„Der eiserne Sommer“ – Angelika Felenda startet eine Krimireihe zum Ersten Weltkrieg

46542Seit Volker Kutschers formidabler Serie um Kommissar Rath, der in der Zeit vom Ende der Weimarer Republik bis zu den Olympischen Spielen während der Zeit des Nationalsozialismus ermittelt, haben historische deutsche Kriminalromane sogar internationales Ansehen erreicht. Der Suhrkamp Verlag wagt sich nun daran, eine Lücke zu schließen und die Zeit des Ersten Weltkriegs zum kriminalen Gegenstand zu machen. Der Zeitpunkt dafür, hundert Jahre nach dem Ausbruch dieses Krieges, hätte kaum günstiger gewählt werden können. Als Autorin wurde die 1954 in Nördlingen geborene Übersetzerin Angelika Felenda gewonnen. Sie ist bislang als Schriftstellerin noch nicht in Erscheinung getreten. Neben ihrer Übersetzertätigkeit prädestiniert sie für das gewagte Unterfangen immerhin ein Studium der Geschichte. Zudem lebt die Autorin in München, wo auch der Roman angesiedelt ist.

Die Serie mit Kommissär Sebastian Reitmeyer beginnt am 28. Juni 1914, genau an dem Tag, an dem der Thronfolger Österreich-Ungarns, der Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin in Sarajevo ermordet wurden. Exakt einen Monat endet die erzählte Zeit des ersten Romans, also genau an dem Tag, an dem Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklärte und der erste Weltkrieg begann.Es folgt noch ein Epilog im September 2016. Die Serie ist somit ganz bewusst auf die historischen Ereignissse zugeschnitten.

Es gelingt Angelika Felenda auf überzeugende Weise, die Verhältnisse im Deutschen Reich zu Beginn des 20. Jahrhunderts darzustellen. Dabei beschränkt sie sich im ersten Band weitgehend auf die privilegierten Kreise. Standesdünkel, Obrigkeitsdenken, Etikette sind dabei zentrale Bestandteile der Monarchie. Felenda macht zudem einsichtig, wie stark das Militär ein eigenständiger Bestandteil dieser Gesellschaft war. Das Thema dieses Romans ist der Umgang mit Homosexualität, die – nicht verwunderlich – im Militär und auch in der Aristokratie eine bedeutsame Rolle spielte. Und da das Ausleben dieser sexuellen Neigung verboten war, bot sie einen hervorragenden Ansatzpunkt für Drohungen und Erpressungen. Genau darum geht. Weil sich in München in den hohen Kreisen ein ganzer Zirkel aus homosexuellen Angeboten, inklusive Vermittlung von Jünglingen und Verbreitung von Fotos, etabliert hat, versuchen militärische und politische Kreise, die Arbeit von Kommissär Reitmeyer, der durch einen dubiosen Mordfall auf die Spur dieser Machenschaften kommt, deutlich einzuschränken und zu behindern. Letztlich weiß Reitmeyer nicht mehr, wem er eigentlich trauen kann.

Es wird keine aktionsreiche Handlung geboten. Im Gegenteil. Aber der etwas behäbige Stil des Romans passt zum gesteltzten Gebahren der damaligen Zeit. Sprache und Milieuschilderungen wirken authentisch. Felenda erzählt linear auf zwei Ebenen. In die eigentliche Romanhandlung werden immer wieder Aufzeichnungen eines Offizieres eingeflochten. Dadurch ist der Leser dem Kommissär an Kenntnissen immer etwas voraus. Insofern ist dann auch die Auflösung relativ nahe liegend. Fragwürdig erscheint mir das, wie von vielen Krimiautoren so auch von Angelika Felenda, verwendete Konstrukt, den Kommissar selbst über die private Schiene in den Fall zu verwickeln. Das riecht immer schnell nach Kommissar Zufall und schadet der Glaubwürdigkeit. Zumindest überreizt Felenda dieses Plotmittel nicht. Die durch den Kriminalfall erzeugte Spannung nutzt sie, um die gesellschaftlichen und politischen Strukturen vor hundert Jahren dem Leser vor Augen zu führen. Auf diese Weise hat sie auch bei mir Neugier auf weitere Bände dieser Reihe geweckt.

Angelika Felenda: Der eiserne Sommer. Reitmeyers erster Fall. Kriminalroman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 435 Seiten, Klappenbroschur. 14,99 €.

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