Hermann-Josef Schüren lässt uns tief in eine versunkene Welt am Niederrhein eintauchen

JUNGE STIEREVor fünfzig Jahren sah die Welt am Niederrhein noch ganz anders aus. Hermann-Josef Schüren spürt ihr nach. Er lässt die längst versunkene Welt des dörflichen Lebens auf einem niederrheinischen Bauernhof aus dem Nebel der Erinnerungen aufsteigen. Auf der Grundlage intensiver autobiographischer Eindrücke und Erinnerungen, die er mit fiktiven Erlebnissen anreichert, gestaltet er einen großartigen Roman, der bei vielen Lesern die eigene Kindheit wieder lebendig werden lässt.

Hermann-Josef Schüren wurde 1954 in Kerken im Kreis Kleve geboren. In einem Dorf in der Nähe wuchs er auf, ehe er das Internat Collegium Augustianum Gaesdonck in Goch besuchte, aus dem bereits einige Schriftsteller hervorgegangen sind, wie Christoph Peters und Paul Ingendaay, die beide mit dem Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld ausgezeichnet wurden. Später studierte Schüren in Aachen, wo er 1988 in Philosophie promovierte und heute noch tätig ist. Bislang trat er vornehmlich als Kinderbuch- und Krimiautor in Erscheinung.

Schüren erzählt aus der Ich-Perspektive des zu Beginn des Romans etwa zehn Jahre alten Bauernsohns Jakob Schoepmann, der mit seinen älteren Brüdern am Dorfrand in einfachen Verhältnissen lebt. Jakob ist sensibel und das harte Landleben mit der ewigen Wiederkehr von Säen und Ernten, Aufziehen und Schlachten, Geburt und Tod macht ihm zu schaffen. Die angekündigte versprochene Schwester entpuppt sich als weiterer Bruder. Während die Mutter zumindest teilweise feinfühlig mit ihren Jungen umgeht, zeigt der Vater wenig Empathie für seinen zweitjüngsten Sohn. So bleibt Jakob ein Einzelgänger, der viel beobachtet. Aus seiner wertenden Perspektive werden die 60er Jahre, die auf dem Land noch besonderes den steifen Mief des Katholizismus und der Nachwehen des Nationalsozialismus atmeten, detailreich geschildert.

Schüren präsentiert eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Figuren aus der Verwandtschaft und der Nachbarschaft, die unterschiedliche Lebensentwürfe verfolgen und so einen breites Bild der Gesellschaft der damaligen Zeit zeichnen. Die unterdrückte Sexualität in der verklemmten Nachkriegsgesellschaft spielt ebenso eine große Rolle wie die Schatten der Vergangenheit, die Jakob sehr interessieren, deren Geheimnisse er aber seinem Vater nicht entlocken kann. Eine zentrale Rolle spielen zudem die Tiere. Kühe, Stiere, Schweine, Hühner, Kaninchen, Katzen und Tauben bestimmen den Alltag auf dem Bauernhof und konfrontieren Jakob immer wieder mit den grundsätzlichen Dingen des Lebens. Hinzu kommt der Glauben, durch den die Kirche dem Leben einen Sinn zu geben versucht. All dies verbindet Schüren mit eindrucksvollen Geschichten, wie der vom falschen Pfarrer, die allesamt dieser Zeitläufte verhaftet sind.

Jakob sucht die Nähe zu der blöden Mareike, einem Mädchen mit Hasenscharte, einer Außenseiterin im Dorf, der die „jungen Stiere“ in der Dunkelheit nachstellen und deren sexuellen Übergriffen sie schutzlos ausgeliefert ist. Jeder im Dorf wird es wissen, doch keiner redet darüber und keiner greift ein. Jakob selbst ist machtlos, findet aber schnell heraus, dass die blöde Mareike gar nicht blöd ist.

Seltsamerweise kommt die Schule in diesem Roman gar nicht vor, obwohl diese doch einen beachtlichen Teil der Kindheit in Anspruch nimmt und auch ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Schüren beschränkt sich ganz auf das Leben auf dem Bauernhof und seiner näheren Umgebung. Sprachlosigkeit prägt dieses derbe Landleben. Der anstehende Strukturwandel ist spür- und sichtbar. Die einst in ihren Traditionen verhaftete, aber intakte Dorfgemeinschaft beginnt sich aufzulösen. Aus sozialen Nachbarn werden egoistische Konkurrenten, die um das wirtschaftliche Überleben kämpfen.

Der Roman über Jakob und seine Brüder am Niederrhein umfasst etwa die Zeit von 1964 bis 1969. Genaue Daten werden nicht genannt. Nur anhand der beiden erwähnten Großereignisse, das WM-Endspiel England gegen Deutschland 1966 und die Mondlandung 1969, lassen sich konkrete Jahreszahlen festmachen. Jedes Kapitel erzählt eine eigene Geschichte. Doch fügen sich diese Episoden zu einem großen Ganzen zusammen. Das liegt an der chronologischen Reihenfolge und an geschickt eingebauten Leitmotiven, wie dem der tragischen Figur der blöden Mareike. Jakobs Kindheit endet mit seinem Entschluss, den elterlichen Hof zu verlassen und mit fünfzehn Jahren ins Internat zu gehen.

„Eine niederrheinische Elegie. Eine Hymne an das Leben.“, steht auf dem Rückumschlag des Buches. Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Mit diesem Roman zeigt Schüren eindrucksvoll, was Literatur im Unterschied zu einem Sachbuch leisten kann, und bewahrt ein Stück regionaler Gesellschaftsgeschichte vor dem Vergessen.

Hermann-Josef Schüren: Junge Stiere. Roman. Grenz-Echo Verlag (GEV), Eupen 2015. 270 Seiten, Integralbindung. 19,95 €

Hubert Schirneck bot „Matratzen zum Frühstück“

IMG_1333Zum 13ten Mal heißt es für Kinder ab 8 Jahren in Krefeld Ohren aufgeklappt! Den Auftakt im Niederrheinischen Literaturhaus gestaltete Hubert Schirneck, der eigens aus Weimar nach Krefeld gekommen war, wo er 1993 den Niederrheinischen Literaturpreis erhalten hatte. Ein alter Bekannter gab sich somit die Ehre. Er bannte seine Zuhörer, insbesondere eine Klasse 5 der Realschule Horkesgath, mit Auszügen aus seinem Buch „Matratzen zum Frühstück oder Die erste intergalaktische Fußballweltmeisterschaft“ (Wurmloch Verlag, 2014). Was ursprünglich als mehrteilige Radiobeitrag anlässlich einer WM entstanden war, klang immer noch frisch und höchst amüsant.

hubert-schirneck-silvia-neid-matratzen-zum-frühstück-oder-die-erste-intergalaktische-fußballweltmeisterschaft-coverNachdem Astronauten auf einem Planeten Aliens entdeckt haben, die auch Fußball spielen, suchen Menschen nach mehr Außerirdischen, die sie zur ersten intergalaktischen Weltmeisterschaft auf die Erde einladen können. Das wird schließlich eine sehr spannende Veranstaltung, auch wenn sich die fünfbeinigen Kicker vom Planeten Klardemox als nahezu unschlagbar erweisen. Die Begleitumstände führen nämlich zu allerlei Verwicklungen. So ernähren sich die Bewohner des Planeten Weißachsoweiß ausschließlich von Matratzen und Bilderrahmen, weshalb sie nach kurzer Zeit Museumsverbot in Deutschland erhalten. Als besonders schwierig erweist sich die Kommunikation mit den Gegenteilmenschen, die alles anders sagen als sie meinen. Und auch die Irgendwas-Aliens, die nur irgendwas wollen oder eben auch irgendwas anderes, machen den WM-Ausrichtern das Leben nicht gerade einfach. Höchst umstritten ist insbesondere die Abseitsregel, die auf jedem Planeten anders lautet. Als auch noch der Fußballgott ins Geschehen eingreift … beendet Hubert Schirneck seine in hohem Maße die Fantasie anregende Lesung.

Die Kinder waren begeistert, stellten noch viele Fragen an den Schriftsteller, der diese geduldig beantwortete, und holten sich ausnahmslos ein Autogramm. Ein höchst gelungener Auftakt der Literaturwoche, die noch bis zum 17. März dauert und mit Angelika Glitz, Brigitte Werner und Klaus-Peter Hufer noch drei weitere interessante Kinderbuchautoren präsentieren wird.

„Den Vorhang öffnen“ – Liesel Willems ist nächster Gast bei „1 Gedicht und mehr“

willems„1 Gedicht und mehr“ von Liesel Willems steht im Mittelpunkt des nächsten Lyrikabends im Niederrheinischen Literaturhaus Krefeld an der Gutenbergstraße 21 am Donnerstag,  dem 25. Februar 2016 , um 20 Uhr. Gemeinsam mit der Krefelder Lyrikerin werde ich in einem Wechselspiel aus Lesung und Gespräch ihre Gedichte näher betrachten.
Bei Liesel Willems gibt es keine besonderen Wortneuschöpfungen, verdrehte Wendungen oder ambitionierte Wortspiele, die deutlich machen, hier kommt moderne Lyrik. Nein, Effekthascherei und Aufmerksamkeit erheischen ist nicht die Sache von Liesel Willems. Im Gegenteil, ihre Lyrik kommt stets ganz unaufgeregt, leise und fast unscheinbar daher.  Das ist jedoch ein Understatement, denn in ihren Gedichten sitzt jedes Wort, ist jede Wortstellung genau austariert.
Liesel Willems wurde 1950 in Krefeld geboren und ist dort aufgewachsen. Nach Zwischenstationen in Köln, Aachen und Rom kehrte sie zurück an den Niederrhein. Menschen bilden den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen; Erlebnisse mit Kindern und auf Reisen fängt sie in lyrischer Poesie ein. Ihren ersten Gedichtband veröffentlichte sie 1988 im Sassafras Verlag, ihre erste Kindergeschichte 1992. Zuletzt erschien von ihr im IATROS-Verlag der Gedichtband „Den Vorhang öffnen“. 2014 erhielt sie den Postpoetry-Preis für Lyrik.

„Angefangen wird mittendrin“ – Was macht eigentlich Ulrich Peltzer?

u1_978-3-10-060806-2Nach Herbert Genzmer, Andreas Mand, Gisbert Haefs und Christoph Peters präsentierte das Niederrheinische Literaturhaus Krefeld am gestrigen Abend mit Ulrich Peltzer zum fünften Mal einen Preisträger des Niederrheinischen Literaturpreises der Stadt Krefeld, um zu hören und zu sehen, was aus den einst Ausgezeichneten geworden ist. Glänzend moderiert wurde die Veranstaltung von Thomas Hoeps, selbst Autor und zugleich Leiter des Mönchengladbacher Kulturbüros.

2001 erhielt der 1956 in Krefeld geborene Schriftsteller den Niederrheinischen Literaturpreis. Schon seit 1975 lebt Ulrich Peltzer in Berlin, wo er zu einem „Urbanomanen“ geworden ist. Die Landschaft des Niederrheins löst daher keine Heimatgefühle mehr in ihm aus. Auch in Krefeld selbst fällt es ihm schwer – auch aufgrund der vielen Veränderungen in der Stadt -, sich emotionalisieren zu lassen. Gleichwohl wurde im Laufe des Gesprächs deutlich, wie bedeutsam Freundschaften, Erlebnisse und Geschichten aus seiner Krefelder Zeit sind und dass sie daher immer wieder Eingang in seine Texte finden.

In den dreizehn Jahren seit der Preisverleih sind die Erzählung Bryant Park (2002) und der Roman Teil der Lösung (2007) erschienen.  Beide Werke wurden außerordentlich viel beachtet und und mit weiteren Literaturpreisen gewürdigt. Außerdem veröffentlichte Peltzer 2011 seine Frankfurter Poetikvorlesungen mit dem programmatischen Titel Angefangen wird mittendrin. Zudem betätigt er sich seit einigen Jahren auch als Drehbuchautor für Spielfilme, so für Unter dir die Stadt mit Nicolette Krebitz. 2015 soll ein mit Film mit Isabelle Huppert in die Kinos kommen, an dem Peltzer ebenfalls mit geschrieben hat.

Übergreifendes Thema des Abends war der Bereich Literatur und Politik. Peltzer spürt in seinen Werken seit jeher politischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Veränderungen nach. Konsequenterweise spielt sein neuer Roman, der im Herbst 2015 publiziert werden soll, dann auch in mehreren Großstädten unserer globalisierten Welt. Der Auszug aus Das bessere Leben, den der Autor vortrug, führte in die brasilianische Metropole Sao Paulo. „Auf die richtigen Fragen haben wir immer die falschen Antworten gegeben“, antwortete Peltzer rückblickend auf das 20. Jahrhundert einem Zuhörer. Leider war die Zeit schon so weit fortgeschritten, dass weitere interessante Aspekte des Schaffens von Ulrich Peltzer nicht mehr behandelt werden konnten. Das Publikum regte eine zweite Veranstaltung zu einem späteren Zeitpunkt an. Ein sehr guter Vorschlag!

Zudem wurde deutlich, welchen großen kulturellen Gewinn die Stadt Krefeld hätte, wenn der Niederrheinische Literaturpreis wieder jährlich vergeben werden würde!

„Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln“ – Was macht eigentlich Christoph Peters?

Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln von Christoph PetersGleich zwei große Namen gaben sich im Rahmen der Reihe „Was macht eigentlich …?“ am heutigen Abend die Ehre im Niederrheinischen Literaturhaus Krefeld: der 1999 mit dem Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld ausgezeichnete Schriftsteller Christoph Peters und der Literaturkritiker der Wochenschrift Die Zeit Hubert Winkels, der außerdem durch seine zahlreichen Fernsehauftritte in der Kulturzeit bekannt ist.  Dem Bekanntheitsgrad entsprechend war der Vortragsraum im Otto-Brües-Haus ausverkauft.

Vor fünfzehn Jahren erhielt Peters den Literaturpreis. Er lebt längst nicht mehr in der Region, sondern wie so viele zeitgenössische Schriftsteller in Berlin. Doch diese Reihe zeigt, wie wichtig sie für den Niederrhein ist. Bereitwillig erzählte Christoph Peters von seiner Kindheit im 390 Seelen-Dorf Hönnepel bei Kalkar, wo er 1966 geboren wurde, von seiner Zeit im katholischen Internat Collegium Augustinianum Gaesdonck und wie dieser Raum ihn prägte. Es sprudelte geradewegs aus Peters heraus:  eloquente Ausführungen über die Melancholie der weiten niederrheinischen Landschaft und seine persönliche Gegenbewegung im alpinen Schullandhein durch die Bergbesteigung als Gottesannäherung. Den geschickten Impulsen von Hubert Winkels war es zu verdanken, dass der rote Faden der Veranstaltung nie verloren ging. Auf die Frage, was denn den Niederrheiner auszeichne, antwortete Peters mit einem Zitat seines Kunstlehrers und Beuys-Förderers Franz Josef  van der Grinten: „Der Niederrheiner hat Liberalität gepaart mit Grundsätzlichkeit.“

Einen anderen thematischen Schwerpunkt der Abends bildete Peters Faszination für den Orient, wie sie sich insbesondere in seinem Roman „Ein Tuch aus Nacht“ manifestiert. Er beschrieb die geometrische und florale Ornamentik als Zeichen für eine geordnete Welt und die Frage nach dem Religiösen, die ihn seit seiner Jugend umtreibt.

Wohltuend gelassen leitete Winkels weiter zu Peters intensiver Beschäftigung mit der japanischen Kultur, an der den Autor besonders die Spiritualität des ästhetischen Handelns interessiert und die bereits als Leitmotiv in zwei Romanen auftaucht. So auch in seinem neuen Roman Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln. Der Auszug daraus, den Peters abschließend vortrug, überraschte und überzeugte gleichermaßen durch seinen humoristischen Zugriff auf das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Kulturen.

Der Abend machte neugierig auf die Bücher von Christoph Peters, die man noch nicht gelesen hat. Und er unterstrich eindrucksvoll das überzeugende Konzept dieser Veranstaltungsreihe. Die Stadt Krefeld vergisst ihre Preisträger nicht, sondern interessiert sich für deren weiteren Werdegang und ihren Blick auf den Niederrhein. Nach  Herbert Genzmer, Andreas Mand und Gisbert Haefs war Christoph Peters nun der vierte Autor, mit dem dieser Kontakt gepflegt wurde. Zudem wurde deutlich, welchen großen kulturellen Gewinn die Region hätte, wenn der Niederrheinische Literaturpreis wieder jährlich vergeben würde!

Christoph Peters: Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2014. 224 Seiten, gebunden. 18,99 €.

„Schmugglerpfade“ – bilateral betreten von Thomas Hoeps und Jac. Toes

schmugglerpfadeEs sind keine ausgetretenen Pfade, denen die Beiträge dieser Anthologie mit Kriminalstorys folgen, sondern verschlungene, teilweise bereits vergessene, überwucherte und auch neue Wege. Die Sammlung mit Kurzgeschichten über das Schmuggeln im deutsch-niederländischen Grenzbezirk überrascht durch seine fundierte Konzeption. Der Krefelder Thomas Hoeps und der Niederländer Jac. Toes, die sich mit drei grenzübergreifenden Kriminalromanen bereits auf beiden Seiten des Schlagbaums einen Namen gemacht haben, recherchierten ausführlich die Geschichte des Schmuggels zwischen den beiden Nachbarländern seit 1818. Die Anordnung der 16 Texte, je acht von deutschen und von niederländischen Autoren, ist chronologisch, beginnt zur Zeit des Ersten Weltkriegs („Die Syphilis kennt keine Grenzen!“ von Richard Birkefeld) , verfolgt die besondere Lage während des Zweiten Weltkriegs, behandelt schwerpunktmäßig die letzten Jahrzehnte und blickt schließlich bis ins Jahr 2048. Das dystopische Zukunftsszenario beschreibt Nina George in ihrer beklemmenden Story „Just in time“ über die Auswüchse eines Menschen verachtenden, illegalen Organhandels.

Sehr ambitioniert geht Mitherausgeber Thomas Hoeps ans Werk. Seine Geschichte „Unzählbar all jene, die zurückbleiben mussten“ erzählt von der gescheiterten Flucht einer jüdischen Familie im November 1939 an der grünen Grenze bei Venlo. Der Zollbeamte, der die gesamte Familie und ihren deutschen Fluchthelfer erschießt, um sich am mitgeführten Schmuck zu bereichern, macht nach dem Zweiten Weltkrieg Karriere im Zollgrenzdienst und es bedarf großer Anstrengungen einzelner, ihn nach vielen Jahren endlich zur Rechenschaft zu ziehen. Damit erinnert Hoeps im Zusammenhang mit dem authentischen Venlo Zwischenfall eindrucksvoll an ein besonders dunkles Kapitel der deutsch-niederländischen Historie.

Auch der andere Herausgeber lässt Geschichte lebendig werden. Sehr gekonnt spielt Jac. Toes in „Eine linke Tour“ die Doppeldeutigkeit des Titels aus und nimmt uns mit in die Zeit Ende der 70er Jahre, als Kalkar am Niederrhein alles andere als ein verschlafenes Örtchen war, sondern die Kernkraftgegner dort immer wieder Großdemonstrationen auf dem Gelände des Schnellen Brüters organisierten, was den Politikern und der Polizei auf beiden Seiten der Grenze ein Dorn im Auge war, da  sie schon genügend Schwierigkeiten mit den RAF-Terroristen hatten.

Diese historisch verankerten Storys sind die besondere Stärke dieses Bandes. Andere Beiträge bestechen durch spannende Unterhaltung. Jung und wild kommt beispielsweise die Geschichte der Niederländerin Corine Hartmann daher. Ihr abgedrehte Ermittlerin Jessica Haider hat es mit dem Schmuggel von exotischen Tieren zu tun und löst den Fall in „Wildfang“ auf ihre ganz eigenwillige Art.

Hoeps & Toes ist es in ihrer bilateralen Zusammenarbeit auf beeindruckende Weise gelungen, spannende Unterhaltung mit einem geschärften Blick auf die deutsch-niederländischen Grenzbeziehungen und ihre Geschichte zu verbinden. Dank der Unterstützung mit Mitteln mehrerer Kulturförderungen erscheint dieses Buch zeitgleich auch auf Niederländisch unter den Titel Over de grens und leistet so auch einen Beitrag zur Völkerverständigung im Grenzgebiet.

Thomas Hoeps / Jac. Toes (Hg.): Schmugglerpfade. Grenzübergreifende Kriminalstorys. Grafit Verlag, Dortmund 2014. 315 Seiten. 11,00 €.

„Königsallee“ – Hans Pleschinski erhält den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld

9783406653872_coverDer Schriftsteller Hans Pleschinski erhält den mit 10 000 Euro dotierten Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld 2014 für seinen Roman »Königsallee« , der 2013 im C.H. Beck Verlag erschienen ist.

Der Roman spielt im Sommer 1954: Thomas Mann kommt zusammen mit seiner Frau Katia nach Düsseldorf, um aus seinem Buch »Felix Krull« zu lesen. Im Breidenbacher Hof wohnt gleichzeitig Klaus Heuser. Er gehört zu Thomas Manns großen Lieben. Dieser hat ihm in der Figur des Joseph in den Josephromanen, vermutlich auch in der des Felix Krull ein Denkmal gesetzt. Nun sorgt die mögliche Begegnung der beiden für größte Unruhe. »Der Roman hat hinsichtlich des Themas, der Konstruktion und Figurensprache überzeugt«, so lautet das einstimmige Juryurteil.

Der Niederrheinische Literaturpreis der Stadt Krefeld wurde 1992 vom Stadtrat ins Leben gerufen, um das literarische Schaffen am Niederrhein zu fördern. Zwischen dem Auszuzeichnenden und der Stadt Krefeld oder dem Niederrhein muss laut Statuten eine Beziehung bestehen, die aus der Tätigkeit, dem Wohnsitz oder der thematischen Bindung resultiert. Ursprünglich diente der Preis gerade dazu, ein Gegengewicht zu den Metropolen Köln und Düsseldorf mit ihrer Vielzahl an Preisen, Stipendien und Literaturveranstaltungen aufzubauen. Dies ist im Laufe der Jahre hervorragend gelungen. Mit der diesjährigen Entscheidung der Jury, einen Düsseldorf-Roman auszuzeichnen, verliert die Stadt dieses Ziel aus den Augen. Es ist sehr zu wünschen, dass sie in den kommenden Jahren die Förderung der spezifisch niederrheinischen Literatur wieder schärfer in den Fokus nehmen wird. An preiswürdigen Schriftstellern aus der Region mangelt es jedenfalls nicht: der erfolgreiche Romanautor und Dramatiker Eugen Ruge lebte viele Jahre in Krefeld, der international bekannte Krimiautor Thomas Hoeps tut das immer noch, der in Krefeld geborene Autor Frank Schmitter hat vor nicht langer Zeit einen bemerkenswerten Lyrikband vorgelegt und der hervorragende Literaturkritiker und Buchautor Richard Kämmerlings wurde ebenfalls in Krefeld geboren.

Es macht sich nachteilig bemerkbar, dass die Stadt Krefeld so klamm ist, dass sie den Preis nicht mehr finanzieren will. Er wird seit 2012 nur noch alle zwei Jahre vergeben, sofern sich ein Sponsor findet. Das Preisgeld 2014 stiftet die Sparkassen-Kulturstiftung. Dafür gebührt ihr ein großer Dank. Aber Sponsoren schmücken sich nun mal lieber mit großen Namen als mit weniger bekannten, wenngleich förderungswürdigen Schriftstellern.