Thomas Karlauf beleuchtet eloquent die späten Jahre von Helmut Schmidt

karlauf-schmidtDas besondere Interesse, dass die Deutschen in den letzten anderthalb Jahrzehnten für Helmut Schmidt aufgebracht haben, nutzen der Siedler Verlag und Thomas Karlauf für eine Biographie, die sich auf die Jahre nach Schmidts Ablösung als Bundeskanzler durch Helmut Kohl im Oktober 1982 beschränkt. Das Buch beginnt mit der Ausleuchtung der Hintergründe dieses Ereignisses, das durch das ungewöhnliche Mittel des konstruktiven Misstrauensvotums in der Geschichte der Bundesrepublik bislang einmalig blieb. Karlauf betitelt dieses erste Kapitel als „Inszenierung eines Verrats“.

Das voluminöse Buch ist in drei Teile gegliedert: „Jahre der Zurückhaltung (1982-1990)“, „Jahre der Einmischung (1991-2003)“ und „Wege des Ruhms“. Sie verdeutlichen die unterschiedlichen Phasen von Schmidts späten Jahren.

Egal, wo ich das Buch aufgeschlagen habe, ich habe mich festgelesen. Das liegt zum einem natürlich an der besonders spannenden Biographie dieses außergewöhnlichen Staatsmanns,  vor allem aber am glänzenden Stil von Thomas Karlauf, der bereits 2007 mit seiner herausragenden Biographie von Stefan George auf sich aufmerksam gemacht hat. Nun ist Karlauf aber nicht nur ein besonders guter Biograph, er besitzt auch im Fall Helmut Schmidt eine besondere Nähe zum Gegenstand, denn seit 1987 betreute er als Lektor Schmidts Buchveröffentlichungen. Trotz dieser Nähe und Verbundenheit gelingt es Karlauf die nötige kritische Distanz aufzubauen. Vermutlich erleichterte der Tod von Schmidt im November 2015 es Karlauf, der bereits auf Veranlassung von Helmut Schmidt mit den Vorarbeiten, insbesondere der intensiven Durchforstung seines Privatarchivs in Hamburg begonnen hatte, diese für einen Biographen notwendige Perspektive einzunehmen. Herausgekommen ist jedenfalls ein außerordentlich lesenswertes Buch, das dem Zeitgeist dieser 33 Jahre nachspürt, dabei Schmidts agiles Handeln als Publizist und Elder Statesman Revue passieren lässt und zahlreiche neue Details sowie unbekannte Facetten an Schmidt herausarbeitet, beispielsweise in seinem Verhältnis zu Kohl und zu Genscher, die ihn gemeinsam stürzten.

Thomas Karlauf: Helmut Schmidt – Die späten Jahre. Siedler Verlag, München 2016. 558 Seiten, gebunden. 26,99 €

„Und morgen die ganze Welt. Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus“ – Neuauflage

HeskeekuMeine Dissertation ist nun in einer Neuauflage als erschwingliches Paperback erschienen. Zudem ist sie jetzt auch als E-Book lieferbar. Beides freut mich sehr.

Das besondere Beispiel des Erdkundeunterrichts zeigt, wie weit Anpassung, Anbiederung und vorauseilender Gehorsam im sensiblen Bereich von Schule und Unterricht im Nationalsozialismus gingen. Auf der Grundlage der NS-Ideologie entwickelten Erdkundelehrer und Fachdidaktiker rasch einen vornehmlich auf Indoktrination ausgerichteten Geographieunterricht, in dessen Zentrum eine neuartige „völkische Lebensraumkunde“ stand, die sich auf eine „Blut und Boden“-Heimatkunde gründete und Rassenkunde, Geopolitik, Kolonialgeographie sowie Wehrgeographie miteinander verknüpfte. 1943 wurde sogar die Konzeption eines Deutschen Schulatlas als besonders kriegswichtig erachtet. Niemals zuvor noch danach konnte das Fach Erdkunde einen höheren Anteil an der Stundentafel der allgemeinbildenden Schulen erringen.

„Heske hat eine Fülle unterschiedlichsten Materials intensiv durchgearbeitet und eine klug gegliederte, zitatenreiche und dennoch zugleich straff ausformulierte Studie vorgelegt. Er darf in der Tat für sich in Anspruch nehmen, eine überfällige Lücke in der Geschichte der Pädagogik und in der Geschichte der Geographie geschlossen zu haben.“ (Hans-Dietrich Schultz, Westfälische Forschungen)

„Am Ende wird Heske seinem gesetzten Ziel, der Untersuchung wie und auf welche Weise, mit welchem Engagement, mit welchen ideologischen Prinzipien und welchen neuen Inhalten der Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus umgestaltet wurde, mehr als gerecht.“ (Stephan Weser, H-Net Reviews)

Henning Heske: Und morgen die ganze Welt. Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus. BoD, Norderstedt 2015. 440 Seiten. 14,99 €. Als E-Book 4,99 €.

„Schmugglerpfade“ – bilateral betreten von Thomas Hoeps und Jac. Toes

schmugglerpfadeEs sind keine ausgetretenen Pfade, denen die Beiträge dieser Anthologie mit Kriminalstorys folgen, sondern verschlungene, teilweise bereits vergessene, überwucherte und auch neue Wege. Die Sammlung mit Kurzgeschichten über das Schmuggeln im deutsch-niederländischen Grenzbezirk überrascht durch seine fundierte Konzeption. Der Krefelder Thomas Hoeps und der Niederländer Jac. Toes, die sich mit drei grenzübergreifenden Kriminalromanen bereits auf beiden Seiten des Schlagbaums einen Namen gemacht haben, recherchierten ausführlich die Geschichte des Schmuggels zwischen den beiden Nachbarländern seit 1818. Die Anordnung der 16 Texte, je acht von deutschen und von niederländischen Autoren, ist chronologisch, beginnt zur Zeit des Ersten Weltkriegs („Die Syphilis kennt keine Grenzen!“ von Richard Birkefeld) , verfolgt die besondere Lage während des Zweiten Weltkriegs, behandelt schwerpunktmäßig die letzten Jahrzehnte und blickt schließlich bis ins Jahr 2048. Das dystopische Zukunftsszenario beschreibt Nina George in ihrer beklemmenden Story „Just in time“ über die Auswüchse eines Menschen verachtenden, illegalen Organhandels.

Sehr ambitioniert geht Mitherausgeber Thomas Hoeps ans Werk. Seine Geschichte „Unzählbar all jene, die zurückbleiben mussten“ erzählt von der gescheiterten Flucht einer jüdischen Familie im November 1939 an der grünen Grenze bei Venlo. Der Zollbeamte, der die gesamte Familie und ihren deutschen Fluchthelfer erschießt, um sich am mitgeführten Schmuck zu bereichern, macht nach dem Zweiten Weltkrieg Karriere im Zollgrenzdienst und es bedarf großer Anstrengungen einzelner, ihn nach vielen Jahren endlich zur Rechenschaft zu ziehen. Damit erinnert Hoeps im Zusammenhang mit dem authentischen Venlo Zwischenfall eindrucksvoll an ein besonders dunkles Kapitel der deutsch-niederländischen Historie.

Auch der andere Herausgeber lässt Geschichte lebendig werden. Sehr gekonnt spielt Jac. Toes in „Eine linke Tour“ die Doppeldeutigkeit des Titels aus und nimmt uns mit in die Zeit Ende der 70er Jahre, als Kalkar am Niederrhein alles andere als ein verschlafenes Örtchen war, sondern die Kernkraftgegner dort immer wieder Großdemonstrationen auf dem Gelände des Schnellen Brüters organisierten, was den Politikern und der Polizei auf beiden Seiten der Grenze ein Dorn im Auge war, da  sie schon genügend Schwierigkeiten mit den RAF-Terroristen hatten.

Diese historisch verankerten Storys sind die besondere Stärke dieses Bandes. Andere Beiträge bestechen durch spannende Unterhaltung. Jung und wild kommt beispielsweise die Geschichte der Niederländerin Corine Hartmann daher. Ihr abgedrehte Ermittlerin Jessica Haider hat es mit dem Schmuggel von exotischen Tieren zu tun und löst den Fall in „Wildfang“ auf ihre ganz eigenwillige Art.

Hoeps & Toes ist es in ihrer bilateralen Zusammenarbeit auf beeindruckende Weise gelungen, spannende Unterhaltung mit einem geschärften Blick auf die deutsch-niederländischen Grenzbeziehungen und ihre Geschichte zu verbinden. Dank der Unterstützung mit Mitteln mehrerer Kulturförderungen erscheint dieses Buch zeitgleich auch auf Niederländisch unter den Titel Over de grens und leistet so auch einen Beitrag zur Völkerverständigung im Grenzgebiet.

Thomas Hoeps / Jac. Toes (Hg.): Schmugglerpfade. Grenzübergreifende Kriminalstorys. Grafit Verlag, Dortmund 2014. 315 Seiten. 11,00 €.

Marion Poschmann: „Die Sonnenposition“ – ein intelligenter Roman über das Sichtbarwerden

42401Die Hauptpersonen in diesem außergewöhnlichen Buch tragen entsprechend extraordinäre Namen: Odilo, Altfried, Mila. Ich-Erzähler ist der 32jährige Rheinländer Altfried Janich, der im Osten Deutschlands in einem heruntergekommenen Barockschloss als Psychiater in der dort ansässigen Krankenanstalt arbeitet. Sein Freund Odilo ist bei einem rätselhaften Autounfall ums Leben gekommen. Dieses Ereignis ist für Altfried der Auslöser, sein ganzes Leben Revue passieren zu lassen und über viele vergangene oder gegenwärtige Dinge und Sachverhalte nachhaltig zu reflektieren. Diese Ich-Perspektive verrutscht dabei an einigen Stellen in eine auktoriale Erzählperspektive, denn Altfried berichtet von Begebenheiten, bei denen er nicht anwesend war, so detailliert, als wäre er dabei gewesen. So beispielsweise von der Affäre seiner Schwester Mila mit seinem Freund Odilo, der er erst nach dessen Tod gewahr wird.

Die bildhafte und sinnliche Sprache von Marion Poschmann, die hier ihre lyrische Begabung sehr gelungen in der Prosaform nutzt, nimmt den Leser mit bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, wo Flucht und Vertreibung von Altfrieds Eltern geschildert werden, und führt ihn dann über das Rheinland bis in die Gegenwart in den Osten Deutschlands.

Zentrales Thema dieses Romans ist das Sichtbar- und Unsichtbarmachen. Das bezieht sich auf Personen, Ereignisse und Gegenstände. Beispielsweise betätigten sich Altfried und Odilo in der Eifel mehrfach als Erlkönigjäger, freilich ohne großen Erfolg. Es geht immer wieder um Licht und Schatten, Helligkeit und Dunkelheit, bis hin zur Biolumineszenz von Tieren. Und natürlich handelt der Roman auch von der Vergänglichkeit. In Altfrieds kurzer Theorie der Zeit heißt es: „Die Zeit existiert nicht. Wir stellen sie her, indem wir versuchen uns zu erinnern. … Wir erfinden die Zeit, und dann läßt sie uns sterben.“ (Warum der Suhrkamp Verlag immer noch der alten Rechtschreibung frönt, ist ein Geheimnis unserer Zeit.)

Die sehr detaillierte Beschreibung von Beziehungen und Gegenständen ist ein strukturelles Charakteristikum der Prosa von Marion Poschmann. Es kennzeichnet insbesondere ihren ersten Roman „Baden bei Gewitter“ (2002), die Darstellung einer sehr speziellen Zweierbeziehung, aber auch ihren großartigen, weil motivisch so besonderen „Schwarzweißroman“ (2005). Während man die 1969 in Essen geborene und seit Jahren in Berlin lebende Autorin für ihre Gedichte, beispielsweise für den Band „Grund zu Schafen“ (2004), nicht genug preisen konnte, blieb die Erzählung „Hundenovelle“ (2008) doch eine Enttäuschung. Mit dem Buch „Die Sonnenposition“ hat Marion Poschmann nun zu alter Stärke zurückgefunden. Oder muss man sogar sagen zu neuer Stärke? Denn dieser Roman ist nicht nur ihr umfangreichstes Werk, er ist auch schlüssig und geistreich durchkomponiert.

Marion Poschmann: Die Sonnenposition. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013.  340 S., gebunden. 19,95 €.