Peter Longerichs voluminöse Hitler-Biographie ist auf dem Weg zu einem Standardwerk

9783827500601_CoverMehr als zwei Jahrzehnte galt Joachim Fests Hitler Biographie, die 1973 erschien und zu einem Bestseller avancierte, als das Buch, in dem zumindest aus deutscher Sicht fast alles zur deutschen Variante des Faschismus gesagt war. Fest stellte den Nationalsozialismus unter faschismustheoretischer Perspektive als Produkt des Führers dar, was es vielen Deutschen einfach machte, die Frage nach einer Mitverantwortung zu negieren oder zumindest abzumildern. Erst die zweibändige Hitler-Biographie des Briten Ian Kershaw (1998 bzw. 2000) bildete ein neues Standardwerk. Kershaw erklärte in einer anderen Sichtweise Hitlers Aufstieg und sein Herrschaftssystem mit Blick auf die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte.

Fünfzehn Jahre später veröffentlichte der Siedler Verlag nun in einem Jahr zwei neue voluminöse Hitler-Biographien. Während Wolfram Pyka einen eigenwilligen, neuartigen Blick auf Hitler und sein Herrschaftssystem unter dem Blickwinkel „Der Künstler als Politiker und Feldherr“ vornahm, stellt im vorliegenden Buch Peter Longerich Hitler detailliert als in vielen unterschiedlichen Bereichen sehr aktiven Politiker dar, der schließlich eine höchst extreme Führerdiktatur installierte.

Longerichs Buch ist eigentlich zu umfangreich, um es Seite für Seite durchzulesen. Aber wenn man es als Basisliteratur oder als Nachschlagewerk nutzt, bleibt man stets im aufgeschlagenen Kapitel hängen. Das Personen- und Ortsregister sowie die Anmerkungen sind excellent geführt. So lassen sich Detailfragen schnell klären. Longerichs Darstellung erfolgt chronologisch in sieben Teilen. In der abschließenden Bilanz heißt es: „Im Mittelpunkt des Dritten Reiches stand ein entschlossener Diktator, der diesen Prozess auf allen Ebenen formte, sämtliche Energien auf seine Person ausrichtete und sich eine Machtfülle erarbeitete, die ihm einen beispiellosen Handlungsspielraum eröffnete.“

Stringent und faktenreich untermauert der Londoner Geschichtsprofessor Peter Longerich, der 1955 in Krefeld geboren wurde und bereits mit seinen Biographien über Heinrich Himmler und Joseph Goebbels hervorgetreten ist, auf der Grundlage neuster Forschungen seine These. So ist diese Hitler-Biographie auf bestem Wege, ebenfalls zu einem neuen Standardwerk zu avancieren.

Peter Longerich: Hitler. Biographie. Siedler Verlag, München 2015. 1396 Seiten, gebunden. 39,99 €. 

Thomas Karlauf beleuchtet eloquent die späten Jahre von Helmut Schmidt

karlauf-schmidtDas besondere Interesse, dass die Deutschen in den letzten anderthalb Jahrzehnten für Helmut Schmidt aufgebracht haben, nutzen der Siedler Verlag und Thomas Karlauf für eine Biographie, die sich auf die Jahre nach Schmidts Ablösung als Bundeskanzler durch Helmut Kohl im Oktober 1982 beschränkt. Das Buch beginnt mit der Ausleuchtung der Hintergründe dieses Ereignisses, das durch das ungewöhnliche Mittel des konstruktiven Misstrauensvotums in der Geschichte der Bundesrepublik bislang einmalig blieb. Karlauf betitelt dieses erste Kapitel als „Inszenierung eines Verrats“.

Das voluminöse Buch ist in drei Teile gegliedert: „Jahre der Zurückhaltung (1982-1990)“, „Jahre der Einmischung (1991-2003)“ und „Wege des Ruhms“. Sie verdeutlichen die unterschiedlichen Phasen von Schmidts späten Jahren.

Egal, wo ich das Buch aufgeschlagen habe, ich habe mich festgelesen. Das liegt zum einem natürlich an der besonders spannenden Biographie dieses außergewöhnlichen Staatsmanns,  vor allem aber am glänzenden Stil von Thomas Karlauf, der bereits 2007 mit seiner herausragenden Biographie von Stefan George auf sich aufmerksam gemacht hat. Nun ist Karlauf aber nicht nur ein besonders guter Biograph, er besitzt auch im Fall Helmut Schmidt eine besondere Nähe zum Gegenstand, denn seit 1987 betreute er als Lektor Schmidts Buchveröffentlichungen. Trotz dieser Nähe und Verbundenheit gelingt es Karlauf die nötige kritische Distanz aufzubauen. Vermutlich erleichterte der Tod von Schmidt im November 2015 es Karlauf, der bereits auf Veranlassung von Helmut Schmidt mit den Vorarbeiten, insbesondere der intensiven Durchforstung seines Privatarchivs in Hamburg begonnen hatte, diese für einen Biographen notwendige Perspektive einzunehmen. Herausgekommen ist jedenfalls ein außerordentlich lesenswertes Buch, das dem Zeitgeist dieser 33 Jahre nachspürt, dabei Schmidts agiles Handeln als Publizist und Elder Statesman Revue passieren lässt und zahlreiche neue Details sowie unbekannte Facetten an Schmidt herausarbeitet, beispielsweise in seinem Verhältnis zu Kohl und zu Genscher, die ihn gemeinsam stürzten.

Thomas Karlauf: Helmut Schmidt – Die späten Jahre. Siedler Verlag, München 2016. 558 Seiten, gebunden. 26,99 €

Vanessa Geuen untersucht Kneipen, Bars und Clubs als postmoderne Heimatkonstruktionen

Geuen_BarsGibt es das Genre Kneipenroman? Und wenn nicht, macht es Sinn, dieses zu definieren und zu etablieren? Vanessa Geuen geht diesen Fragen in ihrer kulturwissenschaftlichen – und eben nicht literaturwissenschaftlichen – Dissertation nach. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Kneipenromane, wie sie vom Feuilleton teilweise bezeichnet werden, in der Gegenwartsliteratur relativ häufig auftreten, ohne dass sich die Literaturwissenschaft bislang diesem Komplex zugewendet hat. Daraus resultiert, dass das Genre Kneipenroman wissenschaftlich nicht existiert. Vanessa Geuen zeigt gleichwohl, dass es sich relativ schlüssig abgrenzen ließe. Für ihre Untersuchung vorliegender Romane postuliert sie zwei notwendige Kriterien: „Erstens ist eine Kneipe, eine Bar oder ein Club der handlungstragende Raum für die Figuren….Zweitens beziehen sich die Figuren in ihren Handlungen, Einstellungen und Interaktionen immer wieder auf den Raum Kneipe, Bar oder Club.“ Diskotheken, Restaurants und Cafés werden aufgrund ihrer Andersartigkeit ausgeschlossen.

Nach einigen methodischen Überlegungen wählt Geuen sechs Romane als exemplarisch aus. Diese dienen ihr als Basis und Belege für ihre theoretischen Überlegungen. Darin liegt ein Problem der Arbeit, denn die Auswahl ist natürlich subjektiv und enthält zudem keinen bekannten bzw. literarisch anerkannten Roman. Zudem bleibt fragwürdig, dass Geuen sich nicht auf die deutschsprachige Literatur beschränkt, sondern auch Übersetzungen aus dem westlichen Kulturraum miteinbezieht.

Gleichwohl erscheinen ihre Gliederung einleuchtend und ihre Ergebnisse erhellend. Im zweiten Kapitel untersucht sie die Kneipe als individuelles Konstrukt und soziales Geflecht. Ihm folgen drei Kapitel, die sich der Kneipe als Heimatraum widmen: Vertrautheit im Unvertrauten, Gemeinschaft und Freiheit sowie Kollaps und Katharsis. Es geht Geuen dabei vor allem darum, postmoderne Heimat und postmoderne Identität miteinander in Beziehung zu setzen. Auch wenn das Fazit „Die Heimat-Insel Kneipe erweist sich als zu unwirtlich und bereits besetzt vom Fremden, als dass sie dauerhaft eine stabile, vertraute und verlässliche Zufluchtsstätte innerhalb postmoderner Komplexität und Instabilität sein könnte.“ wenig überraschend ist, so hat Vanessa Geuen in ihrem Buch doch gezeigt, dass die weitere Untersuchung dieses besonderen Raums anhand literarischer Texte vor dem Hintergrund theoretischer Ansätze wie dem Thirdspace-Konzept oder Foucaults Heterotopie-Konzept lohnenswert erscheint.

Vanessa Geuen: Kneipen, Bars und Clubs. Postmoderne Heimat- und Identitätskonstruktionen in der Literatur. Verlag Ripperger & Kremers, Berlin 2016. 296 Seiten. 34,90 €

Auch in Krefeld! – Arisierung, Enteignung und kaum Bemühen um Wiedergutmachung

Krefeld_14.8.2015.inddSo beginnen eigentlich nur Romane. Claudia Flümann findet auf dem Dachboden Rückerstattungsakten aus dem Besitz ihrer Familie. Sie betreffen mehrere Firmen aus jüdischem Besitz in Königsberg, Berlin und ihrem Wohnort Krefeld. Ihr Großvater Heinrich Dietz hatte diese in den Dreißiger Jahren erworben. Laut Familiensaga waren die ursprünglichen Eigentümer zum Zeitpunkt des Erwerbs längst ausgewandert und der Großvater nie in der Partei gewesen. Claudia Flümann ließen die Akten keine Ruhe, und sie begann zu recherchieren.Der Großvater war am 1.5.1933 in die NSDAP eingetreten und zumindest zwei der jüdischen Voreigentümer waren im Holocaust umgekommen. Claudia Flümann, selbst promovierte Historikerin, hörte nicht auf zu recherchieren, viele Jahre lang. Nun liegen ihre Ergebnisse vor. Es ist ein voluminöses Buch geworden, detailreich, übersichtlich und sorgfältig editiert. Zahlreiche, teilweise farbige Reproduktionen –  es sind insgesamt 141 Abbbildungen enthalten – lockern das Buch auf und laden auch zum Blättern und Verweilen ein.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Der erste beschreibt die ökonomisch und soziale Existenzvernichtung der jüdischen Bürger in Krefeld in der Zeit von 1933 bis 1945. Die Arisierung und Enteignung geschah umfassend. Schon bis 1939 wurden sämtliche jüdischen Einzelhändler, Fabrikanten und Geschäftsleute, die seit dem 19. Jahrhundert einen selbstverständlichen Platz im wirtschaftlichen und sozialen Leben der Stadt innehatten, verdrängt. Dies betraf in besondere Weise auch das Textilgewerbe, das die „Samt- und Seidenstadt“ traditionell geprägt hat. Klar und deutlich arbeitet Flümann das Netzwerk der an der Existenzvernichtung Beteiligten heraus: die Stadtverwaltung, die Fachgruppe Seiden- und Samtindustrie, die Industrie- und Handelskammer, die Finanzverwaltung, die Gestapo, die Geldinstitute und nicht zuletzt private Profiteure.

Der zweite Teil widmet sich dem langen Kampf um die Wiedergutmachung nach 1945 bis 1963. Es ist beschämend, was Flümann alles zu Tage fördert. Mit wie vielen Widerständen die wenigen zurückgekehrten jüdischen Vorbesitzer zu kämpfen hatten. Und wie gering insgesamt ihre Entschädigung ausfiel, eine Wiedergutmachung im eigentlichen Sinne konnte dies ja ohnehin nicht sein. Viele Einzelfälle rollt Flümann vor uns aus. Immer wieder durch Zitate aus persönlichen Berichten und Gerichtsakten lebendig gemacht. So im besonders dreisten Fall des Kaufmanns Heinrich Kaufmann, der 1938 und 1939 beträchtliche Vermögenswerte von jüdischen Eigentümern weit unter Wert erworben hatte und sich 1947 selbst – wie viele andere auch – als Opfer des Nationalsozialismus stilisierte. 1963 stellte er gar einen Wiedergutmachungsantrag, da er angeblich jüdische Angestellte länger als andere beschäftigt und dadurch geschäftliche Nachteile gehabt hätte.

Im dritten Teil, dem Versuch einer Bilanz, macht Claudia Flümann unmissverständlich klar, dass die Stadt Krefeld, die sich gerne ihrer liberalen Tradition als Rückzugsort für Glaubensflüchtlinge (Mennoniten) rühmt, keineswegs weniger brutal mit ihren jüdischen Mitbürgern umging. „An dem bald nach dem Krieg auch in Krefeld einsetzenden deutschen `Wirtschaftswunder` hatten die jüdischen Kaufleute und Unternehmer, deren Väter und Großväter einst zum Wohlstand der Stadt erheblich beigetragen hatten, keinen Anteil mehr.“

Claudia Flümann hat eines der wichtigsten Bücher zur Krefelder Stadtgeschichte verfasst. Der Klartext Verlag hat dieses Buch sehr ansprechend gestaltet. Ohne die finanzielle Unterstützung mehrerer Vereine und Verbände hätte dieses Werk niemals so günstig auf den Markt kommen können. Auf diese Weise ist es für interessierte Bürger durchaus erschwinglich, was hoffentlich viele nutzen werden. In den Zeiten, in den Fremdenfeindlichkeit wieder ein tagesaktuelles Thema geworden ist, erscheint es besonders wichtig, sich die deutsche Vergangenheit  – hier besonders eindrucksvoll konkretisiert an einer Großstadt – bewusst zu machen.

Claudia Flümann: „… doch nicht bei uns in Krefeld!“ Arisierung, Enteignung, Wiedergutmachung in der Samt- und Seidenstadt 1933 bis 1963. Klaretxt Verlag, Essen 2015. 662 Seiten, Hardcover. 29,95 €

„Und morgen die ganze Welt. Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus“ – Neuauflage

HeskeekuMeine Dissertation ist nun in einer Neuauflage als erschwingliches Paperback erschienen. Zudem ist sie jetzt auch als E-Book lieferbar. Beides freut mich sehr.

Das besondere Beispiel des Erdkundeunterrichts zeigt, wie weit Anpassung, Anbiederung und vorauseilender Gehorsam im sensiblen Bereich von Schule und Unterricht im Nationalsozialismus gingen. Auf der Grundlage der NS-Ideologie entwickelten Erdkundelehrer und Fachdidaktiker rasch einen vornehmlich auf Indoktrination ausgerichteten Geographieunterricht, in dessen Zentrum eine neuartige „völkische Lebensraumkunde“ stand, die sich auf eine „Blut und Boden“-Heimatkunde gründete und Rassenkunde, Geopolitik, Kolonialgeographie sowie Wehrgeographie miteinander verknüpfte. 1943 wurde sogar die Konzeption eines Deutschen Schulatlas als besonders kriegswichtig erachtet. Niemals zuvor noch danach konnte das Fach Erdkunde einen höheren Anteil an der Stundentafel der allgemeinbildenden Schulen erringen.

„Heske hat eine Fülle unterschiedlichsten Materials intensiv durchgearbeitet und eine klug gegliederte, zitatenreiche und dennoch zugleich straff ausformulierte Studie vorgelegt. Er darf in der Tat für sich in Anspruch nehmen, eine überfällige Lücke in der Geschichte der Pädagogik und in der Geschichte der Geographie geschlossen zu haben.“ (Hans-Dietrich Schultz, Westfälische Forschungen)

„Am Ende wird Heske seinem gesetzten Ziel, der Untersuchung wie und auf welche Weise, mit welchem Engagement, mit welchen ideologischen Prinzipien und welchen neuen Inhalten der Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus umgestaltet wurde, mehr als gerecht.“ (Stephan Weser, H-Net Reviews)

Henning Heske: Und morgen die ganze Welt. Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus. BoD, Norderstedt 2015. 440 Seiten. 14,99 €. Als E-Book 4,99 €.

Düsseldorfer Beiträge zur Thomas Mann-Forschung Band 2

tmgd2Auch der zweite Band der Schriftenreihe der 2009 gegründeten Thomas Mann-Gesellschaft Düsseldorf enthält eine Reihe inspirierender Beiträge, auch wenn die Qualität der Aufsätze, die auf den Veranstaltungen des Jahres 2011 basieren, insgesamt heterogen ist. Das liegt daran, dass neben Fachaufsätzen renommierter Literaturwissenschaftler wie Hans-Georg Pott auch die Beiträge aus dem Studierenden- und Doktorandenforum zum Thema „Thomas Mann – ein Langweiler?“ aufgenommen wurden. Leider fehlt in diesem Band eine schriftliche Fassung des Vortrags von Hermann Kurzke, den dieser im genannten Zeitraum über „Das Streitgespräch der Brüder Thomas und Heinrich Mann in den ‚Betrachtungen eines Unpolitischen'“ in Düsseldorf gehalten hat.

Gleich mehrere Beiträge beschäftigen sich mit Thomas Manns letztem Roman Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Natürlich geht es da um Liebe und Erotik. Stefan Nagel untersucht „Felix Krulls Ars Armandi“ unter den beiden Stichworte „Pan-Erotik und Juwelendiebstahl“, die Thomas Mann selbst in einem Brief nennt. Nagel weist mit einem Rückgriff auf Hegel relativ schlüssig nach, dass Mann in seinem letzten Roman einen „letzten Humanisierungsversuch unternimmt, indem er zwei der wichtigsten und zentralsten abendländisch-bürgerlichen Grundwerte in Frage stellt: Ehe und Eigentum“. Besonders anregend sind die Ausführungen vom Björn Moll, der die Erotisierung des Blicks im Felix Krull darstellt. Er zeigt, wie das Auge des Protagonisten als Geschlechtsorgan konditioniert wird und dass Narzissmus, Voyeurismus und Exhibitionismus die Gründe seiner Erregung sind: „Das von Felix Krull angelernte erotische Sehen ist somit auch ein Muster der Welterfassung und einer theoretischen Auseinandersetzung mit der Welt.“

Musil Experte Hans-Georg Pott vergleicht die beiden großen Autoren des letzten Jahrhunderts anhand ihrer teilweise komplementären Romane, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs spielen: Der Mann ohne Eigenschaften und Der Zauberberg, und behauptet: „Ohne Dichtung keine Wahrheit“. Pott zeigt Ähnlichkeiten in den beiden Romanen auf, die in ganz unterschiedlichen Ansätzen sich derselben großen Thematik widmen, der europäischen Seelenverfassung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist, wie der Mathematiker Robert Musil einige gesellschaftliche Aspekte mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitstheorie analysierte. Und als Aphorismus bleibt seine Stelle im Gedächtnis: „Gute Menschen können eine böse Gemeinschaft bilden.“ Abschließend nennt Pott Robert Musil und Thomas Mann „das weithin leuchtende Zwillingssternbild der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts“, welches das Höchste in der geistigen Durchdringung sah. Über die Bedeutung von Musil ließe sich diesbezüglich vielleicht streiten.

Zwei Beiträge widmen sich dem schwierigen Verhältnis von Thomas Mann und Bertolt Brecht. Johannes Roskothen nennt es eine „unproduktive Spannung“, die zwischen den beiden deutschen Literaturgrößen herrschte, und reflektiert die gut dreißig Jahre, in denen die beiden Antipoden auf unterschiedlichste Weise in Kontakt kamen. Der Künstler Bernhard Heisig  (1925-2011) hat diese Konstellation in einem Doppelporträt dargestellt. Ute Olliges-Wiesczorek stellt den Druck, den die Thomas-Mann-Sammlung der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf 2010 erworben hat, und seine Entstehungsgeschichte ausführlich vor.

Lediglich aufgrund der vielen abgedruckten Fotos interessant ist die ausführliche Rekonstruktion des Besuchs Thomas Manns in der Düsseldorfer Buchhandlung Schrobsdorff im August 1954.

Anregende und zukunftsweisende Bezüge zwischen Thomas Mann und dem großen niederländischen Schriftsteller Harry Mulisch zeigt Marc van Zoggel im einzigen englischsprachigen Beitrag dieses Bandes auf. Er geht dabei dem Konzept von Ironie und Selbstironie in den Werken der beiden Autoren nach. Es wird deutlich, dass das umfassende Werk von Harry Mulisch noch ein Desiderat der deutschsprachigen Literaturwissenschaft darstellt.

Düsseldorfer Beiträge zur Thomas Mann-Forschung Band 2. Schriftenreihe der Thomas Mann Gesellschaft Düsseldorf. Wellem Verlag, Düsseldorf 2013. 238 Seiten, gebunden. 36,00 €

Schriften des Ortsvereins KölnBonn der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft – Bände 7 und 8

Assmann_vorderseite2Im Unterschied zur Düsseldorfer Thomas Mann Gesellschaft etwa, die im zweijährigen Turnus einen Sammelband mit den Vorträgen herausbringt, publiziert der Ortsverein KölnBonn der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft ausgewählte Vorträge als Einzelbände einer kleinen, aber sehr feinen Schriftenreihe. Diese Reihe startete 2009  im Bernstein-Verlag der Gebrüder Remmel mit einem Band des bekannten Thomas-Mann-Biographen Hermann Kurzke über Glaube und Sprache bei Thomas Mann. Ihm folgten u.a. Schriften von Helmut Koopmann und Heinrich Detering. Die Reihe griet ins Stocken, nachdem die Gebrüder Remmel ihre Verlagsbuchhandlung R2 in Siegburg eröffnet hatten und nicht mehr all ihren Projekten nachkommen konnten. So suchte der Ortsverein einen neuen Verlag für seine Schriftenreihe und fand ihn schließlich bei Felix Böttger in Düsseldorf, wo nun in ähnlicher Aufmachung die Bände sieben und acht veröffentlicht wurden.

Die Autoren der beiden neuen Bände sind keine typischen Germanisten, sondern nähern sich dem Werk Thomas Manns aus anderen Disziplinen. Jan Assman ist ein bekannter Ägyptologe und Religionstheoretiker und so in besonderer Weise qualifiziert den Gott-Mythologien in den Josephsromanen nachzuspüren. In seinem verschriftlichten Vortrag geht es um drei Gott-Erzählungen: „die Welt der archaischen Mythen, den Mythos des neuen, von Abraham hervorgedachten Gottes und Thomas Manns eigenen Mythos, den Mythos des werdenden Gottes.“ Assman zeigt, wie Thomas Mann enstprechend des ersten Satzes der Josephromane „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit.“ aus diesem Brunnen schöpft und dabei Mythos und Monotheismus nicht als einen sich ausschließenden Gegensatz sieht, sondern als „zwei sich ergänzende Seiten eines vollkommenen Menschentums“. Er stellt zudem die Originalität dieser Romane heraus, die aus den Quellen des Judentums Humanismus schöpfen.

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Der habilitierte Mediziner Thomas Rütten, der sich an der University Newcastle mit Geschichte der Medizin beschäftigt, belegt in Form einer Probebohrung an der Erzählung Das Eisenbahnunglück von 1909, die auf einem persönlich erlebten Unfall Thomas Manns drei Jahre zuvor basiert, dass sich Manns literarisches Werk „als hochdifferenzierte Antwort auf das Krankheitsstigma der Moderne“ lesen lässt. Auch wenn nicht all seine Belege überzeugen können, wie die überinterpretierte Stelle des Rauchens einer Zigarre und seine libidinöse Deutung durch Freud, so beeindrucken das genaue Lesen des Interpreten sowie seine umfassenden medizinhistorischen Kenntnisse. Das intellektuelle Lesevergnügen wird durch den exorbitanten Gebrauch von Fremdwörtern gleichwohl etwas getrübt: da werden „semantische Reize amplifiziert, pluralisiert und so aggraviert“, da ist von „‚anormalen‘ Instanzenpriorisierung“ die Rede und man fragt sich, ob es dieser Wissenschaftssprache wirklich bedarf, um die Zusammenhänge einem interessiertem Publikum zu verdeutlichen.

Es ist uneingeschränkt zu begrüßen, dass diese Schriftenreihe fortgeführt wird und in unserem  flüchtigen Zeitalter temporäre Vorträge über das noch lange nicht vollständig durchleuchtete Werk von Thomas Mann in dieser sorgfältig editierten Schriftenreihe bewahrt und zugänglich gemacht werden.

Jan Assmann: Die Gott-Mythologien der JosephsromaneVerlag F. Böttger, Düsseldorf 2013. 35 Seiten, broschiert. 6,00 € (Schriften des Ortsvereins KölnBonn der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft Band 7)

Thomas Rütten: Thomas Mann und das Krankheitsstigma der Moderne: Das Eisenbahnunglück von 1906 und Das Eisenbahnunglück von 1909. Verlag F. Böttger, Düsseldorf 2013. 45 Seiten, broschiert. 6,00 € (Schriften des Ortsvereins KölnBonn der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft Band 8)