Herausragende Gedichtinterpretationen zur Lyrik von Jan Wagner

IMG_3067Jan Wagner, Jahrgang 1971 und Büchner-Preisträger des letzten Jahres, ist zweifellos der populärste lebende deutschsprachige Lyriker. Erstmals richtig ins Rampenlicht der Öffentlichkeit rückte er, als ihm 2015 als bislang einzigem Autor der Preis der Leipziger Buchmesse für einen Lyrikband zugesprochen wurde, nämlich für das Buch Regentonnenvariationen, das sich in der Folge zu einem veritablen Bestseller entwickelte, von dem sogar eine Taschenbuchausgabe aufgelegt wurde.

Inzwischen ist Jan Wagner auch von der Germanistik entdeckt worden.  Das vorliegende Buch gibt ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was sie allen verstaubten Vorurteilen zum Trotz, zu leisten vermag. Die Herausgeber Christoph Jürgensen und Sonja Klimek haben fünfzehn Interpreten versammelt, die jeweils ein Gedicht von Jan Wagner analysieren. Die Beiträge sind dabei chronologisch nach dem Erscheinungsdatum der Gedichte geordnet. Rüdiger Zymer eröffnet diesen herausragenden Band mit einer detailreichen Interpretation von Wagners lyrischem Text „Nature morte“ aus dessen erstem Gedichtband Probebohrung im Himmel. Kenntnisreich untersucht Zymer den Text auf den Ebenen von Motivik, Metaphorik sowie der Strophen-, Reim- und Klangformen und verdeutlicht, welche kunstfertige Lyrik Jan Wagner geschaffen hat. Alle Interpreten arbeiten die bisherige Sekundärliteratur zu ihrem ausgewählten Gedicht auf und ein, stellen mögliche Lesarten nebeneinander und erweitern so beim Leser nachhaltig den Blick auf Lyrik und natürlich speziell die von Jan Wagner. Wer diesen Autor bislang als unpolitischen Naturdichter abgetan hat, wird nach der Lektüre dieses Sammelband ganz sicher anderer Meinung sein.

Konsequent steht Wagners Gedicht „Selbstporträt mit Bienenschwarm“ wie bei ihm selbst auch hier am Ende des Buches. All seine Lyrik kulminiert quasi in diesem poetologischen Text, den Johannes Görbert unter dem Titel „Vom Aufgehen des Lyrikers in seiner Kunst“ mit Bezügen zur mittelalterlichen Ikonographie und der Darstellung der Biene als Wappentier der Poesie eindrucksvoll erläutert. Ärgerlich ist jedoch, dass dieses vierstrophige Gedicht falsch als zusammenhängender Textblock gesetzt und zudem noch mit einer fehlerhaften Zeilenzählung versehen wurde.

Das einzige, was ich vermisst habe, sind nähere Angaben zu den Verfassern. Einige Aufsätze sind so brillant, dass ich neugierig auf den Autor bzw. die Autorin geworden bin. Man kann sich nur weitere Bände derartiger Qualität zu anderen Lyrikerinnen und Lyrikern wünschen.

Werbung: Christoph Jürgensen / Sonja Klimek (Hrsg.): Gedichte von Jan Wagner. Interpretationen. mentis Verlag, Münster 2017. 260 Seiten, broschiert. 29,80 €

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poet – Das formidable deutschsprachige Literaturmagazin

poet 11.neu.inddIm Frühjahr 2006 veröffentlichte der bis dato unbekannte Verlag poetenladen aus der Buchstadt Leipzig die erste Ausgabe seiner Zeitschrift poet[mag]. Schlicht und wenig auffällig im Design schien dies eine der vielen idealistischen Versuche zu sein, sich selbst als Literaturverleger dazustellen. Das Layout, das keine Spur eines experimentellen Newcomers zeigte, bewirkte eine Konzentration auf das Wesentliche: den Text. Wie viele Ausgaben sollte man diesem Versuch geben? Drei, vier höchstens wohl aber sechs; dann würde auch dieses Magazin nur noch in Antiquariaten zu finden sein. Weit gefehlt. Fünfeinhalb Jahre später hat der unermüdliche Verleger Andreas Heidtmann um dieses Magazin und seine Internetseite www.poetenladen.de mit beeindruckender Beharrlichkeit einen Verlag etabliert, der Preisträger hervorbringt und von den großen Feuilletons ernst genommen wird.

Im Herbst 2011 ist inzwischen die 11. Ausgabe der Zeitschrift des poetenladen erschienen. Sie heißt nun nur noch poet und im Untertitel literaturmagazin. Das Format wurde ein wenig vergrößert: vom Taschenbuch auf DIN A5. Auch der Umfang wurde erweitert: von seinerzeit 176 auf stattliche 297 Seiten. Die neuste Ausgabe enthält zudem erstmals Illustrationen. Dabei konnte der Preis fast gehalten werden: 9,80 € statt vormals 8,80 €. Um es vorweg zu nehmen: in der unübersichtlichen Szene der zumeist kurzlebigen deutschsprachigen Literaturzeitschriften hat Andreas Heidtmann den poet ganz weit nach vorne gebracht. Trotz des Erfolges seiner Webseite lässt er es sich nicht nehmen, ein Magazin zu produzieren, das aktuell und vielfältig der Literatur der Gegenwart ein Forum bietet, das man nicht einfach anklickt, sondern als gutes Buch zum Blättern und Schmökern einlädt.

Das Heft ist in fünf formale Kapitel gegliedert und beginnt mit neuen Gedichten. Neben bewährten Autoren wie Uwe Kolbe, Dirk von Petersdorff sowie Anne Dorn präsentiert das Heft vor allem junge Lyrik von aufstrebenden Talenten. Darunter Tim Holland, Jahrgang 1987, der mit variantenreichen Formen, insbesondere durch teilweise mehrspaltig gesetzte Texte, überzeugt. Zudem stechen die Gedichte von Martina Weber („die träume, unsere wut hatte noch keine richtung gefunden, / einen verwertungszusammenhang schon gar nicht“) und Ulrich Koch („gäbe es Freunde / ihre Namen wären durchgestrichen“) hervor. Insgesamt eine lesenswerte Auswahl aktueller Lyrikproduktionen.

Der zweite Abschnitt besticht mit vierzehn deutschsprachigen Gedichten verschiedener Autorinnen und Autoren, die abwechselnd von Michael Buselmeier und Michael Braun vortrefflich kommentiert werden. Die beiden haben sich in den letzten zwanzig Jahren mit diesem Projekt einen Namen gemacht, insbesondere seit die Sammlung von 100 dieser kommentierten Gedichte 2009 im poetenladen unter dem Titel „Der gelbe Akrobat“ erschienen ist. Dieses Unterfangen beschränkt sich im Gegensatz zur ähnlich konzipierten Frankfurter Anthologie von Marcel Reich-Ranicki auf Autorinnen und Autoren der Gegenwart. Zudem wird von jedem Verfasser nur ein Gedicht besprochen. Dieses nutzen Braun und Buselmeier dann gekonnt als pars pro toto, um den Lyriker mit den Grundzügen seines Werkes vorzustellen. Der poet bringt die ersten sechs Neuen Folge des gelben Akrobaten, darunter auch Entdeckungen wie den bislang unbekannten Lyriker Levin Westermann  sowie acht Gedichte und Kommentare, die seinerzeit in der Buchausgabe keinen Platz erhielten. Hervorzuheben ist hier die Würdigung von Kerstin Preiwuß aus dem Jahre 2008, die das feine Gespür von Braun und Buselmeier für aktuelle Tendenzen in der Lyrik zeigt, denn 2012 wird der zweite Gedichtband dieser Autorin nun im Suhrkamp Verlag erscheinen. Aus dem Rahmen fällt dagegen die Kommentierung eines Gedichtes von Elisabeth Langgässer (1899-1950), die man schwerlich noch als Gegenwartsautorin gelten lassen kann.

Die zweite Hälfte des Literaturmagazins ist neuer Prosa, Interviews und Reportagen vorbehalten. Es gibt neue Geschichten beziehungsweise Textauszüge der bereits mehrfach ausgezeichneten Autoren Markus Orths und Michael Stavaric sowie Texte von Newcomern wie Lisa Vera Schwabe und Marc Oliver Rühle. Sie decken ein breites Spektrum ab und dienen gut als Appetitanreger, um sich eventuell mit dem einen oder anderen Autor näher zu beschäftigen. Die Gespräche drehen sich allesamt um das Thema Literatur und Zeit. Einige wurden per E-Mail geführt, sodass sie über das klassische Interview hinausreichen. Etwas ungewöhnlich ist, dass der Schriftsteller Jan Kuhlbrodt seine Frau Martina Hefter befragt. Eine schöne Idee sind die abschließenden Reportagen, die über Literaturstätten berichten. Katharina Bendixen besucht verschiedene Orte, an denen Stipendiaten arbeiten, und Johanna Hemkentokrax begibt sich auf eine literarische Café- und Kneipentour.

Leider treibt der Druckfehlerteufel immer noch über Gebühr sein Unwesen im poetenladen. Besonders ärgerlich war sein Wirken in der 1. Auflage von „Der gelbe Akrobat“. Aber auch in diesem Heft hat er sich in Primärtexte eingeschlichen. So muss es beispielsweise in Harald Hartungs Gedicht heißen „SOS, die Emden“ (statt „Emde“), worüber man beim Lesen gleich stolpert, weil der Reim holpert. Doch dieses Problem wird der Verlag sicherlich auch noch in den Griff bekommen. Die Nummer 11 des Halbjahresmagazins poet schürt jedenfalls – auch dank der außerordentlich gut passenden Illustrationen von Miriam Zedelius – hohe Erwartungen an die kommenden Ausgaben. Und wie der Herausgeber selbst in seinem Editorial anmerkt: „Literaturzeitschriften sind – im Vergleich zur flimmernden Rastlosigkeit des Internets – ein ästhetisches Mehr.“

poet Nr. 11. Literaturmagazin. Herausgegeben von Andreas Heidtmann. poetenladen, Leipzig 2011. 297 Seiten, broschiert. 9,80 €. ISBN 978-3-940691-27-9

P.S.: Inzwischen ist bereits Heft 15 erschienen! Alle Hefte sind weiterhin sehr empfehlenswert!