Eberhard Rathgeb begibt sich auf die Spuren des deutschen Heimatgefühls

9783896675415_CoverAm Anfang stand eine spannende Fragestellung. „Ich wollte wissen, was mit einem geschehen ist, der hier aufwächst und behauptet, in Deutschland liege seine Heimat, was er dabei empfindet und was er darunter versteht und wie es kommt, dass er sich auch in deutscher Kunst, Literatur und zu Hause fühlt“, formuliert Eberhard Rathgeb, einst Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seine Zielsetzung. Diese Frage erhält in der Zeit der Flüchtlingskrise und dem Bemühen um Integration eine zusätzliche Brisanz, denn sie streift auch den Fragenkomplex einer deutschen Leitkultur (Wie sieht diese aus? Woraus speist sie sich?).

Dazu legt Rathgeb keine empirische und auch keine psychologische, sondern eine hermeneutische Studie vor, die er mit sehr persönlichen Erfahrungen aus der Lebensgeschichte seine Vaters durchwirkt. So gesehen ist das vorliegende Buch nach „Schwieriges Glück. Versuch über die Vaterliebe“ (2007) sein zweites Vaterbuch. Die besondere persönliche Note dieser lesenswerten Einlassungen begründet sich darin, dass Eberhard Rathgeb 1959 in Buenos Aires geboren wurde und erst als Kind Mitte der Sechzigerjahre nach Deutschland übersiedelte.

1929 entschied sich Rathgebs Großvater Albert, aufgrund der wirtschaftlichen Lage in Deutschland das Land zu verlassen und als Ingenieur einer deutschen Firma für ihre Zweigstelle in Argentinien zu arbeiten. So musste Rathgebs Vater Albrecht in jungen Jahren seine Heimat verlassen. Während der Großvater nie mehr nach Deutschland zurückkehrte, obwohl er lange lebte, verspürte der Vater Heimweh, sodass er zwanzig Jahre nach Kriegsende mit seiner Familie den Heimweg antrat. Und genau das interessiert Rathgeb. Worin begründet sich sich dieses Heimatgefühl? Dazu holt er immer wieder weit aus, bemüht Goethe und Heidegger, Thomas Mann und die deutsche Linde.Und da das Heimatgefühl schwierig zu fassen ist und bei jedem Menschen unterschiedliche Ausprägungen und Erscheinungsformen besitzt, stützt sich Rathgeb immer wieder auf das Verhalten und die Aussagen seines Vaters, um dieses zu deuten.

Rathgebs mitnehmender Feuilletonstil kommt diesem Sachbuch mit seinen 384 Seiten sehr zu Gute. Auch wenn nicht jedes Kapitel gleichermaßen interessant erscheint, wirkt die Gedankenführung an keiner Stelle ermüdend. Das Problem ist, dass das Buch romanhafte Züge trägt, aber eigentlich auch ein Sachbuch sein will. Diese Zwitterform ist hinsichtlich der Gesamtkonzeption keine glückliche Entscheidung. Vielleicht hätte Rathgeb zwei Werke daraus machen sollen, einen wirklichen Roman über seine eigene Vergangenheit und die Geschichte seine Vaters sowie ein Sachbuch über die Darstellung des Heimatgefühls bei deutschen Dichtern und Denkern.

Im Schlusskapitel kommt Rathgeb, als er seinen fernen Geburtsort Buenos Aires aufsucht, zu der späten Einsicht: „Heimat lebte vom Geist, der Bekanntes suchte, im glücklichen Fall vom Wiedererkennen, von dem Gefühl, das Dasein an einem bestimmten Ort sinnvoll ertragen zu können.“

Eberhard Rathgeb: Am Anfang war Heimat. Auf den Spuren eines deutschen Gefühls. Blessing Verlag,  München 2016. 384 Seiten, gebunden. 22,99 €

Vanessa Geuen untersucht Kneipen, Bars und Clubs als postmoderne Heimatkonstruktionen

Geuen_BarsGibt es das Genre Kneipenroman? Und wenn nicht, macht es Sinn, dieses zu definieren und zu etablieren? Vanessa Geuen geht diesen Fragen in ihrer kulturwissenschaftlichen – und eben nicht literaturwissenschaftlichen – Dissertation nach. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Kneipenromane, wie sie vom Feuilleton teilweise bezeichnet werden, in der Gegenwartsliteratur relativ häufig auftreten, ohne dass sich die Literaturwissenschaft bislang diesem Komplex zugewendet hat. Daraus resultiert, dass das Genre Kneipenroman wissenschaftlich nicht existiert. Vanessa Geuen zeigt gleichwohl, dass es sich relativ schlüssig abgrenzen ließe. Für ihre Untersuchung vorliegender Romane postuliert sie zwei notwendige Kriterien: „Erstens ist eine Kneipe, eine Bar oder ein Club der handlungstragende Raum für die Figuren….Zweitens beziehen sich die Figuren in ihren Handlungen, Einstellungen und Interaktionen immer wieder auf den Raum Kneipe, Bar oder Club.“ Diskotheken, Restaurants und Cafés werden aufgrund ihrer Andersartigkeit ausgeschlossen.

Nach einigen methodischen Überlegungen wählt Geuen sechs Romane als exemplarisch aus. Diese dienen ihr als Basis und Belege für ihre theoretischen Überlegungen. Darin liegt ein Problem der Arbeit, denn die Auswahl ist natürlich subjektiv und enthält zudem keinen bekannten bzw. literarisch anerkannten Roman. Zudem bleibt fragwürdig, dass Geuen sich nicht auf die deutschsprachige Literatur beschränkt, sondern auch Übersetzungen aus dem westlichen Kulturraum miteinbezieht.

Gleichwohl erscheinen ihre Gliederung einleuchtend und ihre Ergebnisse erhellend. Im zweiten Kapitel untersucht sie die Kneipe als individuelles Konstrukt und soziales Geflecht. Ihm folgen drei Kapitel, die sich der Kneipe als Heimatraum widmen: Vertrautheit im Unvertrauten, Gemeinschaft und Freiheit sowie Kollaps und Katharsis. Es geht Geuen dabei vor allem darum, postmoderne Heimat und postmoderne Identität miteinander in Beziehung zu setzen. Auch wenn das Fazit „Die Heimat-Insel Kneipe erweist sich als zu unwirtlich und bereits besetzt vom Fremden, als dass sie dauerhaft eine stabile, vertraute und verlässliche Zufluchtsstätte innerhalb postmoderner Komplexität und Instabilität sein könnte.“ wenig überraschend ist, so hat Vanessa Geuen in ihrem Buch doch gezeigt, dass die weitere Untersuchung dieses besonderen Raums anhand literarischer Texte vor dem Hintergrund theoretischer Ansätze wie dem Thirdspace-Konzept oder Foucaults Heterotopie-Konzept lohnenswert erscheint.

Vanessa Geuen: Kneipen, Bars und Clubs. Postmoderne Heimat- und Identitätskonstruktionen in der Literatur. Verlag Ripperger & Kremers, Berlin 2016. 296 Seiten. 34,90 €