„Lunapark“ – Volker Kutschers Kommissar Rath ermittelt 1934 im Umfeld der SA in Berlin

9783462315820_10Auf acht Bände hat Volker Kutscher seine Serie um Kommissar Gereon Rath geplant. Sie beginnt im April 1929 und soll während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin enden. Mit beeindruckender Konstanz legt Kutscher bislang alle zwei Jahre einen neuen voluminösen Fall vor (zuletzt 2014 Märzgefallene). Inzwischen hat er zeitgeschichtlich das Frühjahr 1934 erreicht. Die Sturmabteilung (SA) der Nationalsozialisten hat sich zu einer zweiten  Polizei im Staats aufgeschwungen, die sich an keinerlei Gesetze gebunden fühlt. Gerüchte um die Homosexualität ihres Führers Ernst Röhm machen die Runde.

Gleichwohl ist Lunapark der schwächste Band in dieser ambitionierten Reihe. Gereon Rath verlässt sich voll und ganz auf bereits eingeführte Personen – sowohl bei den Ermittlern (z. B. Gräf) als auch bei den Verbrechern (einmal mehr Doktor Marlow). Vermutlich ist dies Kutschers Zugeständnis an den Seriencharakter, denn schließlich werden Kutschers erste Romane gerade aufwändig für eine internationale Fernsehserie unter dem Arbeitstitel „Babylon Berlin“ verfilmt. Auch die Szenerie ist wenig originell, sie spielt an wenigen unspektakulären Orten in Berlin, vorzugsweise im Gebäude der Geheimen Staatspolizei sowie in der Wohnung von Gereon Rath und seiner Frau Charlotte, die auch in diesem Fall die wichtigste Nebenrolle innehat. Erst als Rath den stillgelegten Lunapark betritt (S. 368), in dem sich Kommunisten und der gesuchte Mörder versteckt halten, gewinnt die Handlung an Spannung.

Unverständlich bleibt zudem, warum Volker Kutscher den Fall für den Leser bereits auf Seite  247 auflöst. Dort wechselt die Erzählperspektive für ein kurzes Kapitel in die Sicht des Mörders. Damit werden unnötig früh die Hintergründe der Mordserie aufgeklärt. Der Leser weiß danach lange Zeit mehr als der Kommissar und der Spannungsbogen ist erst einmal dahin. Erst gegen Ende nimmt der Roman noch einmal Fahrt auf. Dabei beleuchtet er das historische Ereignis des sogenannten Röhm-Putsches Ende Juni 1934. Einerseits schätzt man die Serie wegen der fundierten historischen Hintergründe, andererseits wirkt es gestelzt, wenn etwa Charlys Chef ihr lange Passagen aus der berühmten Marburger Rede des Vizekanzlers Franz von Papen vorliest.

Trotz der genannten Einwände habe ich das Buch zügig zu Ende gelesen und bin wiederum sehr auf die nächsten Bände gespannt. Und hoffe, dass Kutscher noch einmal zur Klasse und Originalität der ersten vier Bände zurückfindet und nicht einfach routiniert die Serie zu Ende schreibt.

Volker Kutscher. Lunapark. Gereon Raths sechster Fall. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 560 Seiten, gebunden. 22,99 €

„Der eiserne Sommer“ – Angelika Felenda startet eine Krimireihe zum Ersten Weltkrieg

46542Seit Volker Kutschers formidabler Serie um Kommissar Rath, der in der Zeit vom Ende der Weimarer Republik bis zu den Olympischen Spielen während der Zeit des Nationalsozialismus ermittelt, haben historische deutsche Kriminalromane sogar internationales Ansehen erreicht. Der Suhrkamp Verlag wagt sich nun daran, eine Lücke zu schließen und die Zeit des Ersten Weltkriegs zum kriminalen Gegenstand zu machen. Der Zeitpunkt dafür, hundert Jahre nach dem Ausbruch dieses Krieges, hätte kaum günstiger gewählt werden können. Als Autorin wurde die 1954 in Nördlingen geborene Übersetzerin Angelika Felenda gewonnen. Sie ist bislang als Schriftstellerin noch nicht in Erscheinung getreten. Neben ihrer Übersetzertätigkeit prädestiniert sie für das gewagte Unterfangen immerhin ein Studium der Geschichte. Zudem lebt die Autorin in München, wo auch der Roman angesiedelt ist.

Die Serie mit Kommissär Sebastian Reitmeyer beginnt am 28. Juni 1914, genau an dem Tag, an dem der Thronfolger Österreich-Ungarns, der Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin in Sarajevo ermordet wurden. Exakt einen Monat endet die erzählte Zeit des ersten Romans, also genau an dem Tag, an dem Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklärte und der erste Weltkrieg begann.Es folgt noch ein Epilog im September 2016. Die Serie ist somit ganz bewusst auf die historischen Ereignissse zugeschnitten.

Es gelingt Angelika Felenda auf überzeugende Weise, die Verhältnisse im Deutschen Reich zu Beginn des 20. Jahrhunderts darzustellen. Dabei beschränkt sie sich im ersten Band weitgehend auf die privilegierten Kreise. Standesdünkel, Obrigkeitsdenken, Etikette sind dabei zentrale Bestandteile der Monarchie. Felenda macht zudem einsichtig, wie stark das Militär ein eigenständiger Bestandteil dieser Gesellschaft war. Das Thema dieses Romans ist der Umgang mit Homosexualität, die – nicht verwunderlich – im Militär und auch in der Aristokratie eine bedeutsame Rolle spielte. Und da das Ausleben dieser sexuellen Neigung verboten war, bot sie einen hervorragenden Ansatzpunkt für Drohungen und Erpressungen. Genau darum geht. Weil sich in München in den hohen Kreisen ein ganzer Zirkel aus homosexuellen Angeboten, inklusive Vermittlung von Jünglingen und Verbreitung von Fotos, etabliert hat, versuchen militärische und politische Kreise, die Arbeit von Kommissär Reitmeyer, der durch einen dubiosen Mordfall auf die Spur dieser Machenschaften kommt, deutlich einzuschränken und zu behindern. Letztlich weiß Reitmeyer nicht mehr, wem er eigentlich trauen kann.

Es wird keine aktionsreiche Handlung geboten. Im Gegenteil. Aber der etwas behäbige Stil des Romans passt zum gesteltzten Gebahren der damaligen Zeit. Sprache und Milieuschilderungen wirken authentisch. Felenda erzählt linear auf zwei Ebenen. In die eigentliche Romanhandlung werden immer wieder Aufzeichnungen eines Offizieres eingeflochten. Dadurch ist der Leser dem Kommissär an Kenntnissen immer etwas voraus. Insofern ist dann auch die Auflösung relativ nahe liegend. Fragwürdig erscheint mir das, wie von vielen Krimiautoren so auch von Angelika Felenda, verwendete Konstrukt, den Kommissar selbst über die private Schiene in den Fall zu verwickeln. Das riecht immer schnell nach Kommissar Zufall und schadet der Glaubwürdigkeit. Zumindest überreizt Felenda dieses Plotmittel nicht. Die durch den Kriminalfall erzeugte Spannung nutzt sie, um die gesellschaftlichen und politischen Strukturen vor hundert Jahren dem Leser vor Augen zu führen. Auf diese Weise hat sie auch bei mir Neugier auf weitere Bände dieser Reihe geweckt.

Angelika Felenda: Der eiserne Sommer. Reitmeyers erster Fall. Kriminalroman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 435 Seiten, Klappenbroschur. 14,99 €.

„Märzgefallene“ – Volker Kutschers ambitionierte Krimiserie erreicht die Nazi-Zeit

9783462047073_5Der Kölner Autor Volker Kutscher beabsichtigt in einem sehr ambitionierten Unterfangen, eine Kriminalromanserie vorzulegen, die den Niedergang der Weimarer Republik und den Aufstieg des Nationalsozialismus in acht Bänden bis zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin beschreibt. Seine Serie beginnt am 28. April 1929 mit dem Kapitel „Der Tote im Landwehrkanal“. Dieser erste Band „Der nasse Fisch“ beleuchtet vor allem das Milieu der Exilrussen in der deutschen Hauptstadt, während der zweite Band („Der stumme Tod“) im Filmmilieu spielt.

Der dritte Fall des Gereon Rath („Goldstein“) behandelt schwerpunktmäßig die untergehende Welt der orthodoxen Juden rund um den Alexanderplatz. Zudem bilden der Machtkampf in der SA und die aufkommende Wirtschaftskrise die Kulisse für einen epischen Krimi, der viel Wert auf realistische Details legt. Den bisherigen Höhepunkt der Serie bildet der vierte Teil „Die Akte Vaterland“, in dem es Kutscher auf beeindruckende Weise gelingt, eine untergegangen Kulturlandschaft, nämlich Masuren, wieder aufleben zu lassen, und daran die tiefgreifenden politischen Veränderungen, die sich anbahnen, deutlich werden zu lassen.

Der fünfte Fall hat die schwierige Aufgabe die Machtergreifung der Nationalsozialisten in den ersten Monaten des Jahres 1933, die in wesentlichen Teilen eine Machtübertragung war, darzustellen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum weniger Spannung aufkommt als in den vorangegangen Bänden. Es ist der Übergangsroman von der Weimarer Republik ins sogenannte Dritte Reich. Dieser Übergang wird vor allem aus der Sicht der beiden wenig politisierten Protagonisten, dem Kriminalkommissar Gereon Rath und Charlotte Ritter, seiner inzwischen zur Verlobten, aber auch zur Betrogenen avancierten Freundin, geschildert. Dies wirkt immer wieder etwas bemüht, zumal die aktuellen politischen Ereignisse nicht direkt mit dem unspektakulären Mordfall zu tun haben, der sich dann zu einem Serienmord, dessen Entstehungsgeschichte in den Ersten Weltkrieg zurückreicht, ausweitet. Es geht erneut um einen Goldschatz (wie in Band 1) und um Jugendliche, die auf der Straße hausen (wie in Band 3). Außerdem spielt natürlich der legendäre Unterweltkönig John Marlow alias Doktor M., mit dem sich Rath eingelassen hat, wieder eine große Rolle.

Speziell Zigarettenmarken haben es Kutscher angetan: Overstolz, Manoli, Muratti, Juno und sogar Camel werden bei jeder sich bietenden Gelegenheit geraucht. Das ist wenig originell – im Gegensatz zu der Marotte von Raths Chef Gennat, der permanent Kuchenstücke vertilgt. Geschickt spinnt Kutscher seine Plots um authentische Persönlichkeiten, wie eben den bekannten Kriminalrat Ernst Gennat (1880-1939) oder den Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer. Diesen Personen werden fiktive Charaktere zur Seite gestellt, neben Gereon Rath insbesondere seine Freundin und spätere Frau Charlotte Ritter, die zunächst als ambitionierte Jurastudentin mit einem Faible für Kriminalfälle und später als Kriminalbeamtin mit ihm zusammenarbeitet.

Kutscher zeichnet das Bild eines korrupten Berlins, das aus den Fugen geraten ist und nun unter die Kontrolle der Nationalsozialisten gerät. Doch auch in diesem Band eilt häufig Kommissar Zufall zur Hilfe.

Kutscher schreibt stilistisch nicht gerade brillant, auch psychologisch sind viele Figuren eher holzschnittartig angelegte Charaktere. Es fehlt im Berlin von Tucholsky und Kästner vor allem eine Auseinandersetzung mit den Intellektuellen der Weimarer Republik. Zentrale historische Ereignisse, wie die Bankenkrise in Deutschland, wurden nur beiläufig in das Geschehen mit eingeflochten. Ein vertieftes Verständnis für die Zusammenhänge wird so nur in Ansätzen vermittelt.

Der aus Köln nach Berlin versetzte Kriminalkommissar Geren Rath verfügt inzwischen sogar über eine eigene Homepage: www.gereonrath.de. So werden die verschiedenen Epochen auf einfache Weise verlinkt. Auf dieser Internetseite findet man ein beeindruckendes Quellenverzeichnis, auf dem die Recherchen seines Erschaffers beruhen. Doch zu guter Literatur gehört mehr als historische Glaubwürdigkeit. Aber diese Serie bleibt trotz der genannten Einwände ein besonderes, ein spannendes und ein lesenswertes Vorhaben.

Volker Kutscher: Märzgefallene. Gereon Raths fünfter Fall. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 608 Seiten, gebunden. 19,99 €

„Schmugglerpfade“ – bilateral betreten von Thomas Hoeps und Jac. Toes

schmugglerpfadeEs sind keine ausgetretenen Pfade, denen die Beiträge dieser Anthologie mit Kriminalstorys folgen, sondern verschlungene, teilweise bereits vergessene, überwucherte und auch neue Wege. Die Sammlung mit Kurzgeschichten über das Schmuggeln im deutsch-niederländischen Grenzbezirk überrascht durch seine fundierte Konzeption. Der Krefelder Thomas Hoeps und der Niederländer Jac. Toes, die sich mit drei grenzübergreifenden Kriminalromanen bereits auf beiden Seiten des Schlagbaums einen Namen gemacht haben, recherchierten ausführlich die Geschichte des Schmuggels zwischen den beiden Nachbarländern seit 1818. Die Anordnung der 16 Texte, je acht von deutschen und von niederländischen Autoren, ist chronologisch, beginnt zur Zeit des Ersten Weltkriegs („Die Syphilis kennt keine Grenzen!“ von Richard Birkefeld) , verfolgt die besondere Lage während des Zweiten Weltkriegs, behandelt schwerpunktmäßig die letzten Jahrzehnte und blickt schließlich bis ins Jahr 2048. Das dystopische Zukunftsszenario beschreibt Nina George in ihrer beklemmenden Story „Just in time“ über die Auswüchse eines Menschen verachtenden, illegalen Organhandels.

Sehr ambitioniert geht Mitherausgeber Thomas Hoeps ans Werk. Seine Geschichte „Unzählbar all jene, die zurückbleiben mussten“ erzählt von der gescheiterten Flucht einer jüdischen Familie im November 1939 an der grünen Grenze bei Venlo. Der Zollbeamte, der die gesamte Familie und ihren deutschen Fluchthelfer erschießt, um sich am mitgeführten Schmuck zu bereichern, macht nach dem Zweiten Weltkrieg Karriere im Zollgrenzdienst und es bedarf großer Anstrengungen einzelner, ihn nach vielen Jahren endlich zur Rechenschaft zu ziehen. Damit erinnert Hoeps im Zusammenhang mit dem authentischen Venlo Zwischenfall eindrucksvoll an ein besonders dunkles Kapitel der deutsch-niederländischen Historie.

Auch der andere Herausgeber lässt Geschichte lebendig werden. Sehr gekonnt spielt Jac. Toes in „Eine linke Tour“ die Doppeldeutigkeit des Titels aus und nimmt uns mit in die Zeit Ende der 70er Jahre, als Kalkar am Niederrhein alles andere als ein verschlafenes Örtchen war, sondern die Kernkraftgegner dort immer wieder Großdemonstrationen auf dem Gelände des Schnellen Brüters organisierten, was den Politikern und der Polizei auf beiden Seiten der Grenze ein Dorn im Auge war, da  sie schon genügend Schwierigkeiten mit den RAF-Terroristen hatten.

Diese historisch verankerten Storys sind die besondere Stärke dieses Bandes. Andere Beiträge bestechen durch spannende Unterhaltung. Jung und wild kommt beispielsweise die Geschichte der Niederländerin Corine Hartmann daher. Ihr abgedrehte Ermittlerin Jessica Haider hat es mit dem Schmuggel von exotischen Tieren zu tun und löst den Fall in „Wildfang“ auf ihre ganz eigenwillige Art.

Hoeps & Toes ist es in ihrer bilateralen Zusammenarbeit auf beeindruckende Weise gelungen, spannende Unterhaltung mit einem geschärften Blick auf die deutsch-niederländischen Grenzbeziehungen und ihre Geschichte zu verbinden. Dank der Unterstützung mit Mitteln mehrerer Kulturförderungen erscheint dieses Buch zeitgleich auch auf Niederländisch unter den Titel Over de grens und leistet so auch einen Beitrag zur Völkerverständigung im Grenzgebiet.

Thomas Hoeps / Jac. Toes (Hg.): Schmugglerpfade. Grenzübergreifende Kriminalstorys. Grafit Verlag, Dortmund 2014. 315 Seiten. 11,00 €.

„Müll Macht Tod“ – Frank Schmitter lässt in seinem zweiten Krefeld Krimi einen Lyriker ermorden

schmitter2Mehrere Jahre später als der erste Krimi um Kommissar Tristan Lage („Späte Ruhestörung“, 2006) spielt dieser Roman, der zeitlich allerdings nicht genau datiert ist. Einerseits spricht alles für Ende der 1990er Jahre, andererseits wird im Roman ein zurückliegendes Ereignis aus dem Jahre 2002 erwähnt. Nach einer mehrjährigen Trennung lebt Lage nun wieder mit seiner Ex-Freundin Beate zusammen. Die Nebenhandlung konzentriert sich auf die gemeinsame Familienplanung, was mehrfach zu Missstimmungen, aber letztlich doch zum gewünschten Ergebnis führt.

Der Roman behandelt zwei Themen, die Schmitter miteinander verwebt: die Privatisierung der Abfallwirtschaft, wie sie tatsächlich in Krefeld 1989 beschlossen und anschließend durchgeführt wurde, und der Neid in der lokalen Literaturszene. Das Mordopfer im Stadtteil Forstwald ist der Schriftsteller Kaspar Weiden, der an einem preisverdächtigen Manuskript über die Machenschaften der Müllindustrie arbeitete. Aber der Krefelder Polizeipräsident ist nicht daran interessiert, in den Verwicklungen von Ratsmitgliedern und Stadtangestellten mit der privaten Müllwirtschaft zu stochern. Tristan Lage kann lange nicht erkennen, von welcher Seite der Gesellschaft der Mörder kam. Dann geschieht in einem Innenstadt-Parkhaus ein zweiter Mord. Die Tote ist die verantwortliche Angestellte des Futura-Konzerns, der den mit 50.000 Euro dotierten Literaturpreis ausgeschrieben hat, der Kaspar Weiden nun posthum zugesprochen werden sollte. Obwohl die Korruption in der Abfallwirtschaft eigentlich das spannendere Thema ist, kommt die Mörderin doch aus der egozentrischen Krefelder Literaturszene, die sehr kenntnisreich beschrieben wird.

Auch der zweite Krimi von Frank Schmitter überzeugt mit seinen differenzierten Charakterisierungen und seinem Spannungsbogen. Der platte Titel wird dem ausgesprochen gut geschriebenen Buch nicht gerecht. Leider bleibt es wohl Schmitters letzter Krefeld-Krimi, denn der Autor lebt seit 1991 im Münchener Raum und seine neuen Kriminalromane spielen ebendort.

Frank Schmitter: Müll Macht Tod. Niederrhein Krimi. Emons Verlag, Köln 2009. 255 Seiten.

Frank Schmitter „Späte Ruhestörung“ – ein spannender Krefeld Krimi

schmitter1Während sich gemeinhin die Bezeichnung „Niederrhein Krimi“ durchgesetzt hat, trägt dieses Buch, das im renommierten Piper Verlag als Paperback erschien, tatsächlich den Untertitel „Ein Krefeld-Krimi“. Leider blieb es das einzige seiner Art.

Der gebürtige Krefelder Frank Schmitter (Jahrgang 1957) lässt seinen Kommissar mit dem sprechenden Namen Tristan Lage in einem brisanten Fall ermitteln. Ausgerechnet der langjährige Oberbürgermeister ist in den Nieper Kuhlen ermordet worden – gestorben an einer Überdosis seines Herzmittels. Lages Ermittlungen führen ihn weit zurück in die Krefelder Geschichte, genauer gesagt zu den letzten Monaten des Nationalsozialismus. Anfang 1945 kämpft das Deutsche Reich an den Fronten mit dem letzten Aufgebot einen aussichtslosen Kampf. Zu Hause helfen abertausende von Fremdarbeitern mit, die Grundversorgung zu sichern. Einer dieser Fremdarbeiter, der in den Krefelder Stahlwerken arbeitet, kommt der Angebeteten des späteren Oberbürgermeisters zu nahe. Letzterer sorgt dafür, dass der Fremdarbeiter von der Gestapo ermordet wird. Diese Vergangenheit holt den Oberbürgermeister schließlich im Dezember 1993 ein – in diesem Monat spielt der gesamte Roman.

Kenntnisreich, weil sehr detailliert recherchiert, führt Frank Schmitter uns den Einsatz von Fremdarbeitern als dunkles und wenig bekanntes Kapitel der deutschen Vergangenheit vor Augen. Auch fast fünfzig Jahre danach schweigen Tristan Lages Eltern zu diesem Thema, exemplarisch für eine ganze Generation.

Als Rahmenhandlung dient das Privatleben von Kommissar Lage, der nach einer dreijährigen Beziehung seit einem Jahr alleine lebt und immer noch nicht über die Trennung hinweg ist. Mit der attraktiven Praktikantin Claudia Poschmann aus Dortmund kommt es dann, entgegen der Erwartungen des Lesers, doch nicht zu mehr als zu einem Zungenkuss in einer Umkleidekabine.

Frank Schmitters Roman ist sehr sorgfältig geschrieben. Die Spannung wird subtil erzeugt. Er legt keinen Wert auf Action, dafür aber umso mehr auf schlüssige und differenzierte Personenbeschreibungen. Schmitter nutzt das Genre des Kriminalromans überzeugend für einen tiefen Einblick in ein sehr unrühmliches Kapitel der deutschen Heimatgeschichte.

Frank Schmitter: Späte Ruhestörung. Ein Krefeld-Krimi. Piper Verlag, München 2006. 284 Seiten.