„Mach dein erstes Türchen auf! – Anton G. Leitner präsentiert neue Gedichte zur Weihnacht

978-3-15-011080-5-klein„Es treibt der Wind im Winterwalde / die  Flockenherde wie ein Hirt / und manche Tanne ahnt wie balde / sie fromm und lichterheilig wird“. Diese Anfangszeilen aus dem Gedicht Advent von Rainer Maria Rilke konnte ich lange auswendig, bevor ich überhaupt wusste, wer Rilke war. Das Auswendiglernen von Gedichten gehörte bei uns zu Hause zur Weihnachtszeit dazu. Und vermutlich entstand dort auch meine lebenslange Liebe zur Lyrik.

Viele Weihnachtsgedichte kann ich immer noch auswendig. Und als Anton G. Leitner die Idee äußerte, eine Anthologie mit neuer, zeitgemäßer Lyrik zur Weihnacht zusammenzustellen, war ich sofort Feuer und Flamme und beteiligte mich an seiner Ausschreibung. Nun liegt das sehr schön editierte Buch vor. Es enthält auch einen Gedicht von mir: Verheißung.  Mit seinem Erscheinen im Reclam Verlag geht zugleich ein weiterer Kindheitstraum für mich in Erfüllung.

Herausgekommen ist ein lyrischer Weihnachtsmarkt, mit lustiger, nachdenklicher, kurzer, langer und konkreter Poesie. Die Liste der versammelten Autorinnen und Autoren kann sich sehen lassen: sie reicht von Altstars wie Günter Kunert und Ulla Hahn über renommierte Lyrikerinnen wie Tanja Dückers und Barbara Maria Kloos bis zu jungen Nachwuchsschreibern wie Andreas Schumacher und Leander Beil.

Mein Lieblingsgedicht stammt von Hellmuth Opitz und behandelt die seltsam leere Zeit nach den Weihnachtstagen und trägt den Titel Die Zeit zwischen den Jahren. Es beginnt so:

„Tage, die leben wollen und nicht sterben,
die zerrieben werden zwischen Bäuchen und Bräuchen,
die letzten Krümel Licht in den Auslagen früher Nachmittage,
enttäuschte Gesichter, vom Umtausch ausgeschlossen,
Tage, in denen Einkaufswagen herumstehen, die niemand
zurückbringt, der Bahnhofsvorplatz ein Teller Milchreis
mit Zimt, die Streufahrzeuge kommen kaum durch, …“

Ich kann es schon fast auswendig. Das feine Bändchen Mach dein erstes Türchen auf! eignet sich jedenfalls selbst bestens als Geschenk im Adventskalender – oder unterm Tannenbaum.

Anton G. Leitner (Hrsg.) Mach dein erstes Türchen auf! Neue Gedichte zur Weihnacht. Reclam Verlag, Stuttgart 2016. 96 Seiten, gebunden. 10 €

„Literarischer Reiseführer Böhmisches Bäderdreieck“ – Roswitha Schieb lockt nach Karlsbad, Franzbad und Marienbad

schiebroswitha_lrboemischesbaederdreieckbc_460Das böhmische Marienbad, das in Tschechien liegt und Mariánské Lázne heißt, ist uns nicht nur durch Goethes berühmte Elegie bekannt. Als ehemals mondäner Kurort wurde er auch noch in den 70er Jahren bei Studienfahrten aus der Bundesrepublik nach Prag regelmäßig angefahren. Der morbide Eindruck, den der Ort damals vermittelte, erscheint heute wie weggeblasen. Ähnliches gilt auch für das größere und ältere Karlsbad sowie für den kleinen Ort Franzensbad, die zusammen mit Marienbad das Böhmische Bäderdreieck bilden.

Dem Deutschen Kulturforum östliches Europa in Potsdam kommt das große Verdient zu, an diesen historischen Kulturraum, der immer auch Begegnungsstätte unterschiedlicher Nationalitäten war, nicht nur zu erinnern, sondern gleichzeitig und vor allem die aktuelle Situationen mit einzubeziehen und zu würdigen. Es ist die große Stärke dieses literarischen Reiseführers, nicht nur klassische Autoren zu erwähnen und ihre Texte zu zitieren, sondern eben auch solche der Gegenwart – und zwar international, u.a. Milan Kundera, Alain Robbe-Grillet. Für Karlsbad und Marienbad bedeutet dies beispielsweise, dass eben nicht nur Goethes unglückliche Liebe im hohen Alter zu Ulrike von Levetzow dargestellt wird, sondern auch der Roman von Martin Walser Ein liebender Mann aus dem Jahre 2008, der diese Episode aus Goethes Leben eindrucksvoll verarbeitet.

Geschickt gelingt es der Autorin Roswitha Schieb, die Geschichte der Bäder mit den Erfahrungen, Erinnerungen, Verarbeitungen, Beschreibungen und Perspektiven der unterschiedlichsten Autoren mit einem Blick auf die heutige Situation zu verschränken. Zahlreiche, oft farbige Abbildungen, eine kluge Gliederung, eine Zeittafel, ein ausführliches Literaturverzeichnis und ein Register erleichtern das Lesen und das Suchen nach bestimmten Literaten und laden zum Stöbern ein. Das ist alles so einladend gestaltet, dass man große Lust verspürt, sich selbst eine Kur in Karlsbad oder Marienbad verschreiben zu lassen. Oder zumindest ein langes Wochenende dort zu verbringen und anhand dieses Buches auf den vielfältigen Spuren der zitierten Dichter zu wanden.

Nach den Bänden über Breslau, Danzig und Oberschlesien ist dies bereits der vierte Reiseführer in dieser verdienstvollen Reihe, die – man kann es nicht anders sagen – in jeglicher Hinsicht Maßstäbe für das Format Literarischer Reiseführer setzt.

Rowitha Schieb: Literarischer Reiseführer Böhmisches Bäderdreieck. Deutsches Kulturforum, Potsdam 2016. Integralbroschur, 361 Seiten. 19,80 €

„Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ – Irmgard Keun wird zum zweiten Mal wiederentdeckt

9783462316391_5Die 1905 in Berlin geborene Autorin Irmgard Keun wird ein zweites Mal wiederentdeckt. Und das mit Recht! Nach Kind aller Länder im Frühjahr publiziert der Verlag Kiepenheuer & Witsch nun auch Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften als gebundene Ausgabe im Belletristikprogramm, 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung 1936 im Exilverlag bei Allert de Lange in Amsterdam.

Ende der 70er Jahre gab es die erste Wiederentdeckung von Irmgard Keun. Der Düsseldorfer Claassen Verlag veröffentlichte damals mit Erfolg die wichtigsten ihrer Romane ebenfalls als gebundene Ausgaben. Darunter 1980 auch Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften. Keun erlebte und genoss den späten, zweiten Ruhm, noch kurz vor ihrem Tod 1982 in Köln.

Der vorliegende Roman hat viel von einem Kinderbuch und ist doch ein Buch für Erwachsene. Er erzählt ich in der Ich-Form aus der Perspektive eines anfangs zehnjährigen Mädchens dessen Erlebnisse und Streiche gegen Ende des Ersten Weltkriegs. Es sind in sich abgeschlossene Geschichten, die als Mosaiksteine zusammen ein eindrucksvolles Sittengemälde der bürgerlichen Gesellschaft am Ende der Kaiserzeit und kurz danach ergeben. In der letzten Geschichte dieses Episodenromans „Die große Leidenschaft“ ist das Mädchen schließlich dreizehn Jahre alt, was zu ersten Liebesverwirrungen führt.

Das Buch ist deshalb ein Erwachsenenroman oder zumindest ein Jugendroman, weil es der vielfach verlogenen Welt der Eltern den Spiegel vorhält. Diese Welt ist voller Konventionen, die dem Kind nicht geläufig oder einsichtig sind. So sagt es häufig die Wahrheit, die aber niemand hören möchte. Nachbarn, Lehrer und Mitschüler sind die wichtigsten Figuren in diesem Setting. Das namenlose Mädchen nimmt immer wieder Sprüche, Ratschläge oder aufgeschnappte Redewendungen der Erwachsenen wörtlich und setzt sie gut gemeint in die Tat um. So schreibt das Mädchen beispielsweise einen Brief an den Kaiser, um ihn vom Frieden zu überzeugen, und gibt ihm noch den Ratschlag, es wäre besser abzudanken. Natürlich müssen die Eltern des Mädchens für den Schaden, den ihr Kind angerichtet, gerade stehen und das Mädchen muss die unterschiedlichsten Strafmaßnahmen ausbaden. Doch die Energie des Kindes, sich nicht mit den Gegebenheiten abzufinden, bleibt ungebrochen. Der einzige, der wirklich Verständnis für das aufgeweckte Mädchen hat, ist der Nachbar Herr Kleinerz, der über die Streiche des Kindes auch lachen kann.

Lachen kann auf jeden Fall der Leser. Denn mit ihrer humorvollen Art gelingt Irmgard Keun in diesem nach achtzig Jahren noch erstaunlich frisch wirkenden Roman auch eine entlarvende Gesellschaftkritik.

Irmgard Keun: Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften. Kiepenheur & Witsch, Köln 2016. 206 Seiten, gebunden. 16,- €

„Das russische Duell“ – Felix Philipp Ingold nimmt ein altes Ritual der Konfliktbewältigung ins Visier

csm_9783862530700_ef35fb2d6cDer 1942 in Basel geborene Dichter, Übersetzer und emeritierte Professor Felix Philipp Ingold ist einer der profundesten deutschsprachigen Kenner der russischen Kulturgeschichte und Literatur. Diese Exzellenz belegt er einmal mehr mit seinem neusten Buch, in dem er dem Ritual des Duells in Russland nachspürt. Das russische Duell, das man nicht mit dem russischen Roulette verwechseln sollte, ist eine kulturspezifische Variante des Duells, wie es auch in anderen europäischen Ländern seit dem 15. Jahrhundert in unterschiedlichen Ausprägungen, vornehmlich unter Angehörigen des Adels, praktiziert wurde. Im russischen Zarenreich kam das Duell erst relativ spät, nach der Öffnung gen Westen unter Peter I., auf. Trotz des Verbots durch den Zar, der berechtigterweise eine erheblich Dezimierung seiner Führungsschicht befürchtete, hielt sich diese martialische Form der Konfliktbewältigung bis zum Ende des russischen Kaiserreichs 1917.

Ingold interessiert sich so eingehend für dieses Thema, zu dem er nun die erste deutschsprachige Gesamtdarstellung vorlegt, „weil das Duell ja tatsächlich eine existenzielle humane Grundkonstellation und zudem einen elementaren wie auch psychischen Mechanismus modellhaft veranschaulicht, nämlich die von Aktion und Reaktion – zwischen bewegten Körpern.“ Dieses Ritual der Satisfaktion wird in all seinen Details, von der Anzahl der Schritte bis zum Gebrauch der Schusswaffe, sowie seiner Varianten ausführlich im historischen Kontext erläutert. Zahlreiche Dokumente, die teilweise abgebildet werden, verdeutlichen die intensive Recherche, die diesem bemerkenswerten Buch zu Grund liegt.

Einen großen Stellenwert räumt Ingold Duellen von Schriftstellern und der Darstellung von Duellen in der Literatur ein. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der große Dichter Alexander Puschkin bereits mit 37 Jahren durch ein Duell starb, nachdem er zuvor bereits zwanzig dieser grausamen Auseinandersetzungen überlebt hatte. Ingolds Kulturgeschichte des Duells endet auf Seite 196 des voluminösen Bandes. Die folgenden gut 230 Seiten dienen lediglich dem Abdruck von Texten und Dokumenten. Neben zahlreichen literarischen Texten sind dies auch Auszüge aus Prozessakten, Gesetze und Kommentare. Vermutlich hätte ein Band ohne diesen Materialanhang und mit einem deutlich günstigeren Preis deutlich mehr Leser gefunden. Im Sinne der Sache ist es aber gut, dass beides zusammen ist. So hat Felix Philipp Ingold hundert Jahre nach dem Verschwinden aufgrund des tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels ein grundlegendes Werk über ein altes Ritual verfasst, das den Lesern aus Filmen und Romanen nur in groben Umrissen geläufig sein dürfte.

Felix Philipp Ingold: Das russische Duell. Kultur- und Sozialgeschichte eines alten Rituals. Konstanz University Press, Paderborn 2016. 438 Seiten, gebunden. 39,90 €

Logbuch Lyrik (7): „Schleuderfigur“ von Kerstin Hensel

9783630874999_Cover„Wer an diesem Spiel teilnimmt, wird aus den gewöhnlichen Bahnen seines Lebens herausgerissen und überwältigenden Gefühlen, die aus Gesellschaftsverlust, Liebe oder Tod entstehen, unterworfen.“ Das klingt dramatisch. Der Satz steht auf der Rückseite des Schutzumschlags des neuen Gedichtbandes von Kerstin Hensel. Ich halte ihn für maßlos übertrieben. Das Spiel, um das es geht, ist nämlich ein Kinderspiel, das „Schleuderfigur“ genannt wird und als Titel dieses Lyrikbandes auserkoren wurde. Bei diesem Spiel, das wir früher auch gespielt haben, drehen sich zwei Kinder, die sich mit überkreuzten Armen an den Händen halten, wie ein Karussell, bis der innere Spieler loslässt und den äußeren Spieler herausschleudert. Dieser bleibt dann in einer ausdrucksstarken Stellung als Figur stehen, deren Bedeutung die anderen Kinder erraten müssen. Es fällt sehr schwer, die Gedichte unter dem oben genannten Anspruch zu deuten. Genau betrachtet bezieht sich der Begriff „Schleuderfigur“ auch nur auf einen der fünf Abschnitte, in die das Buch gegliedert ist. Im Titel gebenden Gedicht werden Kindheitserinnerungen heraufbeschworen: „Der Samstagabend schickt mich zum Kobold der / Kugelt über die Staatsmattscheibe Alles / Verwandelt sich // Die Samstagnacht macht sich zum Jäger Morgen / Wird mich ein anderes treffen“. Die Staatsmattscheibe verweist auf das DDR-Fernsehen. Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren und studierte am Institut für Literatur in Leipzig. In der Regel arbeitet Hensel ohne Punktsetzung, deutet jedoch eine neue Sinneinheit durch Großschreibung an. Typisch sind auch die Zeilensprünge. Lässt man das überzogene Marketing als selbst gesetzten Maßstab außer Acht, so kommt ein sehr gekonnter Lyrikband zum Vorschein, der vor allem durch seine Formenvielfalt und die Rhythmik der Gedichte besticht. Er wäre noch überzeugender, hätte Kerstin Hensel, ihres Zeichens Professorin für Deutsche Verssprache an der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin, oder ihr Lektor auf einige einfachere Gedichte verzichtet, wie den laut Widmung eher privaten Text „Das Dorellenquartett“, auch wenn dieser auf Schuberts „Forellenquintett“ anspielt. Er besteht doch nur aus simplen Paarreimen und dem Wortspiel im Titel. Kostprobe: „Die Panke durchwommen / Vom Koch ausgenommen / Gefüllt und gebraten / Serviert als Doraden.“ Andererseits wird der relativ umfangreiche Gedichtband mit rund 100 Texten auf diese Weise mit Witz aufgelockert.

Kinderspiele, -reime und -lieder bilden ein Leitmotiv, das immer wieder eingestreut auftaucht: „Der Goldfisch ruft aus der Katze / Den Schilfkolbenkönig zu Hilfe / Der reitet zu spät / Übern See übern See“. Goethes Erlkönig lässt auch noch grüßen. Ein Anhang erläutert einige Begriffe und gibt Hinweise auf die Dichterkolleginnen und -kollegen, auf die sich Kerstin Hensel bezieht, wie in „Der Müggelsee“, wo sie Bezug zum gleichnamigen Gedicht von Volker Braun nimmt. Mit diesem Spielbein der Intertextualität bewegt sich Hensel gelegentlich weit zurück, bis zur griechischen Dichterin Sappho, die im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte. Es ist überraschend, wie viele Wie-Vergleiche Hensel verwendet, die Benn vor sechzig Jahren doch als Kennzeichen von schlechter Lyrik angeprangert hatte: „Einen Hund der kaut daran / Wie an trockenen Pansen.“ oder „Schön / Wie nichts im Leben“.

Stark dagegen ist der Einbezug der Natur durch unverbrauchte Wortspiele und poetische Abwandlungen von Redewendungen:“Moränen verladen den Sand / Und den Kies und den Schluff und nehmen sich Zeit“. Auch die verwendeten Tiermotive wirken nicht antiquiert, sondern sind in diesen zeitgemäßen Gedichten geschickt eingeflochten. Doch wegen der thematischen und formalen Vielfalt bleibt Hensels Gedichtband eher eine Sammlung von neuen Texten als ein konzeptioneller Band mit moderner Lyrik, wie ihn beispielsweise kürzlich Marion Poschmann vorgelegt hat. So endet meine Lesereise mit Genius wie im Buch: „Ich schaue aus dem Fenster / Das Land ist kein Gedicht / Schon fährt mein Glück gebremster / Und nichts reimt sich auf mich.“

Kerstin Hensel: Schleuderfigur. Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2016. 136 Seiten, gebunden. 17,99 €

 

Stefan Bollmann unterbreitet geistreiche Lebenshilfe mit Goethe

9783421046802_CoverIch habe lange über den Buchtitel nachgedacht. Ob er passend ist oder gar selbst sinnlos. Allein damit hat er wohl seinen Zweck erfüllt. Denn natürlich ist ein Leben ohne Goethe nicht sinnlos. Stefan Bollmann zeigt vielmehr, wie man sein Leben auf der Grundlage von Goethes Leben und Werk reichhaltiger und eventuell glücklicher gestalten kann. Insofern müsste der Buchtitel eher lauten: Was wir von Goethe für unser Leben lernen können.

Der promovierte Germanist Stefan Bollmann, der bislang vor allem mit verschiedenen Büchern über Frauen, die lesen, Erfolg hatte, erweist sich im vorliegenden Band als profunder Goethekenner. Kenntnisreich zitiert er immer wieder an geeigneter Stelle aus Goethes Romanen, vornehmlich natürlich aus Die Leiden des jungen Werthers und Die Wahlverwandtschaften, aus seinen Theaterstücken, Gedichten und Briefen. Die Grundlage für diese unkonventionelle Besichtigung von Goethes Leben bildet die mit zahlreichen Beispielen belegte These, dass Goethe Architekt seines eigenen Lebens war: „Goethe ist ein Pionier des eigenen Lebens, der erste und bemerkenswerteste, den Deutschland hervorgebracht hat.“ Dabei streitet Goethe für ein tätiges Leben und zeigt zugleich, „dass es zwar kein Recht auf Glück gibt und Glück ohne Unglück nicht zu haben ist.“ Bollmann lädt uns zu acht Spaziergängen durch Goethes Leben ein, das er als Parklandschaft vor uns ausbreitet (eine entsprechende Karte ist auf das Vorsatzpapier gedruckt). Darin befinden sich unter anderem Werthers Grab, der Pfad der Kreativität, die Chemie der Leidenschaft, der Wandering Spirit und ganz wesentlich der Stein des guten Glücks, den man heute noch in Goethes Gartenhaus an der Ilm bewundern kann.

Man muss allerdings einwenden, dass Goethe selbst auch ein großer Egomane war, sodass es zumindest fragwürdig bleibt, inwieweit er tatsächlich als Vorbild taugt. Aber wenn Goethe seine erste und vielleicht einzige wahre, große Liebe Lilli Schönemann, mit der er sich 1775 in Frankfurt am Main verlobt, sitzen lässt, um sich als Künstler in Weimar zu verwirklichen, so ist das bezogen auf ein selbstbestimmtes Leben immerhin konsequent.

Das alles wird von Stefan Bollmann sehr kurzweilig aufbereitet. Obwohl man viel über Goethes Leben erfährt, ist das Buch ist keine Biographie. Obwohl viele kluge Ratschläge unterbreitet und begründet werden, ist es auch kein Lebenshilfebuch im einschlägigen Sinne. Es ist eine geistreiche und unterhaltsame Mischung aus beidem.

Stefan Bollmann: Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2016. 284 Seiten, gebunden. 19,99 €

Fulminante „Fußballkritik“ – Das Beste aus 20 Jahren „Der Tödliche Pass“

9783730702550_cover_0 Im Mai 1999, also vor siebzehn Jahren, erhielt ich vom Verlag Die Werkstatt ein bestelltes Rezensionsexemplar: Legenden in Weiß und Blau von Hardy Grüne und Claus Melchior über den TSV 1860 München, meinen Lieblingsverein der 60er Jahre. Zum ersten Mal hatte ich ein Fußballbuch für eine Besprechung angefordert. Leider muss ich gestehen, dass ich diese Buchkritik nie verfasst habe. Aber hinten im Buch entdeckte ich ein Anzeige: „Wenn Sie wissen wollen, warum Jean Baudrillard die Rückennummer 3 trägt: Der tödliche Paß, die Zeitschrift zur näheren Betrachtung des Fußballspiels, sagt es Ihnen! Wer kritische, satirische, philosophische und jeden Falls ungewöhnliche Betrachtungen zum runden Leder sucht- diese Vierteljahresschrift hat sie. Andere spielen Fußball – wir denken drüber nach!“

Das klang aufregend. Gab es wirklich eine Zeitschrift, die sich intellektuell mit dem Fußball auseinandersetzte? Ich verlangte nach einem Probeheft, war begeistert und abonnierte das Magazin. Im Oktober 2003 war es dann soweit. In Heft 33 erschien mein erster eigener Beitrag unter dem Titel „Ein begrenztes Feld. Über Zusammenhänge von Fußball, Politik und Literatur in den 90ern“. Einige Jahre später schrieb ich dann regelmäßig eine Kolumne über das Leben mit Fortuna Düsseldorf. Nachdem daraus mehrere Bücher entstanden waren, beschränkte ich mich bis heute auf gelegentliche Einwürfe und Rezensionen von Fußballbüchern. Abonnent bin ich geblieben.Aus den A5-Heften ist längst eine veritable Schwarz-Weiß-Zeitschrift im A4-Format geworden. 2006 konnte man diese auch im Bahnhofsbuchhandel erwerben. Doch das rentierte sich leider nicht, sodass die Hefte wieder fast ausschließlich im Abo bezogen werde müssen.

Im letzten Jahr feierte das Magazin, das immer noch von den drei Gründungsvätern Stefan Erhardt, Johannes John und Claus Melchior herausgegeben wird, sein 20jähriges Jubiläum und das Erscheinen von Heft 80. Die höchst verdiente Festschrift dazu ist nun im Verlag Die Werkstatt erschienen. Das Beste aus 20 Jahren! 47 Beiträge aus 80 Heften von zwölf Autorinnen und Autoren. Dazu eine Einleitung von Stefan Erhardt und ein Nachwort von Jürgen Roth.

Die drei Herausgeber haben sich als Leitfaden für die Textauswahl auf das Thema „Fußballkritik“ geeinigt. Und es ist überraschend zu sehen, wie aktuell viele dieser teils heiteren, teils sehr bissigen Beiträge heute noch sind. Das gilt sowohl für die zahlreichen sprachsensiblen Artikel als auch für die Erörterung von Regeländerungen und vor allem für die Kritik an der fortschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs. Nur selten wird dabei die Vereinsbrille aufgesetzt, nie die rosarote, sondern fast immer die mit der geschärften Weitsichtigkeit.

Was ich nach all den Jahren allerdings immer noch nicht weiß: Warum eigentlich trägt  Jean Baudrillard die Rückennummer 3? Leider findet sich der Artikel, der darüber Auskunft gibt, nicht im Auswahlband. Da auch keiner meiner Beiträge aufgenommen wurde, ist das Anlass genug ein zweites Buch zu fordern – mit dem Schwerpunkt auf den Zusammenhängen zwischen Fußball und Literatur. Vorher gilt es allerdings diesen ersten Band mit seiner kritischen Spielfreude mindestens neunzig Minuten plus Nachspielzeit vollumfänglich zu genießen.

Stefan Erhardt (Hrsg.): Fußballkritik. Das Beste aus 20 Jahren DER TöDLICHE PASS. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2016. 224 Seiten, Paperpack. 14,90 €