Düsseldorfer Beiträge zur Thomas Mann-Forschung

Band_GrAm 07. August 2009 wurde von Wissenschaftlern die Thomas Mann-Gesellschaft Düsseldorf gegründet. Warum? Gibt es nicht bereits genügend Gesellschaften, die Leben und Werk des deutschen Literaturnobelpreisträgers ausreichend würdigen und das Interesse daran wach halten? Nein, zum einen kann es gar nicht zu viele literarische Gesellschaften geben und zum anderen verfügt Düsseldorf mit der Thomas-Mann-Sammlung „Dr. Hans-Otto Mayer“ in der Universitäts- und Landesbibliothek über eine besondere Forschungsstätte, die es publikumswirksam zu nutzen gilt. Eine Vereinigung, die sich öffentliche Vorträge, Themenforen, Lesungen, Buchpräsentationen und literarische Führungen auf die Fahnen geschrieben hat, erscheint da als zielführende Initiative.

Der vorliegende erste Band der Schriftenreihe der Gesellschaft versammelt die seit der Gründung im Rahmen des Veranstaltungsprogramms gehaltenen Vorträge. Mit einer Ausnahme: leider fehlt eine schriftliche Fassung der Auftaktveranstaltung, die der für seinen hinreißenden Vortragsstil bekannte, emeritierte Professor Herbert Anton bestritt. Dieser verzichtete getreu dem Prinzip der gelebten Performanz auf eine Fixierung und Ausarbeitung seiner Notizen zum Thema „Thomas Mann und Schiller – Ästhetik der Existenz“. Gleichwohl versammelt der wohlfeile Band acht Aufsätze, die ein breites Spektrum der Thomas Mann-Forschung abdecken. Hinzu kommt ein Beitrag, der die erwähnte Sammlung der Uni-Bibliothek Düsseldorf ausführlich vorstellt.

Eröffnet wird der Band mit einem Aufsatz von Johannes Roskothen über Figurationen des Abstiegs in den Buddenbrooks. Der Text enthält einige schöne Ideen und Bezüge, doch werden diese oft nur angedeutet und nicht literaturwissenschaftlich ausgeführt und belegt. Insgesamt hätte man sich etwas mehr Tiefgang gewünscht. Demgegenüber belegt Volkmar Hansen die Bezüge zwischen Thomas Mann und Heinrich Heine stets detailliert. Überzeugend weist er in seiner Darstellung die Bedeutung von Heines Schriften für das Werk von Thomas Mann nach und zeigt, dass Heine nach Goethe und Schiller der dritte Rang in der Liste der literarische Größen gebührt, an denen sich Thomas Mann abarbeitet.

Sehr lesenswert ist die Untersuchung des Politikwissenschaftlers Reinhard Mehring zum letzten Werkplan Thomas Manns, einer Luther-Novelle oder Komödie, genauer einer Ehe-Komödie: „Thomas Mann selbst wäre in seiner Eheproblematik ironisch gebrochen als Luthers Alter Ego erschienen“. Mehring verfolgt dabei insbesondere den Aspekt der politischen Dichtung und versucht zu zeigen, dass Manns letzter Werkplan „die deutschen Möglichkeiten gelingenden Daseins in der Weichenstellung der Reformationszeit aufsuchte“.  Sascha Kirchner würdigt anschließend ausführlich die Freundschaft fürs Leben zwischen Thomas Mann und Bruno Frank, dem Spross einer jüdischen Bankiersfamilie, der selbst als Autor reüssierte, besonders mit seiner 1928 erstmals publizierten „Politischen Novelle“.

Statt des Vortragsmanuskripts enthält der Band ein ganzes Kapitel aus Hans Rudolf Vagets 2011 bei S. Fischer erschienenem Buch „Thomas Mann der Amerikaner. Leben und Werk im amerikanischen Exil“, nämlich das über die drei Begegnungen des Schriftstellers mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Franklin D. Roosevelt, den Mann einmal als „Rollstuhl-Cäsar“ bezeichnete. Der Beitrag ist mit 30 Seiten der längste des Sammelbandes und vielleicht sogar etwas zu lang, da er sehr detailverliebt wirkt. Dennoch sind die Belege schlüssig, mit denen Vaget zeigt, wie sich diese Begegnungen in Manns Josephsromanen widerspiegeln, und seine Einschätzung nachvollziehbar: „Nichts … hat ihn so vorbehaltlos zum Amerikaner gemacht wie dieses in seinem Leben Epoche machende Erlebnis seiner inneren Verbundenheit mit Franklin Roosevelt.“ Kirsten von Hagen unternimmt den Versuch, Liebe, Oper und Transgression bei Thomas Mann und Thea Dorn, einer Autorin der Gegenwart, darzustellen. Bei aller beeindruckender Fachkenntnis der Erfurter Gastprofessorin über die Rolle der Oper in der Literatur bleiben die Bezüge zu Dorns Opernkrimi „Ringkampf“ insgesamt doch etwas blass.

Markus Lorenz geht in seinem Beitrag mit dem Titel „Von Schneeblumen und Blumenschnee“ wiederholten Spiegelungen in Thomas Manns Zauberberg nach. Natürlich ist eine solche Thematik ohne Rückbezug auf Goethe, der sich zudem als Naturwissenschaftler intensiv mit der Optik beschäftigte, undenkbar, doch fällt dieser äußerst knapp aus. Zudem kommen die Ausführungen von Lorenz stellenweise etwas verquast daher: „Dem Turme und der rein betrachtenden Daseinsform ist der Protagonist geschworen, klösterlich-hermetisch vom Flachland abgeschlossen und zugleich reflexiv […] aus der erhöhten Position eines philosophischen Theoretikers oder eines episch-ästhetischen Olympiers auf das Leben in der Ebene hinabschauend“.

Den Abschluss bilden Betrachtungen des jungen Germanisten Frank Weiher zu Thomas Manns letztem Roman Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Dabei leitet ihn die Frage „Poetischer Funke oder gekrümmte Existenz?“, ohne diese abschließend beantworten zu können. Auch wenn nicht alle Beiträge überzeugen können, inspiriert der erste Band der Düsseldorfer Beiträge zur weiteren Beschäftigung mit Thomas Mann.

Düsseldorfer Beiträge zur Thomas Mann-Forschung. Schriftenreihe der Thomas Mann Gesellschaft Düsseldorf. Band 1. Wellem Verlag, Düsseldorf 2011. 208 Seiten, gebunden. 36,- €. ISBN 978-3-941820-05-0

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