Martina Wildner „Das schaurige Haus“ – ein gelungener Schauerroman für Kinder

9783407799951Martina Wildners Schauerroman für Kinder handelt von einem schrecklichen Fluch, der scheinbar auf einem lange verlassenen Haus liegt.

Eine Familie mit zwei Söhnen zieht aus beruflichen Gründen aus der sächsischen Stadt C. in ein Dorf im Allgäu. Sie mietet dort ein Haus am Rande des Dorfes, das lange leer gestanden hat. Der dreizehnjährige Hendrik beginnt seine Ich-Erzählung mit dem Umzug, bei dem schon das erste seltsame Zeichen geschieht. Plötzlich läuten die Glocken des nahe gelegenen, kleinen Pestfriedhofs. Alle schauen sich verwundert an. Hendriks Vater vermutet, es seien Totenglocken, sein kleiner Bruder Eddi fängt an zu heulen und der Mutter entgleiten die Keramikfiguren, welche die beiden Brüder darstellen, so dass diese auf dem Boden zerbersten.

Als der fünfjährige Eddi immer wieder nachts schlafwandelt und in Trance Schnecken an die Wände malt, welche die Form von Buchstaben haben, keimt der Verdacht auf, das auf dem Haus ein Fluch liegt. Hendrik geht gemeinsam mit seinem neuen Schulfreund Fritz den Gerüchten nach. Tatsächlich wurde vor dreißig Jahren ein Bruderpaar in dem Haus durch Pilze vergiftet. Die Mutter wurde verurteilt, doch im Dorf werden hinter vorgehaltener Hand Zweifel daran geäußert. Auch andere tote Kinder werfen Fragen auf. Hendrik und Firtz versuchen auf der Liste der Toten und ihrer Eltern eine Systematik in den Zahlen und Buchstaben zu erkennen. Auch Eddi gibt als Medium nachts weitere Hinweise. Ergeben die Kombinationen tatsächlich den Spruch „Mein Tod ist der eurer Kinder“?

Und dann ist da noch Ida aus seiner Klasse, die Hendrik schöne Augen macht und ihm eine Skiausrüstung schenkt. Mehrfach verpatzt Hendrik anfangs die Situationen mit ihr. Doch auf dem Faschingsball versetzte Ida ihn schließlich. Auch Ida hatte einen Bruder, der früh verstorben ist. Eines Nachts entdeckt er mit seinem Bruder im Keller des schaurigen Hauses eine geheime Kammer: vollgestopft mit alten Spielsachen. Als sein Intimfeind Chris seine Skier in den Misthaufen steckt und Gülle in den Garten sowie durch das Kellerfenster kippt, wird es Hendrik und seine Familie zu viel. Sie beschließen wieder wegzuziehen. Doch vorher löst Hendrik mit seinem Bruder noch das Rätsel um den Tod der vergifteten Kinder.

Martina Wildner wurde 1968 im Allgäu geboren, studierte später Grafikdesign, bevor sie begann Geschichten für Kinder und Jugendliche zu schreiben. Bekannt wurde sie mit ihrem Roman „jede Menge Sternschnuppen“ (2003). Thematisch gesehen ist das Werk von Wildner vielfältig. Dabei überschreitet sie auch die Grenze zwischen der realistischen und der fantastischen Literatur. Im vorliegenden Buch bleibt sie jedoch auf der realistischen Seite, auch wenn es auffällig viele Zufälle gibt. Dies wirkt weitaus überzeugender als beispielsweise in ihrem Roman „Michelles Fehler“ (2006).

Es bleiben jedoch einige Fragen – auch ans Lektorat, das zudem einige Grammatikfehler übersehen hat: Warum ist in der wörtlichen Rede stets von der Stadt „C.“ die Rede? Darf man Chemnitz nicht nennen? Warum schreibt die Autorin in ihrer Danksagung „mich und meinen Mann“? Wir Kinder sagten dazu früher: „Der Esel nennt sich immer zuerst.“ Und warum beschränken sich die Vignetten von Anke Kuhl – vom Titelblatt abgesehen – ausschließlich auf Nacktschnecken, die wahrlich wenige Variationsmöglichkeiten bieten? Davon abgesehen ist das neue Buch von Martina Wildner ein sehr gelungener Schauerroman für Kinder, vor allem für Jungen ab 10 Jahren.

Martina Wildner: Das schaurige Haus. Mit Vignetten von Anke Kuhl. Beltz & Gelberg, Weinheim und Basel 2011. 207 Seiten, gebunden. 12,95 €. ISBN 978-3-407-79995-1

Advertisements

„Vogelfänger“ von Kristina Dunker – ein Psychothriller für junge Menschen

vogelfaenger-9783423782296Die spannende Sommergeschichte von Kristina Dunker entführt den Leser auf einen Campingplatz

 Am Anfang war das Buch, dann kam der Film. Auch wenn gelegentlich der Film deutlich bekannter ist als die Romanvorlage wie im Fall des nordamerikanischen Horrorfilms Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast (I know what you did last summer) (1997), dem das gleichnamige Jugendbuch von Lois Duncan aus dem Jahre 1973 als Vorlage diente. Als Nachhall des Filmerfolges reüssierte Duncans Buch bei uns in Deutschland inzwischen als Schullektüre für den Englischunterricht.

In einer lauen Sommernacht überfahren vier Jugendliche auf einer Rückfahrt von einer Party einen Unbekannten. In ihrer Panik beseitigen sie ihn und tragen seitdem schwer an ihrem Geheimnis. Ein Jahr später holt sie dieses Ereignis auf unheimliche Weise ein, es beginnen gegenseitige Verdächtigungen. Während die Filmversion (ab 18!) in brutale Morde ausartet, überzeugt das Jugendbuch (geeignet etwa ab 13) durch eine psychologisch schlüssig gezeichnete Gruppendynamik. Letztendlich schuf Duncan damit den Prototyp eines neuen Genres: den Psychothriller für Jugendliche als Weiterentwicklung des Abenteuerromans in der Jugendliteratur.

Im deutschsprachigen Raum hat in herausragender Weise Kristina Dunker dieses neue Genre mit lebendigem Lesestoff ausgestaltet. Die 1973 in Dortmund geborene und noch immer im Ruhrgebiet lebende Kinder- und Jugendbuchautorin veröffentlichte inzwischen drei Romane in diesem Grenzbereich von Jugend- und Erwachsenenliteratur. Dem sehr erfolgreichen Thriller Sommergewitter (2004), folgten in relativ kurzen Abständen Schwindel (2007) und Vogelfänger (2009).

In dem zuletzt publizierten Taschenbuch reduziert Dunker die Jugendgruppe im Wesentlichen auf die beiden sechzehn- bzw. siebzehnjährigen Mädchen Nele und Ida, womit deutlich wird, dass die eigentliche Zielgruppe weiblicher Natur und dieser Roman im Überlappungsbereich von Mädchenbuch und Kriminalliteratur angelegt ist. Ich-Erzählerin ist das jüngere der beiden Mädchen, das zusammen mit ihrer eher flüchtigen Freundin der Gegenwart zu entkommen versucht. Doch auf dem zu diesem Zweck angesteuerten abgelegenen Campingplatz holt beide Mädchen immer nachdrücklicher die Vergangenheit der letzten Monate ein. Während Nele offen mit ihrem unglücklichen Verhalten bei einem Fahrradunfall ihres damaligen Freundes umgeht, gibt Ida nur sehr zögerlich Stück für Stück die Geschichte, die zur Trennung von ihrem etwas älteren Freund führte, preis.

Zusätzliche Spannung erhält der Roman durch eine zweite Ich-Perspektive, aus der als kurze Einsprengsel immer wieder Gedanken von Idas psychisch krankem Ex-Freund geschildert werden. Dieser sich selbst so bezeichnende Vogelfänger will Ida mit allen Mitteln zurück gewinnen. Dazu folgt er ihr auf den Campingplatz, versteckt sich in einer Holzhütte und isoliert Ida nach und nach von den übrigen Campingplatzbesuchern. Dabei schreckt er auch vor Körperverletzungen nicht zurück, wie im Fall der Jungen, die Nele und Ida dort kennenlernen. Einmal scheucht der Vogelfänger einen Wespenschwarm auf, bei einer anderen Gelegenheit drängt er zwei der Jungs auf ihren Fahrrädern so weit mit seinem Auto ab, dass diese schwer stürzen.

Die unbekümmerte Nele begreift erst sehr spät wie ernst die Lage für sie und Ida ist. Sie zweifelt immer stärker an Idas Freundschaft und stellt sie zur Rede. Die Lage spitzt sich weiter zu, wobei Dunker es geschickt vermeidet, die Situation übertrieben dramatisch zu gestalten. Das Ende schließlich hält für Nele verschiedene Optionen und auch eine positive Überraschung bereit.

Das Buch ist flott, in einer ausgewogen jugendlichen Sprache und ohne Längen geschrieben. Kristina Dunker gelingt es, die Handlung zügig und ohne allzu abwegige Zufälle voranzutreiben. Die Dialoge sind zeit- und altersgemäß abgefasst, die Charaktere überzeugend gestaltet. Insgesamt ein gelungener Psychothriller für junge und jung gebliebene Menschen – nicht nur für den Sommerurlaub auf einem Campingplatz.

Kristina Dunker: Vogelfänger. Roman. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009. 218 Seiten. 6,95 €