Magnus Brechtken entlarvt endlich die Legendenbildung um Albert Speer

9783827500403_CoverIn unserem bescheidenen, bürgerlichen Haushalt gab es in meiner Kindheit nur wenige Bücherregale, die kaum Platz für Neuerscheinungen ließen. Es kamen zwar immer wieder neue Romane hinzu, ganz selten jedoch Sachbücher. An zwei Bände erinnere ich mich dennoch ganz genau: die dicke, schwarze Hitler-Biographie von Joachim Fest und die Erinnerungen von Albert Speer mit dem gelben Rand der Ullstein-Ausgabe. So habe ich es jedenfalls in Erinnerung. Oder waren es doch die „Spandauer Tagebücher“? Die Bücher standen jedenfalls in der Diele. Oder doch eines von ihnen im Wohnzimmer?Erinnerungen können sehr trügerisch sein. Und dies gilt in ganz besonderer Weise für die „Erinnerungen“ von Hitlers berühmten Architekten Albert Speer, die 1969 erstmals erschienen und eine ganze Generation von Deutschen hinsichtlich der Frage ihrer Mitschuld beruhigten. Denn selbst der Vertraute von Hitler hatte (angeblich) nichts vom systematischen Massenmord in den Vernichtungslagern gewusst. Mit diesen Legenden um Albert Speer (1905-1981) räumt Magnus Brechtken (geb. 1964), stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, in seiner voluminösen Biographie nun restlos auf.

Auf den ersten Blick erscheinen die 910 dicht bedruckten Seiten unlesbar. Aber dann stellt man fest, dass der Anhang bereits 330 Seiten ausmacht und die restlichen rund 570 Seiten ausgesprochen spannend geschrieben sind. Es ist eine wissenschaftliche Biographie auf höchstem Niveau, die keinen Wunsch nach Belegen und Verweisen offen lässt und zugleich einen breiten Leserkreis anspricht. Beispielsweise geht Brechtken ausführlich auch auf die in – längst vergessenen – Illustrierten wie Quick und Jasmin erschienenen Interviews und Homestories ein.

Insgesamt ist dieses Buch weit mehr als eine Biographie. Es reflektiert detailliert und differenziert unseren Umgang mit der Nazi-Vergangenheit, der es Albert Speer, den Reichsminister für Rüstung und Munition von 1942-1945, der im Nürnberger Prozess zu 20 Jahren Haft verurteilt worden war, ermöglichte, nach seiner Freilassung 1969 eine zweite Karriere als Publizist und vielfach angefragter Zeitzeuge zu erleben. Wahrheitstreue war Speers Sache nicht, wie Brechtken unermüdlich und durchgängig nachweist. Speers Selbststilisierung beginnt bereits mit einem Märchen über seine Geburt und durchzieht vor allem seine Erinnerungen an seine Rolle im Nationalsozialismus. Seine vermeintliche Rolle als dienstbeflissener Beamter, der nicht wusste, was hinter den Kulissen geschah, kauften ihm viele Deutsche nur zu gerne ab. Aber es ist nach Brechtkens Belegen unstrittig: Albert Speer war – um es einmal ganz unverblümt zusagen – ein karrieregeiler Obernazi und ein notorischer Lügner obendrein, dem es sogar noch gelang, Kunstschätze aus der Nazi-Zeit anonym zu versteigern.

Das Buch endet dann auch nicht mit dem Tod von Albert Speer. Brechtken lässt noch ein weiteres, unbedingt lesenswertes Kapitel folgen: „Nachleben (1981 bis heute)“, in dem er in seiner profunden Art unseren Umgang mit den Mythen um Albert Speer darstellt. Wenn man gewollt hätte, hätte man Speer schon sehr früh entlarven können, denn die meisten Quellen waren seit Ende der 60er Jahre längst öffentlich zugänglich. Aber offenbar wollten es einflussreiche Leute nicht, allen voran der renommierte Historiker und FAZ-Herausgeber Joachim Fest, der mit seinen Veröffentlichungen über Speer dessen Legendenbildung vielfach weitertransportierte. Und so dauerte es bis 2017, ehe Magnus Brechtken mit seinem grandiosen Werk diesem Spuk jetzt endlich eine Ende bereitete.

WERBUNG: Magnus Brechtken: Albert Speer. Eine deutsche Karriere. Siedler Verlag, München 2017. 910 Seiten, gebunden. 40,00 €

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Peter Longerichs voluminöse Hitler-Biographie ist auf dem Weg zu einem Standardwerk

9783827500601_CoverMehr als zwei Jahrzehnte galt Joachim Fests Hitler Biographie, die 1973 erschien und zu einem Bestseller avancierte, als das Buch, in dem zumindest aus deutscher Sicht fast alles zur deutschen Variante des Faschismus gesagt war. Fest stellte den Nationalsozialismus unter faschismustheoretischer Perspektive als Produkt des Führers dar, was es vielen Deutschen einfach machte, die Frage nach einer Mitverantwortung zu negieren oder zumindest abzumildern. Erst die zweibändige Hitler-Biographie des Briten Ian Kershaw (1998 bzw. 2000) bildete ein neues Standardwerk. Kershaw erklärte in einer anderen Sichtweise Hitlers Aufstieg und sein Herrschaftssystem mit Blick auf die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte.

Fünfzehn Jahre später veröffentlichte der Siedler Verlag nun in einem Jahr zwei neue voluminöse Hitler-Biographien. Während Wolfram Pyka einen eigenwilligen, neuartigen Blick auf Hitler und sein Herrschaftssystem unter dem Blickwinkel „Der Künstler als Politiker und Feldherr“ vornahm, stellt im vorliegenden Buch Peter Longerich Hitler detailliert als in vielen unterschiedlichen Bereichen sehr aktiven Politiker dar, der schließlich eine höchst extreme Führerdiktatur installierte.

Longerichs Buch ist eigentlich zu umfangreich, um es Seite für Seite durchzulesen. Aber wenn man es als Basisliteratur oder als Nachschlagewerk nutzt, bleibt man stets im aufgeschlagenen Kapitel hängen. Das Personen- und Ortsregister sowie die Anmerkungen sind excellent geführt. So lassen sich Detailfragen schnell klären. Longerichs Darstellung erfolgt chronologisch in sieben Teilen. In der abschließenden Bilanz heißt es: „Im Mittelpunkt des Dritten Reiches stand ein entschlossener Diktator, der diesen Prozess auf allen Ebenen formte, sämtliche Energien auf seine Person ausrichtete und sich eine Machtfülle erarbeitete, die ihm einen beispiellosen Handlungsspielraum eröffnete.“

Stringent und faktenreich untermauert der Londoner Geschichtsprofessor Peter Longerich, der 1955 in Krefeld geboren wurde und bereits mit seinen Biographien über Heinrich Himmler und Joseph Goebbels hervorgetreten ist, auf der Grundlage neuster Forschungen seine These. So ist diese Hitler-Biographie auf bestem Wege, ebenfalls zu einem neuen Standardwerk zu avancieren.

Peter Longerich: Hitler. Biographie. Siedler Verlag, München 2015. 1396 Seiten, gebunden. 39,99 €. 

Thomas Karlauf beleuchtet eloquent die späten Jahre von Helmut Schmidt

karlauf-schmidtDas besondere Interesse, dass die Deutschen in den letzten anderthalb Jahrzehnten für Helmut Schmidt aufgebracht haben, nutzen der Siedler Verlag und Thomas Karlauf für eine Biographie, die sich auf die Jahre nach Schmidts Ablösung als Bundeskanzler durch Helmut Kohl im Oktober 1982 beschränkt. Das Buch beginnt mit der Ausleuchtung der Hintergründe dieses Ereignisses, das durch das ungewöhnliche Mittel des konstruktiven Misstrauensvotums in der Geschichte der Bundesrepublik bislang einmalig blieb. Karlauf betitelt dieses erste Kapitel als „Inszenierung eines Verrats“.

Das voluminöse Buch ist in drei Teile gegliedert: „Jahre der Zurückhaltung (1982-1990)“, „Jahre der Einmischung (1991-2003)“ und „Wege des Ruhms“. Sie verdeutlichen die unterschiedlichen Phasen von Schmidts späten Jahren.

Egal, wo ich das Buch aufgeschlagen habe, ich habe mich festgelesen. Das liegt zum einem natürlich an der besonders spannenden Biographie dieses außergewöhnlichen Staatsmanns,  vor allem aber am glänzenden Stil von Thomas Karlauf, der bereits 2007 mit seiner herausragenden Biographie von Stefan George auf sich aufmerksam gemacht hat. Nun ist Karlauf aber nicht nur ein besonders guter Biograph, er besitzt auch im Fall Helmut Schmidt eine besondere Nähe zum Gegenstand, denn seit 1987 betreute er als Lektor Schmidts Buchveröffentlichungen. Trotz dieser Nähe und Verbundenheit gelingt es Karlauf die nötige kritische Distanz aufzubauen. Vermutlich erleichterte der Tod von Schmidt im November 2015 es Karlauf, der bereits auf Veranlassung von Helmut Schmidt mit den Vorarbeiten, insbesondere der intensiven Durchforstung seines Privatarchivs in Hamburg begonnen hatte, diese für einen Biographen notwendige Perspektive einzunehmen. Herausgekommen ist jedenfalls ein außerordentlich lesenswertes Buch, das dem Zeitgeist dieser 33 Jahre nachspürt, dabei Schmidts agiles Handeln als Publizist und Elder Statesman Revue passieren lässt und zahlreiche neue Details sowie unbekannte Facetten an Schmidt herausarbeitet, beispielsweise in seinem Verhältnis zu Kohl und zu Genscher, die ihn gemeinsam stürzten.

Thomas Karlauf: Helmut Schmidt – Die späten Jahre. Siedler Verlag, München 2016. 558 Seiten, gebunden. 26,99 €

Lili Schönemann – Goethes erste große Liebe

17603„Ich bin … meinem eigentlichen Glücke nie so nahe gewesen, als in der Zeit jener Liebe zu Lili.“ So äußert sich Goethe in hohem Alter zu seinem Gesprächspartner Eckermann. Diese glückliche Zeit umfasste die Monate Januar bis Oktober 1775, als beide in Frankfurt am Main lebten, wo sie sich kennen und lieben lernten. Die sechszehnjährige Bankierstochter Elisabeth Schönemann (1758-1817) und der fünfundzwanzigjährige promovierte Jurist und erfolgreiche Schriftsteller Johann Wolfgang Goethe (1949-1832), der durch Die Leiden des jungen Werthers bereits sehr bekannt geworden war, kamen sich schnell näher und empfanden beidseitig eine tiefe Zuneigung. Im Mai verlobten sie sich. Diese Verlobung blieb die einzige in Goethes Leben. Doch im Oktober war bereits alles wieder vorbei. Wie kam es dazu? Dieser Frage geht Dagmar von Gersdorff im vorliegenden, wohlfeilen Büchlein akribisch und kenntnisreich nach. Sie zitiert aus Briefen, Tagebüchern, Gesprächen mit Zeitgenossen, Goethes autobiografischer Schrift „Dichtung und Wahrheit“ und natürlich seine Gedichte, die Umfeld dieser großen Liebe entstanden. Diese Zeit war eine sehr produktive Phase. Erich Trunz räumt ihr in seiner Hamburger Ausgabe sogar ein eigenes Kapitel ein: „Lili-Lyrik“. Dazu zählen so großartige Gedichte wie „Neue Liebe, neues Leben“ und „Auf dem See“.

Chronologisch führt uns von Gersdorff die Geschichte dieser Liebe vor Augen. Sie schildert eindrucksvoll die widrigen Umstände, die durch die familiären Situationen gegeben waren. Beide Familien lehnten zunächst eine Verbindung ab. Erst eine Tante von Lili konnte vermitteln. Doch der Widerstand, insbesondere der vier Brüder von Lili, von denen Goethe ohnehin drei nicht ausstehen konnte, aber auch von Goethes Schwester Cornelia, blieb. Letztlich entscheidend war aber Goethes Erkenntnis, die dieser auf seiner Reise mit den Brüdern Stolberg in die Schweiz im Juni und Juli gewann, dass er nicht als Jurist oder Geschäftsmann leben wollte, sondern als Künstler. So entschied er sich schließlich, das Angebot der Herzogs Carl August anzunehmen. Goethe löste die Verlobung mit Lili und brach am 30. Oktober 1775 nach Weimar auf, wo er – abgesehen von seiner langen Italienreise – bis an sein Lebensende blieb. Sie sahen sich nur noch einmal wieder, gedachten aber ihr ganzes Leben gerne aneinander: „Erinnerung der Liebe / Ist wie die Liebe, Glück.“

WERBUNG: Dagmar von Gersdorff: Goethes erste große Liebe Lili Schönemann. Insel Verlag, Berlin 2014. 110 Seiten, gebunden. 10,00 €
P.S.: Interpretationen zur Lili-Lyrik findet man in meinem Buch Gedichtinterpretationen. Von Goethe bis Beyer. Oder auch in Herrlich wie am ersten Tag, herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki.