Logbuch Lyrik (8): „Fegefeuer“ von Norbert Hummelt

9783630875217_coverMit beeindruckender Konstanz legt Norbert Hummelt alle drei bis fünf Jahre einen neuen Gedichtband vor. Nach Zeichen im Schnee (2001), Stille Quellen (2004), Totentanz (2007) und Pans Stunde (2011) ist Fegefeuer bereits sein fünfter Band bei Luchterhand. Der 1962 im niederrheinischen Neuss geborene Schriftsteller lebt seit 2006 in Berlin, der Hauptstadt auch der Literaturszene. Für seine Werke wurde er mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet, darunter 2007 mit dem Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld. Norbert Hummelt hat sich darüber hinaus auch als Übersetzer (u.a. T.S. Eliots Gedichtzyklus Das öde Land) und Essayist einen Namen gemacht. 2015 war sein Gedicht „der turmfalke“ gar Gegenstand in einer zentralen Deutsch-Abiturklausur in Nordrhein-Westfalen.

Im Laufe der Jahre hat Hummelt in seiner Lyrik eine ganze eigene Form und einen unverwechselbaren Ton gefunden. Für die Form charakteristisch ist die Kleinschreibung, die Abkürzung „u.“ für das Wort „und“, die häufige Verwendung von zwei oder dreizeiligen Strophen und ganzen Sätzen sowie die klangliche Arbeit mit Binnenreimen, die nach Meinung von Hummelt selbst jedoch gar keine Binnenreime sind, sondern Endreime, die lediglich in der Mitte einer Zeile auftauchen, da der Vers dort erst zu Ende ist. Zur Verdeutlichung zitiere ich exemplarisch die ersten beiden Strophen des Gedichts „unter den glocken“:

„recht frohen dank für deine liebe post u.  für
die grüße von der hohen acht. ich hoffe auch,
du hast an mich gedacht u. meine karte von köln

bekommen, die karte mit dem dicken pitter! die
erkältung hat mich, wie du siehst, von der fahrt
nicht abgebracht. ich hatte mir am tag zuvor eine“

Viele der Gedichte von Norbert Hummelt in seinem neuen Gedichtband lassen sich geographisch verorten, da oftmals Ortsnamen erwähnt werden, wie „selikum“ und „ahrdorf“ aus seiner Heimat oder der Berliner Alexanderplatz. Wie in seinen vorangegangen Bänden schöpft Hummelt weiterhin sehr intensiv und höchst ertragreich aus der Vergangenheit, vor allem aus seiner Kindheit. Der Ton seiner Gedichte ist sehr melodisch und ruhig. Dabei sind seine Texte rhythmisch durchkomponiert. Dadurch erhalten die vermeintlichen Prosasätze ihre poetische Aufladung, die sie im Zusammenhang einer verdichteten Atmosphäre dann vollends entfalten. Eine weitere herausragende Eigenschaft von Hummelts Lyrik ist, dass seine Gedichtbände thematisch strukturiert sind. Seine 60 Texte in fegefeuer sind so in fünf Kapitel gegliedert, dass sie sich innerhalb dieser Kapitel auch inhaltlich aufeinander beziehen und zudem formal korrespondieren. Ganz stark ist der Beginn des Bandes mit dem Kapitel „Triptychon“, in dem Hummelt in drei Gedichten Traumfetzen mit Erinnerungen überblendet und den Leser sofort in seinen Bann schlägt. Der Sog, der den Wanderer immer wieder an den geheimnisvollen, dunklen Ort lockt, zieht den Leser unweigerlich ins Buch. Das Traumthema wird am Ende des Buches wieder aufgegriffen. Dort schließt das Titelgedicht mit den Versen: „doch trübe alles, leere luft! u. wenn man schläft, dann / kommt der traum; erst wird uns warm u. man sieht / feuerzungen u. dann brennt irgendwann der ganze raum.“ Ich habe auch Feuer gefangen. Für Norbert Hummelts neuen Gedichtband.

Norbert Hummelt: Fegefeuer. Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2016. 96 Seiten, gebunden. 18,00 €

Peter Longerichs voluminöse Hitler-Biographie ist auf dem Weg zu einem Standardwerk

9783827500601_CoverMehr als zwei Jahrzehnte galt Joachim Fests Hitler Biographie, die 1973 erschien und zu einem Bestseller avancierte, als das Buch, in dem zumindest aus deutscher Sicht fast alles zur deutschen Variante des Faschismus gesagt war. Fest stellte den Nationalsozialismus unter faschismustheoretischer Perspektive als Produkt des Führers dar, was es vielen Deutschen einfach machte, die Frage nach einer Mitverantwortung zu negieren oder zumindest abzumildern. Erst die zweibändige Hitler-Biographie des Briten Ian Kershaw (1998 bzw. 2000) bildete ein neues Standardwerk. Kershaw erklärte in einer anderen Sichtweise Hitlers Aufstieg und sein Herrschaftssystem mit Blick auf die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte.

Fünfzehn Jahre später veröffentlichte der Siedler Verlag nun in einem Jahr zwei neue voluminöse Hitler-Biographien. Während Wolfram Pyka einen eigenwilligen, neuartigen Blick auf Hitler und sein Herrschaftssystem unter dem Blickwinkel „Der Künstler als Politiker und Feldherr“ vornahm, stellt im vorliegenden Buch Peter Longerich Hitler detailliert als in vielen unterschiedlichen Bereichen sehr aktiven Politiker dar, der schließlich eine höchst extreme Führerdiktatur installierte.

Longerichs Buch ist eigentlich zu umfangreich, um es Seite für Seite durchzulesen. Aber wenn man es als Basisliteratur oder als Nachschlagewerk nutzt, bleibt man stets im aufgeschlagenen Kapitel hängen. Das Personen- und Ortsregister sowie die Anmerkungen sind excellent geführt. So lassen sich Detailfragen schnell klären. Longerichs Darstellung erfolgt chronologisch in sieben Teilen. In der abschließenden Bilanz heißt es: „Im Mittelpunkt des Dritten Reiches stand ein entschlossener Diktator, der diesen Prozess auf allen Ebenen formte, sämtliche Energien auf seine Person ausrichtete und sich eine Machtfülle erarbeitete, die ihm einen beispiellosen Handlungsspielraum eröffnete.“

Stringent und faktenreich untermauert der Londoner Geschichtsprofessor Peter Longerich, der 1955 in Krefeld geboren wurde und bereits mit seinen Biographien über Heinrich Himmler und Joseph Goebbels hervorgetreten ist, auf der Grundlage neuster Forschungen seine These. So ist diese Hitler-Biographie auf bestem Wege, ebenfalls zu einem neuen Standardwerk zu avancieren.

Peter Longerich: Hitler. Biographie. Siedler Verlag, München 2015. 1396 Seiten, gebunden. 39,99 €. 

Thomas Karlauf beleuchtet eloquent die späten Jahre von Helmut Schmidt

karlauf-schmidtDas besondere Interesse, dass die Deutschen in den letzten anderthalb Jahrzehnten für Helmut Schmidt aufgebracht haben, nutzen der Siedler Verlag und Thomas Karlauf für eine Biographie, die sich auf die Jahre nach Schmidts Ablösung als Bundeskanzler durch Helmut Kohl im Oktober 1982 beschränkt. Das Buch beginnt mit der Ausleuchtung der Hintergründe dieses Ereignisses, das durch das ungewöhnliche Mittel des konstruktiven Misstrauensvotums in der Geschichte der Bundesrepublik bislang einmalig blieb. Karlauf betitelt dieses erste Kapitel als „Inszenierung eines Verrats“.

Das voluminöse Buch ist in drei Teile gegliedert: „Jahre der Zurückhaltung (1982-1990)“, „Jahre der Einmischung (1991-2003)“ und „Wege des Ruhms“. Sie verdeutlichen die unterschiedlichen Phasen von Schmidts späten Jahren.

Egal, wo ich das Buch aufgeschlagen habe, ich habe mich festgelesen. Das liegt zum einem natürlich an der besonders spannenden Biographie dieses außergewöhnlichen Staatsmanns,  vor allem aber am glänzenden Stil von Thomas Karlauf, der bereits 2007 mit seiner herausragenden Biographie von Stefan George auf sich aufmerksam gemacht hat. Nun ist Karlauf aber nicht nur ein besonders guter Biograph, er besitzt auch im Fall Helmut Schmidt eine besondere Nähe zum Gegenstand, denn seit 1987 betreute er als Lektor Schmidts Buchveröffentlichungen. Trotz dieser Nähe und Verbundenheit gelingt es Karlauf die nötige kritische Distanz aufzubauen. Vermutlich erleichterte der Tod von Schmidt im November 2015 es Karlauf, der bereits auf Veranlassung von Helmut Schmidt mit den Vorarbeiten, insbesondere der intensiven Durchforstung seines Privatarchivs in Hamburg begonnen hatte, diese für einen Biographen notwendige Perspektive einzunehmen. Herausgekommen ist jedenfalls ein außerordentlich lesenswertes Buch, das dem Zeitgeist dieser 33 Jahre nachspürt, dabei Schmidts agiles Handeln als Publizist und Elder Statesman Revue passieren lässt und zahlreiche neue Details sowie unbekannte Facetten an Schmidt herausarbeitet, beispielsweise in seinem Verhältnis zu Kohl und zu Genscher, die ihn gemeinsam stürzten.

Thomas Karlauf: Helmut Schmidt – Die späten Jahre. Siedler Verlag, München 2016. 558 Seiten, gebunden. 26,99 €

„Lunapark“ – Volker Kutschers Kommissar Rath ermittelt 1934 im Umfeld der SA in Berlin

9783462315820_10Auf acht Bände hat Volker Kutscher seine Serie um Kommissar Gereon Rath geplant. Sie beginnt im April 1929 und soll während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin enden. Mit beeindruckender Konstanz legt Kutscher bislang alle zwei Jahre einen neuen voluminösen Fall vor (zuletzt 2014 Märzgefallene). Inzwischen hat er zeitgeschichtlich das Frühjahr 1934 erreicht. Die Sturmabteilung (SA) der Nationalsozialisten hat sich zu einer zweiten  Polizei im Staats aufgeschwungen, die sich an keinerlei Gesetze gebunden fühlt. Gerüchte um die Homosexualität ihres Führers Ernst Röhm machen die Runde.

Gleichwohl ist Lunapark der schwächste Band in dieser ambitionierten Reihe. Gereon Rath verlässt sich voll und ganz auf bereits eingeführte Personen – sowohl bei den Ermittlern (z. B. Gräf) als auch bei den Verbrechern (einmal mehr Doktor Marlow). Vermutlich ist dies Kutschers Zugeständnis an den Seriencharakter, denn schließlich werden Kutschers erste Romane gerade aufwändig für eine internationale Fernsehserie unter dem Arbeitstitel „Babylon Berlin“ verfilmt. Auch die Szenerie ist wenig originell, sie spielt an wenigen unspektakulären Orten in Berlin, vorzugsweise im Gebäude der Geheimen Staatspolizei sowie in der Wohnung von Gereon Rath und seiner Frau Charlotte, die auch in diesem Fall die wichtigste Nebenrolle innehat. Erst als Rath den stillgelegten Lunapark betritt (S. 368), in dem sich Kommunisten und der gesuchte Mörder versteckt halten, gewinnt die Handlung an Spannung.

Unverständlich bleibt zudem, warum Volker Kutscher den Fall für den Leser bereits auf Seite  247 auflöst. Dort wechselt die Erzählperspektive für ein kurzes Kapitel in die Sicht des Mörders. Damit werden unnötig früh die Hintergründe der Mordserie aufgeklärt. Der Leser weiß danach lange Zeit mehr als der Kommissar und der Spannungsbogen ist erst einmal dahin. Erst gegen Ende nimmt der Roman noch einmal Fahrt auf. Dabei beleuchtet er das historische Ereignis des sogenannten Röhm-Putsches Ende Juni 1934. Einerseits schätzt man die Serie wegen der fundierten historischen Hintergründe, andererseits wirkt es gestelzt, wenn etwa Charlys Chef ihr lange Passagen aus der berühmten Marburger Rede des Vizekanzlers Franz von Papen vorliest.

Trotz der genannten Einwände habe ich das Buch zügig zu Ende gelesen und bin wiederum sehr auf die nächsten Bände gespannt. Und hoffe, dass Kutscher noch einmal zur Klasse und Originalität der ersten vier Bände zurückfindet und nicht einfach routiniert die Serie zu Ende schreibt.

Volker Kutscher. Lunapark. Gereon Raths sechster Fall. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 560 Seiten, gebunden. 22,99 €

„Vom Streifenhörnchen zum Nadelstreifen“ – Hans Peter Klein kritisiert fulminant die Kompetenzorientierung im Bildungswesen

kleinthumbNach der Veröffentlichung der ersten PISA-Studie aus dem Jahr 2000 begann in Deutschland bildungspolitisch eine neue Zeitrechnung. Das unbefriedigende Abschneiden der deutschen Schülerinnen und Schüler führte zu einer Vielzahl von Veränderungen in Schule und Hochschule. Zentrales Merkmal, neben strukturellen Veränderungen, ist die Orientierung des Lernens und seiner Überprüfung an Kompetenzmodellen.

Hans Peter Klein, Professor für Didaktik der Biowissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, kritisiert diese Neuorientierung am Kompetenzbegriff im vorliegenden Buch fundamental. Die grundsätzliche Kritik an den deutschen Bildungsreformen der letzten zwanzig Jahre, insbesondere am sogenannten Bologna-Prozess, wie sie Konrad Paul Liessmann  (Theorie der Unbildung und Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung, beide erschienen im Paul Zsolnay Verlag, Wien 2006 bzw. 2014) und auch Jürgen Kaube (Im Reformhaus. Zur Krise des Bildungssystems, zu Klampen, Springe 2015) bereits dezidiert vorgetragen haben, expliziert Klein nun im Detail. Dabei knöpft sich Klein gezielt die zentralen Abiturprüfungen nach der Kompetenzorientierung vor.

Der Titel des Buches bezieht sich auf eine zentrale Abituraufgabe im Leistungskurs Biologie in Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2009. Sie stammt aus dem Teilgebiet der Populationsökologie und beschäftigte sich mit nordamerikanischen Streifenhörnchen. Klein seziert diese Aufgabe förmlich und zeigt, dass man mehrere Teilaufgaben ohne biologische Kenntnisse nur mit dem Vermögen der Lesekompetenz bewältigen konnte. In den folgenden Kapiteln führt er aus, dass dies beileibe kein Einzelfall war. Auch in anderen Bundesländern fanden sich Abituraufgaben, die Neuntklässler ohne Vorwissen bestehen konnten, wie er sogar in einem Schülerexperiment nachwies. Ähnliches gilt für einige Abituraufgaben im Fach Mathematik: „Der Verfall des fachlichen Niveaus in Mathematik lässt sich zweifelsfrei an dem Verlauf des Mathematikunterrichts der letzten 25 Jahre aufzeigen.“

Immerhin lässt Klein auch Gegenbeispiele gelten und lobt vor allem die Abituraufgaben aus Mecklenburg-Vorpommern. Als Ursache des dargestellten Bildungsverfalls gilt Klein der Kompetenzbegriff, der überall auftaucht und trotz aller Definitionsversuche unscharf bleibt. Der Ton seiner Anklage ist häufig polemisch, teilweise sarkastisch. Überflüssig sind auf jeden Fall die beiden im Anhang abgedruckten Artikel fremder Autoren, die eher der Belustigung diesen. Denn das Thema ist ernst. Deutschland ist auf junge Menschen mit einem hohen Bildungsniveau angewiesen. Die breite Vergabe von Abschlüssen durch eine Absenkung der Anforderungen ist sicher der falsche Weg. Hans Peter Klein kündigt im Vorwort zwei weitere Bände zu dieser Thematik an. Darauf kann man sehr gespannt sein. Ebenso auf die Reaktionen aus der Bildungspolitik, die sich dieser scharfen Kritik stellen muss.

Hans Peter Klein: Vom Streifenhörnchen zum Nadelstreifen. Das deutsche Bildungswesen im Kompetenztaumel.  zu Klampen Verlag , Springe 2016. 328 Seiten, gebunden. 22,00 €

„Mach dein erstes Türchen auf! – Anton G. Leitner präsentiert neue Gedichte zur Weihnacht

978-3-15-011080-5-klein„Es treibt der Wind im Winterwalde / die  Flockenherde wie ein Hirt / und manche Tanne ahnt wie balde / sie fromm und lichterheilig wird“. Diese Anfangszeilen aus dem Gedicht Advent von Rainer Maria Rilke konnte ich lange auswendig, bevor ich überhaupt wusste, wer Rilke war. Das Auswendiglernen von Gedichten gehörte bei uns zu Hause zur Weihnachtszeit dazu. Und vermutlich entstand dort auch meine lebenslange Liebe zur Lyrik.

Viele Weihnachtsgedichte kann ich immer noch auswendig. Und als Anton G. Leitner die Idee äußerte, eine Anthologie mit neuer, zeitgemäßer Lyrik zur Weihnacht zusammenzustellen, war ich sofort Feuer und Flamme und beteiligte mich an seiner Ausschreibung. Nun liegt das sehr schön editierte Buch vor. Es enthält auch einen Gedicht von mir: Verheißung.  Mit seinem Erscheinen im Reclam Verlag geht zugleich ein weiterer Kindheitstraum für mich in Erfüllung.

Herausgekommen ist ein lyrischer Weihnachtsmarkt, mit lustiger, nachdenklicher, kurzer, langer und konkreter Poesie. Die Liste der versammelten Autorinnen und Autoren kann sich sehen lassen: sie reicht von Altstars wie Günter Kunert und Ulla Hahn über renommierte Lyrikerinnen wie Tanja Dückers und Barbara Maria Kloos bis zu jungen Nachwuchsschreibern wie Andreas Schumacher und Leander Beil.

Mein Lieblingsgedicht stammt von Hellmuth Opitz und behandelt die seltsam leere Zeit nach den Weihnachtstagen und trägt den Titel Die Zeit zwischen den Jahren. Es beginnt so:

„Tage, die leben wollen und nicht sterben,
die zerrieben werden zwischen Bäuchen und Bräuchen,
die letzten Krümel Licht in den Auslagen früher Nachmittage,
enttäuschte Gesichter, vom Umtausch ausgeschlossen,
Tage, in denen Einkaufswagen herumstehen, die niemand
zurückbringt, der Bahnhofsvorplatz ein Teller Milchreis
mit Zimt, die Streufahrzeuge kommen kaum durch, …“

Ich kann es schon fast auswendig. Das feine Bändchen Mach dein erstes Türchen auf! eignet sich jedenfalls selbst bestens als Geschenk im Adventskalender – oder unterm Tannenbaum.

Anton G. Leitner (Hrsg.) Mach dein erstes Türchen auf! Neue Gedichte zur Weihnacht. Reclam Verlag, Stuttgart 2016. 96 Seiten, gebunden. 10 €

„Literarischer Reiseführer Böhmisches Bäderdreieck“ – Roswitha Schieb lockt nach Karlsbad, Franzbad und Marienbad

schiebroswitha_lrboemischesbaederdreieckbc_460Das böhmische Marienbad, das in Tschechien liegt und Mariánské Lázne heißt, ist uns nicht nur durch Goethes berühmte Elegie bekannt. Als ehemals mondäner Kurort wurde er auch noch in den 70er Jahren bei Studienfahrten aus der Bundesrepublik nach Prag regelmäßig angefahren. Der morbide Eindruck, den der Ort damals vermittelte, erscheint heute wie weggeblasen. Ähnliches gilt auch für das größere und ältere Karlsbad sowie für den kleinen Ort Franzensbad, die zusammen mit Marienbad das Böhmische Bäderdreieck bilden.

Dem Deutschen Kulturforum östliches Europa in Potsdam kommt das große Verdient zu, an diesen historischen Kulturraum, der immer auch Begegnungsstätte unterschiedlicher Nationalitäten war, nicht nur zu erinnern, sondern gleichzeitig und vor allem die aktuelle Situationen mit einzubeziehen und zu würdigen. Es ist die große Stärke dieses literarischen Reiseführers, nicht nur klassische Autoren zu erwähnen und ihre Texte zu zitieren, sondern eben auch solche der Gegenwart – und zwar international, u.a. Milan Kundera, Alain Robbe-Grillet. Für Karlsbad und Marienbad bedeutet dies beispielsweise, dass eben nicht nur Goethes unglückliche Liebe im hohen Alter zu Ulrike von Levetzow dargestellt wird, sondern auch der Roman von Martin Walser Ein liebender Mann aus dem Jahre 2008, der diese Episode aus Goethes Leben eindrucksvoll verarbeitet.

Geschickt gelingt es der Autorin Roswitha Schieb, die Geschichte der Bäder mit den Erfahrungen, Erinnerungen, Verarbeitungen, Beschreibungen und Perspektiven der unterschiedlichsten Autoren mit einem Blick auf die heutige Situation zu verschränken. Zahlreiche, oft farbige Abbildungen, eine kluge Gliederung, eine Zeittafel, ein ausführliches Literaturverzeichnis und ein Register erleichtern das Lesen und das Suchen nach bestimmten Literaten und laden zum Stöbern ein. Das ist alles so einladend gestaltet, dass man große Lust verspürt, sich selbst eine Kur in Karlsbad oder Marienbad verschreiben zu lassen. Oder zumindest ein langes Wochenende dort zu verbringen und anhand dieses Buches auf den vielfältigen Spuren der zitierten Dichter zu wanden.

Nach den Bänden über Breslau, Danzig und Oberschlesien ist dies bereits der vierte Reiseführer in dieser verdienstvollen Reihe, die – man kann es nicht anders sagen – in jeglicher Hinsicht Maßstäbe für das Format Literarischer Reiseführer setzt.

Rowitha Schieb: Literarischer Reiseführer Böhmisches Bäderdreieck. Deutsches Kulturforum, Potsdam 2016. Integralbroschur, 361 Seiten. 19,80 €