Logbuch Lyrik (8): „Fegefeuer“ von Norbert Hummelt

9783630875217_coverMit beeindruckender Konstanz legt Norbert Hummelt alle drei bis fünf Jahre einen neuen Gedichtband vor. Nach Zeichen im Schnee (2001), Stille Quellen (2004), Totentanz (2007) und Pans Stunde (2011) ist Fegefeuer bereits sein fünfter Band bei Luchterhand. Der 1962 im niederrheinischen Neuss geborene Schriftsteller lebt seit 2006 in Berlin, der Hauptstadt auch der Literaturszene. Für seine Werke wurde er mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet, darunter 2007 mit dem Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld. Norbert Hummelt hat sich darüber hinaus auch als Übersetzer (u.a. T.S. Eliots Gedichtzyklus Das öde Land) und Essayist einen Namen gemacht. 2015 war sein Gedicht „der turmfalke“ gar Gegenstand in einer zentralen Deutsch-Abiturklausur in Nordrhein-Westfalen.

Im Laufe der Jahre hat Hummelt in seiner Lyrik eine ganze eigene Form und einen unverwechselbaren Ton gefunden. Für die Form charakteristisch ist die Kleinschreibung, die Abkürzung „u.“ für das Wort „und“, die häufige Verwendung von zwei oder dreizeiligen Strophen und ganzen Sätzen sowie die klangliche Arbeit mit Binnenreimen, die nach Meinung von Hummelt selbst jedoch gar keine Binnenreime sind, sondern Endreime, die lediglich in der Mitte einer Zeile auftauchen, da der Vers dort erst zu Ende ist. Zur Verdeutlichung zitiere ich exemplarisch die ersten beiden Strophen des Gedichts „unter den glocken“:

„recht frohen dank für deine liebe post u.  für
die grüße von der hohen acht. ich hoffe auch,
du hast an mich gedacht u. meine karte von köln

bekommen, die karte mit dem dicken pitter! die
erkältung hat mich, wie du siehst, von der fahrt
nicht abgebracht. ich hatte mir am tag zuvor eine“

Viele der Gedichte von Norbert Hummelt in seinem neuen Gedichtband lassen sich geographisch verorten, da oftmals Ortsnamen erwähnt werden, wie „selikum“ und „ahrdorf“ aus seiner Heimat oder der Berliner Alexanderplatz. Wie in seinen vorangegangen Bänden schöpft Hummelt weiterhin sehr intensiv und höchst ertragreich aus der Vergangenheit, vor allem aus seiner Kindheit. Der Ton seiner Gedichte ist sehr melodisch und ruhig. Dabei sind seine Texte rhythmisch durchkomponiert. Dadurch erhalten die vermeintlichen Prosasätze ihre poetische Aufladung, die sie im Zusammenhang einer verdichteten Atmosphäre dann vollends entfalten. Eine weitere herausragende Eigenschaft von Hummelts Lyrik ist, dass seine Gedichtbände thematisch strukturiert sind. Seine 60 Texte in fegefeuer sind so in fünf Kapitel gegliedert, dass sie sich innerhalb dieser Kapitel auch inhaltlich aufeinander beziehen und zudem formal korrespondieren. Ganz stark ist der Beginn des Bandes mit dem Kapitel „Triptychon“, in dem Hummelt in drei Gedichten Traumfetzen mit Erinnerungen überblendet und den Leser sofort in seinen Bann schlägt. Der Sog, der den Wanderer immer wieder an den geheimnisvollen, dunklen Ort lockt, zieht den Leser unweigerlich ins Buch. Das Traumthema wird am Ende des Buches wieder aufgegriffen. Dort schließt das Titelgedicht mit den Versen: „doch trübe alles, leere luft! u. wenn man schläft, dann / kommt der traum; erst wird uns warm u. man sieht / feuerzungen u. dann brennt irgendwann der ganze raum.“ Ich habe auch Feuer gefangen. Für Norbert Hummelts neuen Gedichtband.

Norbert Hummelt: Fegefeuer. Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2016. 96 Seiten, gebunden. 18,00 €

Logbuch Lyrik (7): „Schleuderfigur“ von Kerstin Hensel

9783630874999_Cover„Wer an diesem Spiel teilnimmt, wird aus den gewöhnlichen Bahnen seines Lebens herausgerissen und überwältigenden Gefühlen, die aus Gesellschaftsverlust, Liebe oder Tod entstehen, unterworfen.“ Das klingt dramatisch. Der Satz steht auf der Rückseite des Schutzumschlags des neuen Gedichtbandes von Kerstin Hensel. Ich halte ihn für maßlos übertrieben. Das Spiel, um das es geht, ist nämlich ein Kinderspiel, das „Schleuderfigur“ genannt wird und als Titel dieses Lyrikbandes auserkoren wurde. Bei diesem Spiel, das wir früher auch gespielt haben, drehen sich zwei Kinder, die sich mit überkreuzten Armen an den Händen halten, wie ein Karussell, bis der innere Spieler loslässt und den äußeren Spieler herausschleudert. Dieser bleibt dann in einer ausdrucksstarken Stellung als Figur stehen, deren Bedeutung die anderen Kinder erraten müssen. Es fällt sehr schwer, die Gedichte unter dem oben genannten Anspruch zu deuten. Genau betrachtet bezieht sich der Begriff „Schleuderfigur“ auch nur auf einen der fünf Abschnitte, in die das Buch gegliedert ist. Im Titel gebenden Gedicht werden Kindheitserinnerungen heraufbeschworen: „Der Samstagabend schickt mich zum Kobold der / Kugelt über die Staatsmattscheibe Alles / Verwandelt sich // Die Samstagnacht macht sich zum Jäger Morgen / Wird mich ein anderes treffen“. Die Staatsmattscheibe verweist auf das DDR-Fernsehen. Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren und studierte am Institut für Literatur in Leipzig. In der Regel arbeitet Hensel ohne Punktsetzung, deutet jedoch eine neue Sinneinheit durch Großschreibung an. Typisch sind auch die Zeilensprünge. Lässt man das überzogene Marketing als selbst gesetzten Maßstab außer Acht, so kommt ein sehr gekonnter Lyrikband zum Vorschein, der vor allem durch seine Formenvielfalt und die Rhythmik der Gedichte besticht. Er wäre noch überzeugender, hätte Kerstin Hensel, ihres Zeichens Professorin für Deutsche Verssprache an der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin, oder ihr Lektor auf einige einfachere Gedichte verzichtet, wie den laut Widmung eher privaten Text „Das Dorellenquartett“, auch wenn dieser auf Schuberts „Forellenquintett“ anspielt. Er besteht doch nur aus simplen Paarreimen und dem Wortspiel im Titel. Kostprobe: „Die Panke durchwommen / Vom Koch ausgenommen / Gefüllt und gebraten / Serviert als Doraden.“ Andererseits wird der relativ umfangreiche Gedichtband mit rund 100 Texten auf diese Weise mit Witz aufgelockert.

Kinderspiele, -reime und -lieder bilden ein Leitmotiv, das immer wieder eingestreut auftaucht: „Der Goldfisch ruft aus der Katze / Den Schilfkolbenkönig zu Hilfe / Der reitet zu spät / Übern See übern See“. Goethes Erlkönig lässt auch noch grüßen. Ein Anhang erläutert einige Begriffe und gibt Hinweise auf die Dichterkolleginnen und -kollegen, auf die sich Kerstin Hensel bezieht, wie in „Der Müggelsee“, wo sie Bezug zum gleichnamigen Gedicht von Volker Braun nimmt. Mit diesem Spielbein der Intertextualität bewegt sich Hensel gelegentlich weit zurück, bis zur griechischen Dichterin Sappho, die im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte. Es ist überraschend, wie viele Wie-Vergleiche Hensel verwendet, die Benn vor sechzig Jahren doch als Kennzeichen von schlechter Lyrik angeprangert hatte: „Einen Hund der kaut daran / Wie an trockenen Pansen.“ oder „Schön / Wie nichts im Leben“.

Stark dagegen ist der Einbezug der Natur durch unverbrauchte Wortspiele und poetische Abwandlungen von Redewendungen:“Moränen verladen den Sand / Und den Kies und den Schluff und nehmen sich Zeit“. Auch die verwendeten Tiermotive wirken nicht antiquiert, sondern sind in diesen zeitgemäßen Gedichten geschickt eingeflochten. Doch wegen der thematischen und formalen Vielfalt bleibt Hensels Gedichtband eher eine Sammlung von neuen Texten als ein konzeptioneller Band mit moderner Lyrik, wie ihn beispielsweise kürzlich Marion Poschmann vorgelegt hat. So endet meine Lesereise mit Genius wie im Buch: „Ich schaue aus dem Fenster / Das Land ist kein Gedicht / Schon fährt mein Glück gebremster / Und nichts reimt sich auf mich.“

Kerstin Hensel: Schleuderfigur. Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2016. 136 Seiten, gebunden. 17,99 €

 

Logbuch Lyrik (6): „Geliehene Landschaften“ von Marion Poschmann

42522Marion Poschmann ist eine der interessantesten und vielfältigsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen. Romane, Essays und Lyrikbände wechseln sich in beharrlicher Folge ab, als würde die Autorin eine literarische Dreifelderwirtschaft betreiben. Nach ihrem bemerkenswerten Roman Die Sonnenposition (2013) erschienen in diesem Frühjahr zeitgleich Mondbetrachtung in mondloser Nacht (Suhrkamp Verlag), eine Sammlung ihrer Essays, sowie ihr neuer Gedichtband Geliehene Landschaften.

Mit beeindruckender Konsequenz führt Poschmann darin ihr lyrisches Werk fort. Sie zeigt sich ein weiteres Mal in sehr überzeugender Weise inhaltlich und formal als Konzeptlyrikerin, wie in Grund zu Schafen (2004) mit dem thematischen Schwerpunkt Natur, dem sie sich vornehmlich in der Form antiker Oden näherte, und in dem Band Geistersehen (2010), der sich im formalen Repertoire durch Sonettformen erweitert zeigte und den Themenkomplex Sichtbares-Unsichtbares anging. Der neue Band weist als Thema schon im Titel den Begriff der geliehenen Landschaft auf, der in der ostasiatischen Gartenkunst eine Szenerie bezeichnet, die außerhalb der eigentlichen Gartenanlage liegt, aber bewusst in diese mit einbezogen wird. Die Wirkung dieses ästhetischen Konstrukts fängt Poschmann in ihren Gedichten auf und erweitert sie durch persönliche und thematische Bezüge. Als lyrische Formen verwendet sie dieses Mal vorzugsweise Elegien und Lehrgedichte, wenngleich letztere Form eher zurückhaltend eingesetzt wird.

Zur Umsetzung ihres Konzepts hat Poschmann konkret neun künstliche Landschaften ausgewählt, darunter sieben Parks wie den New Yorker Coney Island Lunapark, den Bernsteinpark Kaliningrad oder den Kindergarten Lichtenberg. Bereits diese Auswahl belegt die Weltoffenheit, die Poschmanns Gedichte auszeichnen. Sie spiegeln keine lokale Nabelschau, sondern eine globale Sicht auf die Dinge, wobei sich die Texte in diesem Band in besonderer Weise von ostasiatischer Kultur beeinflusst zeigen. Die abgedruckten Anmerkungen verdeutlichen, wie sachkundig Poschmann sich ihrem Gegenstand widmet.

Auch die Gliederung ihres Gedichtbandes entspricht dem Gegenstand. Alle neun Kapitel enthalten neun Gedichte. Er weist somit in homologer Weise wie viele Parkanlagen eine symmetrische Ordnung auf. Diese Ordnungsstruktur führt Poschmann sogar noch weiter. Alle Gedichte des ersten Zyklus bestehen aus drei Strophen mit sechs Zeilen. Alle neun Texte über den Sibeliuspark in Helsinki sind aus drei Strophen mit jeweils drei Zeilen gestaltet. Andere Abschnitte wiederum sind variantenreicher aufgebaut, vielfach als kompakte Textblöcke.

„Park ist der Leib des Gedankens, und ich, / Gottes Gartenberater, bespreche den Umstand, daß jede / Generation durch ihr Lustwandeln Welt erzeugt oder / entwurzelt wird.“ Poschmann arbeitet häufig mit ganzen Sätzen und verwendet durchgängig eine korrekte Zeichensetzung, allerdings immer noch auf der Grundlage der alten Rechtschreibung. Hinzu kommen elliptische Sätze, die teilweise nur aus einem Wort bestehen: „Teer denken. Teerpappe. Flachdachmisere.“ Fremdwörter wie „Ikonostase“ werden nur vereinzelt als Einsprengsel verwendet.

Geliehene Landschaften ist ein formal und inhaltlich sehr ansprechender, vollständig durchkomponierter Gedichtband, der dem Leser viele Reize bietet, für eigene Assoziationen, Erinnerungen und Reflektionen: „Du weißt nicht mehr, wer du bist, du erscheinst dir ganz neu. Und die Landschaft beginnt noch einmal von vorn.“

Marion Poschmann: Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 124 Seiten, gebunden. 19,95 €

Logbuch Lyrik (5): „Hauptwerk“ von Ann Cotten

hauptwerk_hpAllein Titel und Untertitel dieses Gedichtbandes sorgen für eine erste Verstörung. Hauptwerk nennt die Autorin Ann Cotten, Jahrgang 1982, anmaßend ihren neuen Band, der eben nicht im renommierten Suhrkamp Verlag erschienen ist, wie ihre Bücher zuletzt, sondern im kleinen Verlag Peter Engstler. Und um es gleich vorweg zu nehmen, es ist auch nicht das Hauptwerk dieser begabten Autorin, deren Fremdwörtersonette (2007) und ihr Band mit Erzählungen Der schaudernde Fächer (2013) ungleich höher zu bewerten sind. Aber es ist ein höchst originelles Beiwerk. Der seltsame Untertitel „Softsoftporn“ verweist darauf, dass Ann Cotten pornografische Texte vorlegt. Vielleicht waren sie dem großen Suhrkamp Verlag zu heiß? Mit den Zeichnungen von Mareile Fellien bilden sie jedenfalls ein ansprechendes Künstlerbuch.

Begierde und Verlangen sind die zentrale Themenbereiche, um die sich die lyrischen Texte drehen. Einige sind klar strukturierte Gedichte, andere ähneln eher Songtexten.  Mit dem häufig verwendeten Ausruf „O“ – gelegentlich auch „Oh“ – erinnern einige Texte an die Gedichtform der Ode. Es sind Oden an die Lust: „O rückwärts: O stürz kopfüber über die Kante vom Bett“. Es sind freizügige Gedichte über die körperliche Liebe, den Akt, über Sex mit mehreren Personen. Ann Cotten hat sich von Apollon, dem Gott der Dichtkunst, und Eros, dem Gott der begehrlichen Liebe, zugleich verführen lassen.

Es sind sehr intime Texte entstanden, die gleichwohl nie peinlich wirken. Es gelingt Ann Cotten erotische Spiele und Obsessionen in Worte zu fassen, die Gier und Begehren als Gegenrede zum tristen Alltag nachdrücklich transportieren: „Reißle weiter, kleiner Vogel, Schnäbel sind Zähne, / Zähne Drähte, Dächer, Überdächer Fantasien, Vögel, / also vögeln, ja? Umdrehen, alle von vorn, / und gleichzeitig alle von hinten auch. Geht das?“

Ein Buch, das mit allen Sinnen geschrieben wurde. Aber da es die sinnliche Lust reflektiert, vornehmlich mit dem Kopf – also doch ein Hauptwerk.

Ann Cotten: Hauptwerk. Softsoftporn. Mit Zeichnungen von Mareile Fellien. Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön 2013. 72 Seiten, broschiert. 14,00 €.

Logbuch Lyrik (4): „InZwischen“ von Wolfam Malte Fues

Fues, InZwischen_Cover_120614.inddInzwischen wird die feine Lyrikedition 2000, die einst Heinz Ludwig Arnold (1940-2011) begründet hat, vom Lyriker Florian Voß herausgegeben. Sie fördert immer mal wieder echte Schätze zu Tage, wie zuletzt den Gedichtband die markisen rollen den nachmittag aus von Frank Schmitter. Die neuste Veröffentlichung in dieser Reihe des Allitera Verlags stammt von Wolfram Malte Fues, der mit InZwsichen seinen fünften Gedichtband vorlegt. Fues wurde 1944 in Bremen geboren und arbeitete vielerorts, vornehmlich in Basel, als Germanistikdozent. Äußerlich sticht dieser Band hervor, weil eine Grafik die Titelseite bereichert. Auch der Innenteil enthält auf jeder ungeraden Seite eine Zeichnung des Künstlers Thitz. Dadurch ergibt sich ein Problem: die Vielzahl der Grafiken drängt die Texte stark zurück, zumal diese auf den geraden Seiten abgedruckt sind, der Blick des Lesers also erst einmal auf die Zeichnung fällt. Unbestritten korrespondieren die Gedichte und die Zeichnungen, die teilweise sogar auf die Textseite ragen, auf weitgehend gelungene Weise. „Im Augenblick verharren. Die Augen schweifen lassen. Die Eindrücke, das Denken über die Eindrücke wie von Aussen betrachten.“, so bewirbt der Umschlagtext diesen Band. Es stellt sich dabei immer wieder auch die Frage, was war zuerst, der Text oder die Zeichnung?

Gleichwohl bleibe ich dabei, dass die lyrischen Texte zu kurz kommen. Das liegt auch daran, dass sie vielfach selbst sehr knapp gehalten sind: „deine augen / meine augen // nec mihi / nec tibi / non dividatur.“ Die durchgehende Kleinschreibung taucht nur gelegentlich auf, auch die Verwendung von Satzzeichen erfolgt uneinheitlich. Die Gedichte tragen keinen Titel, lediglich dem Inhaltsverzeichnis ist zu entnehmen, dass die erste Zeile eines Gedichts zugleich sein Titel ist. Sie sind zudem nicht in Kapitel gegliedert.

Fues wollte mit diesem Band die Zwischenräume verschiedenster Art ausleuchten, darstellen, was sich in den Fugen, den Ritzen befindet. Das gelingt jedoch nur sehr eingeschränkt. Es ist kein klares Konzept erkennbar. Stilmittel wie Aufzählungen, Wiederholungen („Ich sehe den Kirschbaum“) und englischsprachige Einsprengsel  bewirken nicht den erhofften Gewinn an poetischer Tiefenschärfe. Ansprechender und wirkungsvoller sind die längeren Gedicht von Wolfram Malte Fues. Auch die Texte, die sich mit dem Älterwerden beschäftigen, schaffen es, den Leser zu berühren.

Wolfram Malte Fues: InZwischen. Gedichte. Mit Zeichnungen von Thitz. Lyrikedition 2000 (Allitera Verlag), München 2014. 128 Seiten, broschiert. 16,50 €. 

Logbuch Lyrik (3): „Wisperzimmer“ – von Marie T. Martin

wisperzimmer.inddIn einem Wisperzimmer wird geflüstert, weil ein Kind schläft. In einem Wisperzimmer hört man Stimmen, nahe und ferne, bekannte und unbekannte, reale und surreale. In Marie T. Martins Wisperzimmer vermischt sich Wirklichkeit mit Erinnerungen und Träumen: „Im Wisperzimmer / sind alle Geschichten ein Rascheln / blättrige Narben ohne Anfang / und Ende wo ist das Echo gelagert / wenn keiner mehr singt // im Wisperzimmer / sind Blattlichter Äste aus Stimmen / hier strecken sich Ende und Anfang / entgegen hier liegt was erklingt“. Martin selbst unterstreicht dies durch das vorangestellte Zitat des schottischen Dichters Seán Rafferty (1909-1993), das mit der Frage endet: „What can I give but a dream?“ Es ist der Traum von einem anderen Leben, ein Traum vom Leben hinter den Dingen.

Der Titel des Debütbandes der 1982 in Freiburg geborenen Autorin macht neugierig.  Und er passt zu den Texten, die leise und fragil daherkommen, wie geflüstert, und die dadurch eine geheimnisvolle Aura umgibt. Wer flüstert, der lügt, sagten wir als Kinder. Es steht etwas zwischen den Zeilen, dass sich nicht greifen lässt, aber doch erahnen. Immer wieder tauchen Relikte aus der Kindheit in den Gedichten auf: „Als ich noch hören konnte was die Türangel mir versprach / und ich lauschte dem vielstimmigen Karpfenchor„. Eine Kindheit, in der die Dinge beseelt waren. Martins Gedichte bewahren diesen Zauber der Kindheit, der bei ihr in den Alltag hineinragt. Es sind leichte Gedichte, lichte Gedichte, es ist überzeugend komponierte luzide Lyrik.

Formal betrachtet arbeitet Martin ohne Satzzeichen, mit vielfältigen Formen, oft auch mit Strophen. Ein weiteres Kennzeichen ist, dass ihre Gedichte keine Überschrift besitzen. Den Titel kann man lediglich dem Inhaltsverzeichnis entnehmen, er entspricht stets der ersten Zeile oder zumindest einem Teil von ihr. Der Gedichtband ist in sechs Kapitel eingeteilt, die Überschriften tragen wie „Warum der Kalender rückwärts läuft“ oder „Versteck unter Efeudecken“. Auffällig viele Vögel beleben die poetische Welt von Marie T. Martin: Meisen, immer wieder Meisen, aber auch Rotkehlchen, Krähen und Tauben erscheinen in den Texten, die eine sehr gelungene Überblendung von Realität, sinnlicher Wahrnehmung und fantasievollen Kopfgeburten darstellen: „dies ist das Paradies nicht wahr das Licht / das Leuchten Verbindung und Veränderung“.

Marie T. Martin: Wisperzimmer. Gedichte. 2. Auflage. poetenladen Verlag, Leipzig 2013. 88 Seiten, Klappenbroschur. 15,80 €

Logbuch Lyrik (2): „Das Gesicht der Welt“ von Karin Kiwus

Kiwus-Karin-Das-Gesicht-der-WeltNur vier Gedichtbände hat Karin Kiwus in dreißig Jahren vorgelegt. Und doch kennt sie jeder in der Lyrikszene. Das spricht für das Besondere ihrer Gedichte, ihren eigenen Ton. Bekannt wurde sie in den Siebziger Jahren mit ihrem Anti-Liebesgedicht „Im ersten Licht“: „und wenn ich dann im ersten Licht / deinen fetten Arsch sehe /… dann weiß ich wieder / daß ich dich nicht liebe“.

Nach den beide ersten Lyrikbänden Von beiden Seiten der Gegenwart (1976) und Angenommen später (1979) , die gleich im renommierten Suhrkamp Verlag erschienen, für den Kiwus auch einige Zeit als Lektorin arbeitete, dauerte es dreizehn Jahre bis schließlich der lang erwartete dritte Band erschien: Das Chinesische Examen (1992). Dieser Band unterscheidet sich inhaltlich und formal von den ersten beiden Veröffentlichungen. Kiwus verwendet nun Satzzeichen, die Themen werden ernster, kompromissloser und nachdrücklicher angegangen.  Es fehlt etwas von der Lockerheit der frühen Gedichte, und doch überzeugen auch sie auf ihre eigene Art.

Die 1942 in Berlin geborene Autorin überzeugte über all die Jahre mit Entschiedenheit und Prägnanz in ihrer Lyrik.  Jüngst erhielt sie zu Recht den mit 10.000 Euro dotierten Orphil-Lyrikpreis der Stadt Wiesbaden. Mirko Bonné, selbst ein bemerkenswerter Lyriker, bezeichnet in seinem verdienstvollen Nachwort „Examen eines Lebens“ den dritten der vier chronologisch angeordneten Bände als „die dunkle Nabe des Werkes, um die es rotiert“. Im Text „Abonnement“ stellt Kiwus nach Bonné „die Resignation und die Sinnleere dar, nachdem das Schreiben aufgehört hat, Lebensmittelpunkt zu sein“.

Es dauerte noch einmal vierzehn Jahre bis Karin Kiwus ihren vorerst letzten Gedichtband vorlegte. Der Titel Nach dem Leben (2006) deutet darauf hin, dass sie mit diesem Band eine Bilanz ihres gelebten Lebens zieht. Verschiedenartige Erinnerungen aus unterschiedlichen Lebenszeiten, auch an historische Persönlichkeiten, werden hier zu poetischen Texten verdichtet. Der verhalten melancholische Tenor dieser Gedichte spiegelt sich auch in einigen Titeln wider: „Zuvorletzt“, „Immer und ewig“, „Lebendigen Todes“ oder „Erbe“ beispielsweise. Es sind zumeist längere Gedichte, in einem narrativen Stil gehalten, teilweise mit sehr genauen Beschreibungen, deren Stärke der Wortklang und der evozierte Resonanzraum sind. Der Band mündet schließlich in die nachwirkende Darstellung einer Epiphanie: „Dieser Engel am Ende, seht, er / verkündet nicht mehr, er schweigt, / und doch bedeutet er, das Lächeln, / der aufzeigende Finger, ein betörendes / unlösbares Rätsel zu kennen, jenes / über ihm und ihm über.“

Karin Kiwus: Das Gesicht der Welt. Gedichte 1976-2006. Mit einem Nachwort von Mirko Bonné. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2014. 349 Seiten, gebunden.  22,95 €.