Logbuch Lyrik (12): Hellmuth Opitz erleuchtet den besonderen Moment

Mit beeindruckender Konstanz legt Hellmuth seit fünfunddreißig Jahren, seit seinem schmalen Erstling An unseren Lippengrenzen (1982), in schöner Unregelmäßigkeit von mal zwei, mal sechs Jahren einen neuen Gedichtband vor. Zu dieser Konstanz gehört auch, dass alle neun Bücher im Pendragon Verlag in Bielefeld erschienen sind. In der Stadt, in der Opitz  – man mag es kaum glauben – seit seiner Geburt lebt – mit einer kurzen Auszeit während seines Studiums der Germanistik und Philosophie in Münster. Opitz ist in dieser langen Zeit nicht nur seinem kleinen Verlag, sondern auch sich selbst treu geblieben. Den Grundton des Erstlingsbandes hat er beibehalten, hat darauf Melodien aufgebaut und neue Formen erkundet. Thematisch hat er im Lauf dieser kleinen Ewigkeit beinahe alle Situationen und Gegenstände unseres Alltags in poetisches Licht gesetzt.

Im Gegensatz zum Branchentrend verkaufen sich die Gedichtbände von Hellmuth Opitz gut. Das liegt auch darin begründet, dass er sich nicht zu fein ist, mit Lesungen quasi über die Dörfer zu tingeln. Und da seine Gedichte grundsätzlich eine leichte Zugänglichkeit besitzen, kommt er auch beim gemeinen Publikum an, das sich gut unterhalten weiß. Seine Wortspiele und sein Wortwitz, bei dem ihm möglicherweise sein Brotberuf als Geschäftsführer einer Werbeagentur zu Nutze kommt,  eignen sich in besonderer Weise zum Vortrag. Aber eben nicht nur dazu. Viele seiner Gedichte halten auch dem mikroskopischen Blick der Literaturkritik stand, da sie ganz sauber und häufig originell gearbeitet sind. Gleichwohl sind größere Literaturpreise bislang ausgeblieben.

Die Stärken von Opitz‘ Lyrik treten auch in seinem neuen Buch In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten deutlich hervor. Dies gilt gleich für den Opener „Limonade“, der etwas eigentümlich gesetzt ist – vermutlich sollten die beiden Strophen die Form zweier Harztropfen darstellen: „Diese dickflüssigen Sommernachmittage, / in denen wir schwammen, / wenn wir vom Bolzen kamen, / die Kehlen verklebt vom Ascheplatz“. Das klingt zwar nach einem Parlandoton, der optisch durch korrekte Groß- und Kleinschreibung sowie Zeichensetzung unterstützt wird, er ist jedoch stark poetisch aufgeladen. Dies gelingt durch geschickte Zeilenumbrüche, die bedächtig Pausen setzen und Sinneinheiten betonen, sowie durch die Bildsprache und den typischen Opitzschen Wortwitz: „Jahrtausende später / wird man uns finden, / gefangen in solchen / Bernsteinmomenten, / winzige Einschlüsse: du, ich, / deine Mutter und der Durst, / den nie ein Getränk zu löschen / vermochte.“ Damit ist sogleich auch der Titel des Bandes erklärt.

Hellmuth Opitz probiert viele verschiedene Formen aus. Es gibt Gedichte mit Langzeilen, einige mit Kurzzeilen, häufig Strophen, aber auch kompakte Textblöcke, gelegentlich Reime. Das macht den Band abwechslungsreich. Natürlich bleibt es bei 86 Gedichten nicht aus, dass darunter auch schwächere Texte sind, wie zum Beispiel „Komm, sei einmal noch Winter“, wo der Endreim allzu bemüht gesucht wird. Oder auch „Bruchstaben“, in dem die Grundidee nicht trägt. Einige Gedichte arbeiten sich zudem allzu sehr an vorgegebenen Themen ab, der Zyklus „Immer in feinstes Trommelfell gehüllt“ über ein Musikfestival etwa oder die neun „Gedichte vom Betteln“. Das sind durchaus gekonnt gearbeitete Texte, aber sie verströmen nicht den poetischen Zauber und die Eindringlichkeit, welche die Lyrik von Hellmuth Opitz über die Jahre ausgezeichnet haben. Das erinnert gelegentlich an Robert Gernhardt, der allerdings auch lange verkannt wurde. Zudem verwendet Opitz mehrfach die Pointensetzung in der letzten Zeile – so in „Die Himmelfahrt bei Herford“ – , was als Stilmittel in postmoderner Lyrik eigentlich verpönt ist. Oft aber übertüncht ein originelles Wortspiel diese kleineren Schwächen: „Wir waren so leise / wie möglich mit den Händen am Beckenrand / des jeweils andern.“

Ganz bei sich und seinen Stärken ist Opitz in Texten wie „Im Verirren bin ich zuhause“ oder auch in „Beschädigte Ware“, die sehr berühren: „Mit dunkelblauer Tinte umschreibt dein Kleid / ein Manifest, das mit dem Satz endet: Eleganz / ist eine Frage der Haltung. Auch der Zurückhaltung.“ Vielleicht wären etwas weniger Texte in dieser Auswahl mehr gewesen. Denn es ist Zeit, Hellmuth Opitz als Meister der Poesie des Alltags für sein bisheriges Lebenswerk mit einem größeren Literaturpreis auszuzeichnen.

WERBUNG: Hellmuth Opitz: In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten. Gedichte. Pendragon Verlag, Bielfeld 2017. 128 Seiten, Klappenbroschur. 15, – €.

Advertisements

Logbuch Lyrik (11): Jan Wagners „Guerickes Sperling“ wiedergelesen

wagner sperling

Ich gestehe nach 13 Jahren. Das mir seinerzeit auf meine Bitte hin zugesandte Rezensionsexemplar von Jan Wagners „Guerickes Sperling“ habe ich nie besprochen. Damals schrieb ich regelmäßig Beiträge für die Rubrik Buchtipp in der Rheinischen Post. Dort wurden Bücher ausschließlich und vorbehaltlos empfohlen. Es gab keinen Platz für differenzierende Urteile. Der zweite Gedichtband von Jan Wagner hatte mir nicht so gut gefallen, dass ich ihn dort vorstellen wollte.

Inzwischen ist Jan Wagner zum erfolgreichsten deutschen Lyriker der Gegenwart avanciert. Als erster Lyriker erhielt er 2015 den Preis der Leipziger Buchmesse, woraufhin sein sechster Gedichtband „Regentonnenvariationen“ zu einem veritablen Bestseller avancierte, der sogar eine Taschenbuchausgabe erleben darf. Im Jahr 2017 wurde Wagner schließlich mit dem renommiertesten deutschen Literaturpreis, dem Georg-Büchner-Preis, ausgezeichnet. Das war nun Grund genug für mich, im Bücherregal nach besagtem Buch zu suchen, es noch einmal zu lesen und es nun endlich zu besprechen.

Ich muss sagen, diese Gedichte kann man relativ zügig lesen. Wagners Lyrik ist nicht anstregend, sie ist nicht sperrig und kaum hermetisch. Man stolpert nicht beim Lesen, man bleibt nicht hängen. Der Rhythmus und der Wohlklang der Worte verführen zum Weiterlesen. Ab und an liest man eine Zeile noch einmal, weil sie einem besonders gut gefällt, wie mir beispielsweise diese: „der tag, der seine kreide nimmt und geht.“ Durch den gesamten Gedichtband weht eine sanfte positive Grundstimmung, angereichert mit einer leicht melancholischen Note.

Formal sind alle Texte unglaublich gekonnt fabriziert. Wagner spielt mit den literarischen Formen, ohne jemals schiefe Bilder oder bemühte Reime zu produzieren. Man findet neben freien Versen sapphische Oden, häufiger Terzinen, Haikus und sogar einen formidablen Sonettenkranz über die Stadt Görlitz.

Wenn es nicht so unqualifiziert klingen würde, könnte man sagen, Jan Wagner schreibt schöne Gedichte. Das liegt auch am Inhalt. Zentrale Themen sind Reiseeindrücke und Naturbeschreibungen sowie Rückblicke auf historische Ereignisse wie im Titelgedicht, das auf ein physikalisches Experiment von Otto von Guericke anspielt. Das führt dazu, dass immer wieder das Wort „himmel“ auftaucht – offenbar in Fortführung seines ersten Gedichtbandes „Probebohrung im Himmel“ (2001). Auch der Blick aus dem oder in ein Fenster wird häufig inszeniert. Jahreszeiten und Tageszeiten spielen eine große Rolle. Personale Konflikte sucht man dagegen ebenso vergebens wie die Auseinandersetzung mit moderner Technologie. Selbst alltägliche Gegenstände wie Handy oder Toaster zählen nicht zum Inventar der Wagnerschen Gedichte, allenfalls wird einmal ein Fernseher erwähnt. Hier könnte natürlich eine Kritik an dieser fein austarierten, kunstfertigen Lyrik ansetzen. Doch ein einzelner Lyriker kann nicht allen Ansprüchen gerecht werden. Und eine derartige Kritik würde dieser so souverän vorgetragenen Poesie nicht gerecht. Jan Wagner ist ein würdiger Träger des Georg-Büchner-Preises.

Jan Wagner: Guerickes Sperling. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2004. 84 Seiten, gebunden. 

Logbuch Lyrik (10): „Alt?“ – Franz Hohler setzt sich lyrisch mit dem Tod auseinander

9783630875446_CoverDer Schweizer Schriftsteller Franz Hohler hat in seinem langen Leben eine riesige Zahl an Texten veröffentlicht, vornehmlich Kurzgeschichten und Erzählungen, aber auch Kinderbücher, Romane und Theaterstücke. Ganz selten auch Gedichte. Nun hat er mit „Alt?“ einen neuen Lyrikband vorgelegt, der thematisch um ein einziges Thema kreist: das Altwerden. Hohler selbst ist inzwischen 74 Jahre alt und macht sich aus nahe liegenden Gründen sehr persönliche Gedanken über den Tod: „Wenn du / das Alter betrittst / setz den Helm auf // es herrscht / Steinschlagefahr.“ Dieser Text steht auf der Rückseite des Umschlags und ist in mehrfacher Hinsicht typisch für Hohlers Lyrik. Es ist nur ein einziger Satz, der in Zeilen gebrochen wird. Der Zeilenumbruch dient als Atempause. Die Länge der Verse ist sehr kurz. Es handelt sich vielfach eher um Aphorismen, Sprachspiele und Gedankensplitter als um Lyrik.

Die toten Freunde Urs Widmer und Hans Arp tauchen in diesem Buch ebenso auf wie Todesanzeigen und Kindheitserinnerungen. Schwach sind die Texte, die sich auf moderne Zeiten beziehen wie das Gedicht „iPhone“: „Wenn er plötzlich / erscheint / auf dem kleinen Bildschirm / in deiner linken Hand / und dich anschaut / der Tod / wisch ihn weg / mit dem Finger / und wähle das App / Leben.“ Mit moderner Lyrik hat das wenig zu tun. Die Pointe in der letzten Zeile beispielsweise ist ein überkommenes Stilmittel.

Gleichwohl sind Franz Hohler auch poetische Perlen gelungen. In einigen, wenigen Gedichten findet er eindringliche Bilder und eine ansprechende lyrische Darstellung. In „Besuch“ schwebt ein Schmetterling durchs Fenster auf den Schreibtisch, klappt ein paar Mal die Flügel auf und zu, ehe er „in den Tag / und den Tod“ taumelt. Auch der Text „Warte nur“ klingt nach: „irgend einmal / nimmt der Tod / die Sonnenbrille ab // und schaut dich an.“ Hohler Fans werden diesen Gedichtband mögen. Für Lyrik-Interessierte bietet er insgesamt ein bisschen wenig.

WERBUNG: Franz Hohler: Alt? Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2017. 96 Seiten, gebunden. 16,- €

„Von Sprache sprechen II“ – Lang lebe die Thomas-Kling-Poetikdozentur II

Cover_VON SPRACHE SPRECHEN II_Lilienfeld Verlag 2017

Seit dem Sommersemester 2011 gibt es an der Universität Bonn die Thomas-Kling-Poetikdozentur. Jedes Jahr wird eine herausragende Autorin oder ein Autor mit dieser besonderen Lehrtätigkeit ausgezeichnet. Finanziert wird diese besondere Dozentur, die Studierenden Einblicke in künstlerische Produktionserfahrungen ermöglicht, lobenswerter Weise von der Kunststiftung NRW. Auf Stefan Weidner, Barbara Köhler und Oswald Egger folgten Norbert Scheuer, Marion Poschmann, und Esther Kinsky als Poetikdozenten. Das Erfreuliche ist zudem, dass die Kunststiftung die Antrittsvorlesungen nebst Laudationes alle drei Jahre in Buchform veröffentlicht. Nun liegt der zweite Band vor, der sich nahtlos an den von mir euphorisch besprochenen Erstling anschließt.

Der Band beginnt mit einem Text des Thomas-Kling-Forschers Peer Trilcke, der uns mitnimmt auf seine Spurensuche zum Begriff „Widerton“, der in einem Gedicht aus dem Nachlass von Thomas Kling auftaucht. Seine Nachforschungen führen Trilcke bis zu einem Aufsatz eines Volkskundlers aus dem Jahre 1931 mit dem Titel „Widerton als Zauberpflanze“. Widerton ist ein Pflanzenname, auch wenn er mitunter uneinheitlich verwendet wird. Bei Kling ist es ein „Schönes Widertonmoos“. Trilckes weitere Ausführungen geben einen anregenden Einblick in die akribische Arbeit des Sprachkünstlers Thomas Kling.

Über Norbert Scheuer, den Preisträger von 2014, heißt es in der Laudatio von Thomas Fechner-Smarsly „Rätselhaft ist und bleibt vielleicht nur der eigentliche Antrieb: der Antrieb zu schreiben. In zwanzig Jahren, seit 1994 entstanden vier Romane, je zwei Erzählungs- und Gedichtbände.“ Scheuer, für seine Romane und Erzählungen vielfach ausgezeichnet, fällt als renommierter Prosaautor etwas aus der Reihe der Ausgezeichneten. Bei ihm wird der Bezug zu Thomas Kling nicht auf den ersten Blick deutlich.  Seine Antrittsvorlesung „Vom Begehren zu schreiben“ eröffnet einen sehr persönlichen Einblick in die Entstehung von Literatur. Und mit seinem Drang zu schreiben, Sprache und Geschichte zu erforschen, Erlebtes zu bewahren und fortzuschreiben, rückt er dann doch nahe an den Großmeister Kling heran: „Ich glaube, man erzählt, weil man vor etwas Angst hat, und sei es nur von der Stille und der Sinnlosigkeit der Existenz, die man irgendwie ertragen muss.“ Auf jeden Fall hat Norbert Scheuer, der die Eifel auf die literarische Landkarte brachte, einiges zu erzählen.

Marion Poschmann ist zwar auch eine erfolgreiche Prosaautorin (u.a. Die Sonnenposition, 2013), aber in mindestens gleicher Weise ist sie auch als Lyrikerin hervorgetreten, zuletzt mit Geliehene Landschaften (2016). Ihre Bonner Antrittsvorlesung dreht sich um poetische Taxonomie, die „Kunst der Unterscheidung“ mit sprachlichen Mitteln. In ihrem Ready-made „Moosgarten“, das sie erläutert, taucht neben neunundneunzig anderen Moosen auch das „Glashaar-Widertonmoos“ auf, womit sich der Kreis zu Thomas Kling schließt. Bleibt die Frage. Was aber leistet denn eine poetische Taxonomie? Poschmanns klare und überzeugende Antwort: „Sie unterscheidet die Unendlichkeit der Wahrnehmung von den Zumutungen der Eindeutigkeit.“

In ihrer informativen Einführung in das Werk und die Arbeit von Esther Kinsky bezeichnet Sabine Mainberger die Autorin als „versierte Grenzgängerin“, die in sehr unterschiedlichen Sprach- und Kulturräumen lebt und als Übersetzerin zwischen ihnen vermittelt. Erst später, nämlich 2010, trat die 1956 in Engelskirchen geborene vielfältige Literatin als Lyrikerin in Erscheinung, legte dann aber in kurzer Zeit gleich vier Gedichtbände vor. In ihrer hier abgedruckten Vorlesung widmet sie sich „dem sprachlichen Verhandeln der Fremde“ und zeigt die besonderen Herausforderungen der Übersetzung von Lyrik auf: „Wer sich ans Übersetzen von Gedichten macht, wird auch ums Schürfen nicht herumkommen, ums Ausloten  von Tiefen und Proben aus Sprachgestein.“

Der dritte Band wird mit der Antrittsvorlesung in Christoph Peters beginnen, denn dieser wurde 2017 als Thomas-Kling-Poetikdozent berufen. Wir dürfen uns jetzt schon darauf freuen, auch wenn es noch zwei Jahre bis zum Erscheinen sind, denn diese Reihe nähert sich aus vielfältigen Blickwinkeln und mit beeindruckender Tiefenschärfe dem Entstehungsprozess von poetischen Formen.

Kunststiftung NRW (Hg.): Von Sprache sprechen II. Die Thomas-Kling-Poetikdozentur. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2017. 104 Seiten. 14,90 €. 

Logbuch Lyrik (9): „Polderpoesie“ – Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden

img_2090So nah und doch so fern. Ich wohne gut vierzig Kilometer von der holländischen Grenze entfernt. Doch niederländische Lyrik? Dazu fällt mir nur Anna Enquist ein. Und hat Cees Noteboom nicht auch Gedichte geschrieben? Ja, sicher. Aber was ist mit der aktuellen Lyrikszene? Die Sprache ist eben doch eine entscheidende Grenze, sie wirkt stärker als die räumliche. Dem Übersetzer Stefan Wieczorek und dem Autor Christoph Wenzel, beide zugleich auch promovierte Literaturwissenschaftler, kommt nun das große Verdienst zu, junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden in einer zweisprachigen, kompakten und zugleich umfangreichen Anthologie dem deutschsprachigen Publikum zu präsentieren. Jung heißt in diesem Fall, dass alle Autorinnen und Autoren Jahrgang 1973 oder jünger sind (bis Jahrgang 1988). Wieczorek und Wenzel glauben damit eine Generation von Lyrikerinnen und Lyrikern zu erfassen, die sich „ästhetisch (wie auch räumlich) als hoch beweglich und originär“ darstellt. Der Titel „Polderpoesie“ bezieht sich dabei nicht nur auf die typische Landschaft dieser Region, sondern meint auch, dass diese Generation poetisches Neuland geschaffen hat. Dem kann man zumindest teilweise zustimmen.

Jeder der 21 Autorinnen und Autoren ist mit etwa sieben Gedichten vertreten, abhängig von der Länge der Texte. So enthält der Band von Annemarie Estors nur ihr Langgedicht „Ein Berg gestorbener Tiere“. Damit wird auch die Vielfalt der lyrischen Texte deutlich. Es gibt sehr kurze und sehr lange Gedichte, kompakte und mehrstrophige, in Blocksatz und rechtsbündig formatierte. Das Buch verwendet unterschiedliche Schriftarten für das Original und die Übersetzung, die sich jeweils gegenüber stehen. Fünf Übersetzerinnen und Übersetzer waren an diesem Projekt beteiligt. Da das Niederländische außer bei Eigennamen keine Großschreibung kennt, stellte sich mir die Frage, wann die Übersetzung ins Deutsche auf die übliche Groß- und Kleinschreibung verzichtet. Stefan Wieczorek selbst übersetzt Els Moors und Anne Büdgen komplett in eine Kleinschreibung. Weil diese im Original auf eine Zeichensetzung verzichten? Das macht Thomas Möhlmann auch, doch Ard Posthuma verwendet in seiner Übersetzung die korrekte deutsche Orthographie. Hier wären Hinweise im ansonsten sehr erhellenden Nachwort von Stephan Wieczorek hilfreich gewesen. Dem entnimmt man die überraschende Information, dass Poesie in Flandern und den Niederlanden deutlich populärer als im deutschen Sprachraum ist. Es gibt eine Vielzahl von Festivals, Preisen und Ernennungen zum Stadtdichter. Sehr interessant erscheint auch das literarisch-soziale Projekt „De enzame uitvaart / Das einsame Begräbnis“, das der flämische Dichter Maarten Inghels in Antwerpen koordiniert. Hier verfassen Dichter quasi stellvertretend für die Gesellschaft ein Gedicht für einsam Verstorbene, das während der Beerdigung vom Autor vorgetragen wird. Die beiden im Buch abgedruckten Beispiele „Eine Moschee“ und „Soviel Aufmerksamkeit waren Sie wohl nicht gewohnt“ sind berührend.

Es drängt sich die Vermutung auf, dass die Poesie bei unseren Nachbarn auch deshalb populärer ist, weil die Gedichte einfacher zugänglich sind. Sprachexperimentelle und hermetischer Texte liefert der vorliegende, insgesamt sehr lesenswerte Band jedenfalls kaum. Offenbar aufgrund verschiedener Förderungen, u.a. durch die Kunststiftung NRW, kommt der ansprechend gestaltete Band ausgesprochen preiswert daher. Und um es mit Andy Fierens zu sagen: „aber fakten bleiben fakten / der himmel ist blau / krebs ist hip // ich wollte du wärst ein seehund // dann könnte ich auf dich einknüppeln“.

Stephan Wieczorek / Christoph Wenzel (Hg.): Polderpoesie. Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden. [SIC]-Literaturverlag, Aachen, Berlin 2016. 391 Seiten. 16 €

 

Arche Kinder Kalender 2017 – Gedichte und Bilder aus der ganzen Welt

image_manager__rr_330w_sharpen__kika_2017_01

„Jedes Kindergedicht öffnet ein Fenster zur Welt.“ Dies ist das Motto des Arche Kinder Kalender, der auch 2017 Woche für Woche ein illustriertes Kindergedicht präsentiert. Ausgewählt haben die Texte und Illustrationen die Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek in München, Dr. Christiane Raabe, und ihre Mitarbeiter aus dem ihrem reichen Fundus. Die Texte einschließlich ihrer grafischen Ergänzung stammen aus der ganzen Welt, aus unterschiedlichsten Sprach- und Kulturräumen. Das macht das Durchblättern so interessant, denn es zeigt, was alle Kinder dieser Welt verbindet. Die Wahrnehmung ihrer Umgebung durch Sprache und das fantasievolle, lustvolle Spiel mit Sprache: „In einem Café in Wien / bestellt ein Berliner / ein Paar Wiener / und zwei Berliner.“

Die 53 Kalenderblätter sind großartig: farbenfroh, ansprechend, kindgerecht und sehr abwechslungsreich gestaltet. Das liegt daran, dass auch die Illustrationen aus den verschiedenen Ländern stammen. Der Grafiker Marx Bartholl hat die deutsche Übersetzung, den Originaltext sowie die Originalgrafik zusammengeführt und als Kalenderblatt gestaltet. Das einzige, kleine Manko ist, dass sich viele Kindergedichte nur schwer übersetzen lassen. Bei der Übertragung ins Deutsche gehen häufig der Reim und damit auch der Wortwitz sowie der Sprachzauber des Originals verloren. So gelingt es beispielsweise der großartigen Autorin Esther Kinsky in ihrer Übersetzung des wunderbaren Kindergedichts „Überm Meer wird es Tag“ aus dem Polnischen nur zum Teil die faszinierende Lautmalerei ins Deutsche zu übertragen.

Aber dieser kritische Hinweis ist kein Einwand gegen diesen lebensfrohen Kalender. Beglücken Sie mindestens ein Kind damit!

Arche Kinder Kalender 2017 – Mit 53 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt. Herausgegeben von der Internationalen Jugendbibliothek, München. Arche Kalender Verlag, Zürich, Hamburg 2016. 60 Blätter, 53 vierfarbige Illustrationen. 18,- €.

Logbuch Lyrik (8): „Fegefeuer“ von Norbert Hummelt

9783630875217_coverMit beeindruckender Konstanz legt Norbert Hummelt alle drei bis fünf Jahre einen neuen Gedichtband vor. Nach Zeichen im Schnee (2001), Stille Quellen (2004), Totentanz (2007) und Pans Stunde (2011) ist Fegefeuer bereits sein fünfter Band bei Luchterhand. Der 1962 im niederrheinischen Neuss geborene Schriftsteller lebt seit 2006 in Berlin, der Hauptstadt auch der Literaturszene. Für seine Werke wurde er mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet, darunter 2007 mit dem Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld. Norbert Hummelt hat sich darüber hinaus auch als Übersetzer (u.a. T.S. Eliots Gedichtzyklus Das öde Land) und Essayist einen Namen gemacht. 2015 war sein Gedicht „der turmfalke“ gar Gegenstand in einer zentralen Deutsch-Abiturklausur in Nordrhein-Westfalen.

Im Laufe der Jahre hat Hummelt in seiner Lyrik eine ganze eigene Form und einen unverwechselbaren Ton gefunden. Für die Form charakteristisch ist die Kleinschreibung, die Abkürzung „u.“ für das Wort „und“, die häufige Verwendung von zwei oder dreizeiligen Strophen und ganzen Sätzen sowie die klangliche Arbeit mit Binnenreimen, die nach Meinung von Hummelt selbst jedoch gar keine Binnenreime sind, sondern Endreime, die lediglich in der Mitte einer Zeile auftauchen, da der Vers dort erst zu Ende ist. Zur Verdeutlichung zitiere ich exemplarisch die ersten beiden Strophen des Gedichts „unter den glocken“:

„recht frohen dank für deine liebe post u.  für
die grüße von der hohen acht. ich hoffe auch,
du hast an mich gedacht u. meine karte von köln

bekommen, die karte mit dem dicken pitter! die
erkältung hat mich, wie du siehst, von der fahrt
nicht abgebracht. ich hatte mir am tag zuvor eine“

Viele der Gedichte von Norbert Hummelt in seinem neuen Gedichtband lassen sich geographisch verorten, da oftmals Ortsnamen erwähnt werden, wie „selikum“ und „ahrdorf“ aus seiner Heimat oder der Berliner Alexanderplatz. Wie in seinen vorangegangen Bänden schöpft Hummelt weiterhin sehr intensiv und höchst ertragreich aus der Vergangenheit, vor allem aus seiner Kindheit. Der Ton seiner Gedichte ist sehr melodisch und ruhig. Dabei sind seine Texte rhythmisch durchkomponiert. Dadurch erhalten die vermeintlichen Prosasätze ihre poetische Aufladung, die sie im Zusammenhang einer verdichteten Atmosphäre dann vollends entfalten. Eine weitere herausragende Eigenschaft von Hummelts Lyrik ist, dass seine Gedichtbände thematisch strukturiert sind. Seine 60 Texte in fegefeuer sind so in fünf Kapitel gegliedert, dass sie sich innerhalb dieser Kapitel auch inhaltlich aufeinander beziehen und zudem formal korrespondieren. Ganz stark ist der Beginn des Bandes mit dem Kapitel „Triptychon“, in dem Hummelt in drei Gedichten Traumfetzen mit Erinnerungen überblendet und den Leser sofort in seinen Bann schlägt. Der Sog, der den Wanderer immer wieder an den geheimnisvollen, dunklen Ort lockt, zieht den Leser unweigerlich ins Buch. Das Traumthema wird am Ende des Buches wieder aufgegriffen. Dort schließt das Titelgedicht mit den Versen: „doch trübe alles, leere luft! u. wenn man schläft, dann / kommt der traum; erst wird uns warm u. man sieht / feuerzungen u. dann brennt irgendwann der ganze raum.“ Ich habe auch Feuer gefangen. Für Norbert Hummelts neuen Gedichtband.

Norbert Hummelt: Fegefeuer. Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2016. 96 Seiten, gebunden. 18,00 €