Magnus Brechtken entlarvt endlich die Legendenbildung um Albert Speer

9783827500403_CoverIn unserem bescheidenen, bürgerlichen Haushalt gab es in meiner Kindheit nur wenige Bücherregale, die kaum Platz für Neuerscheinungen ließen. Es kamen zwar immer wieder neue Romane hinzu, ganz selten jedoch Sachbücher. An zwei Bände erinnere ich mich dennoch ganz genau: die dicke, schwarze Hitler-Biographie von Joachim Fest und die Erinnerungen von Albert Speer mit dem gelben Rand der Ullstein-Ausgabe. So habe ich es jedenfalls in Erinnerung. Oder waren es doch die „Spandauer Tagebücher“? Die Bücher standen jedenfalls in der Diele. Oder doch eines von ihnen im Wohnzimmer?Erinnerungen können sehr trügerisch sein. Und dies gilt in ganz besonderer Weise für die „Erinnerungen“ von Hitlers berühmten Architekten Albert Speer, die 1969 erstmals erschienen und eine ganze Generation von Deutschen hinsichtlich der Frage ihrer Mitschuld beruhigten. Denn selbst der Vertraute von Hitler hatte (angeblich) nichts vom systematischen Massenmord in den Vernichtungslagern gewusst. Mit diesen Legenden um Albert Speer (1905-1981) räumt Magnus Brechtken (geb. 1964), stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, in seiner voluminösen Biographie nun restlos auf.

Auf den ersten Blick erscheinen die 910 dicht bedruckten Seiten unlesbar. Aber dann stellt man fest, dass der Anhang bereits 330 Seiten ausmacht und die restlichen rund 570 Seiten ausgesprochen spannend geschrieben sind. Es ist eine wissenschaftliche Biographie auf höchstem Niveau, die keinen Wunsch nach Belegen und Verweisen offen lässt und zugleich einen breiten Leserkreis anspricht. Beispielsweise geht Brechtken ausführlich auch auf die in – längst vergessenen – Illustrierten wie Quick und Jasmin erschienenen Interviews und Homestories ein.

Insgesamt ist dieses Buch weit mehr als eine Biographie. Es reflektiert detailliert und differenziert unseren Umgang mit der Nazi-Vergangenheit, der es Albert Speer, den Reichsminister für Rüstung und Munition von 1942-1945, der im Nürnberger Prozess zu 20 Jahren Haft verurteilt worden war, ermöglichte, nach seiner Freilassung 1969 eine zweite Karriere als Publizist und vielfach angefragter Zeitzeuge zu erleben. Wahrheitstreue war Speers Sache nicht, wie Brechtken unermüdlich und durchgängig nachweist. Speers Selbststilisierung beginnt bereits mit einem Märchen über seine Geburt und durchzieht vor allem seine Erinnerungen an seine Rolle im Nationalsozialismus. Seine vermeintliche Rolle als dienstbeflissener Beamter, der nicht wusste, was hinter den Kulissen geschah, kauften ihm viele Deutsche nur zu gerne ab. Aber es ist nach Brechtkens Belegen unstrittig: Albert Speer war – um es einmal ganz unverblümt zusagen – ein karrieregeiler Obernazi und ein notorischer Lügner obendrein, dem es sogar noch gelang, Kunstschätze aus der Nazi-Zeit anonym zu versteigern.

Das Buch endet dann auch nicht mit dem Tod von Albert Speer. Brechtken lässt noch ein weiteres, unbedingt lesenswertes Kapitel folgen: „Nachleben (1981 bis heute)“, in dem er in seiner profunden Art unseren Umgang mit den Mythen um Albert Speer darstellt. Wenn man gewollt hätte, hätte man Speer schon sehr früh entlarven können, denn die meisten Quellen waren seit Ende der 60er Jahre längst öffentlich zugänglich. Aber offenbar wollten es einflussreiche Leute nicht, allen voran der renommierte Historiker und FAZ-Herausgeber Joachim Fest, der mit seinen Veröffentlichungen über Speer dessen Legendenbildung vielfach weitertransportierte. Und so dauerte es bis 2017, ehe Magnus Brechtken mit seinem grandiosen Werk diesem Spuk jetzt endlich eine Ende bereitete.

Magnus Brechtken: Albert Speer. Eine deutsche Karriere. Siedler Verlag, München 2017. 910 Seiten, gebunden. 40,00 €

 

Peter Longerichs voluminöse Hitler-Biographie ist auf dem Weg zu einem Standardwerk

9783827500601_CoverMehr als zwei Jahrzehnte galt Joachim Fests Hitler Biographie, die 1973 erschien und zu einem Bestseller avancierte, als das Buch, in dem zumindest aus deutscher Sicht fast alles zur deutschen Variante des Faschismus gesagt war. Fest stellte den Nationalsozialismus unter faschismustheoretischer Perspektive als Produkt des Führers dar, was es vielen Deutschen einfach machte, die Frage nach einer Mitverantwortung zu negieren oder zumindest abzumildern. Erst die zweibändige Hitler-Biographie des Briten Ian Kershaw (1998 bzw. 2000) bildete ein neues Standardwerk. Kershaw erklärte in einer anderen Sichtweise Hitlers Aufstieg und sein Herrschaftssystem mit Blick auf die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte.

Fünfzehn Jahre später veröffentlichte der Siedler Verlag nun in einem Jahr zwei neue voluminöse Hitler-Biographien. Während Wolfram Pyka einen eigenwilligen, neuartigen Blick auf Hitler und sein Herrschaftssystem unter dem Blickwinkel „Der Künstler als Politiker und Feldherr“ vornahm, stellt im vorliegenden Buch Peter Longerich Hitler detailliert als in vielen unterschiedlichen Bereichen sehr aktiven Politiker dar, der schließlich eine höchst extreme Führerdiktatur installierte.

Longerichs Buch ist eigentlich zu umfangreich, um es Seite für Seite durchzulesen. Aber wenn man es als Basisliteratur oder als Nachschlagewerk nutzt, bleibt man stets im aufgeschlagenen Kapitel hängen. Das Personen- und Ortsregister sowie die Anmerkungen sind excellent geführt. So lassen sich Detailfragen schnell klären. Longerichs Darstellung erfolgt chronologisch in sieben Teilen. In der abschließenden Bilanz heißt es: „Im Mittelpunkt des Dritten Reiches stand ein entschlossener Diktator, der diesen Prozess auf allen Ebenen formte, sämtliche Energien auf seine Person ausrichtete und sich eine Machtfülle erarbeitete, die ihm einen beispiellosen Handlungsspielraum eröffnete.“

Stringent und faktenreich untermauert der Londoner Geschichtsprofessor Peter Longerich, der 1955 in Krefeld geboren wurde und bereits mit seinen Biographien über Heinrich Himmler und Joseph Goebbels hervorgetreten ist, auf der Grundlage neuster Forschungen seine These. So ist diese Hitler-Biographie auf bestem Wege, ebenfalls zu einem neuen Standardwerk zu avancieren.

Peter Longerich: Hitler. Biographie. Siedler Verlag, München 2015. 1396 Seiten, gebunden. 39,99 €. 

„Lunapark“ – Volker Kutschers Kommissar Rath ermittelt 1934 im Umfeld der SA in Berlin

9783462315820_10Auf acht Bände hat Volker Kutscher seine Serie um Kommissar Gereon Rath geplant. Sie beginnt im April 1929 und soll während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin enden. Mit beeindruckender Konstanz legt Kutscher bislang alle zwei Jahre einen neuen voluminösen Fall vor (zuletzt 2014 Märzgefallene). Inzwischen hat er zeitgeschichtlich das Frühjahr 1934 erreicht. Die Sturmabteilung (SA) der Nationalsozialisten hat sich zu einer zweiten  Polizei im Staats aufgeschwungen, die sich an keinerlei Gesetze gebunden fühlt. Gerüchte um die Homosexualität ihres Führers Ernst Röhm machen die Runde.

Gleichwohl ist Lunapark der schwächste Band in dieser ambitionierten Reihe. Gereon Rath verlässt sich voll und ganz auf bereits eingeführte Personen – sowohl bei den Ermittlern (z. B. Gräf) als auch bei den Verbrechern (einmal mehr Doktor Marlow). Vermutlich ist dies Kutschers Zugeständnis an den Seriencharakter, denn schließlich werden Kutschers erste Romane gerade aufwändig für eine internationale Fernsehserie unter dem Arbeitstitel „Babylon Berlin“ verfilmt. Auch die Szenerie ist wenig originell, sie spielt an wenigen unspektakulären Orten in Berlin, vorzugsweise im Gebäude der Geheimen Staatspolizei sowie in der Wohnung von Gereon Rath und seiner Frau Charlotte, die auch in diesem Fall die wichtigste Nebenrolle innehat. Erst als Rath den stillgelegten Lunapark betritt (S. 368), in dem sich Kommunisten und der gesuchte Mörder versteckt halten, gewinnt die Handlung an Spannung.

Unverständlich bleibt zudem, warum Volker Kutscher den Fall für den Leser bereits auf Seite  247 auflöst. Dort wechselt die Erzählperspektive für ein kurzes Kapitel in die Sicht des Mörders. Damit werden unnötig früh die Hintergründe der Mordserie aufgeklärt. Der Leser weiß danach lange Zeit mehr als der Kommissar und der Spannungsbogen ist erst einmal dahin. Erst gegen Ende nimmt der Roman noch einmal Fahrt auf. Dabei beleuchtet er das historische Ereignis des sogenannten Röhm-Putsches Ende Juni 1934. Einerseits schätzt man die Serie wegen der fundierten historischen Hintergründe, andererseits wirkt es gestelzt, wenn etwa Charlys Chef ihr lange Passagen aus der berühmten Marburger Rede des Vizekanzlers Franz von Papen vorliest.

Trotz der genannten Einwände habe ich das Buch zügig zu Ende gelesen und bin wiederum sehr auf die nächsten Bände gespannt. Und hoffe, dass Kutscher noch einmal zur Klasse und Originalität der ersten vier Bände zurückfindet und nicht einfach routiniert die Serie zu Ende schreibt.

Volker Kutscher. Lunapark. Gereon Raths sechster Fall. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 560 Seiten, gebunden. 22,99 €

Oliver Hilmes entfaltet die olympischen Tage im nationalsozialistischen Berlin 1936

9783827500595_CoverVor genau 80 Jahren fanden in Berlin die 11. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit statt.Das ist weithin bekannt. Anlässlich der diesjährigen Olympiade in Rio de Janeiro und des runden Jahrestages lässt Oliver Hilmes diese sechszehn Tage im August 1936 noch einmal Revue passieren. Dieser Rückblick lohnt, denn er zeigt uns etwas Außerordentliches, nämlich wie sich Nazi-Deutschland ungeachtet seiner Kriegsvorbereitungen perfide als weltoffener Gastgeber einer Veranstaltung gebärdet, die vor allem der Völkerverständigung dienen soll.

Berlin war bereits 1916 als Olympiastadt auserkoren worden, doch fielen seinerzeit die Spiele wegen es Ersten Weltkriegs aus. Die Nationalsozialisten, erst seit drei Jahren an der Macht, nutzten die Gelegenheit für eine breit angelegte Propagandaschau eines modernen Deutschlands. Hilmes zeigt uns, wie zeitgleich zu den Olympischen Spielen, die in aller Welt ohne großen Argwohn verfolgt wurden, Hitler unter unmenschlichen Bedingungen das unmenschliche Konzentrationslager Sachsenhausen bauen lässt und beispielsweise die Reisegesellschaft Union mit einem Kreuzfahrschiff im spanischen Cádiz anlegt. Hinter dieser ominösen Reisegruppe samt ihrer schweren Gepäckladung verbirgt sich niemand anderes als die Legion Condor, die ihren Einsatz im spanischen Bürgerkrieg auf der Seite Francos vorbereitet. Natürlich werden sie auf Hitlers ausdrücklichen Befehl erst ins Geschehen eingreifen, wenn die Olympischen Spiele in Berlin friedlich zu Ende gegangen sind.

Die Bars und Cafés auf dem Kurfürstendamm sind überfüllt, täglich gibt es große Galaveranstaltungen, jeder von Hitlers Paladinen veranstaltet an einem anderen Abend einen pompösen Empfang für mehrere hundert ausländische Gäste und Prominente mit bestem Essen und ansprechendem Unterhaltungsprogamm. Das Nachtleben in Berlin boomt, vor allem in so exotischen und angesagten Etablissements wie der Ciro-Ba, dem Sherbini oder dem Quartier Latin. Jazz und Swing klingen durch die Großstadtnacht. Von den Nationalsozialisten geduldet. Noch. Für lange Zeit zeigt sich die Hauptstadt des Deutschen Reiches ein letztes Mal als weltoffene Kulturmetropole. Im Hintergrund bereiten die Nazi-Schergen der Gestapo bereits die Verhaftung der jüdischen Bar- und Restaurantbesitzer, das Verbot von so genannter „Negermusik“ und die Schließung der entsprechenden Lokale vor.

Ähnlich wie in dem Erfolgsbuch „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ (2012) von Florian Illies präsentiert der promovierte Historiker Oliver Hilmes, der bereits durch mehrere Biographien (Cosima Wagner, Ludwig II. u.a.) auf sich aufmerksam machte, nach Tagen gegliedert ein buntes Kaleidoskop von einzelnen Geschichten, Tagesmeldungen und Erinnerungen, die sich zu einem intensiven Gesamteindruck verdichten. Die Regisseurin Leni Riefenstahl spielt dabei ebenso ein Rolle, wie der dunkelhäutige, vierfache Goldmedaillengewinner Jesse Owens, der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe und immer wieder die Tagebucheinträge von Joseph Goebbels. Hilmes hat dazu vielfältigstes Material gesichtet. Eine schöne Idee ist zudem, es nicht bei der Darstellung der sechzehn Tage zu lassen, sondern noch ein Kapitel „Was wurde aus …?“ nachzuschieben. Dadurch wird die Neugier gestillt, was aus einzelnen Personen nach der Olympiade geworden ist. Abgerundet wird das Ganze durch ein ausführliches Quellenverzeichnis, das es ermöglicht, einzelnen Spuren weiter nachzugehen.

Oliver Hilmes: Berlin 1936. Sechzehn Tage im August. Siedler Verlag, München 2016. 304 Seiten, gebunden. 19,99 €

Auch in Krefeld! – Arisierung, Enteignung und kaum Bemühen um Wiedergutmachung

Krefeld_14.8.2015.inddSo beginnen eigentlich nur Romane. Claudia Flümann findet auf dem Dachboden Rückerstattungsakten aus dem Besitz ihrer Familie. Sie betreffen mehrere Firmen aus jüdischem Besitz in Königsberg, Berlin und ihrem Wohnort Krefeld. Ihr Großvater Heinrich Dietz hatte diese in den Dreißiger Jahren erworben. Laut Familiensaga waren die ursprünglichen Eigentümer zum Zeitpunkt des Erwerbs längst ausgewandert und der Großvater nie in der Partei gewesen. Claudia Flümann ließen die Akten keine Ruhe, und sie begann zu recherchieren.Der Großvater war am 1.5.1933 in die NSDAP eingetreten und zumindest zwei der jüdischen Voreigentümer waren im Holocaust umgekommen. Claudia Flümann, selbst promovierte Historikerin, hörte nicht auf zu recherchieren, viele Jahre lang. Nun liegen ihre Ergebnisse vor. Es ist ein voluminöses Buch geworden, detailreich, übersichtlich und sorgfältig editiert. Zahlreiche, teilweise farbige Reproduktionen –  es sind insgesamt 141 Abbbildungen enthalten – lockern das Buch auf und laden auch zum Blättern und Verweilen ein.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Der erste beschreibt die ökonomisch und soziale Existenzvernichtung der jüdischen Bürger in Krefeld in der Zeit von 1933 bis 1945. Die Arisierung und Enteignung geschah umfassend. Schon bis 1939 wurden sämtliche jüdischen Einzelhändler, Fabrikanten und Geschäftsleute, die seit dem 19. Jahrhundert einen selbstverständlichen Platz im wirtschaftlichen und sozialen Leben der Stadt innehatten, verdrängt. Dies betraf in besondere Weise auch das Textilgewerbe, das die „Samt- und Seidenstadt“ traditionell geprägt hat. Klar und deutlich arbeitet Flümann das Netzwerk der an der Existenzvernichtung Beteiligten heraus: die Stadtverwaltung, die Fachgruppe Seiden- und Samtindustrie, die Industrie- und Handelskammer, die Finanzverwaltung, die Gestapo, die Geldinstitute und nicht zuletzt private Profiteure.

Der zweite Teil widmet sich dem langen Kampf um die Wiedergutmachung nach 1945 bis 1963. Es ist beschämend, was Flümann alles zu Tage fördert. Mit wie vielen Widerständen die wenigen zurückgekehrten jüdischen Vorbesitzer zu kämpfen hatten. Und wie gering insgesamt ihre Entschädigung ausfiel, eine Wiedergutmachung im eigentlichen Sinne konnte dies ja ohnehin nicht sein. Viele Einzelfälle rollt Flümann vor uns aus. Immer wieder durch Zitate aus persönlichen Berichten und Gerichtsakten lebendig gemacht. So im besonders dreisten Fall des Kaufmanns Heinrich Kaufmann, der 1938 und 1939 beträchtliche Vermögenswerte von jüdischen Eigentümern weit unter Wert erworben hatte und sich 1947 selbst – wie viele andere auch – als Opfer des Nationalsozialismus stilisierte. 1963 stellte er gar einen Wiedergutmachungsantrag, da er angeblich jüdische Angestellte länger als andere beschäftigt und dadurch geschäftliche Nachteile gehabt hätte.

Im dritten Teil, dem Versuch einer Bilanz, macht Claudia Flümann unmissverständlich klar, dass die Stadt Krefeld, die sich gerne ihrer liberalen Tradition als Rückzugsort für Glaubensflüchtlinge (Mennoniten) rühmt, keineswegs weniger brutal mit ihren jüdischen Mitbürgern umging. „An dem bald nach dem Krieg auch in Krefeld einsetzenden deutschen `Wirtschaftswunder` hatten die jüdischen Kaufleute und Unternehmer, deren Väter und Großväter einst zum Wohlstand der Stadt erheblich beigetragen hatten, keinen Anteil mehr.“

Claudia Flümann hat eines der wichtigsten Bücher zur Krefelder Stadtgeschichte verfasst. Der Klartext Verlag hat dieses Buch sehr ansprechend gestaltet. Ohne die finanzielle Unterstützung mehrerer Vereine und Verbände hätte dieses Werk niemals so günstig auf den Markt kommen können. Auf diese Weise ist es für interessierte Bürger durchaus erschwinglich, was hoffentlich viele nutzen werden. In den Zeiten, in den Fremdenfeindlichkeit wieder ein tagesaktuelles Thema geworden ist, erscheint es besonders wichtig, sich die deutsche Vergangenheit  – hier besonders eindrucksvoll konkretisiert an einer Großstadt – bewusst zu machen.

Claudia Flümann: „… doch nicht bei uns in Krefeld!“ Arisierung, Enteignung, Wiedergutmachung in der Samt- und Seidenstadt 1933 bis 1963. Klaretxt Verlag, Essen 2015. 662 Seiten, Hardcover. 29,95 €

„Und morgen die ganze Welt. Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus“ – Neuauflage

HeskeekuMeine Dissertation ist nun in einer Neuauflage als erschwingliches Paperback erschienen. Zudem ist sie jetzt auch als E-Book lieferbar. Beides freut mich sehr.

Das besondere Beispiel des Erdkundeunterrichts zeigt, wie weit Anpassung, Anbiederung und vorauseilender Gehorsam im sensiblen Bereich von Schule und Unterricht im Nationalsozialismus gingen. Auf der Grundlage der NS-Ideologie entwickelten Erdkundelehrer und Fachdidaktiker rasch einen vornehmlich auf Indoktrination ausgerichteten Geographieunterricht, in dessen Zentrum eine neuartige „völkische Lebensraumkunde“ stand, die sich auf eine „Blut und Boden“-Heimatkunde gründete und Rassenkunde, Geopolitik, Kolonialgeographie sowie Wehrgeographie miteinander verknüpfte. 1943 wurde sogar die Konzeption eines Deutschen Schulatlas als besonders kriegswichtig erachtet. Niemals zuvor noch danach konnte das Fach Erdkunde einen höheren Anteil an der Stundentafel der allgemeinbildenden Schulen erringen.

„Heske hat eine Fülle unterschiedlichsten Materials intensiv durchgearbeitet und eine klug gegliederte, zitatenreiche und dennoch zugleich straff ausformulierte Studie vorgelegt. Er darf in der Tat für sich in Anspruch nehmen, eine überfällige Lücke in der Geschichte der Pädagogik und in der Geschichte der Geographie geschlossen zu haben.“ (Hans-Dietrich Schultz, Westfälische Forschungen)

„Am Ende wird Heske seinem gesetzten Ziel, der Untersuchung wie und auf welche Weise, mit welchem Engagement, mit welchen ideologischen Prinzipien und welchen neuen Inhalten der Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus umgestaltet wurde, mehr als gerecht.“ (Stephan Weser, H-Net Reviews)

Henning Heske: Und morgen die ganze Welt. Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus. BoD, Norderstedt 2015. 440 Seiten. 14,99 €. Als E-Book 4,99 €.

„Märzgefallene“ – Volker Kutschers ambitionierte Krimiserie erreicht die Nazi-Zeit

9783462047073_5Der Kölner Autor Volker Kutscher beabsichtigt in einem sehr ambitionierten Unterfangen, eine Kriminalromanserie vorzulegen, die den Niedergang der Weimarer Republik und den Aufstieg des Nationalsozialismus in acht Bänden bis zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin beschreibt. Seine Serie beginnt am 28. April 1929 mit dem Kapitel „Der Tote im Landwehrkanal“. Dieser erste Band „Der nasse Fisch“ beleuchtet vor allem das Milieu der Exilrussen in der deutschen Hauptstadt, während der zweite Band („Der stumme Tod“) im Filmmilieu spielt.

Der dritte Fall des Gereon Rath („Goldstein“) behandelt schwerpunktmäßig die untergehende Welt der orthodoxen Juden rund um den Alexanderplatz. Zudem bilden der Machtkampf in der SA und die aufkommende Wirtschaftskrise die Kulisse für einen epischen Krimi, der viel Wert auf realistische Details legt. Den bisherigen Höhepunkt der Serie bildet der vierte Teil „Die Akte Vaterland“, in dem es Kutscher auf beeindruckende Weise gelingt, eine untergegangen Kulturlandschaft, nämlich Masuren, wieder aufleben zu lassen, und daran die tiefgreifenden politischen Veränderungen, die sich anbahnen, deutlich werden zu lassen.

Der fünfte Fall hat die schwierige Aufgabe die Machtergreifung der Nationalsozialisten in den ersten Monaten des Jahres 1933, die in wesentlichen Teilen eine Machtübertragung war, darzustellen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum weniger Spannung aufkommt als in den vorangegangen Bänden. Es ist der Übergangsroman von der Weimarer Republik ins sogenannte Dritte Reich. Dieser Übergang wird vor allem aus der Sicht der beiden wenig politisierten Protagonisten, dem Kriminalkommissar Gereon Rath und Charlotte Ritter, seiner inzwischen zur Verlobten, aber auch zur Betrogenen avancierten Freundin, geschildert. Dies wirkt immer wieder etwas bemüht, zumal die aktuellen politischen Ereignisse nicht direkt mit dem unspektakulären Mordfall zu tun haben, der sich dann zu einem Serienmord, dessen Entstehungsgeschichte in den Ersten Weltkrieg zurückreicht, ausweitet. Es geht erneut um einen Goldschatz (wie in Band 1) und um Jugendliche, die auf der Straße hausen (wie in Band 3). Außerdem spielt natürlich der legendäre Unterweltkönig John Marlow alias Doktor M., mit dem sich Rath eingelassen hat, wieder eine große Rolle.

Speziell Zigarettenmarken haben es Kutscher angetan: Overstolz, Manoli, Muratti, Juno und sogar Camel werden bei jeder sich bietenden Gelegenheit geraucht. Das ist wenig originell – im Gegensatz zu der Marotte von Raths Chef Gennat, der permanent Kuchenstücke vertilgt. Geschickt spinnt Kutscher seine Plots um authentische Persönlichkeiten, wie eben den bekannten Kriminalrat Ernst Gennat (1880-1939) oder den Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer. Diesen Personen werden fiktive Charaktere zur Seite gestellt, neben Gereon Rath insbesondere seine Freundin und spätere Frau Charlotte Ritter, die zunächst als ambitionierte Jurastudentin mit einem Faible für Kriminalfälle und später als Kriminalbeamtin mit ihm zusammenarbeitet.

Kutscher zeichnet das Bild eines korrupten Berlins, das aus den Fugen geraten ist und nun unter die Kontrolle der Nationalsozialisten gerät. Doch auch in diesem Band eilt häufig Kommissar Zufall zur Hilfe.

Kutscher schreibt stilistisch nicht gerade brillant, auch psychologisch sind viele Figuren eher holzschnittartig angelegte Charaktere. Es fehlt im Berlin von Tucholsky und Kästner vor allem eine Auseinandersetzung mit den Intellektuellen der Weimarer Republik. Zentrale historische Ereignisse, wie die Bankenkrise in Deutschland, wurden nur beiläufig in das Geschehen mit eingeflochten. Ein vertieftes Verständnis für die Zusammenhänge wird so nur in Ansätzen vermittelt.

Der aus Köln nach Berlin versetzte Kriminalkommissar Geren Rath verfügt inzwischen sogar über eine eigene Homepage: www.gereonrath.de. So werden die verschiedenen Epochen auf einfache Weise verlinkt. Auf dieser Internetseite findet man ein beeindruckendes Quellenverzeichnis, auf dem die Recherchen seines Erschaffers beruhen. Doch zu guter Literatur gehört mehr als historische Glaubwürdigkeit. Aber diese Serie bleibt trotz der genannten Einwände ein besonderes, ein spannendes und ein lesenswertes Vorhaben.

Volker Kutscher: Märzgefallene. Gereon Raths fünfter Fall. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 608 Seiten, gebunden. 19,99 €