„Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ – Irmgard Keun wird zum zweiten Mal wiederentdeckt

9783462316391_5Die 1905 in Berlin geborene Autorin Irmgard Keun wird ein zweites Mal wiederentdeckt. Und das mit Recht! Nach Kind aller Länder im Frühjahr publiziert der Verlag Kiepenheuer & Witsch nun auch Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften als gebundene Ausgabe im Belletristikprogramm, 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung 1936 im Exilverlag bei Allert de Lange in Amsterdam.

Ende der 70er Jahre gab es die erste Wiederentdeckung von Irmgard Keun. Der Düsseldorfer Claassen Verlag veröffentlichte damals mit Erfolg die wichtigsten ihrer Romane ebenfalls als gebundene Ausgaben. Darunter 1980 auch Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften. Keun erlebte und genoss den späten, zweiten Ruhm, noch kurz vor ihrem Tod 1982 in Köln.

Der vorliegende Roman hat viel von einem Kinderbuch und ist doch ein Buch für Erwachsene. Er erzählt ich in der Ich-Form aus der Perspektive eines anfangs zehnjährigen Mädchens dessen Erlebnisse und Streiche gegen Ende des Ersten Weltkriegs. Es sind in sich abgeschlossene Geschichten, die als Mosaiksteine zusammen ein eindrucksvolles Sittengemälde der bürgerlichen Gesellschaft am Ende der Kaiserzeit und kurz danach ergeben. In der letzten Geschichte dieses Episodenromans „Die große Leidenschaft“ ist das Mädchen schließlich dreizehn Jahre alt, was zu ersten Liebesverwirrungen führt.

Das Buch ist deshalb ein Erwachsenenroman oder zumindest ein Jugendroman, weil es der vielfach verlogenen Welt der Eltern den Spiegel vorhält. Diese Welt ist voller Konventionen, die dem Kind nicht geläufig oder einsichtig sind. So sagt es häufig die Wahrheit, die aber niemand hören möchte. Nachbarn, Lehrer und Mitschüler sind die wichtigsten Figuren in diesem Setting. Das namenlose Mädchen nimmt immer wieder Sprüche, Ratschläge oder aufgeschnappte Redewendungen der Erwachsenen wörtlich und setzt sie gut gemeint in die Tat um. So schreibt das Mädchen beispielsweise einen Brief an den Kaiser, um ihn vom Frieden zu überzeugen, und gibt ihm noch den Ratschlag, es wäre besser abzudanken. Natürlich müssen die Eltern des Mädchens für den Schaden, den ihr Kind angerichtet, gerade stehen und das Mädchen muss die unterschiedlichsten Strafmaßnahmen ausbaden. Doch die Energie des Kindes, sich nicht mit den Gegebenheiten abzufinden, bleibt ungebrochen. Der einzige, der wirklich Verständnis für das aufgeweckte Mädchen hat, ist der Nachbar Herr Kleinerz, der über die Streiche des Kindes auch lachen kann.

Lachen kann auf jeden Fall der Leser. Denn mit ihrer humorvollen Art gelingt Irmgard Keun in diesem nach achtzig Jahren noch erstaunlich frisch wirkenden Roman auch eine entlarvende Gesellschaftkritik.

Irmgard Keun: Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften. Kiepenheur & Witsch, Köln 2016. 206 Seiten, gebunden. 16,- €

Hermann-Josef Schüren lässt uns tief in eine versunkene Welt am Niederrhein eintauchen

JUNGE STIEREVor fünfzig Jahren sah die Welt am Niederrhein noch ganz anders aus. Hermann-Josef Schüren spürt ihr nach. Er lässt die längst versunkene Welt des dörflichen Lebens auf einem niederrheinischen Bauernhof aus dem Nebel der Erinnerungen aufsteigen. Auf der Grundlage intensiver autobiographischer Eindrücke und Erinnerungen, die er mit fiktiven Erlebnissen anreichert, gestaltet er einen großartigen Roman, der bei vielen Lesern die eigene Kindheit wieder lebendig werden lässt.

Hermann-Josef Schüren wurde 1954 in Kerken im Kreis Kleve geboren. In einem Dorf in der Nähe wuchs er auf, ehe er das Internat Collegium Augustianum Gaesdonck in Goch besuchte, aus dem bereits einige Schriftsteller hervorgegangen sind, wie Christoph Peters und Paul Ingendaay, die beide mit dem Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld ausgezeichnet wurden. Später studierte Schüren in Aachen, wo er 1988 in Philosophie promovierte und heute noch tätig ist. Bislang trat er vornehmlich als Kinderbuch- und Krimiautor in Erscheinung.

Schüren erzählt aus der Ich-Perspektive des zu Beginn des Romans etwa zehn Jahre alten Bauernsohns Jakob Schoepmann, der mit seinen älteren Brüdern am Dorfrand in einfachen Verhältnissen lebt. Jakob ist sensibel und das harte Landleben mit der ewigen Wiederkehr von Säen und Ernten, Aufziehen und Schlachten, Geburt und Tod macht ihm zu schaffen. Die angekündigte versprochene Schwester entpuppt sich als weiterer Bruder. Während die Mutter zumindest teilweise feinfühlig mit ihren Jungen umgeht, zeigt der Vater wenig Empathie für seinen zweitjüngsten Sohn. So bleibt Jakob ein Einzelgänger, der viel beobachtet. Aus seiner wertenden Perspektive werden die 60er Jahre, die auf dem Land noch besonderes den steifen Mief des Katholizismus und der Nachwehen des Nationalsozialismus atmeten, detailreich geschildert.

Schüren präsentiert eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Figuren aus der Verwandtschaft und der Nachbarschaft, die unterschiedliche Lebensentwürfe verfolgen und so einen breites Bild der Gesellschaft der damaligen Zeit zeichnen. Die unterdrückte Sexualität in der verklemmten Nachkriegsgesellschaft spielt ebenso eine große Rolle wie die Schatten der Vergangenheit, die Jakob sehr interessieren, deren Geheimnisse er aber seinem Vater nicht entlocken kann. Eine zentrale Rolle spielen zudem die Tiere. Kühe, Stiere, Schweine, Hühner, Kaninchen, Katzen und Tauben bestimmen den Alltag auf dem Bauernhof und konfrontieren Jakob immer wieder mit den grundsätzlichen Dingen des Lebens. Hinzu kommt der Glauben, durch den die Kirche dem Leben einen Sinn zu geben versucht. All dies verbindet Schüren mit eindrucksvollen Geschichten, wie der vom falschen Pfarrer, die allesamt dieser Zeitläufte verhaftet sind.

Jakob sucht die Nähe zu der blöden Mareike, einem Mädchen mit Hasenscharte, einer Außenseiterin im Dorf, der die „jungen Stiere“ in der Dunkelheit nachstellen und deren sexuellen Übergriffen sie schutzlos ausgeliefert ist. Jeder im Dorf wird es wissen, doch keiner redet darüber und keiner greift ein. Jakob selbst ist machtlos, findet aber schnell heraus, dass die blöde Mareike gar nicht blöd ist.

Seltsamerweise kommt die Schule in diesem Roman gar nicht vor, obwohl diese doch einen beachtlichen Teil der Kindheit in Anspruch nimmt und auch ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Schüren beschränkt sich ganz auf das Leben auf dem Bauernhof und seiner näheren Umgebung. Sprachlosigkeit prägt dieses derbe Landleben. Der anstehende Strukturwandel ist spür- und sichtbar. Die einst in ihren Traditionen verhaftete, aber intakte Dorfgemeinschaft beginnt sich aufzulösen. Aus sozialen Nachbarn werden egoistische Konkurrenten, die um das wirtschaftliche Überleben kämpfen.

Der Roman über Jakob und seine Brüder am Niederrhein umfasst etwa die Zeit von 1964 bis 1969. Genaue Daten werden nicht genannt. Nur anhand der beiden erwähnten Großereignisse, das WM-Endspiel England gegen Deutschland 1966 und die Mondlandung 1969, lassen sich konkrete Jahreszahlen festmachen. Jedes Kapitel erzählt eine eigene Geschichte. Doch fügen sich diese Episoden zu einem großen Ganzen zusammen. Das liegt an der chronologischen Reihenfolge und an geschickt eingebauten Leitmotiven, wie dem der tragischen Figur der blöden Mareike. Jakobs Kindheit endet mit seinem Entschluss, den elterlichen Hof zu verlassen und mit fünfzehn Jahren ins Internat zu gehen.

„Eine niederrheinische Elegie. Eine Hymne an das Leben.“, steht auf dem Rückumschlag des Buches. Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Mit diesem Roman zeigt Schüren eindrucksvoll, was Literatur im Unterschied zu einem Sachbuch leisten kann, und bewahrt ein Stück regionaler Gesellschaftsgeschichte vor dem Vergessen.

Hermann-Josef Schüren: Junge Stiere. Roman. Grenz-Echo Verlag (GEV), Eupen 2015. 270 Seiten, Integralbindung. 19,95 €

„Ostergewitter“ – Saskia Fischers beißende Vergangenheitsbewältigung

42280„Ich bin, bis auf den anhaltenden Durchfall als Baby und den Verkehrsunfall, nie ernsthaft krank gewesen, und doch kommt mir meine Kindheit vor wie eine einzige Krankheit.“ Was für ein böses Fazit. Mit einer immer wieder leicht ironisch durchbrochenen Bitterkeit lässt Saskia Fischer ihre Ich-Erzählerin Aleit ihr bisheriges Leben schonungslos durchleuchten: ihre Kindheit in der DDR und die Übersiedlung in den Westen. Die ganze Familie kommt auf den Prüfstand und wird gnadenlos auseinander genommen. Es ist eine Abrechnung mit der lieblosen, egoistischen Mutter, dem Missbrauch durch den Stiefvater, dem getrübten Verhältnis zur Halbschwester und die Entfremdung vom eigenen Ehemann. Nur die eigene Tochter wird liebevoll betrachtet. Der Roman ist eine unversöhnliche Suada, ein Monolog, in dem die Ich-Erzählerin ihr Leben Revue passieren lässt, während sie die aktuellen Ereignisse, beginnend am Ostersonntag über acht Tage beschreibt. Auslöser ist ein epileptischer Anfall, der Aleit ins Krankenhaus bringt. Dieses Gewitter im Kopf löst zahlreiche Erinnerungen aus, die Saskia Fischer in einer Prosa erzählt, die große Sogkraft entwickelt, sodass man den Roman trotz vordergründig wenig Handlung, aber zahlreichen scharfen Reflektionen, unbedingt weiterlesen möchte. Das Ganze ist so eindrucksvoll geschrieben und mit so vielen Details, vor allem aus der DDR-Zeit, gespickt, dass man schnell den Verdacht hegt, dass diese befreiende Brandrede, die in Teilen eben auch ein Wenderoman ist, stark autobiografisch geprägt ist. Ein Vergleich des Lebenslaufes der Ich-Erzählerin und der Autorin untermauert diese Vermutung. Saskia Fischer wurde 1971 in Schlema im Erzgebirge geboren und wuchs in der DDR auf. 1986 übersiedelte sie nach Nordrhein-Westfalen, wo sie ihr Abitur ablegte. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaften – die Protagonistin dagegen Geschichte -, in Bochum, brach das Studium jedoch ab und lebt nun seit vielen Jahren in Berlin.

„Heimat, denke ich, ist reines Sentiment und nichts als der Blick zurück“, heißt es an einer Stelle im Roman. Vielleicht muss so die nüchterne, konsequente Schlussfolgerung einer Person mit einer derartigen Lebensgeschichte lauten. Das Ostergewitter, das Aleit auf ihre Familienmitglieder niederprasseln lässt, hat zumindest eine reinigende Wirkung. Nachträglich wird der Stiefvater angeschwärzt, ihre Tochter wird ihm nach dem ersten Annäherungsversuch sofort entzogen und auch die Trennung von ihrem Ehemann scheint beschlossene Sache.

Saskia Fischer hatte sich bislang auf der Grundlage mehrerer großartiger Gedichtbände, zuletzt Scharmützelwetter (Suhrkamp Verlag, 2008), einen Namen als Lyrikerin gemacht. Ostergewitter zeigt, dass sie auch eine bemerkenswerte Prosaautorin ist. Wir dürfen auf ihre weiteren Werke sehr gespannt sein.

Saskia Fischer: Ostergewitter. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 196 Seiten, gebunden. 19,95 €. 

Marion Poschmann: „Die Sonnenposition“ – ein intelligenter Roman über das Sichtbarwerden

42401Die Hauptpersonen in diesem außergewöhnlichen Buch tragen entsprechend extraordinäre Namen: Odilo, Altfried, Mila. Ich-Erzähler ist der 32jährige Rheinländer Altfried Janich, der im Osten Deutschlands in einem heruntergekommenen Barockschloss als Psychiater in der dort ansässigen Krankenanstalt arbeitet. Sein Freund Odilo ist bei einem rätselhaften Autounfall ums Leben gekommen. Dieses Ereignis ist für Altfried der Auslöser, sein ganzes Leben Revue passieren zu lassen und über viele vergangene oder gegenwärtige Dinge und Sachverhalte nachhaltig zu reflektieren. Diese Ich-Perspektive verrutscht dabei an einigen Stellen in eine auktoriale Erzählperspektive, denn Altfried berichtet von Begebenheiten, bei denen er nicht anwesend war, so detailliert, als wäre er dabei gewesen. So beispielsweise von der Affäre seiner Schwester Mila mit seinem Freund Odilo, der er erst nach dessen Tod gewahr wird.

Die bildhafte und sinnliche Sprache von Marion Poschmann, die hier ihre lyrische Begabung sehr gelungen in der Prosaform nutzt, nimmt den Leser mit bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, wo Flucht und Vertreibung von Altfrieds Eltern geschildert werden, und führt ihn dann über das Rheinland bis in die Gegenwart in den Osten Deutschlands.

Zentrales Thema dieses Romans ist das Sichtbar- und Unsichtbarmachen. Das bezieht sich auf Personen, Ereignisse und Gegenstände. Beispielsweise betätigten sich Altfried und Odilo in der Eifel mehrfach als Erlkönigjäger, freilich ohne großen Erfolg. Es geht immer wieder um Licht und Schatten, Helligkeit und Dunkelheit, bis hin zur Biolumineszenz von Tieren. Und natürlich handelt der Roman auch von der Vergänglichkeit. In Altfrieds kurzer Theorie der Zeit heißt es: „Die Zeit existiert nicht. Wir stellen sie her, indem wir versuchen uns zu erinnern. … Wir erfinden die Zeit, und dann läßt sie uns sterben.“ (Warum der Suhrkamp Verlag immer noch der alten Rechtschreibung frönt, ist ein Geheimnis unserer Zeit.)

Die sehr detaillierte Beschreibung von Beziehungen und Gegenständen ist ein strukturelles Charakteristikum der Prosa von Marion Poschmann. Es kennzeichnet insbesondere ihren ersten Roman „Baden bei Gewitter“ (2002), die Darstellung einer sehr speziellen Zweierbeziehung, aber auch ihren großartigen, weil motivisch so besonderen „Schwarzweißroman“ (2005). Während man die 1969 in Essen geborene und seit Jahren in Berlin lebende Autorin für ihre Gedichte, beispielsweise für den Band „Grund zu Schafen“ (2004), nicht genug preisen konnte, blieb die Erzählung „Hundenovelle“ (2008) doch eine Enttäuschung. Mit dem Buch „Die Sonnenposition“ hat Marion Poschmann nun zu alter Stärke zurückgefunden. Oder muss man sogar sagen zu neuer Stärke? Denn dieser Roman ist nicht nur ihr umfangreichstes Werk, er ist auch schlüssig und geistreich durchkomponiert.

Marion Poschmann: Die Sonnenposition. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013.  340 S., gebunden. 19,95 €.