreitet (eine entsprechende Karte ist auf das Vorsatzpapier gedruckt). Darin befinden sich unter anderem Werthers Grab, der Pfad der Kreativität, die Chemie der Leidenschaft, der Wandering Spirit und ganz wesentlich der Stein des guten Glücks, den man heute noch in Goethes Gartenhaus an der Ilm bewundern kann.

Man muss allerdings einwenden, dass Goethe selbst auch ein großer Egomane war, sodass es zumindest fragwürdig bleibt, inwieweit er tatsächlich als Vorbild taugt. Aber wenn Goethe seine erste und vielleicht einzige wahre, große Liebe Lilli Schönemann, mit der er sich 1775 in Frankfurt am Main verlobt, sitzen lässt, um sich als Künstler in Weimar zu verwirklichen, so ist das bezogen auf ein selbstbestimmtes Leben immerhin konsequent.

Das alles wird von Stefan Bollmann sehr kurzweilig aufbereitet. Obwohl man viel über Goethes Leben erfährt, ist das Buch ist keine Biographie. Obwohl viele kluge Ratschläge unterbreitet und begründet werden, ist es auch kein Lebenshilfebuch im einschlägigen Sinne. Es ist eine geistreiche und unterhaltsame Mischung aus beidem.

Stefan Bollmann: Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2016. 284 Seiten, gebunden. 19,99 €

Hermann-Josef Schüren lässt uns tief in eine versunkene Welt am Niederrhein eintauchen

JUNGE STIEREVor fünfzig Jahren sah die Welt am Niederrhein noch ganz anders aus. Hermann-Josef Schüren spürt ihr nach. Er lässt die längst versunkene Welt des dörflichen Lebens auf einem niederrheinischen Bauernhof aus dem Nebel der Erinnerungen aufsteigen. Auf der Grundlage intensiver autobiographischer Eindrücke und Erinnerungen, die er mit fiktiven Erlebnissen anreichert, gestaltet er einen großartigen Roman, der bei vielen Lesern die eigene Kindheit wieder lebendig werden lässt.

Hermann-Josef Schüren wurde 1954 in Kerken im Kreis Kleve geboren. In einem Dorf in der Nähe wuchs er auf, ehe er das Internat Collegium Augustianum Gaesdonck in Goch besuchte, aus dem bereits einige Schriftsteller hervorgegangen sind, wie Christoph Peters und Paul Ingendaay, die beide mit dem Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld ausgezeichnet wurden. Später studierte Schüren in Aachen, wo er 1988 in Philosophie promovierte und heute noch tätig ist. Bislang trat er vornehmlich als Kinderbuch- und Krimiautor in Erscheinung.

Schüren erzählt aus der Ich-Perspektive des zu Beginn des Romans etwa zehn Jahre alten Bauernsohns Jakob Schoepmann, der mit seinen älteren Brüdern am Dorfrand in einfachen Verhältnissen lebt. Jakob ist sensibel und das harte Landleben mit der ewigen Wiederkehr von Säen und Ernten, Aufziehen und Schlachten, Geburt und Tod macht ihm zu schaffen. Die angekündigte versprochene Schwester entpuppt sich als weiterer Bruder. Während die Mutter zumindest teilweise feinfühlig mit ihren Jungen umgeht, zeigt der Vater wenig Empathie für seinen zweitjüngsten Sohn. So bleibt Jakob ein Einzelgänger, der viel beobachtet. Aus seiner wertenden Perspektive werden die 60er Jahre, die auf dem Land noch besonderes den steifen Mief des Katholizismus und der Nachwehen des Nationalsozialismus atmeten, detailreich geschildert.

Schüren präsentiert eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Figuren aus der Verwandtschaft und der Nachbarschaft, die unterschiedliche Lebensentwürfe verfolgen und so einen breites Bild der Gesellschaft der damaligen Zeit zeichnen. Die unterdrückte Sexualität in der verklemmten Nachkriegsgesellschaft spielt ebenso eine große Rolle wie die Schatten der Vergangenheit, die Jakob sehr interessieren, deren Geheimnisse er aber seinem Vater nicht entlocken kann. Eine zentrale Rolle spielen zudem die Tiere. Kühe, Stiere, Schweine, Hühner, Kaninchen, Katzen und Tauben bestimmen den Alltag auf dem Bauernhof und konfrontieren Jakob immer wieder mit den grundsätzlichen Dingen des Lebens. Hinzu kommt der Glauben, durch den die Kirche dem Leben einen Sinn zu geben versucht. All dies verbindet Schüren mit eindrucksvollen Geschichten, wie der vom falschen Pfarrer, die allesamt dieser Zeitläufte verhaftet sind.

Jakob sucht die Nähe zu der blöden Mareike, einem Mädchen mit Hasenscharte, einer Außenseiterin im Dorf, der die „jungen Stiere“ in der Dunkelheit nachstellen und deren sexuellen Übergriffen sie schutzlos ausgeliefert ist. Jeder im Dorf wird es wissen, doch keiner redet darüber und keiner greift ein. Jakob selbst ist machtlos, findet aber schnell heraus, dass die blöde Mareike gar nicht blöd ist.

Seltsamerweise kommt die Schule in diesem Roman gar nicht vor, obwohl diese doch einen beachtlichen Teil der Kindheit in Anspruch nimmt und auch ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Schüren beschränkt sich ganz auf das Leben auf dem Bauernhof und seiner näheren Umgebung. Sprachlosigkeit prägt dieses derbe Landleben. Der anstehende Strukturwandel ist spür- und sichtbar. Die einst in ihren Traditionen verhaftete, aber intakte Dorfgemeinschaft beginnt sich aufzulösen. Aus sozialen Nachbarn werden egoistische Konkurrenten, die um das wirtschaftliche Überleben kämpfen.

Der Roman über Jakob und seine Brüder am Niederrhein umfasst etwa die Zeit von 1964 bis 1969. Genaue Daten werden nicht genannt. Nur anhand der beiden erwähnten Großereignisse, das WM-Endspiel England gegen Deutschland 1966 und die Mondlandung 1969, lassen sich konkrete Jahreszahlen festmachen. Jedes Kapitel erzählt eine eigene Geschichte. Doch fügen sich diese Episoden zu einem großen Ganzen zusammen. Das liegt an der chronologischen Reihenfolge und an geschickt eingebauten Leitmotiven, wie dem der tragischen Figur der blöden Mareike. Jakobs Kindheit endet mit seinem Entschluss, den elterlichen Hof zu verlassen und mit fünfzehn Jahren ins Internat zu gehen.

„Eine niederrheinische Elegie. Eine Hymne an das Leben.“, steht auf dem Rückumschlag des Buches. Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Mit diesem Roman zeigt Schüren eindrucksvoll, was Literatur im Unterschied zu einem Sachbuch leisten kann, und bewahrt ein Stück regionaler Gesellschaftsgeschichte vor dem Vergessen.

Hermann-Josef Schüren: Junge Stiere. Roman. Grenz-Echo Verlag (GEV), Eupen 2015. 270 Seiten, Integralbindung. 19,95 €

Hubert Schirneck und Sabine Wiemers präsentieren „Das geheimste Geheimnis der Welt“

Ein Geheimnis zu haben,Cover_Geheimnis_72 ist spannend. Es macht auch interessant und andere neugierig. Das merken Kinder schnell. Blöd ist es allerdings, wenn alle im Kindergarten ein Geheimnis haben außer einem selbst. So ist das bei Maya. Und deshalb stochert sie missmutig in ihrem Abendessen herum. Der Vorschlag ihrer Mutter, einfach so zu tun, als hätte man auch ein Geheimnis, hilft nicht weiter, wie Maya am nächsten Tag im Kindergarten erleben muss. Die anderen Kinder finden schnell heraus, dass Maya lügt. Deshalb träumt Maya schlecht. Am Morgen findet sie ein schönes Holzkästchen auf dem Küchentisch vor. Es sieht wahrhaftig aus wie eine kleine Schatztruhe. „Was ist da drin?“, fragt sie ihre Mutter. „Das ist ein Geheimnis.“, antwortet diese. Das Holzkästchen ist verschlossen. Maya möchte dieses Kästchen unbedingt besitzen und luchst es ihrer Mutter dank allerlei Versprechungen ab. Stolz präsentiert Maya das Kästchen im Kindergarten. Natürlich wollen alle wissen, was sich darin befindet. „Ein Geheimnis“, sagt Maya bestimmt. „Und zwar nicht irgendein Geheimnis. Es ist das geheimste Geheimnis der Welt.“ Was könnte das bloß sein? Die Kinder lassen ihrer Fantasie freien Lauf. Die Neugierde von Oskar ist so groß, dass er versucht, das Kästchen aufzubrechen. Doch Maya erwischt ihn noch rechtzeitig und lässt das Kästchen fortan nicht mehr aus den Augen. Zuhause überlegt sie selbst, ob sie das Kästchen öffnen soll. Es könnte natürlich auch eine Enttäuschung enthalten. Einen alten Popel etwa oder einen Zettel, auf dem steht „Otto hat in die Hose gemacht“. Hm. Was befindet sich denn nun wirklich in der kleinen Schatztruhe? Natürlich kann ich dieses Geheimnis nicht lüften, denn ist ja das geheimste Geheimnis der Welt.

Der vielfach ausgezeichnete Kinderbuchautor Hubert Schirneck versteht es, mit wenigen Worten und nur kurzen Beschreibungen eine große Geschichte zu erzählen. Sabine Wiemers hat das Buch ganz wunderbar illustriert. Geschickt unterstützt sie die Fantasie der Kinder, etwa in der Darstellung von Mayas Gedanken, ohne etwas vorwegzunehmen. Ihre Perspektive ist stets die der Kinder. In Kniebeuge gezeichnet, sozusagen. Und damit befindet sie sich auf Augenhöhe mit den Adressaten, mit denen man als Vorleser schnell ins Gespräch über geheime Sachen kommt.

Hubert Schirneck, Sabine Wiemers: Das geheimste Geheimnis der Welt. Tulipan Verlag, München2016. 36 Seiten Hardcover. Ab 3 Jahren. 14,95 €

„Angefangen wird mittendrin“ – Was macht eigentlich Ulrich Peltzer?

u1_978-3-10-060806-2Nach Herbert Genzmer, Andreas Mand, Gisbert Haefs und Christoph Peters präsentierte das Niederrheinische Literaturhaus Krefeld am gestrigen Abend mit Ulrich Peltzer zum fünften Mal einen Preisträger des Niederrheinischen Literaturpreises der Stadt Krefeld, um zu hören und zu sehen, was aus den einst Ausgezeichneten geworden ist. Glänzend moderiert wurde die Veranstaltung von Thomas Hoeps, selbst Autor und zugleich Leiter des Mönchengladbacher Kulturbüros.

2001 erhielt der 1956 in Krefeld geborene Schriftsteller den Niederrheinischen Literaturpreis. Schon seit 1975 lebt Ulrich Peltzer in Berlin, wo er zu einem „Urbanomanen“ geworden ist. Die Landschaft des Niederrheins löst daher keine Heimatgefühle mehr in ihm aus. Auch in Krefeld selbst fällt es ihm schwer – auch aufgrund der vielen Veränderungen in der Stadt -, sich emotionalisieren zu lassen. Gleichwohl wurde im Laufe des Gesprächs deutlich, wie bedeutsam Freundschaften, Erlebnisse und Geschichten aus seiner Krefelder Zeit sind und dass sie daher immer wieder Eingang in seine Texte finden.

In den dreizehn Jahren seit der Preisverleih sind die Erzählung Bryant Park (2002) und der Roman Teil der Lösung (2007) erschienen.  Beide Werke wurden außerordentlich viel beachtet und und mit weiteren Literaturpreisen gewürdigt. Außerdem veröffentlichte Peltzer 2011 seine Frankfurter Poetikvorlesungen mit dem programmatischen Titel Angefangen wird mittendrin. Zudem betätigt er sich seit einigen Jahren auch als Drehbuchautor für Spielfilme, so für Unter dir die Stadt mit Nicolette Krebitz. 2015 soll ein mit Film mit Isabelle Huppert in die Kinos kommen, an dem Peltzer ebenfalls mit geschrieben hat.

Übergreifendes Thema des Abends war der Bereich Literatur und Politik. Peltzer spürt in seinen Werken seit jeher politischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Veränderungen nach. Konsequenterweise spielt sein neuer Roman, der im Herbst 2015 publiziert werden soll, dann auch in mehreren Großstädten unserer globalisierten Welt. Der Auszug aus Das bessere Leben, den der Autor vortrug, führte in die brasilianische Metropole Sao Paulo. „Auf die richtigen Fragen haben wir immer die falschen Antworten gegeben“, antwortete Peltzer rückblickend auf das 20. Jahrhundert einem Zuhörer. Leider war die Zeit schon so weit fortgeschritten, dass weitere interessante Aspekte des Schaffens von Ulrich Peltzer nicht mehr behandelt werden konnten. Das Publikum regte eine zweite Veranstaltung zu einem späteren Zeitpunkt an. Ein sehr guter Vorschlag!

Zudem wurde deutlich, welchen großen kulturellen Gewinn die Stadt Krefeld hätte, wenn der Niederrheinische Literaturpreis wieder jährlich vergeben werden würde!

„Ostergewitter“ – Saskia Fischers beißende Vergangenheitsbewältigung

42280„Ich bin, bis auf den anhaltenden Durchfall als Baby und den Verkehrsunfall, nie ernsthaft krank gewesen, und doch kommt mir meine Kindheit vor wie eine einzige Krankheit.“ Was für ein böses Fazit. Mit einer immer wieder leicht ironisch durchbrochenen Bitterkeit lässt Saskia Fischer ihre Ich-Erzählerin Aleit ihr bisheriges Leben schonungslos durchleuchten: ihre Kindheit in der DDR und die Übersiedlung in den Westen. Die ganze Familie kommt auf den Prüfstand und wird gnadenlos auseinander genommen. Es ist eine Abrechnung mit der lieblosen, egoistischen Mutter, dem Missbrauch durch den Stiefvater, dem getrübten Verhältnis zur Halbschwester und die Entfremdung vom eigenen Ehemann. Nur die eigene Tochter wird liebevoll betrachtet. Der Roman ist eine unversöhnliche Suada, ein Monolog, in dem die Ich-Erzählerin ihr Leben Revue passieren lässt, während sie die aktuellen Ereignisse, beginnend am Ostersonntag über acht Tage beschreibt. Auslöser ist ein epileptischer Anfall, der Aleit ins Krankenhaus bringt. Dieses Gewitter im Kopf löst zahlreiche Erinnerungen aus, die Saskia Fischer in einer Prosa erzählt, die große Sogkraft entwickelt, sodass man den Roman trotz vordergründig wenig Handlung, aber zahlreichen scharfen Reflektionen, unbedingt weiterlesen möchte. Das Ganze ist so eindrucksvoll geschrieben und mit so vielen Details, vor allem aus der DDR-Zeit, gespickt, dass man schnell den Verdacht hegt, dass diese befreiende Brandrede, die in Teilen eben auch ein Wenderoman ist, stark autobiografisch geprägt ist. Ein Vergleich des Lebenslaufes der Ich-Erzählerin und der Autorin untermauert diese Vermutung. Saskia Fischer wurde 1971 in Schlema im Erzgebirge geboren und wuchs in der DDR auf. 1986 übersiedelte sie nach Nordrhein-Westfalen, wo sie ihr Abitur ablegte. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaften – die Protagonistin dagegen Geschichte -, in Bochum, brach das Studium jedoch ab und lebt nun seit vielen Jahren in Berlin.

„Heimat, denke ich, ist reines Sentiment und nichts als der Blick zurück“, heißt es an einer Stelle im Roman. Vielleicht muss so die nüchterne, konsequente Schlussfolgerung einer Person mit einer derartigen Lebensgeschichte lauten. Das Ostergewitter, das Aleit auf ihre Familienmitglieder niederprasseln lässt, hat zumindest eine reinigende Wirkung. Nachträglich wird der Stiefvater angeschwärzt, ihre Tochter wird ihm nach dem ersten Annäherungsversuch sofort entzogen und auch die Trennung von ihrem Ehemann scheint beschlossene Sache.

Saskia Fischer hatte sich bislang auf der Grundlage mehrerer großartiger Gedichtbände, zuletzt Scharmützelwetter (Suhrkamp Verlag, 2008), einen Namen als Lyrikerin gemacht. Ostergewitter zeigt, dass sie auch eine bemerkenswerte Prosaautorin ist. Wir dürfen auf ihre weiteren Werke sehr gespannt sein.

Saskia Fischer: Ostergewitter. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 196 Seiten, gebunden. 19,95 €. 

„Eigentlich Heimat“ – 29 Autorinnen und Autoren erzählen von Nordrhein-Westfalen

Cover_EIGENTLICH HEIMAT_Lilienfeld Verlag 2014Welches Verhältnis entwickeln wir zu Orten, die unsere Identität in der Kindheit oder im gegenwärtigen Leben prägen? Dieser Frage gingen 29 Autorinnen und Autoren aus Nordrhein-Westfalen auf Einladung der Kunststiftung NRW nach, die ihr 25-jähriges Jubiläum feiert. Herausgekommen sind ganz unterschiedliche Texte ganz unterschiedlicher Provenienz, die einen Einblick in das Leben gestern und heute im Rheinland und Westfalen geben, aber keineswegs Repräsentativität beanspruchen können. Das liegt auch daran, dass einige Regionen relativ häufig in den Texten auftauchen, so seltsamerweise das verregnete Wuppertal, und andere gar nicht. Insgesamt deckt die Auswahl die Landkarte von NRW jedoch ganz gut ab. Ziel war es ja auch weniger, die regionale Vielfalt als vielmehr die literarische Vielfalt dieses Bundeslandes aufzuzeigen. Und die spiegelt sich zweifelsohne in den 29 Prosatexten wider:

Autoren, die nicht mehr in NRW leben, legen zumeist Kindheitserinnerungen vor, wie Markus Orts in „Die Damalswelt“, die für ihn in Viersen verortet ist. Marie T. Martin dagegen imaginiert auf der Grundlage der Erzählungen ihrer Kommilitonin eine ihr fremde Heimatstadt: Wuppertal. Hanna Lemke, die wiederum tatsächlich aus Wuppertal stammt, beschreibt nachdrücklich ihre tristen Erfahrungen, die sie zwei Semester lang in Siegen sammeln musste, bevor sie diese Stadt wieder verließ. Marc Degens nähert sich seiner Heimatstadt Dorsten in einem Tryptichon aus Gedicht, Selbstauskunft und einer Grafitti-Collage. Von Marion Poschmann gibt es leider nur einen feuilletonistischen Beitrag über einen Trip nach Bad Münstereifel, der vor einigen Jahren bereits in der Frankfurter Allgemeinen erschienen ist. Gerade von dieser herausragenden Autorin hätte ich mir einen anspruchsvolleren Text gewünscht. Die jüngst für ihren Roman Am Fluss sehr gelobte Autorin Esther Kinsky nimmt uns mit nach Römlinghoven, einem verwunschenen Ort irgendwo bei Bonn. Ihr einfühlsamer und unprätentiöser Text lässt eine Kindheit am Rande einer Kiesgrube wieder lebendig werden, mit Hordenkindern, einer Gemüsefrau und präsenten Großeltern. Das Besondere an diesem Beitrag: er weckte bei mir längst vergessen geglaubte Erinnerungen an meine eigene Kindheit.

Barbara Köhler beschreibt den kleinen Duisburger See „Entenfang“ als einen aus der Zeit gefallenen Ort mitten im Ruhrgebiet. Frank Goosens Geschichte „Das schöne Mädchen vom Werkstoffhof“ spielt natürlich in Bochum und zeigt in seiner schnodderigen Art, wie in einer hässlichen Straße und an einem absolut unromatischen Ort wie einem Wertstoffhof durch zwischenmenschliche Nähe Schönheit und Romantik Einzug halten können. Sehr detailreich sind die Erinnerungen von Christoph Peters an seinen Heimatort Hönnepel am linken Niederrhein. Differenziert reflektiert er die Veränderungen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten dort in der Landwirtschaft, der Architektur und der Nachbarschaft vollzogen haben. Um zu der Feststellung zu gelangen, dass Hönnepel „mein Zuhause war und nicht ist“.

Diese Beispiele mögen genügen um zu zeigen, dass dieser Band einen bunten Strauß von Geschichten über das bevölkerungsreichste Bundesland bietet. Die gediegene Provinz kommt dabei häufig vor. Ich vermisse etwas härtere Geschichten aus dem Großstadt-Dschungel von Köln und Düsseldorf oder dem Ruhrgebiet. Und ich hätte mir insgesamt etwas mehr literarischen Tiefgang gewünscht. Aber  lesenswert ist diese Anthologie allemal!

Eigentlich Heimat. Nordrhein-Westfalen literarisch. Herausgegeben von Bettina Fischer und Dagmar Fretter. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2014. 224 Seiten, gebunden. 16,90 €
(Schriftenreihe der Kunststiftung NRW Literatur, Band 3)