Die Pfaueninsel in der Havel bei Potsdam – eine literarische Spurensuche

Wer den großartigen Roman „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche gelesen hat, der entwickelt Sehnsucht danach, diesen verwunschenen Ort aufzusuchen. Jedenfalls ging es mir so. In diesem Frühjahr hatte ich nun endlich die Gelegenheit, diesem Wunsch nachzukommen.

Der im Jahr 2014 erschienene Roman von Thomas Hettche spielt zwischen 1820 und 1880 auf der Berliner Pfaueninsel und basiert auf wahren Gegebenheiten. Zentrale Figur ist die kleinwüchsige Maria Dorothea Strakon, die als Königliches Schloßfräulein diese winzige Insel, die man innerhalb einer Stunde umrunden kann, durchgängig bewohnte. Die meisten Gebäude aus der damaligen Zeit – mit Ausnahme des Palmenhauses, das 1880 abbrannte – existieren noch heute, haben all die Kriegswirren und politischen Veränderungen überdauert.

Wolf Jobst Siedler schrieb vor fünfundzwanzig Jahren auch ein schmales Buch über die Pfaueninsel. Es trägt den Untertitel „Spaziergänge in Preußens Arkadien“. Wenn man die Fotos betrachtet, wird man ihn vermutlich gut nachvollziehen können.

Wenn man mit der kleinen Fähre übersetzt, scheint man in einer anderen Zeit anzukommen …

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Oliver Hilmes entfaltet die olympischen Tage im nationalsozialistischen Berlin 1936

9783827500595_CoverVor genau 80 Jahren fanden in Berlin die 11. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit statt.Das ist weithin bekannt. Anlässlich der diesjährigen Olympiade in Rio de Janeiro und des runden Jahrestages lässt Oliver Hilmes diese sechszehn Tage im August 1936 noch einmal Revue passieren. Dieser Rückblick lohnt, denn er zeigt uns etwas Außerordentliches, nämlich wie sich Nazi-Deutschland ungeachtet seiner Kriegsvorbereitungen perfide als weltoffener Gastgeber einer Veranstaltung gebärdet, die vor allem der Völkerverständigung dienen soll.

Berlin war bereits 1916 als Olympiastadt auserkoren worden, doch fielen seinerzeit die Spiele wegen es Ersten Weltkriegs aus. Die Nationalsozialisten, erst seit drei Jahren an der Macht, nutzten die Gelegenheit für eine breit angelegte Propagandaschau eines modernen Deutschlands. Hilmes zeigt uns, wie zeitgleich zu den Olympischen Spielen, die in aller Welt ohne großen Argwohn verfolgt wurden, Hitler unter unmenschlichen Bedingungen das unmenschliche Konzentrationslager Sachsenhausen bauen lässt und beispielsweise die Reisegesellschaft Union mit einem Kreuzfahrschiff im spanischen Cádiz anlegt. Hinter dieser ominösen Reisegruppe samt ihrer schweren Gepäckladung verbirgt sich niemand anderes als die Legion Condor, die ihren Einsatz im spanischen Bürgerkrieg auf der Seite Francos vorbereitet. Natürlich werden sie auf Hitlers ausdrücklichen Befehl erst ins Geschehen eingreifen, wenn die Olympischen Spiele in Berlin friedlich zu Ende gegangen sind.

Die Bars und Cafés auf dem Kurfürstendamm sind überfüllt, täglich gibt es große Galaveranstaltungen, jeder von Hitlers Paladinen veranstaltet an einem anderen Abend einen pompösen Empfang für mehrere hundert ausländische Gäste und Prominente mit bestem Essen und ansprechendem Unterhaltungsprogamm. Das Nachtleben in Berlin boomt, vor allem in so exotischen und angesagten Etablissements wie der Ciro-Ba, dem Sherbini oder dem Quartier Latin. Jazz und Swing klingen durch die Großstadtnacht. Von den Nationalsozialisten geduldet. Noch. Für lange Zeit zeigt sich die Hauptstadt des Deutschen Reiches ein letztes Mal als weltoffene Kulturmetropole. Im Hintergrund bereiten die Nazi-Schergen der Gestapo bereits die Verhaftung der jüdischen Bar- und Restaurantbesitzer, das Verbot von so genannter „Negermusik“ und die Schließung der entsprechenden Lokale vor.

Ähnlich wie in dem Erfolgsbuch „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ (2012) von Florian Illies präsentiert der promovierte Historiker Oliver Hilmes, der bereits durch mehrere Biographien (Cosima Wagner, Ludwig II. u.a.) auf sich aufmerksam machte, nach Tagen gegliedert ein buntes Kaleidoskop von einzelnen Geschichten, Tagesmeldungen und Erinnerungen, die sich zu einem intensiven Gesamteindruck verdichten. Die Regisseurin Leni Riefenstahl spielt dabei ebenso ein Rolle, wie der dunkelhäutige, vierfache Goldmedaillengewinner Jesse Owens, der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe und immer wieder die Tagebucheinträge von Joseph Goebbels. Hilmes hat dazu vielfältigstes Material gesichtet. Eine schöne Idee ist zudem, es nicht bei der Darstellung der sechzehn Tage zu lassen, sondern noch ein Kapitel „Was wurde aus …?“ nachzuschieben. Dadurch wird die Neugier gestillt, was aus einzelnen Personen nach der Olympiade geworden ist. Abgerundet wird das Ganze durch ein ausführliches Quellenverzeichnis, das es ermöglicht, einzelnen Spuren weiter nachzugehen.

Oliver Hilmes: Berlin 1936. Sechzehn Tage im August. Siedler Verlag, München 2016. 304 Seiten, gebunden. 19,99 €