Herausragende Gedichtinterpretationen zur Lyrik von Jan Wagner

IMG_3067Jan Wagner, Jahrgang 1971 und Büchner-Preisträger des letzten Jahres, ist zweifellos der populärste lebende deutschsprachige Lyriker. Erstmals richtig ins Rampenlicht der Öffentlichkeit rückte er, als ihm 2015 als bislang einzigem Autor der Preis der Leipziger Buchmesse für einen Lyrikband zugesprochen wurde, nämlich für das Buch Regentonnenvariationen, das sich in der Folge zu einem veritablen Bestseller entwickelte, von dem sogar eine Taschenbuchausgabe aufgelegt wurde.

Inzwischen ist Jan Wagner auch von der Germanistik entdeckt worden.  Das vorliegende Buch gibt ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was sie allen verstaubten Vorurteilen zum Trotz, zu leisten vermag. Die Herausgeber Christoph Jürgensen und Sonja Klimek haben fünfzehn Interpreten versammelt, die jeweils ein Gedicht von Jan Wagner analysieren. Die Beiträge sind dabei chronologisch nach dem Erscheinungsdatum der Gedichte geordnet. Rüdiger Zymer eröffnet diesen herausragenden Band mit einer detailreichen Interpretation von Wagners lyrischem Text „Nature morte“ aus dessen erstem Gedichtband Probebohrung im Himmel. Kenntnisreich untersucht Zymer den Text auf den Ebenen von Motivik, Metaphorik sowie der Strophen-, Reim- und Klangformen und verdeutlicht, welche kunstfertige Lyrik Jan Wagner geschaffen hat. Alle Interpreten arbeiten die bisherige Sekundärliteratur zu ihrem ausgewählten Gedicht auf und ein, stellen mögliche Lesarten nebeneinander und erweitern so beim Leser nachhaltig den Blick auf Lyrik und natürlich speziell die von Jan Wagner. Wer diesen Autor bislang als unpolitischen Naturdichter abgetan hat, wird nach der Lektüre dieses Sammelband ganz sicher anderer Meinung sein.

Konsequent steht Wagners Gedicht „Selbstporträt mit Bienenschwarm“ wie bei ihm selbst auch hier am Ende des Buches. All seine Lyrik kulminiert quasi in diesem poetologischen Text, den Johannes Görbert unter dem Titel „Vom Aufgehen des Lyrikers in seiner Kunst“ mit Bezügen zur mittelalterlichen Ikonographie und der Darstellung der Biene als Wappentier der Poesie eindrucksvoll erläutert. Ärgerlich ist jedoch, dass dieses vierstrophige Gedicht falsch als zusammenhängender Textblock gesetzt und zudem noch mit einer fehlerhaften Zeilenzählung versehen wurde.

Das einzige, was ich vermisst habe, sind nähere Angaben zu den Verfassern. Einige Aufsätze sind so brillant, dass ich neugierig auf den Autor bzw. die Autorin geworden bin. Man kann sich nur weitere Bände derartiger Qualität zu anderen Lyrikerinnen und Lyrikern wünschen.

Werbung: Christoph Jürgensen / Sonja Klimek (Hrsg.): Gedichte von Jan Wagner. Interpretationen. mentis Verlag, Münster 2017. 260 Seiten, broschiert. 29,80 €

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„Fensterschau“ – Gedichtinterpretationen nordrhein-westfälischer Autorinnen und Autoren

FensterschauHurra, mein neues Buch ist da! Es enthält sechsundzwanzig Gedichte nordrhein-westfälischer Autorinnen und Autoren mit jeweils einer Interpretation von mir. Das Buch beginnt mit einem Gedicht von Heinrich Heine. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Lyrik der Gegenwart mit Texten von Durs Grünbein, Marcel Beyer, Christoph Wenzel, Barbara Köhler, Norbert Hummelt, Julia Trompter, Helmuth Opitz, Marion Poschmann und anderen. Der Band ist das Ergebnis jahrelanger, intensiver Beschäftigung mit deutschsprachiger Lyrik. 2001 erschien meine erste Interpretation in der von Marcel Reich-Ranicki herausgegebenen Frankfurter Anthologie. Weitere folgten dort sowie in den Zeitschriften neue deutsche literatur und Literatur im Unterricht. Seit 2013 moderiere ich im Niederrheinischen Literaturhaus Krefeld regelmäßig die Reihe „1 Gedicht und mehr“ mit zeitgenössischen Lyrikerinnen und Lyrikern. Aus dieser Arbeit sind allein zwölf Interpretationen hervorgegangen; hinzu kommen einige noch unveröffentlichte Lesarten.

Lyrik hat in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung in der öffentlichen Wahrnehmung erfahren. Höhepunkt war 2015 die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse für einen Gedichtband (Jan Wagner Regentonnenvariationen). In den Schulen und an den Universitäten ist die Auseinandersetzung mit moderner Lyrik ein Standardstoff. Schülerinnen und Schüler, Studierende, Lehrerinnen und Lehrer sowie viele interessierte Leserinnen und Leser wünschen sich einen Zugang zu moderner Lyrik. Der wird ihnen mit dem vorliegenden Buch geboten. Abseits von Lehrbüchern verdeutlicht es am konkreten Beispiel mögliche Lesarten und die Konstruktion der Gedichte.

Werbung: Henning Heske: Fensterschau. Gedichtinterpretationen nordrhein-westfälischer Autorinnen und Autoren. Edition Virgines, Düsseldorf 2018. 128 Seiten, gebunden. 19,90 €.

Logbuch Lyrik (12): Hellmuth Opitz erleuchtet den besonderen Moment

Mit beeindruckender Konstanz legt Hellmuth seit fünfunddreißig Jahren, seit seinem schmalen Erstling An unseren Lippengrenzen (1982), in schöner Unregelmäßigkeit von mal zwei, mal sechs Jahren einen neuen Gedichtband vor. Zu dieser Konstanz gehört auch, dass alle neun Bücher im Pendragon Verlag in Bielefeld erschienen sind. In der Stadt, in der Opitz  – man mag es kaum glauben – seit seiner Geburt lebt – mit einer kurzen Auszeit während seines Studiums der Germanistik und Philosophie in Münster. Opitz ist in dieser langen Zeit nicht nur seinem kleinen Verlag, sondern auch sich selbst treu geblieben. Den Grundton des Erstlingsbandes hat er beibehalten, hat darauf Melodien aufgebaut und neue Formen erkundet. Thematisch hat er im Lauf dieser kleinen Ewigkeit beinahe alle Situationen und Gegenstände unseres Alltags in poetisches Licht gesetzt.

Im Gegensatz zum Branchentrend verkaufen sich die Gedichtbände von Hellmuth Opitz gut. Das liegt auch darin begründet, dass er sich nicht zu fein ist, mit Lesungen quasi über die Dörfer zu tingeln. Und da seine Gedichte grundsätzlich eine leichte Zugänglichkeit besitzen, kommt er auch beim gemeinen Publikum an, das sich gut unterhalten weiß. Seine Wortspiele und sein Wortwitz, bei dem ihm möglicherweise sein Brotberuf als Geschäftsführer einer Werbeagentur zu Nutze kommt,  eignen sich in besonderer Weise zum Vortrag. Aber eben nicht nur dazu. Viele seiner Gedichte halten auch dem mikroskopischen Blick der Literaturkritik stand, da sie ganz sauber und häufig originell gearbeitet sind. Gleichwohl sind größere Literaturpreise bislang ausgeblieben.

Die Stärken von Opitz‘ Lyrik treten auch in seinem neuen Buch In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten deutlich hervor. Dies gilt gleich für den Opener „Limonade“, der etwas eigentümlich gesetzt ist – vermutlich sollten die beiden Strophen die Form zweier Harztropfen darstellen: „Diese dickflüssigen Sommernachmittage, / in denen wir schwammen, / wenn wir vom Bolzen kamen, / die Kehlen verklebt vom Ascheplatz“. Das klingt zwar nach einem Parlandoton, der optisch durch korrekte Groß- und Kleinschreibung sowie Zeichensetzung unterstützt wird, er ist jedoch stark poetisch aufgeladen. Dies gelingt durch geschickte Zeilenumbrüche, die bedächtig Pausen setzen und Sinneinheiten betonen, sowie durch die Bildsprache und den typischen Opitzschen Wortwitz: „Jahrtausende später / wird man uns finden, / gefangen in solchen / Bernsteinmomenten, / winzige Einschlüsse: du, ich, / deine Mutter und der Durst, / den nie ein Getränk zu löschen / vermochte.“ Damit ist sogleich auch der Titel des Bandes erklärt.

Hellmuth Opitz probiert viele verschiedene Formen aus. Es gibt Gedichte mit Langzeilen, einige mit Kurzzeilen, häufig Strophen, aber auch kompakte Textblöcke, gelegentlich Reime. Das macht den Band abwechslungsreich. Natürlich bleibt es bei 86 Gedichten nicht aus, dass darunter auch schwächere Texte sind, wie zum Beispiel „Komm, sei einmal noch Winter“, wo der Endreim allzu bemüht gesucht wird. Oder auch „Bruchstaben“, in dem die Grundidee nicht trägt. Einige Gedichte arbeiten sich zudem allzu sehr an vorgegebenen Themen ab, der Zyklus „Immer in feinstes Trommelfell gehüllt“ über ein Musikfestival etwa oder die neun „Gedichte vom Betteln“. Das sind durchaus gekonnt gearbeitete Texte, aber sie verströmen nicht den poetischen Zauber und die Eindringlichkeit, welche die Lyrik von Hellmuth Opitz über die Jahre ausgezeichnet haben. Das erinnert gelegentlich an Robert Gernhardt, der allerdings auch lange verkannt wurde. Zudem verwendet Opitz mehrfach die Pointensetzung in der letzten Zeile – so in „Die Himmelfahrt bei Herford“ – , was als Stilmittel in postmoderner Lyrik eigentlich verpönt ist. Oft aber übertüncht ein originelles Wortspiel diese kleineren Schwächen: „Wir waren so leise / wie möglich mit den Händen am Beckenrand / des jeweils andern.“

Ganz bei sich und seinen Stärken ist Opitz in Texten wie „Im Verirren bin ich zuhause“ oder auch in „Beschädigte Ware“, die sehr berühren: „Mit dunkelblauer Tinte umschreibt dein Kleid / ein Manifest, das mit dem Satz endet: Eleganz / ist eine Frage der Haltung. Auch der Zurückhaltung.“ Vielleicht wären etwas weniger Texte in dieser Auswahl mehr gewesen. Denn es ist Zeit, Hellmuth Opitz als Meister der Poesie des Alltags für sein bisheriges Lebenswerk mit einem größeren Literaturpreis auszuzeichnen.

WERBUNG: Hellmuth Opitz: In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten. Gedichte. Pendragon Verlag, Bielfeld 2017. 128 Seiten, Klappenbroschur. 15, – €.

Hartwig Mauritz ist mein nächster Gast in der Reihe „1 Gedicht“

3d-waelderkommenaufunszuMein nächster Gast in der Reihe „1 Gedicht“ des Niederrheinischen Literaturhauses Krefeld  ist der Lyriker Hartwig Mauritz. Am Dienstag, dem 21. November, um 20 Uhr wird er an der Gutenbergstraße 21 Beispiele seines bisherigen lyrischen Schaffens lesen und mit mir – und natürlich dem Publikum – näher betrachten. Ich werde wie immer eine Interpretation eines Gedichts vorstellen, das exemplarisch für das lyrische Schaffen meines Gastes steht.

Hartwig Mauritz wurde 1964 in Eckernförde geboren. Er lebt und arbeitet seit vielen Jahren im Aachener Dreiländereck. Mauritz veröffentlichte bislang vier Gedichtbände, zuletzt „wälder kommen auf uns zu“ (2017). Seine Gedichte verknüpfen sehr gekonnt naturwissenschaftliche Bereiche mit persönlichen Bezügen. Herauszuheben sind zudem seine poetischen Darstellungen historischer Begebenheiten. Dabei gelingen ihm durch geschickte Verschiebungen von Sinnebenen eindrucksvolle lyrische Texte.

Die Reihe „1 Gedicht“ des Niederrheinischen Literaturhauses Krefeld wurde 2013 eingeführt und wird 2017 erneut von der Kunststiftung NRW gefördert.  Förderschwerpunkt der Kunststiftung NRW für die Sparte Literatur ist, Autorinnen und Autoren in ihrer künstlerischen Produktion zu stärken. Neben Autorenstipendien, der Herausgabe von Werkeditionen und Anthologien geschieht dies durch die Förderung von besonderen literarischen Vorhaben, Lesereihen und Literaturfestivals mit dem Ziel, die Vielfalt des Poetischen vor Ort sichtbar zu machen und über die Grenzen des Landes hinaus zu tragen.

Das Format „1 Gedicht“ will den Zugang zur Gegenwartslyrik eröffnen und zeigen, dass es sich lohnt, Lyrik intensiv zu lesen. Gedichte als inhaltlich stark verdichtete Textart verlangen Lesern in einem erheblich höheren Maß als Prosa Aufmerksamkeit, Lesekompetenz und Einfühlungsvermögen ab. Sie eröffnen eine breitere Palette an Interpretationsmöglichkeiten. Die Reihe will im Diskurs mit dem Publikum Hilfestellung beim Lesen sowie Anregungen zum Interpretieren geben und damit zeigen, dass Lyrik gerade in unserer schnelllebigen Zeit mehr Aufmerksamkeit verdient.

Werbung: Hartwig Mauritz: wälder kommen auf uns zu. Gedichte Rimbaud Verlag, Aachen 2017. 68 Seiten, Klappenbroschur. 15,- €

Logbuch Lyrik (11): Jan Wagners „Guerickes Sperling“ wiedergelesen

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Ich gestehe nach 13 Jahren. Das mir seinerzeit auf meine Bitte hin zugesandte Rezensionsexemplar von Jan Wagners „Guerickes Sperling“ habe ich nie besprochen. Damals schrieb ich regelmäßig Beiträge für die Rubrik Buchtipp in der Rheinischen Post. Dort wurden Bücher ausschließlich und vorbehaltlos empfohlen. Es gab keinen Platz für differenzierende Urteile. Der zweite Gedichtband von Jan Wagner hatte mir nicht so gut gefallen, dass ich ihn dort vorstellen wollte.

Inzwischen ist Jan Wagner zum erfolgreichsten deutschen Lyriker der Gegenwart avanciert. Als erster Lyriker erhielt er 2015 den Preis der Leipziger Buchmesse, woraufhin sein sechster Gedichtband „Regentonnenvariationen“ zu einem veritablen Bestseller avancierte, der sogar eine Taschenbuchausgabe erleben darf. Im Jahr 2017 wurde Wagner schließlich mit dem renommiertesten deutschen Literaturpreis, dem Georg-Büchner-Preis, ausgezeichnet. Das war nun Grund genug für mich, im Bücherregal nach besagtem Buch zu suchen, es noch einmal zu lesen und es nun endlich zu besprechen.

Ich muss sagen, diese Gedichte kann man relativ zügig lesen. Wagners Lyrik ist nicht anstregend, sie ist nicht sperrig und kaum hermetisch. Man stolpert nicht beim Lesen, man bleibt nicht hängen. Der Rhythmus und der Wohlklang der Worte verführen zum Weiterlesen. Ab und an liest man eine Zeile noch einmal, weil sie einem besonders gut gefällt, wie mir beispielsweise diese: „der tag, der seine kreide nimmt und geht.“ Durch den gesamten Gedichtband weht eine sanfte positive Grundstimmung, angereichert mit einer leicht melancholischen Note.

Formal sind alle Texte unglaublich gekonnt fabriziert. Wagner spielt mit den literarischen Formen, ohne jemals schiefe Bilder oder bemühte Reime zu produzieren. Man findet neben freien Versen sapphische Oden, häufiger Terzinen, Haikus und sogar einen formidablen Sonettenkranz über die Stadt Görlitz.

Wenn es nicht so unqualifiziert klingen würde, könnte man sagen, Jan Wagner schreibt schöne Gedichte. Das liegt auch am Inhalt. Zentrale Themen sind Reiseeindrücke und Naturbeschreibungen sowie Rückblicke auf historische Ereignisse wie im Titelgedicht, das auf ein physikalisches Experiment von Otto von Guericke anspielt. Das führt dazu, dass immer wieder das Wort „himmel“ auftaucht – offenbar in Fortführung seines ersten Gedichtbandes „Probebohrung im Himmel“ (2001). Auch der Blick aus dem oder in ein Fenster wird häufig inszeniert. Jahreszeiten und Tageszeiten spielen eine große Rolle. Personale Konflikte sucht man dagegen ebenso vergebens wie die Auseinandersetzung mit moderner Technologie. Selbst alltägliche Gegenstände wie Handy oder Toaster zählen nicht zum Inventar der Wagnerschen Gedichte, allenfalls wird einmal ein Fernseher erwähnt. Hier könnte natürlich eine Kritik an dieser fein austarierten, kunstfertigen Lyrik ansetzen. Doch ein einzelner Lyriker kann nicht allen Ansprüchen gerecht werden. Und eine derartige Kritik würde dieser so souverän vorgetragenen Poesie nicht gerecht. Jan Wagner ist ein würdiger Träger des Georg-Büchner-Preises.

Jan Wagner: Guerickes Sperling. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2004. 84 Seiten, gebunden. 

Logbuch Lyrik (10): „Alt?“ – Franz Hohler setzt sich lyrisch mit dem Tod auseinander

9783630875446_CoverDer Schweizer Schriftsteller Franz Hohler hat in seinem langen Leben eine riesige Zahl an Texten veröffentlicht, vornehmlich Kurzgeschichten und Erzählungen, aber auch Kinderbücher, Romane und Theaterstücke. Ganz selten auch Gedichte. Nun hat er mit „Alt?“ einen neuen Lyrikband vorgelegt, der thematisch um ein einziges Thema kreist: das Altwerden. Hohler selbst ist inzwischen 74 Jahre alt und macht sich aus nahe liegenden Gründen sehr persönliche Gedanken über den Tod: „Wenn du / das Alter betrittst / setz den Helm auf // es herrscht / Steinschlagefahr.“ Dieser Text steht auf der Rückseite des Umschlags und ist in mehrfacher Hinsicht typisch für Hohlers Lyrik. Es ist nur ein einziger Satz, der in Zeilen gebrochen wird. Der Zeilenumbruch dient als Atempause. Die Länge der Verse ist sehr kurz. Es handelt sich vielfach eher um Aphorismen, Sprachspiele und Gedankensplitter als um Lyrik.

Die toten Freunde Urs Widmer und Hans Arp tauchen in diesem Buch ebenso auf wie Todesanzeigen und Kindheitserinnerungen. Schwach sind die Texte, die sich auf moderne Zeiten beziehen wie das Gedicht „iPhone“: „Wenn er plötzlich / erscheint / auf dem kleinen Bildschirm / in deiner linken Hand / und dich anschaut / der Tod / wisch ihn weg / mit dem Finger / und wähle das App / Leben.“ Mit moderner Lyrik hat das wenig zu tun. Die Pointe in der letzten Zeile beispielsweise ist ein überkommenes Stilmittel.

Gleichwohl sind Franz Hohler auch poetische Perlen gelungen. In einigen, wenigen Gedichten findet er eindringliche Bilder und eine ansprechende lyrische Darstellung. In „Besuch“ schwebt ein Schmetterling durchs Fenster auf den Schreibtisch, klappt ein paar Mal die Flügel auf und zu, ehe er „in den Tag / und den Tod“ taumelt. Auch der Text „Warte nur“ klingt nach: „irgend einmal / nimmt der Tod / die Sonnenbrille ab // und schaut dich an.“ Hohler Fans werden diesen Gedichtband mögen. Für Lyrik-Interessierte bietet er insgesamt ein bisschen wenig.

WERBUNG: Franz Hohler: Alt? Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2017. 96 Seiten, gebunden. 16,- €

„Von Sprache sprechen II“ – Lang lebe die Thomas-Kling-Poetikdozentur II

Cover_VON SPRACHE SPRECHEN II_Lilienfeld Verlag 2017

Seit dem Sommersemester 2011 gibt es an der Universität Bonn die Thomas-Kling-Poetikdozentur. Jedes Jahr wird eine herausragende Autorin oder ein Autor mit dieser besonderen Lehrtätigkeit ausgezeichnet. Finanziert wird diese besondere Dozentur, die Studierenden Einblicke in künstlerische Produktionserfahrungen ermöglicht, lobenswerter Weise von der Kunststiftung NRW. Auf Stefan Weidner, Barbara Köhler und Oswald Egger folgten Norbert Scheuer, Marion Poschmann, und Esther Kinsky als Poetikdozenten. Das Erfreuliche ist zudem, dass die Kunststiftung die Antrittsvorlesungen nebst Laudationes alle drei Jahre in Buchform veröffentlicht. Nun liegt der zweite Band vor, der sich nahtlos an den von mir euphorisch besprochenen Erstling anschließt.

Der Band beginnt mit einem Text des Thomas-Kling-Forschers Peer Trilcke, der uns mitnimmt auf seine Spurensuche zum Begriff „Widerton“, der in einem Gedicht aus dem Nachlass von Thomas Kling auftaucht. Seine Nachforschungen führen Trilcke bis zu einem Aufsatz eines Volkskundlers aus dem Jahre 1931 mit dem Titel „Widerton als Zauberpflanze“. Widerton ist ein Pflanzenname, auch wenn er mitunter uneinheitlich verwendet wird. Bei Kling ist es ein „Schönes Widertonmoos“. Trilckes weitere Ausführungen geben einen anregenden Einblick in die akribische Arbeit des Sprachkünstlers Thomas Kling.

Über Norbert Scheuer, den Preisträger von 2014, heißt es in der Laudatio von Thomas Fechner-Smarsly „Rätselhaft ist und bleibt vielleicht nur der eigentliche Antrieb: der Antrieb zu schreiben. In zwanzig Jahren, seit 1994 entstanden vier Romane, je zwei Erzählungs- und Gedichtbände.“ Scheuer, für seine Romane und Erzählungen vielfach ausgezeichnet, fällt als renommierter Prosaautor etwas aus der Reihe der Ausgezeichneten. Bei ihm wird der Bezug zu Thomas Kling nicht auf den ersten Blick deutlich.  Seine Antrittsvorlesung „Vom Begehren zu schreiben“ eröffnet einen sehr persönlichen Einblick in die Entstehung von Literatur. Und mit seinem Drang zu schreiben, Sprache und Geschichte zu erforschen, Erlebtes zu bewahren und fortzuschreiben, rückt er dann doch nahe an den Großmeister Kling heran: „Ich glaube, man erzählt, weil man vor etwas Angst hat, und sei es nur von der Stille und der Sinnlosigkeit der Existenz, die man irgendwie ertragen muss.“ Auf jeden Fall hat Norbert Scheuer, der die Eifel auf die literarische Landkarte brachte, einiges zu erzählen.

Marion Poschmann ist zwar auch eine erfolgreiche Prosaautorin (u.a. Die Sonnenposition, 2013), aber in mindestens gleicher Weise ist sie auch als Lyrikerin hervorgetreten, zuletzt mit Geliehene Landschaften (2016). Ihre Bonner Antrittsvorlesung dreht sich um poetische Taxonomie, die „Kunst der Unterscheidung“ mit sprachlichen Mitteln. In ihrem Ready-made „Moosgarten“, das sie erläutert, taucht neben neunundneunzig anderen Moosen auch das „Glashaar-Widertonmoos“ auf, womit sich der Kreis zu Thomas Kling schließt. Bleibt die Frage. Was aber leistet denn eine poetische Taxonomie? Poschmanns klare und überzeugende Antwort: „Sie unterscheidet die Unendlichkeit der Wahrnehmung von den Zumutungen der Eindeutigkeit.“

In ihrer informativen Einführung in das Werk und die Arbeit von Esther Kinsky bezeichnet Sabine Mainberger die Autorin als „versierte Grenzgängerin“, die in sehr unterschiedlichen Sprach- und Kulturräumen lebt und als Übersetzerin zwischen ihnen vermittelt. Erst später, nämlich 2010, trat die 1956 in Engelskirchen geborene vielfältige Literatin als Lyrikerin in Erscheinung, legte dann aber in kurzer Zeit gleich vier Gedichtbände vor. In ihrer hier abgedruckten Vorlesung widmet sie sich „dem sprachlichen Verhandeln der Fremde“ und zeigt die besonderen Herausforderungen der Übersetzung von Lyrik auf: „Wer sich ans Übersetzen von Gedichten macht, wird auch ums Schürfen nicht herumkommen, ums Ausloten  von Tiefen und Proben aus Sprachgestein.“

Der dritte Band wird mit der Antrittsvorlesung in Christoph Peters beginnen, denn dieser wurde 2017 als Thomas-Kling-Poetikdozent berufen. Wir dürfen uns jetzt schon darauf freuen, auch wenn es noch zwei Jahre bis zum Erscheinen sind, denn diese Reihe nähert sich aus vielfältigen Blickwinkeln und mit beeindruckender Tiefenschärfe dem Entstehungsprozess von poetischen Formen.

Kunststiftung NRW (Hg.): Von Sprache sprechen II. Die Thomas-Kling-Poetikdozentur. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2017. 104 Seiten. 14,90 €.