Offenes Feld – eine neue, internationale Literaturzeitschrift

Titelseite_Ausgabe2_SchattenDas gibt es tatsächlich noch! Wie schön. Ich habe im Zeitalter der Onlinemagazine und Blogs schon nicht mehr daran geglaubt. Da machen sich Menschen auf, um eine neue Literaturzeitschrift im Printformat herauszugeben. Selbstlos, idealistisch, weil sie die Kunst lieben und zum Leben brauchen. Namentlich sind dies der Lyriker und Übersetzer Jürgen Brôcan und der Filmemacher Frank Wierke. Im September ist bereits die zweite Ausgabe von offenes Feld erschienen. Sie enthält Lyrik, Erzählungen, Kommentare zu Texten und Rezensionen. Die besondere Stärke der Zeitschrift ist ihr Konzept der Internationalität. Das vorliegende Heft bringt Übersetzungen aus dem Englischen (Gedichte von Arundhati Subramaniam) und Schwedischen (Gedichte von Staffan Söderblom sowie ein Kommentar dazu von Gunnar D. Hansson).

Eröffnet wird das Heft mit fünf neuen Gedichten von dem seit Jahrzehnten in Finnland lebenden, 1931 in Ostpreußen geborenen deutschsprachigen Poeten Manfred Peter Hein. Es ist sind sehr lesenswerte Altersgedichte. Die finnische Landschaft ist Ausgangspunkt oder Hintergrund für lyrische Betrachtungen am Ende des Lebens: „Nehmt auf Geister / des Abgrunds Urverheißung / im Atem des Lichts -„. Ulrich Schacht, in der DDR aufgewachsen und nun in Schweden lebend, legt einen längeren Auszug aus seiner Novelle „Die Insel der toten Vögel“ vor, der auf den vollständigen Text neugierig macht.

Gar nicht überzeugend liest sich dagegen das lyrische Triptychon von Klaus Anders, der sich bislang hauptsächlich als Übersetzer, u.a. von Michael Hamburger, hervorgetan hat: „Den Hang hinab eilt der Wald / Springt über Felsen zu Tal, verweilt“. Ein Wald kann vieles (schweigen, rauschen, Schutz bieten), aber ganz sicher nicht eilen und springen. Das ist schief und kann auch als bildliche Darstellung nicht gerettet werden. Auch andere Passagen treiben mir aufgrund der sprachlichen Mittel ein starkes Runzeln auf die Stirn: „Ruhig strömt in die schartige Enge, / Gelassen die Donau“. Auch die häufig verwendeten Anaphern „Hier“ und „Und“ zeugen nicht von einem poetischen Talent. Das ist aber ganz sicher Ulrich Koch, ein bemerkenswert produktiver Lyriker, der gleichwohl die Qualität seiner Texte halten kann. Sein Auszug „Aus der Geschichte der Körperdoubles“, zentriert gesetzte Gedichte, verarbeitet intensive Erinnerungen an die Kindheit zu verdichteten Texten. Einer endet mit den schönen Schlussversen: „Aus den Kühltürmen der Biergläser / steigen weiße Wolken.“

Besonders gewinnbringend ist das Zusammenspiel des übersetzten Langgedichts „Videoband“ von Staffan Söderblom mit dem essayistischen Kommentar dazu von Gunnar D. Hansson unter dem Titel „In Sachlichkeit und einer verwilderten Sprache“. Söderbloms Text gelingt es, Runeninschriften aus dem 11. Jahrhundert mit Naturimpressionen und Reflexionen über katholische Mafiafilme zu verknüpfen. Zur Jahreszahl passend sind die „Erinnerungen an 1914“ von Susanne Stephan in Form mehrerer Gedichte und einer längeren Rezension.

Für den Winter 2014 ist bereits das nächste Heft angekündigt. Wunderbar!

Offenes Feld. Heft Nr. 2, September 2014. Books on Demand, Norderstedt 2014. 114 Seiten, broschiert. 11,90 €.

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poet – Das formidable deutschsprachige Literaturmagazin

poet 11.neu.inddIm Frühjahr 2006 veröffentlichte der bis dato unbekannte Verlag poetenladen aus der Buchstadt Leipzig die erste Ausgabe seiner Zeitschrift poet[mag]. Schlicht und wenig auffällig im Design schien dies eine der vielen idealistischen Versuche zu sein, sich selbst als Literaturverleger dazustellen. Das Layout, das keine Spur eines experimentellen Newcomers zeigte, bewirkte eine Konzentration auf das Wesentliche: den Text. Wie viele Ausgaben sollte man diesem Versuch geben? Drei, vier höchstens wohl aber sechs; dann würde auch dieses Magazin nur noch in Antiquariaten zu finden sein. Weit gefehlt. Fünfeinhalb Jahre später hat der unermüdliche Verleger Andreas Heidtmann um dieses Magazin und seine Internetseite www.poetenladen.de mit beeindruckender Beharrlichkeit einen Verlag etabliert, der Preisträger hervorbringt und von den großen Feuilletons ernst genommen wird.

Im Herbst 2011 ist inzwischen die 11. Ausgabe der Zeitschrift des poetenladen erschienen. Sie heißt nun nur noch poet und im Untertitel literaturmagazin. Das Format wurde ein wenig vergrößert: vom Taschenbuch auf DIN A5. Auch der Umfang wurde erweitert: von seinerzeit 176 auf stattliche 297 Seiten. Die neuste Ausgabe enthält zudem erstmals Illustrationen. Dabei konnte der Preis fast gehalten werden: 9,80 € statt vormals 8,80 €. Um es vorweg zu nehmen: in der unübersichtlichen Szene der zumeist kurzlebigen deutschsprachigen Literaturzeitschriften hat Andreas Heidtmann den poet ganz weit nach vorne gebracht. Trotz des Erfolges seiner Webseite lässt er es sich nicht nehmen, ein Magazin zu produzieren, das aktuell und vielfältig der Literatur der Gegenwart ein Forum bietet, das man nicht einfach anklickt, sondern als gutes Buch zum Blättern und Schmökern einlädt.

Das Heft ist in fünf formale Kapitel gegliedert und beginnt mit neuen Gedichten. Neben bewährten Autoren wie Uwe Kolbe, Dirk von Petersdorff sowie Anne Dorn präsentiert das Heft vor allem junge Lyrik von aufstrebenden Talenten. Darunter Tim Holland, Jahrgang 1987, der mit variantenreichen Formen, insbesondere durch teilweise mehrspaltig gesetzte Texte, überzeugt. Zudem stechen die Gedichte von Martina Weber („die träume, unsere wut hatte noch keine richtung gefunden, / einen verwertungszusammenhang schon gar nicht“) und Ulrich Koch („gäbe es Freunde / ihre Namen wären durchgestrichen“) hervor. Insgesamt eine lesenswerte Auswahl aktueller Lyrikproduktionen.

Der zweite Abschnitt besticht mit vierzehn deutschsprachigen Gedichten verschiedener Autorinnen und Autoren, die abwechselnd von Michael Buselmeier und Michael Braun vortrefflich kommentiert werden. Die beiden haben sich in den letzten zwanzig Jahren mit diesem Projekt einen Namen gemacht, insbesondere seit die Sammlung von 100 dieser kommentierten Gedichte 2009 im poetenladen unter dem Titel „Der gelbe Akrobat“ erschienen ist. Dieses Unterfangen beschränkt sich im Gegensatz zur ähnlich konzipierten Frankfurter Anthologie von Marcel Reich-Ranicki auf Autorinnen und Autoren der Gegenwart. Zudem wird von jedem Verfasser nur ein Gedicht besprochen. Dieses nutzen Braun und Buselmeier dann gekonnt als pars pro toto, um den Lyriker mit den Grundzügen seines Werkes vorzustellen. Der poet bringt die ersten sechs Neuen Folge des gelben Akrobaten, darunter auch Entdeckungen wie den bislang unbekannten Lyriker Levin Westermann  sowie acht Gedichte und Kommentare, die seinerzeit in der Buchausgabe keinen Platz erhielten. Hervorzuheben ist hier die Würdigung von Kerstin Preiwuß aus dem Jahre 2008, die das feine Gespür von Braun und Buselmeier für aktuelle Tendenzen in der Lyrik zeigt, denn 2012 wird der zweite Gedichtband dieser Autorin nun im Suhrkamp Verlag erscheinen. Aus dem Rahmen fällt dagegen die Kommentierung eines Gedichtes von Elisabeth Langgässer (1899-1950), die man schwerlich noch als Gegenwartsautorin gelten lassen kann.

Die zweite Hälfte des Literaturmagazins ist neuer Prosa, Interviews und Reportagen vorbehalten. Es gibt neue Geschichten beziehungsweise Textauszüge der bereits mehrfach ausgezeichneten Autoren Markus Orths und Michael Stavaric sowie Texte von Newcomern wie Lisa Vera Schwabe und Marc Oliver Rühle. Sie decken ein breites Spektrum ab und dienen gut als Appetitanreger, um sich eventuell mit dem einen oder anderen Autor näher zu beschäftigen. Die Gespräche drehen sich allesamt um das Thema Literatur und Zeit. Einige wurden per E-Mail geführt, sodass sie über das klassische Interview hinausreichen. Etwas ungewöhnlich ist, dass der Schriftsteller Jan Kuhlbrodt seine Frau Martina Hefter befragt. Eine schöne Idee sind die abschließenden Reportagen, die über Literaturstätten berichten. Katharina Bendixen besucht verschiedene Orte, an denen Stipendiaten arbeiten, und Johanna Hemkentokrax begibt sich auf eine literarische Café- und Kneipentour.

Leider treibt der Druckfehlerteufel immer noch über Gebühr sein Unwesen im poetenladen. Besonders ärgerlich war sein Wirken in der 1. Auflage von „Der gelbe Akrobat“. Aber auch in diesem Heft hat er sich in Primärtexte eingeschlichen. So muss es beispielsweise in Harald Hartungs Gedicht heißen „SOS, die Emden“ (statt „Emde“), worüber man beim Lesen gleich stolpert, weil der Reim holpert. Doch dieses Problem wird der Verlag sicherlich auch noch in den Griff bekommen. Die Nummer 11 des Halbjahresmagazins poet schürt jedenfalls – auch dank der außerordentlich gut passenden Illustrationen von Miriam Zedelius – hohe Erwartungen an die kommenden Ausgaben. Und wie der Herausgeber selbst in seinem Editorial anmerkt: „Literaturzeitschriften sind – im Vergleich zur flimmernden Rastlosigkeit des Internets – ein ästhetisches Mehr.“

poet Nr. 11. Literaturmagazin. Herausgegeben von Andreas Heidtmann. poetenladen, Leipzig 2011. 297 Seiten, broschiert. 9,80 €. ISBN 978-3-940691-27-9

P.S.: Inzwischen ist bereits Heft 15 erschienen! Alle Hefte sind weiterhin sehr empfehlenswert!