Frankfurter Anthologie Band 38 – In memoriam Marcel Reich-Ranicki

u1_978-3-10-002412-1Der 38. Band der berühmten Frankfurter Anthologie, die jährlich die zuvor in der Samstagsausgabe der FAZ gedruckten Gedichte samt Interpretationen versammelt, ist ein ganz besonderer. Es ist der erste Band nach dem Tod von Marcel Reich-Ranicki, der die von ihm begründete Reihe 39 Jahre betreute. Einige der vorliegenden fünfzig Beiträge hat er noch selbst redigiert. Nach seinem Tod wurden alle 21 Gedichtinterpretationen, die Reich-Ranicki selbst verfasst hatte, noch einmal gedruckt. Sie erscheinen daher auch ein zweites Mal in der Buchausgabe. Zudem enthält der Band erstmals Selbstinterpretationen, das heißt eine Dichterin oder ein Dichter kommentiert ein eigenes Gedicht. Diese Neuerung führte Reich-Ranickis Nachfolgerin als verantwortliche Redakteurin der Frankfurter Anthologie, Rachel Salamander, ein. Den Anfang machte die bedeutende Autorin Friederike Mayröcker. Ihr folgten Ulrike Draesner, Helmut Krausser, Alfred Brendel, Elisabeth Plessen und Ulla Hahn.

Ich selbst bin auch wieder mit einem Beitrag vertreten. Unter dem Titel „Es war die Amsel“ interpretiere ich das Gedicht „Die Wimpern“ vom großartigen Jürgen Nendza, dem ersten Gast in meiner Gesprächsreihe „1 Gedicht und mehr“. Die Korrespondenz über meinen Vorschlag und seine Realisation war seinerzeit mein letzter Kontakt zu Marcel Reich-Ranicki, von dem ich in all den Jahren viel gelernt habe. Es war beeindruckend zu erleben, wie entschieden er stets den Text und den Leser im Blick hatte.

Inzwischen hat Hubert Spiegel die Verantwortung für die Frankfurter Anthologie übernommen. In der Einleitung dieses Buches würdigt er Marcel Reich-Ranicki auf eine sehr gelungene Weise. Auch Hubert Spiegel hat bereits eine Neuerung eingeführt. Er öffnete die Reihe für Gedichte fremdsprachiger Autoren in deutscher Übersetzung. Die ersten Beiträge dieser Art wird man in Buchform im nächsten Jahr in Band 39 nachlesen können. So scheint gewährleistet, dass das Ziel dieser außerordentlichen Unternehmung, der Dichtung eine Gasse zu bahnen, auch in den nächsten Jahren mit Erfolg verfolgt wird.

Frankfurter Anthologie Band 38. Gedichte und Interpretationen. Begründet von Marcel Reich-Ranicki. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 333 Seiten, gebunden. 24,99 €

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„Eigentlich Heimat“ – 29 Autorinnen und Autoren erzählen von Nordrhein-Westfalen

Cover_EIGENTLICH HEIMAT_Lilienfeld Verlag 2014Welches Verhältnis entwickeln wir zu Orten, die unsere Identität in der Kindheit oder im gegenwärtigen Leben prägen? Dieser Frage gingen 29 Autorinnen und Autoren aus Nordrhein-Westfalen auf Einladung der Kunststiftung NRW nach, die ihr 25-jähriges Jubiläum feiert. Herausgekommen sind ganz unterschiedliche Texte ganz unterschiedlicher Provenienz, die einen Einblick in das Leben gestern und heute im Rheinland und Westfalen geben, aber keineswegs Repräsentativität beanspruchen können. Das liegt auch daran, dass einige Regionen relativ häufig in den Texten auftauchen, so seltsamerweise das verregnete Wuppertal, und andere gar nicht. Insgesamt deckt die Auswahl die Landkarte von NRW jedoch ganz gut ab. Ziel war es ja auch weniger, die regionale Vielfalt als vielmehr die literarische Vielfalt dieses Bundeslandes aufzuzeigen. Und die spiegelt sich zweifelsohne in den 29 Prosatexten wider:

Autoren, die nicht mehr in NRW leben, legen zumeist Kindheitserinnerungen vor, wie Markus Orts in „Die Damalswelt“, die für ihn in Viersen verortet ist. Marie T. Martin dagegen imaginiert auf der Grundlage der Erzählungen ihrer Kommilitonin eine ihr fremde Heimatstadt: Wuppertal. Hanna Lemke, die wiederum tatsächlich aus Wuppertal stammt, beschreibt nachdrücklich ihre tristen Erfahrungen, die sie zwei Semester lang in Siegen sammeln musste, bevor sie diese Stadt wieder verließ. Marc Degens nähert sich seiner Heimatstadt Dorsten in einem Tryptichon aus Gedicht, Selbstauskunft und einer Grafitti-Collage. Von Marion Poschmann gibt es leider nur einen feuilletonistischen Beitrag über einen Trip nach Bad Münstereifel, der vor einigen Jahren bereits in der Frankfurter Allgemeinen erschienen ist. Gerade von dieser herausragenden Autorin hätte ich mir einen anspruchsvolleren Text gewünscht. Die jüngst für ihren Roman Am Fluss sehr gelobte Autorin Esther Kinsky nimmt uns mit nach Römlinghoven, einem verwunschenen Ort irgendwo bei Bonn. Ihr einfühlsamer und unprätentiöser Text lässt eine Kindheit am Rande einer Kiesgrube wieder lebendig werden, mit Hordenkindern, einer Gemüsefrau und präsenten Großeltern. Das Besondere an diesem Beitrag: er weckte bei mir längst vergessen geglaubte Erinnerungen an meine eigene Kindheit.

Barbara Köhler beschreibt den kleinen Duisburger See „Entenfang“ als einen aus der Zeit gefallenen Ort mitten im Ruhrgebiet. Frank Goosens Geschichte „Das schöne Mädchen vom Werkstoffhof“ spielt natürlich in Bochum und zeigt in seiner schnodderigen Art, wie in einer hässlichen Straße und an einem absolut unromatischen Ort wie einem Wertstoffhof durch zwischenmenschliche Nähe Schönheit und Romantik Einzug halten können. Sehr detailreich sind die Erinnerungen von Christoph Peters an seinen Heimatort Hönnepel am linken Niederrhein. Differenziert reflektiert er die Veränderungen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten dort in der Landwirtschaft, der Architektur und der Nachbarschaft vollzogen haben. Um zu der Feststellung zu gelangen, dass Hönnepel „mein Zuhause war und nicht ist“.

Diese Beispiele mögen genügen um zu zeigen, dass dieser Band einen bunten Strauß von Geschichten über das bevölkerungsreichste Bundesland bietet. Die gediegene Provinz kommt dabei häufig vor. Ich vermisse etwas härtere Geschichten aus dem Großstadt-Dschungel von Köln und Düsseldorf oder dem Ruhrgebiet. Und ich hätte mir insgesamt etwas mehr literarischen Tiefgang gewünscht. Aber  lesenswert ist diese Anthologie allemal!

Eigentlich Heimat. Nordrhein-Westfalen literarisch. Herausgegeben von Bettina Fischer und Dagmar Fretter. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2014. 224 Seiten, gebunden. 16,90 €
(Schriftenreihe der Kunststiftung NRW Literatur, Band 3)

„Stadtlandfluss“ – Eine großartige Lyrikanthologie aus Nordrhein-Westfalen

Cover_STADTLANDFLUSS_Lilienfeld Verlag 2014Was für eine feine Idee! Die Kunststiftung NRW feiert ihr 25-jähriges Bestehen mit einer Lyrikanthologie. Und die beiden mit der Zusammenstellung beauftragten Herausgeber Jürgen Nendza und Hajo Steinert nutzen die Gelegenheit, einen Überblick und eine Würdigung nordrhein-westfälischer Poesie zu geben, ganz ausgezeichnet. Sie machen deutlich welche herausragenden und für den gesamten deutschsprachigen Raum bedeutsamen Lyriker dieses Bundesland hervorgebracht hat: Jürgen Becker, Ulla Hahn, Rolf Haufs, Thomas Kling und Marion Poschmann beispielsweise. Allein diese Namen zeigen zugleich, wie vielfältig die Lyrikszene in NRW war und ist. Nendza und Steinert präsentieren aber auch noch weniger bekannte Talente wie Tina I. Maria Gintrowski, Marie T. Martin, Hartwig Mauritz und Gerrit Wustmann. Ein ganz großer Verdienst der Herausgeber und der Kunststiftung liegt zudem darin, dass sie mit dieser Anthologie, die eine lyrische Retrospektive der letzten 25 Jahre darstellt, eine Reihe von außerordentlichen Autoren vor dem Vergessen bewahren: Adolf Endler, Hugo Ernst Käufer, John Linthicum, Peter Maiwald und Margot Schroeder im Besonderen.

Der Band ist nicht etwa thematisch geordnet, sondern alphabetisch nach den Autorennamen. Von jedem Lyriker wurden drei Gedichte aufgenommen. Diese Gleichgewichtigkeit vermeidet eine Rangfolge und ermöglicht einen nachhaltigen Eindruck von der Lyrik des jeweiligen Dichters. 111 Autoren haben die Herausgeber nach gründlicher Recherche für würdig befunden, macht also 333 Gedichte in einer wohlfeilen und preisgünstigen Ausgabe des ambitionierten Lilienfeld Verlages. Das Buch ist eine Fundgrube. Man findet alles darin: Sonette und Haikus, Liebesgedichte, Kindheitserinnerungen, moderne Heimatgedichte und auch Sprachexperimentelles. Auf was man jedoch nicht stößt, sind belanglose oder schlecht verfasste Texte.

Das Nachwort von Ulla Hahn rundet den gewichtigen Band nicht nur ab, es erhöht ihn zugleich: „Der Leser dieser Gedichte lernt nicht nur Städte, Landschaften, Menschen, Autoren dieses Bundeslandes kennen. Er erhält zugleich einen Überblick über Ausdrucksformen des modernen Gedichts. Und so reichen die hier versammelten Gedichte weit über NRW hinaus, in den gesamten deutschen Sprachraum hinein. Und, da nichts veraltet in der Kunst, auch hinein in die Zukunft und die Lust am Gedicht.“

Ich gestehe, dass ich selbst auch mit drei Gedichten in dieser Anthologie vertreten bin. Das belegt zwar meine Befangenheit bei der Besprechung dieses Buches. Aber es kann meine Forderung nicht in Frage stellen, dass dieses einzigartige Werk in keiner Stadtbibliothek in NRW fehlen darf, wenn diese Einrichtung denn noch den Anspruch hat, Kultur zu bewahren und ihre Weiterführung anzuregen.

WERBUNG: Stadtlandfluss. 111 Dichterinnen und Dichter aus Nordrhein-Westfalen. Eine Lyrikanthologie. Herausgegeben von Jürgen Nendza und Hajo Steinert. Mit einem Nachwort von Ulla Hahn. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2014. 536 Seiten, gebunden. 19,90 €.
(Schriftenreihe der Kunststiftung NRW Literatur, Band 4)