Peter Longerichs voluminöse Hitler-Biographie ist auf dem Weg zu einem Standardwerk

9783827500601_CoverMehr als zwei Jahrzehnte galt Joachim Fests Hitler Biographie, die 1973 erschien und zu einem Bestseller avancierte, als das Buch, in dem zumindest aus deutscher Sicht fast alles zur deutschen Variante des Faschismus gesagt war. Fest stellte den Nationalsozialismus unter faschismustheoretischer Perspektive als Produkt des Führers dar, was es vielen Deutschen einfach machte, die Frage nach einer Mitverantwortung zu negieren oder zumindest abzumildern. Erst die zweibändige Hitler-Biographie des Briten Ian Kershaw (1998 bzw. 2000) bildete ein neues Standardwerk. Kershaw erklärte in einer anderen Sichtweise Hitlers Aufstieg und sein Herrschaftssystem mit Blick auf die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte.

Fünfzehn Jahre später veröffentlichte der Siedler Verlag nun in einem Jahr zwei neue voluminöse Hitler-Biographien. Während Wolfram Pyka einen eigenwilligen, neuartigen Blick auf Hitler und sein Herrschaftssystem unter dem Blickwinkel „Der Künstler als Politiker und Feldherr“ vornahm, stellt im vorliegenden Buch Peter Longerich Hitler detailliert als in vielen unterschiedlichen Bereichen sehr aktiven Politiker dar, der schließlich eine höchst extreme Führerdiktatur installierte.

Longerichs Buch ist eigentlich zu umfangreich, um es Seite für Seite durchzulesen. Aber wenn man es als Basisliteratur oder als Nachschlagewerk nutzt, bleibt man stets im aufgeschlagenen Kapitel hängen. Das Personen- und Ortsregister sowie die Anmerkungen sind excellent geführt. So lassen sich Detailfragen schnell klären. Longerichs Darstellung erfolgt chronologisch in sieben Teilen. In der abschließenden Bilanz heißt es: „Im Mittelpunkt des Dritten Reiches stand ein entschlossener Diktator, der diesen Prozess auf allen Ebenen formte, sämtliche Energien auf seine Person ausrichtete und sich eine Machtfülle erarbeitete, die ihm einen beispiellosen Handlungsspielraum eröffnete.“

Stringent und faktenreich untermauert der Londoner Geschichtsprofessor Peter Longerich, der 1955 in Krefeld geboren wurde und bereits mit seinen Biographien über Heinrich Himmler und Joseph Goebbels hervorgetreten ist, auf der Grundlage neuster Forschungen seine These. So ist diese Hitler-Biographie auf bestem Wege, ebenfalls zu einem neuen Standardwerk zu avancieren.

Peter Longerich: Hitler. Biographie. Siedler Verlag, München 2015. 1396 Seiten, gebunden. 39,99 €. 

„Lunapark“ – Volker Kutschers Kommissar Rath ermittelt 1934 im Umfeld der SA in Berlin

9783462315820_10Auf acht Bände hat Volker Kutscher seine Serie um Kommissar Gereon Rath geplant. Sie beginnt im April 1929 und soll während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin enden. Mit beeindruckender Konstanz legt Kutscher bislang alle zwei Jahre einen neuen voluminösen Fall vor (zuletzt 2014 Märzgefallene). Inzwischen hat er zeitgeschichtlich das Frühjahr 1934 erreicht. Die Sturmabteilung (SA) der Nationalsozialisten hat sich zu einer zweiten  Polizei im Staats aufgeschwungen, die sich an keinerlei Gesetze gebunden fühlt. Gerüchte um die Homosexualität ihres Führers Ernst Röhm machen die Runde.

Gleichwohl ist Lunapark der schwächste Band in dieser ambitionierten Reihe. Gereon Rath verlässt sich voll und ganz auf bereits eingeführte Personen – sowohl bei den Ermittlern (z. B. Gräf) als auch bei den Verbrechern (einmal mehr Doktor Marlow). Vermutlich ist dies Kutschers Zugeständnis an den Seriencharakter, denn schließlich werden Kutschers erste Romane gerade aufwändig für eine internationale Fernsehserie unter dem Arbeitstitel „Babylon Berlin“ verfilmt. Auch die Szenerie ist wenig originell, sie spielt an wenigen unspektakulären Orten in Berlin, vorzugsweise im Gebäude der Geheimen Staatspolizei sowie in der Wohnung von Gereon Rath und seiner Frau Charlotte, die auch in diesem Fall die wichtigste Nebenrolle innehat. Erst als Rath den stillgelegten Lunapark betritt (S. 368), in dem sich Kommunisten und der gesuchte Mörder versteckt halten, gewinnt die Handlung an Spannung.

Unverständlich bleibt zudem, warum Volker Kutscher den Fall für den Leser bereits auf Seite  247 auflöst. Dort wechselt die Erzählperspektive für ein kurzes Kapitel in die Sicht des Mörders. Damit werden unnötig früh die Hintergründe der Mordserie aufgeklärt. Der Leser weiß danach lange Zeit mehr als der Kommissar und der Spannungsbogen ist erst einmal dahin. Erst gegen Ende nimmt der Roman noch einmal Fahrt auf. Dabei beleuchtet er das historische Ereignis des sogenannten Röhm-Putsches Ende Juni 1934. Einerseits schätzt man die Serie wegen der fundierten historischen Hintergründe, andererseits wirkt es gestelzt, wenn etwa Charlys Chef ihr lange Passagen aus der berühmten Marburger Rede des Vizekanzlers Franz von Papen vorliest.

Trotz der genannten Einwände habe ich das Buch zügig zu Ende gelesen und bin wiederum sehr auf die nächsten Bände gespannt. Und hoffe, dass Kutscher noch einmal zur Klasse und Originalität der ersten vier Bände zurückfindet und nicht einfach routiniert die Serie zu Ende schreibt.

Volker Kutscher. Lunapark. Gereon Raths sechster Fall. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 560 Seiten, gebunden. 22,99 €

„Das russische Duell“ – Felix Philipp Ingold nimmt ein altes Ritual der Konfliktbewältigung ins Visier

csm_9783862530700_ef35fb2d6cDer 1942 in Basel geborene Dichter, Übersetzer und emeritierte Professor Felix Philipp Ingold ist einer der profundesten deutschsprachigen Kenner der russischen Kulturgeschichte und Literatur. Diese Exzellenz belegt er einmal mehr mit seinem neusten Buch, in dem er dem Ritual des Duells in Russland nachspürt. Das russische Duell, das man nicht mit dem russischen Roulette verwechseln sollte, ist eine kulturspezifische Variante des Duells, wie es auch in anderen europäischen Ländern seit dem 15. Jahrhundert in unterschiedlichen Ausprägungen, vornehmlich unter Angehörigen des Adels, praktiziert wurde. Im russischen Zarenreich kam das Duell erst relativ spät, nach der Öffnung gen Westen unter Peter I., auf. Trotz des Verbots durch den Zar, der berechtigterweise eine erheblich Dezimierung seiner Führungsschicht befürchtete, hielt sich diese martialische Form der Konfliktbewältigung bis zum Ende des russischen Kaiserreichs 1917.

Ingold interessiert sich so eingehend für dieses Thema, zu dem er nun die erste deutschsprachige Gesamtdarstellung vorlegt, „weil das Duell ja tatsächlich eine existenzielle humane Grundkonstellation und zudem einen elementaren wie auch psychischen Mechanismus modellhaft veranschaulicht, nämlich die von Aktion und Reaktion – zwischen bewegten Körpern.“ Dieses Ritual der Satisfaktion wird in all seinen Details, von der Anzahl der Schritte bis zum Gebrauch der Schusswaffe, sowie seiner Varianten ausführlich im historischen Kontext erläutert. Zahlreiche Dokumente, die teilweise abgebildet werden, verdeutlichen die intensive Recherche, die diesem bemerkenswerten Buch zu Grund liegt.

Einen großen Stellenwert räumt Ingold Duellen von Schriftstellern und der Darstellung von Duellen in der Literatur ein. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der große Dichter Alexander Puschkin bereits mit 37 Jahren durch ein Duell starb, nachdem er zuvor bereits zwanzig dieser grausamen Auseinandersetzungen überlebt hatte. Ingolds Kulturgeschichte des Duells endet auf Seite 196 des voluminösen Bandes. Die folgenden gut 230 Seiten dienen lediglich dem Abdruck von Texten und Dokumenten. Neben zahlreichen literarischen Texten sind dies auch Auszüge aus Prozessakten, Gesetze und Kommentare. Vermutlich hätte ein Band ohne diesen Materialanhang und mit einem deutlich günstigeren Preis deutlich mehr Leser gefunden. Im Sinne der Sache ist es aber gut, dass beides zusammen ist. So hat Felix Philipp Ingold hundert Jahre nach dem Verschwinden aufgrund des tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels ein grundlegendes Werk über ein altes Ritual verfasst, das den Lesern aus Filmen und Romanen nur in groben Umrissen geläufig sein dürfte.

Felix Philipp Ingold: Das russische Duell. Kultur- und Sozialgeschichte eines alten Rituals. Konstanz University Press, Paderborn 2016. 438 Seiten, gebunden. 39,90 €

„Valdivia“ – Rudi Palla taucht ab in die Geschichte der ersten deutschen Tiefsee-Expedition

9783869711249_5Galiani Berlin ist ein Verlag für besondere Bücher. Fernab von Mainstream und E-Book Subkultur präsentiert er regelmäßig echte Bücher, die man heutzutage fast schon als kleine Kunstwerke bezeichnen muss. Sorgfältig editiert und kreativ layoutet enthält das vorliegende Buch den Druck einer Karte auf dem Vorsatzpapier, zahlreiche Schwarz-Weiss-Grafiken, eine sehr professionell zweiseitig gedruckt, Fotos und eindrucksvollen vierfarbigen Abbildungen (unter anderem von Ernst Haeckel) auf einem speziellen Papier so wie früher die Farbtafeln in den Folianten. Das Thema dieses Bandes ist ein wissenschaftshistorisches Fundstück: die Geschichte der ersten deutschen Tiefsee-Expedition, die vom 1. August 1898 bis zum 1. Mai 1899 stattfand.

Der Verfasser Rudi Palla ist bekannt für sonderliche Bücher, wie seine letzten Titel belegen: Unter Bäumen (2006), Kurz Lebensläufe der Narren (2008) und Der Kapitän und der Künstler. Die Erforschung der Terra Australis (2013). Es ist höchst interessant zu lesen, wie viel Eigeninitiative, Mut und Forschergeist notwendig waren, um diese Pionierleistung deutscher Meeresbiologie am Ende der 19. Jahrhunderts zu vollbringen. Und man ist beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit die Besatzung der Valdivia allen Widrigkeiten von Krankheiten, über Versorgung, technische Probleme und politische Verhältnisse, trotzte.

Der Erfolg dieser neunmonatiger Expedition war bemerkenswert: die Ausbeute an gefangenen Tieren, darunter zahlreiche neue Arten, und Unmengen von Messergebnissen über Meerestiefe, Temperatur und klimatische Verhältnisse. Insbesondere der Zusammenhang zwischen der Fauna in höheren und tiefen Schichten wurde erstmals systematisch untersucht. Es dauerte viele Jahre bis die Ergebnisse wissenschaftlich aufbereitet und publiziert wurden. Sie dienen teilweise heute noch als Grundlage der aktuellen Tiefseeforschung.

Leider kann die textliche Darstellung dieser spannenden Geschichte nicht überzeugen. Ich hätte mir einen zusammenhängenden Text aus der Perspektive von heute gewünscht, der neuste Erkenntnisse mit einbezieht. Stattdessen ist das Buch additiv in mehrere Abschnitte gegliedert, die sich kaum aufeinander beziehen. Nach einem Prolog mit einem Rückbezug auf Jules Vernes 20 000 Meilen unter den Meeren folgt ein Einschub zu den Flottenphantasien von Kaiser Wilhelm II., dann ein biographischer Abschnitt über den Initiator und Leiter der Expedition, Carl Chun, dann ein Bericht über einen Vortrag von Chun. E schließt sich eine Beschreibung des Schraubendampfers, seiner Besatzung und der Ausrüstung an. Erst auf Seite 87 beginnt dann die Schilderung der Reise. Und diese zitiert seitenlang aus dem Reisewerk von Chun selbst, das dieser 1903 über die Expedition veröffentlichte, oder paraphrasiert es. Nur gelegentlich gibt es Kommentare von Palla, etwa zur Kolonialgeschichte, oder kleine sachliche Korrekturen, zum Beispiel zum angeblich dreitausend Jahre alten Drachenbaum auf Teneriffa. Doch hätte man sich statt des Hinweises „was natürlich nicht stimmt“ hier eine präzisere Angabe gewünscht. Es stört  zudem, dass sich Palla bei seinen Ausführungen den altbackenen, adjektivreichen Stil von Chun zu eigen macht: „Nach stürmischen Tagen, in denen das Schiff heftig rollte … Aufgeregt stürmten die an Deck Anwesenden auf die Back. Rasch versah Navigator Sache …“.

Versöhnlicherweise gibt es noch einen Epilog aus heutiger Sicht – mit dem bemüht originellen Titel „Geht Poseidons Reich unter?“. Hier erfährt man auch, was aus den Protagonisten der Reise geworden ist. Aber wie gesagt, eine Verflechtung dieser einzelnen Abschnitte wäre für den Lesefluss und den Aufbau eines höheren Spannungsbogen günstiger gewesen. So führt der Umschlagtext von Frank Schätzing in die Irre. Denn spannend wie ein Krimi geriert sich das Buch nicht. Und trotzdem ist es kaufenswert.

Rudi Palla: Valdivia. Die Geschichte der ersten deutschen Tiefsee-Expedition. Galiani Verlag, Berlin 2016. 224 Seiten, gebunden. 28,- €

„Zeitspiel“ – ein neues Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

01-titel_zeitspiel_03_final kleinEs gibt ein neues Fußballmagazin anzuzeigen. Das ist bereits eine positive Nachricht. Besonders erfreulich ist jedoch, dass es sich nicht um ein weiteres Online-Format handelt, sondern um eine sauber, vierfarbig gedruckte Zeitschrift. Das Vierteljahresmagazin trägt den passenden Titel „Zeitspiel“, denn es beschäftigt sich vornehmlich mit der Geschichte des Fußballs. Es begreift dabei Fußball als Teil der Gesellschaft und als Teil der weltweiten Kultur. Dabei richtet es den Blick tief in die Vergangenheit, vergisst aber nicht aktuelle Tendenzen zu kommentieren.

Bislang liegen drei Ausgaben vor, die das viel versprechende Konzept nachdrücklich umsetzen. Das erste Heft erschien im Juni letzten Jahres mit dem Schwerpunktthema „Überleben im Turbokapitalismus“. Die folgenden beiden Ausgaben widmeten sich den Titelthemen „Aufstiegsspiele“ sowie „Flucht, Vertreibung, Migration und Integration“. Insbesondere das letzte Thema macht deutlich, wie zeithistorische Themen höchste Aktualität besitzen können. Auf 37 sehr lesenswerten Seiten beleuchten die bekannten Buchautoren Hardy Grüne und Dietrich Schulze-Marmeling sowie Frank Willig die vielfältigen Aspekte dieses Themenkomplexes, angefangen bei den Ursprüngen des deutschen Fußballs 1872 über die polnischen Arbeitermigranten, die in den 20er und 30er Jahren zahlreiche Fußballmannschaften verstärkten – insbesondere bekanntermaßen Schalke 04 -, über jüdische Vereine, italienisch und türkisch geprägte Gastarbeitervereine (Beispiel: Türkiyemspor Berlin) bis hin zu Vereinen, die sich heute die Integration als Leitbild auf die Fahne geschrieben haben, wie der FC Wacker München. Die lange Textlandschaft wird aufgelockert durch zahlreiche Fotos, kurze Fallbeispiele und eine Reihe von Interviews.

2_titel_kleinDie regelmäßigen Rubriken heißen u.a. „Gästeblock“, in dem Stadien vorgestellt werden (Holstein Kiel in Heft 2, Fortuna Köln in Heft 3), „Legende“ (FC Carl Zeiss Jena, Wuppertaler SV), „Fankurve“ (SpVgg Bayreuth, 1. FC Lokomotive Leipzig) und „Zeitspiel International“. Hinzu kommt die Sparte „Was war da los“, die ein besonderes historisches Ereignis aus der Fußballgeschichte beleuchtet. Zentraler Bestandteil jeder Ausgabe ist zudem der Abschnitt „Mottenkiste“, der sich in den ersten vier Ausgaben dem vergessenen oder gar weithin unbekannten Fußball in Schlesien bis 1945 widmet.

Das alles ist verlässlich und fundiert, wenngleich gelegentlich auch etwas spröde erzählt, immer wieder angereichert mit Statistiken, die selten kleinere Fehler oder Unstimmigkeiten enthalten. Am Layout lässt sich sicher auch noch gewinnbringend schrauben.

Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist dieser neue Player auf dem Fußballzeitschriftenmarkt sehr zu begrüßen. Noch ist es eine Freizeitnebenbeschäftigung der ambitionierten Herausgeber. Aber es ist durchaus angedacht, diese Zeitschrift, die es bislang nur im Direktbezug gibt, zu professionalisieren. Ich wünsche dafür viel Erfolg. Zwischen dem seriös-langweiligen kicker und der lustigen Wundertüte 11 Freunde ist noch gehörig Raum auf dem Spielfeld. Möge Zeitspiel sich dort etablieren und länger halten als das Magazin Rund, das nach zwei Jahren (2005-2007) von der Verkaufsfläche verschwand und bis heute nur noch im Onlineformat durch das Internet geistert.

Zeitspiel. Magazin für Fußball-Zeitgeschichte. Herausgegeben von Hardy Grüne und Frank Willig. Erscheint vierteljährlich. Heft 2 (III/2015). 90 Seiten. 7,80 € – Heft 3 (I/2016). 98 Seiten. 7,80 €. Bezug: www.zeitspiel-magazin.de 

 

Auch in Krefeld! – Arisierung, Enteignung und kaum Bemühen um Wiedergutmachung

Krefeld_14.8.2015.inddSo beginnen eigentlich nur Romane. Claudia Flümann findet auf dem Dachboden Rückerstattungsakten aus dem Besitz ihrer Familie. Sie betreffen mehrere Firmen aus jüdischem Besitz in Königsberg, Berlin und ihrem Wohnort Krefeld. Ihr Großvater Heinrich Dietz hatte diese in den Dreißiger Jahren erworben. Laut Familiensaga waren die ursprünglichen Eigentümer zum Zeitpunkt des Erwerbs längst ausgewandert und der Großvater nie in der Partei gewesen. Claudia Flümann ließen die Akten keine Ruhe, und sie begann zu recherchieren.Der Großvater war am 1.5.1933 in die NSDAP eingetreten und zumindest zwei der jüdischen Voreigentümer waren im Holocaust umgekommen. Claudia Flümann, selbst promovierte Historikerin, hörte nicht auf zu recherchieren, viele Jahre lang. Nun liegen ihre Ergebnisse vor. Es ist ein voluminöses Buch geworden, detailreich, übersichtlich und sorgfältig editiert. Zahlreiche, teilweise farbige Reproduktionen –  es sind insgesamt 141 Abbbildungen enthalten – lockern das Buch auf und laden auch zum Blättern und Verweilen ein.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Der erste beschreibt die ökonomisch und soziale Existenzvernichtung der jüdischen Bürger in Krefeld in der Zeit von 1933 bis 1945. Die Arisierung und Enteignung geschah umfassend. Schon bis 1939 wurden sämtliche jüdischen Einzelhändler, Fabrikanten und Geschäftsleute, die seit dem 19. Jahrhundert einen selbstverständlichen Platz im wirtschaftlichen und sozialen Leben der Stadt innehatten, verdrängt. Dies betraf in besondere Weise auch das Textilgewerbe, das die „Samt- und Seidenstadt“ traditionell geprägt hat. Klar und deutlich arbeitet Flümann das Netzwerk der an der Existenzvernichtung Beteiligten heraus: die Stadtverwaltung, die Fachgruppe Seiden- und Samtindustrie, die Industrie- und Handelskammer, die Finanzverwaltung, die Gestapo, die Geldinstitute und nicht zuletzt private Profiteure.

Der zweite Teil widmet sich dem langen Kampf um die Wiedergutmachung nach 1945 bis 1963. Es ist beschämend, was Flümann alles zu Tage fördert. Mit wie vielen Widerständen die wenigen zurückgekehrten jüdischen Vorbesitzer zu kämpfen hatten. Und wie gering insgesamt ihre Entschädigung ausfiel, eine Wiedergutmachung im eigentlichen Sinne konnte dies ja ohnehin nicht sein. Viele Einzelfälle rollt Flümann vor uns aus. Immer wieder durch Zitate aus persönlichen Berichten und Gerichtsakten lebendig gemacht. So im besonders dreisten Fall des Kaufmanns Heinrich Kaufmann, der 1938 und 1939 beträchtliche Vermögenswerte von jüdischen Eigentümern weit unter Wert erworben hatte und sich 1947 selbst – wie viele andere auch – als Opfer des Nationalsozialismus stilisierte. 1963 stellte er gar einen Wiedergutmachungsantrag, da er angeblich jüdische Angestellte länger als andere beschäftigt und dadurch geschäftliche Nachteile gehabt hätte.

Im dritten Teil, dem Versuch einer Bilanz, macht Claudia Flümann unmissverständlich klar, dass die Stadt Krefeld, die sich gerne ihrer liberalen Tradition als Rückzugsort für Glaubensflüchtlinge (Mennoniten) rühmt, keineswegs weniger brutal mit ihren jüdischen Mitbürgern umging. „An dem bald nach dem Krieg auch in Krefeld einsetzenden deutschen `Wirtschaftswunder` hatten die jüdischen Kaufleute und Unternehmer, deren Väter und Großväter einst zum Wohlstand der Stadt erheblich beigetragen hatten, keinen Anteil mehr.“

Claudia Flümann hat eines der wichtigsten Bücher zur Krefelder Stadtgeschichte verfasst. Der Klartext Verlag hat dieses Buch sehr ansprechend gestaltet. Ohne die finanzielle Unterstützung mehrerer Vereine und Verbände hätte dieses Werk niemals so günstig auf den Markt kommen können. Auf diese Weise ist es für interessierte Bürger durchaus erschwinglich, was hoffentlich viele nutzen werden. In den Zeiten, in den Fremdenfeindlichkeit wieder ein tagesaktuelles Thema geworden ist, erscheint es besonders wichtig, sich die deutsche Vergangenheit  – hier besonders eindrucksvoll konkretisiert an einer Großstadt – bewusst zu machen.

Claudia Flümann: „… doch nicht bei uns in Krefeld!“ Arisierung, Enteignung, Wiedergutmachung in der Samt- und Seidenstadt 1933 bis 1963. Klaretxt Verlag, Essen 2015. 662 Seiten, Hardcover. 29,95 €

„Und morgen die ganze Welt. Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus“ – Neuauflage

HeskeekuMeine Dissertation ist nun in einer Neuauflage als erschwingliches Paperback erschienen. Zudem ist sie jetzt auch als E-Book lieferbar. Beides freut mich sehr.

Das besondere Beispiel des Erdkundeunterrichts zeigt, wie weit Anpassung, Anbiederung und vorauseilender Gehorsam im sensiblen Bereich von Schule und Unterricht im Nationalsozialismus gingen. Auf der Grundlage der NS-Ideologie entwickelten Erdkundelehrer und Fachdidaktiker rasch einen vornehmlich auf Indoktrination ausgerichteten Geographieunterricht, in dessen Zentrum eine neuartige „völkische Lebensraumkunde“ stand, die sich auf eine „Blut und Boden“-Heimatkunde gründete und Rassenkunde, Geopolitik, Kolonialgeographie sowie Wehrgeographie miteinander verknüpfte. 1943 wurde sogar die Konzeption eines Deutschen Schulatlas als besonders kriegswichtig erachtet. Niemals zuvor noch danach konnte das Fach Erdkunde einen höheren Anteil an der Stundentafel der allgemeinbildenden Schulen erringen.

„Heske hat eine Fülle unterschiedlichsten Materials intensiv durchgearbeitet und eine klug gegliederte, zitatenreiche und dennoch zugleich straff ausformulierte Studie vorgelegt. Er darf in der Tat für sich in Anspruch nehmen, eine überfällige Lücke in der Geschichte der Pädagogik und in der Geschichte der Geographie geschlossen zu haben.“ (Hans-Dietrich Schultz, Westfälische Forschungen)

„Am Ende wird Heske seinem gesetzten Ziel, der Untersuchung wie und auf welche Weise, mit welchem Engagement, mit welchen ideologischen Prinzipien und welchen neuen Inhalten der Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus umgestaltet wurde, mehr als gerecht.“ (Stephan Weser, H-Net Reviews)

Henning Heske: Und morgen die ganze Welt. Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus. BoD, Norderstedt 2015. 440 Seiten. 14,99 €. Als E-Book 4,99 €.