„Den Vorhang öffnen“ – Liesel Willems ist nächster Gast bei „1 Gedicht und mehr“

willems„1 Gedicht und mehr“ von Liesel Willems steht im Mittelpunkt des nächsten Lyrikabends im Niederrheinischen Literaturhaus Krefeld an der Gutenbergstraße 21 am Donnerstag,  dem 25. Februar 2016 , um 20 Uhr. Gemeinsam mit der Krefelder Lyrikerin werde ich in einem Wechselspiel aus Lesung und Gespräch ihre Gedichte näher betrachten.
Bei Liesel Willems gibt es keine besonderen Wortneuschöpfungen, verdrehte Wendungen oder ambitionierte Wortspiele, die deutlich machen, hier kommt moderne Lyrik. Nein, Effekthascherei und Aufmerksamkeit erheischen ist nicht die Sache von Liesel Willems. Im Gegenteil, ihre Lyrik kommt stets ganz unaufgeregt, leise und fast unscheinbar daher.  Das ist jedoch ein Understatement, denn in ihren Gedichten sitzt jedes Wort, ist jede Wortstellung genau austariert.
Liesel Willems wurde 1950 in Krefeld geboren und ist dort aufgewachsen. Nach Zwischenstationen in Köln, Aachen und Rom kehrte sie zurück an den Niederrhein. Menschen bilden den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen; Erlebnisse mit Kindern und auf Reisen fängt sie in lyrischer Poesie ein. Ihren ersten Gedichtband veröffentlichte sie 1988 im Sassafras Verlag, ihre erste Kindergeschichte 1992. Zuletzt erschien von ihr im IATROS-Verlag der Gedichtband „Den Vorhang öffnen“. 2014 erhielt sie den Postpoetry-Preis für Lyrik.

„Der gelbe Akrobat 2“ – Michael Braun und Michael Buselmeier verführen zum Lyriklesen

3d-akrobat2Der Literaturkritiker Michael Braun und der Autor Michael Buselmeier haben sich in den letzten fünfundzwanzig Jahren mit dem Projekt „Der gelbe Akrobat“ einen Namen gemacht, insbesondere seit der erste Band mit einer Sammlung von 100 kommentierten Gedichten 2009 im poetenladen erschienen ist. Er liegt inzwischen in der dritten Auflage vor. Dieses ambitionierte Unterfangen, das sich ganz der deutschsprachigen Lyrik verschrieben hat, beschränkt sich im Gegensatz zur ähnlich konzipierten, von Marcel Reich-Ranicki begründeten Frankfurter Anthologie, die inzwischen auch Selbstinterpretationen und fremdsprachige Gedichte zulässt, auf Autorinnen und Autoren der Gegenwart. Zudem wird von jedem Verfasser nur ein Gedicht besprochen. Dieses nutzen Braun und Buselmeier dann gekonnt exemplarisch als pars pro toto, um den Lyriker bzw. die Lyrikerin mit den Grundzügen seines bzw. ihres Werkes vorzustellen. Der zweite Band bricht insofern mit dieser Grundidee, als er mit Ulrike Draesner, Rolf Haufs, Wolfgang Hilbig, Jan Koneffke, Ursula Krechel, Christoph Meckel und Jürgen Theobaldy einige Autorinnen und Autoren enthält, die bereits im ersten Band vertreten sind.

Aber auch der zweite Band besticht mit fünfzig deutschsprachigen Gedichten von fünfzig unterschiedlichen Verfassern, deren Texte abwechselnd von Michael Buselmeier und Michael Braun vortrefflich kommentiert werden. Alle Kommentare sind zuvor bereits auf der Internetseite des Poetenladens und in dessen formidablen Literaturmagazin poet erschienen.

Unter den vorgestellten Autorinnen und Autoren gibt es immer wieder neue Entdeckungen, die das feine Gespür der beiden Herausgeber – nennen wir sie einmal so – für aktuelle Tendenzen oder neue Stimmen in der Lyrikszene belegen.  So wurde beispielsweise Kerstin Preiwuß bereits im Jahre 2008 gewürdigt, lange bevor der zweite Gedichtband dieser Autorin im Suhrkamp Verlag veröffentlicht wurde.. Etwas aus dem Rahmen fallen dagegen die Kommentierungen der Gedichte von Elisabeth Langgässer (1899-1950), Oskar Loerke (1884-1941) und Wilhelm Lehmann (1882-1968),  die man schwerlich noch als Gegenwartsautoren gelten lassen kann. Im Vorwort heißt es dazu: Mit diesen Gedichten „wird an die Großmeister der naturmagischen Schule erinnert, um die es still geworden ist“.

Es ist bemerkenswert, wie es sowohl dem Heidelberger Lyrikpatron Michael Buselmeier, der immerhin schon mehr als 75 Jahre hinter sich weiß, als auch dem brillanten Lyrikritiker Michael Braun gelingt, auf knapp zwei, maximal zweieinhalb Buchseiten anhand eines einzelnen Gedichtes zum Kern des lyrischen Werkes des Verfassers respektive der Verfasserin vorzudringen. Von Marion Poschmann beispielsweise hat Michael Braun das relativ kurze und nicht leicht zugängliche Gedicht „latenter Ort“ ausgesucht, um dem Leser zu verdeutlichen, dass in Poschmanns Lyrik „die vertrauten Positionen von Subjekt und Objekt, die Verhältnisse zwischen Ich und Natur immer wieder ins Wanken gebracht“ werden. Und weiter heißt es: „Marion Poschmanns Dichtung ist eine hoch artifizielle Wahrnehmungskunst: Sie bevorzugt Bild-Kombinationen, die manchmal ins Alogische und Rätselhafte gehen, gleichwohl etwas Suggestives haben.“ Das ist so prägnant formuliert, dass dieser Satz in einem entsprechenden Lexikon stehen könnte.

Der zweite Band erinnert mit ausgewählten Gedichten auch an verstorbene Autoren wie Clemens Eich, Rolf Haufs und Rainer Malkowski und ruft diese noch einmal eindringlich in unser poetisches Bewusstsein. In besonderer Weise aber rückt er Gegenwartsstimmen in den Blickpunkt, die zum Weiterlesen animieren, so wie Norbert Hummelt, Nadja Küchenmeister, Ann Cotten oder Hendrik Rost. Der gelbe Akrobat ist eine wunderbare, verlässliche Fundgrube zeitgenössischer Lyrik. Großartiger Weise führen Braun und Buselmeier die Reihe weiter. Man darf in einigen Jahren also auf einen dritten Band hoffen. Bis dahin gilt es, eindringlich in den ersten beiden Bände zu stöbern.

Michael Braun und Michael Buselmeier: Der gelbe Akrobat 2. 50 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert. poetenladen Verlag, Leipzig 2016. 186 Seiten, Klappenbroschur. 18,80 € 

Frankfurter Anthologie Band 38 – In memoriam Marcel Reich-Ranicki

u1_978-3-10-002412-1Der 38. Band der berühmten Frankfurter Anthologie, die jährlich die zuvor in der Samstagsausgabe der FAZ gedruckten Gedichte samt Interpretationen versammelt, ist ein ganz besonderer. Es ist der erste Band nach dem Tod von Marcel Reich-Ranicki, der die von ihm begründete Reihe 39 Jahre betreute. Einige der vorliegenden fünfzig Beiträge hat er noch selbst redigiert. Nach seinem Tod wurden alle 21 Gedichtinterpretationen, die Reich-Ranicki selbst verfasst hatte, noch einmal gedruckt. Sie erscheinen daher auch ein zweites Mal in der Buchausgabe. Zudem enthält der Band erstmals Selbstinterpretationen, das heißt eine Dichterin oder ein Dichter kommentiert ein eigenes Gedicht. Diese Neuerung führte Reich-Ranickis Nachfolgerin als verantwortliche Redakteurin der Frankfurter Anthologie, Rachel Salamander, ein. Den Anfang machte die bedeutende Autorin Friederike Mayröcker. Ihr folgten Ulrike Draesner, Helmut Krausser, Alfred Brendel, Elisabeth Plessen und Ulla Hahn.

Ich selbst bin auch wieder mit einem Beitrag vertreten. Unter dem Titel „Es war die Amsel“ interpretiere ich das Gedicht „Die Wimpern“ vom großartigen Jürgen Nendza, dem ersten Gast in meiner Gesprächsreihe „1 Gedicht und mehr“. Die Korrespondenz über meinen Vorschlag und seine Realisation war seinerzeit mein letzter Kontakt zu Marcel Reich-Ranicki, von dem ich in all den Jahren viel gelernt habe. Es war beeindruckend zu erleben, wie entschieden er stets den Text und den Leser im Blick hatte.

Inzwischen hat Hubert Spiegel die Verantwortung für die Frankfurter Anthologie übernommen. In der Einleitung dieses Buches würdigt er Marcel Reich-Ranicki auf eine sehr gelungene Weise. Auch Hubert Spiegel hat bereits eine Neuerung eingeführt. Er öffnete die Reihe für Gedichte fremdsprachiger Autoren in deutscher Übersetzung. Die ersten Beiträge dieser Art wird man in Buchform im nächsten Jahr in Band 39 nachlesen können. So scheint gewährleistet, dass das Ziel dieser außerordentlichen Unternehmung, der Dichtung eine Gasse zu bahnen, auch in den nächsten Jahren mit Erfolg verfolgt wird.

Frankfurter Anthologie Band 38. Gedichte und Interpretationen. Begründet von Marcel Reich-Ranicki. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 333 Seiten, gebunden. 24,99 €

„Trakl und wir“ – Fünfzig tiefe Blicke in einen Opal

Scannen0035In diesem Jahr gedenken wir des 100. Todestages von Georg Trakl (1887-1914). Dazu sind zahlreiche Publikationen erschienen, Neuausgaben seiner Werke und allein drei Biographien. Etwas Besonderes hat sich die Münchener Stiftung Lyrik Kabinett einfallen lassen. Gemeinsam mit den beiden Herausgebern Mirko Bonné und Tom Schulz, beide selbst außerordentliche Dichter, lud sie fünfzig zeitgenössische Lyrikerinnen und Lyriker zu einer Auseinandersetzung mit Trakls Gedichten ein. Herausgekommen ist ein formal und inhaltlich formidabler Band. Man hält eine wunderschöne Ausgabe in der Hand: feines, dickes Papier, modernes, großzügiges Layout und ansprechende, variable Typografie.

Beinahe alle, die Rang und Namen in der deutschsprachigen Lyrik haben, sind diesem Aufruf nachgekommen: von Nora Bossong bis Durs Grünbein. Jeder Dichter hat sich einen speziellen Text von Trakl ausgewählt, der jeweils auf der linke Seite abgedruckt ist. Ihm gegenüber steht das Ergebnis der Auseinandersetzung: meistens ein korrespondierendes Gedicht, aber gelegentlich auch eine Interpretation oder ein Kommentar.

Es ist beeindruckend, wie ergiebig Trakls Gedichte heute noch sind. Die intensive Auseinandersetzung hat zu einer Reihe großartiger neuer poetischer Texte geführt. Hervorheben möchte ich Jan Wagners Essay „Rinnende Perlen“ über Trakls Rosenkranzlieder. Ebenso Ulla Hahns Salzburger Notizen. Zudem das Gedicht „Verfallsstudie“ von Nora Bossong als Replik auf Trakls Sonett „Verfall“. Bossong stellt dazu die Sonettform auf den Kopf und arbeitet mit einem originellen Reimschema.

Kathrin Schmidt dagegen hält fest: „Anders als formal auf ihn Bezug nehmen, will nicht gelingen. So reden wir aneinander vorbei.“ Ganz nah dran ist wiederum Marie T. Martin mit einem einfühlsamen Gedicht und einem Kommentar zum ausgesuchten Gedicht „Naturtheater“. Sie stellt fest: „Da im Gedicht alle Zeiträume miteinander verschränkt werden können, besteht die Möglichkeit, eine Klage zu wandeln oder zu transformieren. Ein Gedicht kann also alchemistische Qualitäten haben.“

Diese Magie der lyrischen Texte von Georg Trakl überträgt sich auf viele der neu entstandenen Gedichte: Ulrich Kochs „Bevor der Winter kommt“ oder Marcel Beyers „An die Vermummten“, das überzeugend eine Verbindung zwischen dem Wahnsinn von vor hundert Jahren und heutigen Terrorakten herstellt. Weniger gelungene Texte gibt es auch: Arne Rautenbergs „Winterbogen“ oder auch Ron Winklers Montage von Textbausteinen aus Trakls Poem „De profundis“, die sich im Ungefähren verliert. Die Version von Johannes Kühn zu „Verklärter Herbst“ erscheint mir zu profan, um dem Original gerecht zu werden, zumal Marcel Beyer schon vor Jahren mit „Verklirrter Herbst“ eine kaum zu übertreffende Adaption vorlegt hat.

Sehr interessante Einblicke in den Opal – der Titel des Buches spielt auf Trakls Gedicht „Drei Blicke in einen Opal“ an – liefert Dorothea Grünzweig, die in Finnland lebt und in ihrem Text auch Fragen der Übersetzung und der Bedeutung des Begriffs „Moor“ nachgeht. Norbert Hummelt steuert einen glänzenden Essay zu Trakls „Ein Winterabend“ bei, in dem er Martin Heideggers These „Die Sprache spricht als Geläut der Stille“ aufgreift.

Dieser Sammelband ist ein Füllhorn mit fünfzig Edelsteinen. Nur wenige bleiben blass, die allermeisten leuchten hell. Das Konzept, das dieser Auseinandersetzung mit einem Dichter aus einer vergangenen Epoche zu Grunde liegt, ist voll aufgegangen. Es sollte unbedingt bald wieder Anwendung finden.

Mirko Bonné / Tom Schulz (Hg.): Trakl und wir. Fünfzig Blicke in einen Opal. Stiftung Lyrik Kabinett, München 2014. Paperback mit Fadenheftung. 196 Seiten 22,00 €

ZUGABE von „1Gedicht und mehr“ – Saskia Fischer und Hellmuth Opitz sind am 11.12.14 zu Gast

11.12.14.EinladungskarteFreuen können sich alle Freunde der Reihe „1 Gedicht und mehr“ im Niederrheinischen Literaturhaus Krefeld. Dank der Kunststiftung NRW kann es in diesem Jahr einen dritten Lyrik-Abend geben und das gleich mit Gedichten von zwei Autoren. In dieser Zugabe am Donnerstag, 11. Dezember um 19 Uhr 30, werde ich ausgewählte Gedichte von Saskia Fischer und Hellmuth Opitz gemeinsam mit den Dichtern und im Dialog mit dem Publikum näher betrachten.

Zum Hintergrund: Aus Anlass ihres 25jährigen Bestehens hat die Kunststiftung im Düsseldorfer Lilienfeld Verlag eine Lyrikanthologie herausgegeben. Mit dem Titel stadtlandfluss – 111 Dichterinnen und Dichter aus Nordrhein-Westfalen lässt sie die vielfältigen lyrischen Stimmen des Landes gedruckt zu Wort kommen. Bei einem Gespräch im Niederrheinischen Literaturhaus gefiel Dagmar Fretter, der Fachbereichsleiterin für Literatur der Kunststiftung NRW das Konzept von Anette Ostrowski und mir zur Reihe „1Gedicht und mehr“ so gut, dass sie den finanziellen Weg frei machte, in dieser Reihe auch zwei Autoren der Lyrikanthologie vorzustellen.

Saskia Fischer wurde 1971 in Schlema im Erzgebirge geboren. 1986 siedelte sie mit ihrer Familie in die Bundesrepublik über. Nach dem Abitur studierte sie Germanistik sowie Theater-, Film und Fernsehwissenschaften in Bochum. Sie war Mitarbeiterin des Literaturbüros Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf und lebt seit 2005 in Berlin.
Schon früh machte sie mit einem eigenständigen, frechen lyrischen Ton auf sich aufmerksam. Ihr erster Gedichtband Wenn ich Himmel wär wurde 1998 im Grupello-Verlag veröffentlicht, ihm folgte 2008 Scharmützelwetter im renommierten Suhrkamp Verlag. Dort ist 2012 auch ihr erster Roman erschienen: Ostergewitter, eine unversöhnliche Familiengeschichte.

Hellmuth Opitz lebt in Bielefeld, wo er 1959 auch geboren wurde. Er studierte Germanistik und Philosophie in Münster, arbeitete als Redakteur und als Geschäftsführer einer Werbeagentur. Seit 1982 hat er zahlreiche, viel beachtete Gedichtbände vorgelegt, die alle im Pendragon Verlag erschienen sind, zuletzt Die Dunkelheit knistert wie Kandis (2011). Seine Lyrik besticht durch ihren Wortwitz, mit dem Opitz mit Lakonie und einer feinen Ironie unverwechselbare poetische Texte kreiert.

Offenes Feld – eine neue, internationale Literaturzeitschrift

Titelseite_Ausgabe2_SchattenDas gibt es tatsächlich noch! Wie schön. Ich habe im Zeitalter der Onlinemagazine und Blogs schon nicht mehr daran geglaubt. Da machen sich Menschen auf, um eine neue Literaturzeitschrift im Printformat herauszugeben. Selbstlos, idealistisch, weil sie die Kunst lieben und zum Leben brauchen. Namentlich sind dies der Lyriker und Übersetzer Jürgen Brôcan und der Filmemacher Frank Wierke. Im September ist bereits die zweite Ausgabe von offenes Feld erschienen. Sie enthält Lyrik, Erzählungen, Kommentare zu Texten und Rezensionen. Die besondere Stärke der Zeitschrift ist ihr Konzept der Internationalität. Das vorliegende Heft bringt Übersetzungen aus dem Englischen (Gedichte von Arundhati Subramaniam) und Schwedischen (Gedichte von Staffan Söderblom sowie ein Kommentar dazu von Gunnar D. Hansson).

Eröffnet wird das Heft mit fünf neuen Gedichten von dem seit Jahrzehnten in Finnland lebenden, 1931 in Ostpreußen geborenen deutschsprachigen Poeten Manfred Peter Hein. Es ist sind sehr lesenswerte Altersgedichte. Die finnische Landschaft ist Ausgangspunkt oder Hintergrund für lyrische Betrachtungen am Ende des Lebens: „Nehmt auf Geister / des Abgrunds Urverheißung / im Atem des Lichts -„. Ulrich Schacht, in der DDR aufgewachsen und nun in Schweden lebend, legt einen längeren Auszug aus seiner Novelle „Die Insel der toten Vögel“ vor, der auf den vollständigen Text neugierig macht.

Gar nicht überzeugend liest sich dagegen das lyrische Triptychon von Klaus Anders, der sich bislang hauptsächlich als Übersetzer, u.a. von Michael Hamburger, hervorgetan hat: „Den Hang hinab eilt der Wald / Springt über Felsen zu Tal, verweilt“. Ein Wald kann vieles (schweigen, rauschen, Schutz bieten), aber ganz sicher nicht eilen und springen. Das ist schief und kann auch als bildliche Darstellung nicht gerettet werden. Auch andere Passagen treiben mir aufgrund der sprachlichen Mittel ein starkes Runzeln auf die Stirn: „Ruhig strömt in die schartige Enge, / Gelassen die Donau“. Auch die häufig verwendeten Anaphern „Hier“ und „Und“ zeugen nicht von einem poetischen Talent. Das ist aber ganz sicher Ulrich Koch, ein bemerkenswert produktiver Lyriker, der gleichwohl die Qualität seiner Texte halten kann. Sein Auszug „Aus der Geschichte der Körperdoubles“, zentriert gesetzte Gedichte, verarbeitet intensive Erinnerungen an die Kindheit zu verdichteten Texten. Einer endet mit den schönen Schlussversen: „Aus den Kühltürmen der Biergläser / steigen weiße Wolken.“

Besonders gewinnbringend ist das Zusammenspiel des übersetzten Langgedichts „Videoband“ von Staffan Söderblom mit dem essayistischen Kommentar dazu von Gunnar D. Hansson unter dem Titel „In Sachlichkeit und einer verwilderten Sprache“. Söderbloms Text gelingt es, Runeninschriften aus dem 11. Jahrhundert mit Naturimpressionen und Reflexionen über katholische Mafiafilme zu verknüpfen. Zur Jahreszahl passend sind die „Erinnerungen an 1914“ von Susanne Stephan in Form mehrerer Gedichte und einer längeren Rezension.

Für den Winter 2014 ist bereits das nächste Heft angekündigt. Wunderbar!

Offenes Feld. Heft Nr. 2, September 2014. Books on Demand, Norderstedt 2014. 114 Seiten, broschiert. 11,90 €.

Frankfurter Anthologie 37 – Gedichte und Interpretationen

FA37Johann Wolfgang Goethe ist seit 182 Jahren tot, die meisten seiner Gedichte sind über 200 Jahre alt. Und doch wirken sie kaum angestaubt, erstaunlich jung und mitunter sogar überraschend aktuell. Diesen Eindruck vermitteln jedenfalls die drei Gedichte, die im neusten Band der Frankfurter Anthologie enthalten sind. „Der Narr epilogiert“, „Lied und Gebilde“ und „Ob der Koran von Ewigkeit sei“ gehören allesamt nicht zu Goethes bekannten Gedichten, die – wen wundert es – in über 100 Beiträgen längst in der Anthologie interpretiert wurden, sind aber allesamt lesenwert.

Marcel Reich-Ranicki, dem leider im September des letzen Jahres im Alter von 93 Jahren verstorbenen Literaturkritiker und Literaturliebhaber, verdanken wir es, dass er diese Goldstücke der deutschsprachigen Lyrik durch eine Publikation in der Samstagsausgabe der größten deutschen Tageszeitung, der Frankfurter Allgemeinen, über Jahrzehnte hoch gehalten hat und dank der beigefügten, zeitgemäßen, eingängig zu lesenden Interpretationen in neuem Glanz erstrahlen ließ. Bereits am 15. Juni 1974 startete er dieses einmalige Unterfangen. Als Ziel postulierte er damals sachlich und nüchtern: „Der Dichtung eine Gasse“. Seitdem können wir jeden Samstag ein Gedicht im Feuilleton der FAZ finden, das von einem namhaften Interpreten (Lyriker, Kritiker oder Literaturwissenschaftler) vorgestellt wird. Egal ob aus dem Barock, der Klassik, dem Expressionismus oder der Postmoderne. Alle Epochen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Die Reihenfolge ist bunt gemischt, nur gelegentlich thematisch gebunden, wie zur Adventszeit oder in einem Schillerjahr.

Sobald fünfzig Gedichte samt Kommentar erschienen sind, werden sie gesammelt in Buchform noch einmal veröffentlicht; geordnet nach dem Geburtsjahr des Verfassers. Die ersten dreiunddreißig Bände publizierte der Insel-Verlag, seit 2011 werden sie vom S. Fischer Verlag ebenfalls in gebundener, wohlfeiler Ausgabe mit einem Lesebändchen verlegt.  In den nunmehr 40 Jahren hat Marcel Reich-Ranicki nichts an seiner Konzeption verändert. Selbst das Design sowie das Layout der Buchausgabe blieben immer gleich. Der S. Fischer Verlag hat lediglich die Farbe des Leinenbandes geändert, statt in Dunkelbraun erstrahlt das Buch ohne den weißen Schutzumschlag nun in Meeresblau. Allerdings ist dem Verlag bei der Herstellung ein unverzeihlicher Fehler unterlaufen, denn die Prägung auf dem Buchrücken lautet: „Sechsundreißigster Band“.

Auch im vorliegenden 37. Band findet man neben Goethe wieder zahlreiche Autorinnen und Autoren, die man gemeinhin dort erwartet:  Brentano, Eichendorff, Heine, Lasker-Schüler, Rilke, Benn, Brecht und Kunert. Es werden zwar auch zwei Gedichte von Durs Grünbein („Im Kolonnadenhof“, kommentiert von Wulf Segebrecht, sowie „Teekanne mit Khakifrüchten“, kommentiert von Mathias Mayer) besprochen, doch es gibt bis auf Ann Cotten („Nein“) keine wirklichen Neuentdeckungen, der Kanon ist sehr traditionell, sprachexperimentelle Lyrik etwa findet man in der Frankfurter Anthologie nicht.

Ich selbst bin als Interpret zum zehnten Mal in dieser Reihe vertreten. In diesem Band stelle ich das Gedicht „Groß-Stadt-Weihnachten“ von Kurt Tucholsky vor, das dieser Ende 1913 in Vorahnung des kommenden Ersten Weltkriegs verfasst hat.

Es mangelt insgesamt an jüngeren Autorinnen und Autoren. Hier besitzt die Frankfurter Anthologie Nachholbedarf, denn die Werke der älteren und verstorbenen Schriftstellerinnen und Schriftsteller wurden mit der Zeit ausführlich vorgestellt. Inzwischen liegen rund 2000 verschiedene Gedichte samt ihrer Interpretation vor. Eine Verjüngungskur bei den Interpreten würde andere Blickwinkel und neue Autorennamen mit sich bringen und der Reihe ebenfalls gut tun.

Marcel Reich-Ranicki hat eine bestechend zeitlose Konzeption entwickelt und der deutschsprachigen Lyrik damit ein Pantheon geschaffen. Seit März diesen Jahres führt Rachel Salamander in der FAZ seine Erfolgsreihe weiter. Als Neuerung hat sie Selbstinterpretationen eingeführt, außerdem erlaubt sie Doppelungen bei den ausgewählten Gedichten. So können wir berechtigt hoffen, dass auch im nächsten Jahr wieder ein wohlfeiler Band der Frankfurter Anthologie erscheinen wird.

Marcel Reich-Ranicki (Herausgeber): Frankfurter Anthologie. Siebenunddreißigster Band. Gedichte und Interpretationen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014. 317 Seiten, gebunden. 24,99 €