Mirko Bonné findet Spuren des kleinen Prinzen in der Nordsahara

CoverWiderspenstigkeit_WebsiteWer kennt dieses Buch nicht? Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry zählt in ganz Europa zum Kulturgut und ist darüber hinaus eines der meist verkauften Bücher der Welt. Diese märchenhafte Geschichte ist kurz und daher schnell zu lesen. Sie enthält einfache philosophische Aussagen, die bei entsprechender Gelegenheit hartnäckig immer wieder in unser Gedächtnis zurückkehren. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, ist eine solche. Geschenk für die Liebste, Schullektüre und Zitatensammlung für Gottesdienste, dieses schmale Buch, das Saint-Exupéry noch selbst so eingängig illustriert hat, ist alles zugleich. Seit über siebzig Jahren geistert der kleine Prinz durch die Buchhandlungen und begeistert vor allem jüngere Leser. Selbst die unsägliche Verfilmung zu einer Fernsehserie, die außer den Personen nichts mit dem Zauber des Buches gemein hat, konnte dem Erfolg und dem Renommee dieses Buches nichts anhaben. In Düsseldorf existiert ein kleiner Verlag nur von der deutschsprachigen Ausgabe dieses Titels, der Karl Rauch Verlag. Er publiziert fast nichts außer den Werken von Saint-Exupéry, in immer neuen Varianten bis hin zu Merchandisingartikeln. Doch nachdem der Autor bekanntlich 1944 von einem Deutschen über dem Mittelmeer in seinem Aufklärungsflugzeug abgeschossen wurde, endete 2014 der Schutz der Urheberrechte. Lediglich die ursprüngliche Übersetzung ist weiter geschützt. Grund genug für den Karl Rauch Verlag, sich neues Terrain zu erschließen.
Mit Mirko Bonné konnte ein renommierter deutscher Schriftsteller (z. B. Wie wir verschwinden, 2009) für eine Zusammenarbeit gewonnen werden, deren Ergebnis nun vorliegt. Herausgekommen ist ein wunderschön aufgemachtes Buch, wie ich es selten in der Hand gehabt habe. Ein gebundener Band mit strukturiertem Umschlagpapier, zweifarbig gedruckt (schwarz und sandgelb), illustriert mit künstlerischen Schwarzweißfotos und aufgelockert mit Vignetten, dazu ein entsprechend farbiges Lesebändchen. Hinzu kommen ein sehr ansprechendes Layout und hervorragendes, festes, glatt gestrichenes Papier. Für Bücherliebhaber ist dieses Buch wirklich ein Genuss und sogar preiswert. Aber auch der Inhalt kann sich sehen lassen, obwohl das Vorhaben gewagt ist. Bonné begibt sich auf die Spuren von Saint-Exupéry. Tatsächlich findet sein Ich-Erzähler – wenn auch nur in der fiktiven Erzählung – das Flugzeug, mit dem Saint-Exupéry gemeinsam mit seinem Mechaniker André Prévot 1935 in der Nordsahara abstürzte, bevor die beiden nach einem fünftägigen Marsch durch die Wüste von Beduinen gerettet wurden. Dieses Erlebnis bildete Jahre später die Grundlage für die Geschichte um den kleinen Prinzen. Auch Mirko Bonné verwebt nun reale mit surrealen Schilderungen. Märchenhaft wird seine Erzählung dadurch, dass er einem sprechenden Wüstenfuchs begegnet, der als Nachkommen des damaligen Fuchses nach Spuren des kleinen Prinzen sucht. Zwischen diesen beiden entwickeln sich ähnlich philosophisch angereicherte Gespräche, insbesondere über die Widerspenstigkeit, wie in Der kleine Prinz. Das hätte ganz schnell kitschig oder epigonal wirken können, doch Mirko Bonné, dem hier auch seine Begabung als Lyriker zu Gute kommt, umschifft diese großen Untiefen mit erstaunlicher Geschicklichkeit. So legt der Karl Rauch Verlag eine lesenswerte Erzählung über die Wüste und das Leben vor, die der Nachdenklichkeit und der Gelassenheit in den Werken von Antoine de Saint-Exupéry durchaus gerecht wird.

WERBUNG:  Mirko Bonné: Die Widerspenstigkeit. Ein Märchen. Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 2017. 128 Seiten, gebunden. 18,- €

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Marie T. Martin „Luftpost“ – poetische Erzählungen über anstehende Veränderungen

marie-martin-luftpost-cover-internetDie in diesem Band versammelten fünfzehn Texte von Marie T. Martin stellen keine Kurzgeschichten im klassischen Sinn dar, sondern kurze Erzählungen, die mit zahlreichen Rückblenden und Versatzstücken arbeiten.

In der Titelstory „Luftpost“ wird deutlich, dass die junge Therapeutin selbst den Verlust ihres Freundes Roderik aus Kindertagen noch nicht vollständig verarbeitet hat. Immer wieder taucht er in ihren Gedanken auf, dient als imaginärer Gesprächspartner und verhindert eine Verabredung mit dem Arbeitskollegen Fred. Auch die Erzählung „Nachmittag“ enthält keine durchgehende Handlung, sondern Reflexionen, Erinnerungen und Assoziationen, die aneinander gefügt eine nachdenkliche, melancholische Atmosphäre erzeugen. „Fünfter Stock“ dagegen ist eine lineare Erzählung, in der eine junge Frau für den Sommer die Wohnung einer Freundin in Berlin bezieht. Sie lässt deren (Ex-)Freund herein und zieht mit ihm und dessen Freund durch die Stadt. Auf der Suche nach sich selbst lässt sie sich gar auf einen heißen Dreier ein.

In dreizehn der fünfzehn Erzählungen wird die Ich-Perspektive eingenommen, nur in „Drei Teller“ und „Wind“ wird die Perspektive gewechselt und in der dritten Person erzählt. Das Besondere ist die Atmosphäre dieser Texte: leicht und etwas verwunschen kommt sie daher. Viele Texte befinden sich auch am Ende in einem Schwebezustand. Ein wind of change durchweht sie: Veränderungen, Wechsel, Neues liegen in der Luft, erscheinen nahe liegend, möglich und sind doch nicht eingetreten oder umgesetzt. Die Anstöße dazu kommen bei Marie T. Martin leise daher. Kleine Begebenheiten im Alltag, zufällige Begegnungen, die das Leben verändern. Wie in „Winterreise“, wo das zufällig auf der Treppe sitzende Nachbarmädchen den erfolglosen Musiker nach und nach aus seiner Lethargie weckt. Oder auch in „Wind“, wo ein einziger Abend auf einem Feuerwehrfest im Nachbardorf mit einem alten Bekannten, bei der Ich-Erzählerin den Entschluss weckt, ihr Leben zu ändern.

Eine besondere Stärke von Martins Texten ist ihre poetische Sprache. Die lyrische Ader  der 1982 in Freiburg geborenen Autorin, die auch Gedichte veröffentlicht („Wisperzimmer“, 2012),  kommt ihrer Prosa in besonderer Weise zu gute: „Meine Bierflasche leuchtete wie ein kostbares Juwel im Gegenlicht.“ Der gelassene Blick auf die eigene Generation erinnert in seiner Grundhaltung an die frühen Erzählungen von Judith Hermann („Sommerhaus, später“, 1998). Aber Martin beschreibt bereits eine neue, eine andere Generation.

In vielen Erzählungen flammt ein Verlangen nach einem anderen Leben auf. Die Alternativen liegen oft gar nicht so weit entfernt. Aber es bedarf einer Kraftanstrengung, einer Entscheidung, einer Trennung vom Gewohnten, um diese Chance zu nutzen. Martins Erzählungen lassen erahnen, was möglich wäre.

Marie T. Martin: Luftpost. Erzählungen. poetenladen, Leipzig 2013. 142 Seiten. 15,80 €.

P.S.: Am 12.11.2014 um 20 Uhr wird Marie T. Martin im Rahmen meiner Reihe „1Gedicht und mehr“ Gast im Niederrheinischen Literaturhaus Krefeld sein.