Stefan Bollmann unterbreitet geistreiche Lebenshilfe mit Goethe

9783421046802_CoverIch habe lange über den Buchtitel nachgedacht. Ob er passend ist oder gar selbst sinnlos. Allein damit hat er wohl seinen Zweck erfüllt. Denn natürlich ist ein Leben ohne Goethe nicht sinnlos. Stefan Bollmann zeigt vielmehr, wie man sein Leben auf der Grundlage von Goethes Leben und Werk reichhaltiger und eventuell glücklicher gestalten kann. Insofern müsste der Buchtitel eher lauten: Was wir von Goethe für unser Leben lernen können.

Der promovierte Germanist Stefan Bollmann, der bislang vor allem mit verschiedenen Büchern über Frauen, die lesen, Erfolg hatte, erweist sich im vorliegenden Band als profunder Goethekenner. Kenntnisreich zitiert er immer wieder an geeigneter Stelle aus Goethes Romanen, vornehmlich natürlich aus Die Leiden des jungen Werthers und Die Wahlverwandtschaften, aus seinen Theaterstücken, Gedichten und Briefen. Die Grundlage für diese unkonventionelle Besichtigung von Goethes Leben bildet die mit zahlreichen Beispielen belegte These, dass Goethe Architekt seines eigenen Lebens war: „Goethe ist ein Pionier des eigenen Lebens, der erste und bemerkenswerteste, den Deutschland hervorgebracht hat.“ Dabei streitet Goethe für ein tätiges Leben und zeigt zugleich, „dass es zwar kein Recht auf Glück gibt und Glück ohne Unglück nicht zu haben ist.“ Bollmann lädt uns zu acht Spaziergängen durch Goethes Leben ein, das er als Parklandschaft vor uns ausbreitet (eine entsprechende Karte ist auf das Vorsatzpapier gedruckt). Darin befinden sich unter anderem Werthers Grab, der Pfad der Kreativität, die Chemie der Leidenschaft, der Wandering Spirit und ganz wesentlich der Stein des guten Glücks, den man heute noch in Goethes Gartenhaus an der Ilm bewundern kann.

Man muss allerdings einwenden, dass Goethe selbst auch ein großer Egomane war, sodass es zumindest fragwürdig bleibt, inwieweit er tatsächlich als Vorbild taugt. Aber wenn Goethe seine erste und vielleicht einzige wahre, große Liebe Lilli Schönemann, mit der er sich 1775 in Frankfurt am Main verlobt, sitzen lässt, um sich als Künstler in Weimar zu verwirklichen, so ist das bezogen auf ein selbstbestimmtes Leben immerhin konsequent.

Das alles wird von Stefan Bollmann sehr kurzweilig aufbereitet. Obwohl man viel über Goethes Leben erfährt, ist das Buch ist keine Biographie. Obwohl viele kluge Ratschläge unterbreitet und begründet werden, ist es auch kein Lebenshilfebuch im einschlägigen Sinne. Es ist eine geistreiche und unterhaltsame Mischung aus beidem.

Stefan Bollmann: Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2016. 284 Seiten, gebunden. 19,99 €

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„Den Vorhang öffnen“ – Liesel Willems ist nächster Gast bei „1 Gedicht und mehr“

willems„1 Gedicht und mehr“ von Liesel Willems steht im Mittelpunkt des nächsten Lyrikabends im Niederrheinischen Literaturhaus Krefeld an der Gutenbergstraße 21 am Donnerstag,  dem 25. Februar 2016 , um 20 Uhr. Gemeinsam mit der Krefelder Lyrikerin werde ich in einem Wechselspiel aus Lesung und Gespräch ihre Gedichte näher betrachten.
Bei Liesel Willems gibt es keine besonderen Wortneuschöpfungen, verdrehte Wendungen oder ambitionierte Wortspiele, die deutlich machen, hier kommt moderne Lyrik. Nein, Effekthascherei und Aufmerksamkeit erheischen ist nicht die Sache von Liesel Willems. Im Gegenteil, ihre Lyrik kommt stets ganz unaufgeregt, leise und fast unscheinbar daher.  Das ist jedoch ein Understatement, denn in ihren Gedichten sitzt jedes Wort, ist jede Wortstellung genau austariert.
Liesel Willems wurde 1950 in Krefeld geboren und ist dort aufgewachsen. Nach Zwischenstationen in Köln, Aachen und Rom kehrte sie zurück an den Niederrhein. Menschen bilden den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen; Erlebnisse mit Kindern und auf Reisen fängt sie in lyrischer Poesie ein. Ihren ersten Gedichtband veröffentlichte sie 1988 im Sassafras Verlag, ihre erste Kindergeschichte 1992. Zuletzt erschien von ihr im IATROS-Verlag der Gedichtband „Den Vorhang öffnen“. 2014 erhielt sie den Postpoetry-Preis für Lyrik.

„Der gelbe Akrobat 2“ – Michael Braun und Michael Buselmeier verführen zum Lyriklesen

3d-akrobat2Der Literaturkritiker Michael Braun und der Autor Michael Buselmeier haben sich in den letzten fünfundzwanzig Jahren mit dem Projekt „Der gelbe Akrobat“ einen Namen gemacht, insbesondere seit der erste Band mit einer Sammlung von 100 kommentierten Gedichten 2009 im poetenladen erschienen ist. Er liegt inzwischen in der dritten Auflage vor. Dieses ambitionierte Unterfangen, das sich ganz der deutschsprachigen Lyrik verschrieben hat, beschränkt sich im Gegensatz zur ähnlich konzipierten, von Marcel Reich-Ranicki begründeten Frankfurter Anthologie, die inzwischen auch Selbstinterpretationen und fremdsprachige Gedichte zulässt, auf Autorinnen und Autoren der Gegenwart. Zudem wird von jedem Verfasser nur ein Gedicht besprochen. Dieses nutzen Braun und Buselmeier dann gekonnt exemplarisch als pars pro toto, um den Lyriker bzw. die Lyrikerin mit den Grundzügen seines bzw. ihres Werkes vorzustellen. Der zweite Band bricht insofern mit dieser Grundidee, als er mit Ulrike Draesner, Rolf Haufs, Wolfgang Hilbig, Jan Koneffke, Ursula Krechel, Christoph Meckel und Jürgen Theobaldy einige Autorinnen und Autoren enthält, die bereits im ersten Band vertreten sind.

Aber auch der zweite Band besticht mit fünfzig deutschsprachigen Gedichten von fünfzig unterschiedlichen Verfassern, deren Texte abwechselnd von Michael Buselmeier und Michael Braun vortrefflich kommentiert werden. Alle Kommentare sind zuvor bereits auf der Internetseite des Poetenladens und in dessen formidablen Literaturmagazin poet erschienen.

Unter den vorgestellten Autorinnen und Autoren gibt es immer wieder neue Entdeckungen, die das feine Gespür der beiden Herausgeber – nennen wir sie einmal so – für aktuelle Tendenzen oder neue Stimmen in der Lyrikszene belegen.  So wurde beispielsweise Kerstin Preiwuß bereits im Jahre 2008 gewürdigt, lange bevor der zweite Gedichtband dieser Autorin im Suhrkamp Verlag veröffentlicht wurde.. Etwas aus dem Rahmen fallen dagegen die Kommentierungen der Gedichte von Elisabeth Langgässer (1899-1950), Oskar Loerke (1884-1941) und Wilhelm Lehmann (1882-1968),  die man schwerlich noch als Gegenwartsautoren gelten lassen kann. Im Vorwort heißt es dazu: Mit diesen Gedichten „wird an die Großmeister der naturmagischen Schule erinnert, um die es still geworden ist“.

Es ist bemerkenswert, wie es sowohl dem Heidelberger Lyrikpatron Michael Buselmeier, der immerhin schon mehr als 75 Jahre hinter sich weiß, als auch dem brillanten Lyrikritiker Michael Braun gelingt, auf knapp zwei, maximal zweieinhalb Buchseiten anhand eines einzelnen Gedichtes zum Kern des lyrischen Werkes des Verfassers respektive der Verfasserin vorzudringen. Von Marion Poschmann beispielsweise hat Michael Braun das relativ kurze und nicht leicht zugängliche Gedicht „latenter Ort“ ausgesucht, um dem Leser zu verdeutlichen, dass in Poschmanns Lyrik „die vertrauten Positionen von Subjekt und Objekt, die Verhältnisse zwischen Ich und Natur immer wieder ins Wanken gebracht“ werden. Und weiter heißt es: „Marion Poschmanns Dichtung ist eine hoch artifizielle Wahrnehmungskunst: Sie bevorzugt Bild-Kombinationen, die manchmal ins Alogische und Rätselhafte gehen, gleichwohl etwas Suggestives haben.“ Das ist so prägnant formuliert, dass dieser Satz in einem entsprechenden Lexikon stehen könnte.

Der zweite Band erinnert mit ausgewählten Gedichten auch an verstorbene Autoren wie Clemens Eich, Rolf Haufs und Rainer Malkowski und ruft diese noch einmal eindringlich in unser poetisches Bewusstsein. In besonderer Weise aber rückt er Gegenwartsstimmen in den Blickpunkt, die zum Weiterlesen animieren, so wie Norbert Hummelt, Nadja Küchenmeister, Ann Cotten oder Hendrik Rost. Der gelbe Akrobat ist eine wunderbare, verlässliche Fundgrube zeitgenössischer Lyrik. Großartiger Weise führen Braun und Buselmeier die Reihe weiter. Man darf in einigen Jahren also auf einen dritten Band hoffen. Bis dahin gilt es, eindringlich in den ersten beiden Bände zu stöbern.

Michael Braun und Michael Buselmeier: Der gelbe Akrobat 2. 50 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert. poetenladen Verlag, Leipzig 2016. 186 Seiten, Klappenbroschur. 18,80 € 

Frankfurter Anthologie Band 38 – In memoriam Marcel Reich-Ranicki

u1_978-3-10-002412-1Der 38. Band der berühmten Frankfurter Anthologie, die jährlich die zuvor in der Samstagsausgabe der FAZ gedruckten Gedichte samt Interpretationen versammelt, ist ein ganz besonderer. Es ist der erste Band nach dem Tod von Marcel Reich-Ranicki, der die von ihm begründete Reihe 39 Jahre betreute. Einige der vorliegenden fünfzig Beiträge hat er noch selbst redigiert. Nach seinem Tod wurden alle 21 Gedichtinterpretationen, die Reich-Ranicki selbst verfasst hatte, noch einmal gedruckt. Sie erscheinen daher auch ein zweites Mal in der Buchausgabe. Zudem enthält der Band erstmals Selbstinterpretationen, das heißt eine Dichterin oder ein Dichter kommentiert ein eigenes Gedicht. Diese Neuerung führte Reich-Ranickis Nachfolgerin als verantwortliche Redakteurin der Frankfurter Anthologie, Rachel Salamander, ein. Den Anfang machte die bedeutende Autorin Friederike Mayröcker. Ihr folgten Ulrike Draesner, Helmut Krausser, Alfred Brendel, Elisabeth Plessen und Ulla Hahn.

Ich selbst bin auch wieder mit einem Beitrag vertreten. Unter dem Titel „Es war die Amsel“ interpretiere ich das Gedicht „Die Wimpern“ vom großartigen Jürgen Nendza, dem ersten Gast in meiner Gesprächsreihe „1 Gedicht und mehr“. Die Korrespondenz über meinen Vorschlag und seine Realisation war seinerzeit mein letzter Kontakt zu Marcel Reich-Ranicki, von dem ich in all den Jahren viel gelernt habe. Es war beeindruckend zu erleben, wie entschieden er stets den Text und den Leser im Blick hatte.

Inzwischen hat Hubert Spiegel die Verantwortung für die Frankfurter Anthologie übernommen. In der Einleitung dieses Buches würdigt er Marcel Reich-Ranicki auf eine sehr gelungene Weise. Auch Hubert Spiegel hat bereits eine Neuerung eingeführt. Er öffnete die Reihe für Gedichte fremdsprachiger Autoren in deutscher Übersetzung. Die ersten Beiträge dieser Art wird man in Buchform im nächsten Jahr in Band 39 nachlesen können. So scheint gewährleistet, dass das Ziel dieser außerordentlichen Unternehmung, der Dichtung eine Gasse zu bahnen, auch in den nächsten Jahren mit Erfolg verfolgt wird.

Frankfurter Anthologie Band 38. Gedichte und Interpretationen. Begründet von Marcel Reich-Ranicki. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 333 Seiten, gebunden. 24,99 €

„Trakl und wir“ – Fünfzig tiefe Blicke in einen Opal

Scannen0035In diesem Jahr gedenken wir des 100. Todestages von Georg Trakl (1887-1914). Dazu sind zahlreiche Publikationen erschienen, Neuausgaben seiner Werke und allein drei Biographien. Etwas Besonderes hat sich die Münchener Stiftung Lyrik Kabinett einfallen lassen. Gemeinsam mit den beiden Herausgebern Mirko Bonné und Tom Schulz, beide selbst außerordentliche Dichter, lud sie fünfzig zeitgenössische Lyrikerinnen und Lyriker zu einer Auseinandersetzung mit Trakls Gedichten ein. Herausgekommen ist ein formal und inhaltlich formidabler Band. Man hält eine wunderschöne Ausgabe in der Hand: feines, dickes Papier, modernes, großzügiges Layout und ansprechende, variable Typografie.

Beinahe alle, die Rang und Namen in der deutschsprachigen Lyrik haben, sind diesem Aufruf nachgekommen: von Nora Bossong bis Durs Grünbein. Jeder Dichter hat sich einen speziellen Text von Trakl ausgewählt, der jeweils auf der linke Seite abgedruckt ist. Ihm gegenüber steht das Ergebnis der Auseinandersetzung: meistens ein korrespondierendes Gedicht, aber gelegentlich auch eine Interpretation oder ein Kommentar.

Es ist beeindruckend, wie ergiebig Trakls Gedichte heute noch sind. Die intensive Auseinandersetzung hat zu einer Reihe großartiger neuer poetischer Texte geführt. Hervorheben möchte ich Jan Wagners Essay „Rinnende Perlen“ über Trakls Rosenkranzlieder. Ebenso Ulla Hahns Salzburger Notizen. Zudem das Gedicht „Verfallsstudie“ von Nora Bossong als Replik auf Trakls Sonett „Verfall“. Bossong stellt dazu die Sonettform auf den Kopf und arbeitet mit einem originellen Reimschema.

Kathrin Schmidt dagegen hält fest: „Anders als formal auf ihn Bezug nehmen, will nicht gelingen. So reden wir aneinander vorbei.“ Ganz nah dran ist wiederum Marie T. Martin mit einem einfühlsamen Gedicht und einem Kommentar zum ausgesuchten Gedicht „Naturtheater“. Sie stellt fest: „Da im Gedicht alle Zeiträume miteinander verschränkt werden können, besteht die Möglichkeit, eine Klage zu wandeln oder zu transformieren. Ein Gedicht kann also alchemistische Qualitäten haben.“

Diese Magie der lyrischen Texte von Georg Trakl überträgt sich auf viele der neu entstandenen Gedichte: Ulrich Kochs „Bevor der Winter kommt“ oder Marcel Beyers „An die Vermummten“, das überzeugend eine Verbindung zwischen dem Wahnsinn von vor hundert Jahren und heutigen Terrorakten herstellt. Weniger gelungene Texte gibt es auch: Arne Rautenbergs „Winterbogen“ oder auch Ron Winklers Montage von Textbausteinen aus Trakls Poem „De profundis“, die sich im Ungefähren verliert. Die Version von Johannes Kühn zu „Verklärter Herbst“ erscheint mir zu profan, um dem Original gerecht zu werden, zumal Marcel Beyer schon vor Jahren mit „Verklirrter Herbst“ eine kaum zu übertreffende Adaption vorlegt hat.

Sehr interessante Einblicke in den Opal – der Titel des Buches spielt auf Trakls Gedicht „Drei Blicke in einen Opal“ an – liefert Dorothea Grünzweig, die in Finnland lebt und in ihrem Text auch Fragen der Übersetzung und der Bedeutung des Begriffs „Moor“ nachgeht. Norbert Hummelt steuert einen glänzenden Essay zu Trakls „Ein Winterabend“ bei, in dem er Martin Heideggers These „Die Sprache spricht als Geläut der Stille“ aufgreift.

Dieser Sammelband ist ein Füllhorn mit fünfzig Edelsteinen. Nur wenige bleiben blass, die allermeisten leuchten hell. Das Konzept, das dieser Auseinandersetzung mit einem Dichter aus einer vergangenen Epoche zu Grunde liegt, ist voll aufgegangen. Es sollte unbedingt bald wieder Anwendung finden.

Mirko Bonné / Tom Schulz (Hg.): Trakl und wir. Fünfzig Blicke in einen Opal. Stiftung Lyrik Kabinett, München 2014. Paperback mit Fadenheftung. 196 Seiten 22,00 €

„Von Sprache sprechen“ – Lang lebe die Thomas-Kling-Poetikdozentur

Cover VON SPRACHE SPRECHEN_Lilienfeld Verlag 2014Viel zu früh verstorben ist der einzigartige Sprachjongleur Thomas Kling (1957-2005), der seine letzten Jahre auf der Raketenstation Hombroich in Neuss verbrachte und auf mindestens eine Lyrikergeneration nachhaltig einwirkte. Sein Werk harrt immer noch einer umfassenden literaturwissenschaftlichen Aufarbeitung.

Die Kunststiftung NRW setzte 2011 die glorreiche Idee in die Tat um, Thomas Kling dadurch zu ehren, dass sie an der Universität Bonn eine Poetikdozentur einrichtete, in der jedes Jahr ein anderer Autor zwei Semester lang seine poetologischen Konzepte vorstellt und mit den Studierenden in einen Austausch tritt, und diese Dozentur nach ihm benannte. Thomas Kling hätte die Idee und ihre Umsetzung gefallen. Und ganz besonders auch, dass die jährlich gehaltenen Antrittsvorlesungen nebst Laudationes durch eine Publikation festgehalten und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden.

Im ambitionierten Lilienfeld Verlag sind nun die aus dem genannten Anlass entstandenen Vorträge der ersten drei Poetikdozenten samt Lobreden und einem einführenden Essay von Hubert Winkels erschienen. Letzterer beschreibt Thomas Kling in seinem kenntnisreichen und sehr persönlichem Beitrag als „sanften Beserker“, der unentwegt das Zwiegespräch „mit den großen fernen und den nahen lieben Toten“ führte. Die Poetikdozentur bietet nun immer wieder Anlass, in einen Totentanz mit Thomas Kling zu treten.

Als erster Dozent trat der  Essayist und Übersetzer, vor allem aus dem Arabischen, Stefan Weidner sein Amt an. In seiner Antrittsvorlesung „Warum Übersetzungen altern und die orientalischen Poesie so blumig ist“ macht er deutlich, welche bedeutende eigenständige Leistung eine literarische Übersetzung stets darstellt. Und er belegt eindrucksvoll, wie sehr Übersetzungen das Bild eines Kulturraums prägen können und bezüglich des Orients bei uns geprägt haben. Die orientalische Poesie erscheint uns beispielsweise nur aufgrund der bekannten Übersetzungen blumig, was sie im Original nicht ist.

Ganz andere Akzente formulierte die zweite Poetikdozentin Barbara Köhler 2012. Die bekannte Lyrikerin und Sprachbildnerin setzt sich ausgehend von Kafkas Bericht für eine Akademie mit der besonderen Situation einer Schriftstellerin als universitäre Lehrkraft im Hörsaal auseinander.

Nachfolger als ständiger Bewohner auf der Raketenstation Hombroich wurde der Lyriker und Essayist Oswald Egger. Nur konsequent, dass er 2013 auch die Thomas-Kling-Poetikdozentur übernahm. Seine eigenwillige Antrittsvorlesung kreist um das Thema „Wie heiße ich noch einmal (wenn ich einer bin)?“, nimmt damit Bezug zur Märchenfigur Rumpelstilzchen, zitiert Tucholskys geistreichen Nonsense-Text „Zur soziologischen Physiognomie der Löcher“, ohne dies zu verraten, und wirft Fragen auf wie „Gehört es zum Wesen des Gedichts, dass es den Eindruck erweckt, aber nicht vermittelt?“.

Solche anregenden Vorlesungen habe ich mir als Student immer gewünscht. Wenn man schon nicht mehr an der Uni weilen kann, so kann man mit diesem Buch wenigstens im Nachhinein bei den alljährlichen Auftaktveranstaltungen dabei sein. Mögen die Thomas-Kling-Poetikdozentur und die Gepflogenheit, die Vorträge zu veröffentlichen, noch lange, lange Bestand haben.

Von Sprache sprechen. Die Thomas-Kling-Poetikdozentur. Herausgegeben von der Kunststiftung NRW. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2014. 120 Seiten, Klappenbroschur. 14,90 €
(Schriftenreihe der Kunststiftung NRW Literatur, Band 2) 

Düsseldorfer Beiträge zur Thomas Mann-Forschung Band 2

tmgd2Auch der zweite Band der Schriftenreihe der 2009 gegründeten Thomas Mann-Gesellschaft Düsseldorf enthält eine Reihe inspirierender Beiträge, auch wenn die Qualität der Aufsätze, die auf den Veranstaltungen des Jahres 2011 basieren, insgesamt heterogen ist. Das liegt daran, dass neben Fachaufsätzen renommierter Literaturwissenschaftler wie Hans-Georg Pott auch die Beiträge aus dem Studierenden- und Doktorandenforum zum Thema „Thomas Mann – ein Langweiler?“ aufgenommen wurden. Leider fehlt in diesem Band eine schriftliche Fassung des Vortrags von Hermann Kurzke, den dieser im genannten Zeitraum über „Das Streitgespräch der Brüder Thomas und Heinrich Mann in den ‚Betrachtungen eines Unpolitischen'“ in Düsseldorf gehalten hat.

Gleich mehrere Beiträge beschäftigen sich mit Thomas Manns letztem Roman Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Natürlich geht es da um Liebe und Erotik. Stefan Nagel untersucht „Felix Krulls Ars Armandi“ unter den beiden Stichworte „Pan-Erotik und Juwelendiebstahl“, die Thomas Mann selbst in einem Brief nennt. Nagel weist mit einem Rückgriff auf Hegel relativ schlüssig nach, dass Mann in seinem letzten Roman einen „letzten Humanisierungsversuch unternimmt, indem er zwei der wichtigsten und zentralsten abendländisch-bürgerlichen Grundwerte in Frage stellt: Ehe und Eigentum“. Besonders anregend sind die Ausführungen vom Björn Moll, der die Erotisierung des Blicks im Felix Krull darstellt. Er zeigt, wie das Auge des Protagonisten als Geschlechtsorgan konditioniert wird und dass Narzissmus, Voyeurismus und Exhibitionismus die Gründe seiner Erregung sind: „Das von Felix Krull angelernte erotische Sehen ist somit auch ein Muster der Welterfassung und einer theoretischen Auseinandersetzung mit der Welt.“

Musil Experte Hans-Georg Pott vergleicht die beiden großen Autoren des letzten Jahrhunderts anhand ihrer teilweise komplementären Romane, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs spielen: Der Mann ohne Eigenschaften und Der Zauberberg, und behauptet: „Ohne Dichtung keine Wahrheit“. Pott zeigt Ähnlichkeiten in den beiden Romanen auf, die in ganz unterschiedlichen Ansätzen sich derselben großen Thematik widmen, der europäischen Seelenverfassung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist, wie der Mathematiker Robert Musil einige gesellschaftliche Aspekte mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitstheorie analysierte. Und als Aphorismus bleibt seine Stelle im Gedächtnis: „Gute Menschen können eine böse Gemeinschaft bilden.“ Abschließend nennt Pott Robert Musil und Thomas Mann „das weithin leuchtende Zwillingssternbild der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts“, welches das Höchste in der geistigen Durchdringung sah. Über die Bedeutung von Musil ließe sich diesbezüglich vielleicht streiten.

Zwei Beiträge widmen sich dem schwierigen Verhältnis von Thomas Mann und Bertolt Brecht. Johannes Roskothen nennt es eine „unproduktive Spannung“, die zwischen den beiden deutschen Literaturgrößen herrschte, und reflektiert die gut dreißig Jahre, in denen die beiden Antipoden auf unterschiedlichste Weise in Kontakt kamen. Der Künstler Bernhard Heisig  (1925-2011) hat diese Konstellation in einem Doppelporträt dargestellt. Ute Olliges-Wiesczorek stellt den Druck, den die Thomas-Mann-Sammlung der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf 2010 erworben hat, und seine Entstehungsgeschichte ausführlich vor.

Lediglich aufgrund der vielen abgedruckten Fotos interessant ist die ausführliche Rekonstruktion des Besuchs Thomas Manns in der Düsseldorfer Buchhandlung Schrobsdorff im August 1954.

Anregende und zukunftsweisende Bezüge zwischen Thomas Mann und dem großen niederländischen Schriftsteller Harry Mulisch zeigt Marc van Zoggel im einzigen englischsprachigen Beitrag dieses Bandes auf. Er geht dabei dem Konzept von Ironie und Selbstironie in den Werken der beiden Autoren nach. Es wird deutlich, dass das umfassende Werk von Harry Mulisch noch ein Desiderat der deutschsprachigen Literaturwissenschaft darstellt.

Düsseldorfer Beiträge zur Thomas Mann-Forschung Band 2. Schriftenreihe der Thomas Mann Gesellschaft Düsseldorf. Wellem Verlag, Düsseldorf 2013. 238 Seiten, gebunden. 36,00 €