Logbuch Lyrik (1): „Apfel und Amsel“ von Jürgen Nendza

nendza_02.inddDer Leipziger Poetenladen Verlag macht sich immer mehr um die deutschsprachige Lyrik verdient. Er veröffentlicht nicht nur in seinem formidablen Literaturmagazin poet zweimal jährlich Neuentdeckungen und bekannte Lyriker, sondern er publiziert inzwischen auch mehrere, sehr ansprechende Gedichtbände im Jahr.

„Täglich verschiebt sich der Gedächtnisrand / und was wir sagen wollten: Der Apfel weiß // nicht, dass die Zeit uns aufsagt.“ So lautet ein durchaus typischer Gedichtanfang von Jürgen Nendza in seinem neuen Band „Apfel und Amsel“. Der Titel des Gedichts ergibt sich aus dem ersten Wort, das in Kapitälchen geschrieben ist. Der Text ist in Strophen aufgeteilt, häufig wie hier in zweizeilige. Nendzas Lyrik besteht zumeist aus vollständigen Sätzen, nur selten verwendet er einen elliptischen Satzbau. Poetische Kraft gewinnen seine Texte durch ungewöhnliche Formulierungen, die den Leser innehalten, nachdenken und in sich hinein horchen lassen.

Jürgen Nendza, 1957 in Essen geboren, hat  bereits eine ganze Reihe von Gedichtbänden veröffentlicht, zuletzt 2008 „Die Rotation des Kolibris“ (Landpresse Verlag). In seinem neuen Band geht er seinen eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Nendza besticht weiterhin durch seine feinsinnigen Naturimpressionen, die ihn zu welthaltigen Assoziationen anregen. So entstehen Texte, die immer wieder durch eine Überblendung der Bedeutungsebenen überzeugen. Oft ist es ein Zusammenspiel von Natur und Mensch, dann wechselt die Naturbeschreibung in eine imaginäre Anrede eines lyrisches Du. Sehr gelungen sind auch die Verflechtungen von Landschaft und ihrer Geschichte im Abschnitt „Bulten und Schlenken“. Dort gelingt es Nendza, die Besonderheiten der Region Hohes Venn, eines Hochmoors an der deutsch-belgischen Grenze, poetisch zu erfassen und gleichzeitig Hinweise auf historische Schicksale, wie die der russischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg, der deutschen Fallschirmspringer oder des Liebespaares Marie und Fançois, das sich im Winter verirrte und erfror, einzubinden.

„Was sich in der poetischen Textbewegung des Schreibens zeigt, ist für mich ein unvorhersehbares Zusammenspiel von Konstruktion und Überraschung, Kalkül und Entdeckung, Handwerk und Rätsel.“, verrät Jürgen Nendza über sein eigenes Schreiben in den Umkreisungen. 25 Auskünfte zum Gedicht (Hrsg. von Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt, poetenladen Verlag, Leipzig 2010). Seine Gedichte kommen dabei leise und fragil daher: „Ich gestehe meine Vorliebe für das Unscheinbare, Unspektakuläre, vermeintlich Unvertraute und Periphere.“

In seinem neuen Lyrikband gelingen Jürgen Nendza überzeugende poetische Überblendungen der Bedeutungsebenen Natur und Mensch, Landschaft und Geschicht. eKritisieren kann man, dass häufig das gleiche Sujet gewählt wird und immer wieder ähnliche Bilder evoziert werden. So sprechen fünf der ersten sechs Gedichte des Abschnitts „Apfel und Amsel“ vom Licht: „Das Licht / bedeutet wir sind wach.“, „Das Licht liegt / puderleicht auf deinen Augen“, „Das Licht / hat kein Gewicht.“, „Das Licht zeigt sich bedenkenlos und still“, „einsortiert ins Licht“. Auch das Stilmittel der Wie-Vergleiche, das Gottfried Benn in seinem berühmten Aufsatz „Probleme der Lyrik“ (1951) als obsolet erklärt hatte, stört gelegentlich. Da fließt ein Fluss „wie ein schwimmendes Gebet“ und zuletzt „kreist ein weißer Elefant / in dieser Schrift, wie auf einem Karussell“. Diesen Rilkebezug hätte man sich origineller umgesetzt gewünscht. Gleichwohl bleibt „Apfel und Amsel“ ein sehr lesenswerter Gedichtband.

WERBUNG:  Jürgen Nendza. Apfel und Amsel. Gedichte. poetenladen Verlag, Leipzig 2012. 72 Seiten, gebunden. 16,80 €. 

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