Herbert Anton verbindet auf ästhetische Weise Thomas Mann und Schiller

Eine Referenz an meinen wunderbaren Lehrer Professor Dr. Herbert Anton an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (ein Video der Thomas Mann-Gesellschaft Düsseldorf):

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Der Arche Literatur Kalender 2018 strahlt Ruhe und Bewegung aus

Der Sommer verabschiedet sich langsam. Gleichwohl mag man noch nicht an das Jahresende denken. Doch die allermeisten Kalender für das kommende Jahr sind bereits gedruckt. Es gibt kaum einen thematischen Bereich, für den es keinen speziellen Kalender gibt. Neben unkäuflichen Varainten wie dem bekannten Pirelli-Kalender, werden die üblichen Abreißkalender, Tages-, Wochen- und Monatskalender angeboten, außerdem natürlich Lehrerkalender, Bauernkalender sowie unfassbar viele Katzenkalender und und und. Mich interessieren natürlich Literaturkalender. Im letzten Jahr habe ich den vorzüglichen Arche Kinder Kalender empfohlen. In diesem Jahr möchte ich den Arche Literatur Kalender 2018 vorstellen. Es ist ein vierfarbig  gedruckter Wandkalender, der jede Woche einen Autor, der in der jeweiligen Woche geboren oder gestorben ist, mit einem Textauszug und einem Foto vorstellt. Die Auswahl ist international und deckt in einer ansprechenden Mischung ein breites Literaturspektrum von der Frühromantik bis zur Postmoderne ab, wobei der Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert liegt. Einen besonderen Reiz macht die abwechslungsreiche Abfolge aus, die immer wieder überraschende Bezüge herstellt. So folgt auf Kurt Tucholsky Susan Sontag und auf diese wiederum Derek Walcott, Lars Gustafsson steht vor Simone de Beauvoir und so geht es weiter. Allerdings wäre es schön gewesen, wenn auch einige noch lebende Schriftsteller in die Auswahl mit einbezogen worden wären und nicht nur tote.

Sehr überzeugend wirkt die Bildzusammenstellung, bei der darauf geachtet wurde, nicht die gängigen Autorenfotos zu verwenden. Sie stehen zudem alle in einem thematischen Zusammenhang, denn die Arche Literatur Kalender stehen in jedem Jahr unter einem speziellen Motto. Darin unterscheidet sich der vorliegende Kalender auch vom ähnlich gestalteten Literaturkalender des Aufbau Verlages. 2018 heißt das Themenmotto „Ruhe & Bewegung“. Es ist erstaunlich, wie gut es dem Arche Kalender Verlag gelingt, die 53 Autorinnen und Autoren unter diesem thematischen Bogen zu vereinen. In fast allen Fällen sind passendes Bildmaterial und korrespondierende Textauszüge gefunden worden, die teilweise sogar einen neuen Blick auf die Verfasser werfen lassen. Das Titelblatt beispielsweise zeigt Vladimir Nabokov mit Tennisschlägern und seiner Braut Anfang 1920 in Berlin. Im Juni äußert und zeigt sich Henry Miller zum Radfahren, während es Kurt Tucholsky lieber gemütlich angeht und seine Liebe zur Entspannung an der Côte d`Azur in der zweiten Januarwoche formuliert.

Ausführliche biographische Angaben sowie sorgfältige Quellenangaben zum Text- und Bildmaterial ergänzen diesen inspirierenden Kalender. Für mich ist er ein Grund, sich auf das Jahr 2018 zu freuen.

Arche Literatur Kalender 2018. Arche Kalender Verlag, Zürich-Hamburg 2017. 60 Blätter, 54 Fotos, farbig. 22,- €

Die Pfaueninsel in der Havel bei Potsdam – eine literarische Spurensuche

Wer den großartigen Roman „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche gelesen hat, der entwickelt Sehnsucht danach, diesen verwunschenen Ort aufzusuchen. Jedenfalls ging es mir so. In diesem Frühjahr hatte ich nun endlich die Gelegenheit, diesem Wunsch nachzukommen.

Der im Jahr 2014 erschienene Roman von Thomas Hettche spielt zwischen 1820 und 1880 auf der Berliner Pfaueninsel und basiert auf wahren Gegebenheiten. Zentrale Figur ist die kleinwüchsige Maria Dorothea Strakon, die als Königliches Schloßfräulein diese winzige Insel, die man innerhalb einer Stunde umrunden kann, durchgängig bewohnte. Die meisten Gebäude aus der damaligen Zeit – mit Ausnahme des Palmenhauses, das 1880 abbrannte – existieren noch heute, haben all die Kriegswirren und politischen Veränderungen überdauert.

Wolf Jobst Siedler schrieb vor fünfundzwanzig Jahren auch ein schmales Buch über die Pfaueninsel. Es trägt den Untertitel „Spaziergänge in Preußens Arkadien“. Wenn man die Fotos betrachtet, wird man ihn vermutlich gut nachvollziehen können.

Wenn man mit der kleinen Fähre übersetzt, scheint man in einer anderen Zeit anzukommen …

 

 

Mirko Bonné findet Spuren des kleinen Prinzen in der Nordsahara

CoverWiderspenstigkeit_WebsiteWer kennt dieses Buch nicht? Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry zählt in ganz Europa zum Kulturgut und ist darüber hinaus eines der meist verkauften Bücher der Welt. Diese märchenhafte Geschichte ist kurz und daher schnell zu lesen. Sie enthält einfache philosophische Aussagen, die bei entsprechender Gelegenheit hartnäckig immer wieder in unser Gedächtnis zurückkehren. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, ist eine solche. Geschenk für die Liebste, Schullektüre und Zitatensammlung für Gottesdienste, dieses schmale Buch, das Saint-Exupéry noch selbst so eingängig illustriert hat, ist alles zugleich. Seit über siebzig Jahren geistert der kleine Prinz durch die Buchhandlungen und begeistert vor allem jüngere Leser. Selbst die unsägliche Verfilmung zu einer Fernsehserie, die außer den Personen nichts mit dem Zauber des Buches gemein hat, konnte dem Erfolg und dem Renommee dieses Buches nichts anhaben. In Düsseldorf existiert ein kleiner Verlag nur von der deutschsprachigen Ausgabe dieses Titels, der Karl Rauch Verlag. Er publiziert fast nichts außer den Werken von Saint-Exupéry, in immer neuen Varianten bis hin zu Merchandisingartikeln. Doch nachdem der Autor bekanntlich 1944 von einem Deutschen über dem Mittelmeer in seinem Aufklärungsflugzeug abgeschossen wurde, endete 2014 der Schutz der Urheberrechte. Lediglich die ursprüngliche Übersetzung ist weiter geschützt. Grund genug für den Karl Rauch Verlag, sich neues Terrain zu erschließen.
Mit Mirko Bonné konnte ein renommierter deutscher Schriftsteller (z. B. Wie wir verschwinden, 2009) für eine Zusammenarbeit gewonnen werden, deren Ergebnis nun vorliegt. Herausgekommen ist ein wunderschön aufgemachtes Buch, wie ich es selten in der Hand gehabt habe. Ein gebundener Band mit strukturiertem Umschlagpapier, zweifarbig gedruckt (schwarz und sandgelb), illustriert mit künstlerischen Schwarzweißfotos und aufgelockert mit Vignetten, dazu ein entsprechend farbiges Lesebändchen. Hinzu kommen ein sehr ansprechendes Layout und hervorragendes, festes, glatt gestrichenes Papier. Für Bücherliebhaber ist dieses Buch wirklich ein Genuss und sogar preiswert. Aber auch der Inhalt kann sich sehen lassen, obwohl das Vorhaben gewagt ist. Bonné begibt sich auf die Spuren von Saint-Exupéry. Tatsächlich findet sein Ich-Erzähler – wenn auch nur in der fiktiven Erzählung – das Flugzeug, mit dem Saint-Exupéry gemeinsam mit seinem Mechaniker André Prévot 1935 in der Nordsahara abstürzte, bevor die beiden nach einem fünftägigen Marsch durch die Wüste von Beduinen gerettet wurden. Dieses Erlebnis bildete Jahre später die Grundlage für die Geschichte um den kleinen Prinzen. Auch Mirko Bonné verwebt nun reale mit surrealen Schilderungen. Märchenhaft wird seine Erzählung dadurch, dass er einem sprechenden Wüstenfuchs begegnet, der als Nachkommen des damaligen Fuchses nach Spuren des kleinen Prinzen sucht. Zwischen diesen beiden entwickeln sich ähnlich philosophisch angereicherte Gespräche, insbesondere über die Widerspenstigkeit, wie in Der kleine Prinz. Das hätte ganz schnell kitschig oder epigonal wirken können, doch Mirko Bonné, dem hier auch seine Begabung als Lyriker zu Gute kommt, umschifft diese großen Untiefen mit erstaunlicher Geschicklichkeit. So legt der Karl Rauch Verlag eine lesenswerte Erzählung über die Wüste und das Leben vor, die der Nachdenklichkeit und der Gelassenheit in den Werken von Antoine de Saint-Exupéry durchaus gerecht wird.

Mirko Bonné: Die Widerspenstigkeit. Ein Märchen. Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 2017. 128 Seiten, gebunden. 18,- €

Astrid Lindgren, Carl Michael Bellman und Lisbeth Salander in Stockholm

Die Erfinderin von Pippi Langstrumpf und Autorin zahlreicher weltberühmter Kinderbücher, Astrid Lindgren (1907-2002), wohnte viele Jahre in Stockholm. Heute findet man unweit des Kindermuseums Junibacken im Stadtteil Djurgården ein Denkmal von ihr. Sie sitzt dort und liest aus dem Buch Die Brüder Löwenherz die Schlussverse, die übersetzt lauten: „Oh, Nangilima! Ja, Jonatan. Ja, ich sehe das Licht“. Wechselt man zudem sein Geld in schwedische Kronen lächelt einem Astrid Lindgren zusammen mit Pippi freundlich von den 20-Kronen-Scheinen entgegen. IMG_2762

Auf der Museumsinsel Djurgården stößt man auch auf ein Denkmal des nach Meinung der Landsleute größten schwedischen Dichters Carl Michael Bellman (1740-1795). IMG_2739

Und im hippen Stadtteil Södermalm steht das Haus Fiskargatan 9, in dessen oberer Etage die Romanheldin Lisbeth Salander nach Stieg Larsson (1954-2004) ihre 21-Zimmer-Wohnung besaß, von der aus sie nachts auf Stockholm herabsah. Leider konnte Larsson den Welterfolg seiner Millennium-Trilogie nicht mehr erleben.

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Logbuch Lyrik (11): Jan Wagners „Guerickes Sperling“ wieder gelesen

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Ich gestehe nach 13 Jahren. Das mir seinerzeit auf meine Bitte hin zugesandte Rezensionsexemplar von Jan Wagners „Guerickes Sperling“ habe ich nie besprochen. Damals schrieb ich regelmäßig Beiträge für die Rubrik Buchtipp in der Rheinischen Post. Dort wurden Bücher ausschließlich und vorbehaltlos empfohlen. Es gab keinen Platz für differenzierende Urteile. Der zweite Gedichtband von Jan Wagner hatte mir nicht so gut gefallen, dass ich ihn dort vorstellen wollte.

Inzwischen ist Jan Wagner zum erfolgreichsten deutschen Lyriker der Gegenwart avanciert. Als erster Lyriker erhielt er 2015 den Preis der Leipziger Buchmesse, woraufhin sein sechster Gedichtband „Regentonnenvariationen“ zu einem veritablen Bestseller avancierte, der sogar eine Taschenbuchausgabe erleben darf. Im Jahr 2017 wurde Wagner schließlich mit dem renommiertesten deutschen Literaturpreis, dem Georg-Büchner-Preis, ausgezeichnet. Das war nun Grund genug für mich, im Bücherregal nach besagtem Buch zu suchen, es noch einmal zu lesen und es nun endlich zu besprechen.

Ich muss sagen, diese Gedichte kann man relativ zügig lesen. Wagners Lyrik ist nicht anstregend, sie ist nicht sperrig und kaum hermetisch. Man stolpert nicht beim Lesen, man bleibt nicht hängen. Der Rhythmus und der Wohlklang der Worte verführen zum Weiterlesen. Ab und an liest man eine Zeile noch einmal, weil sie einem besonders gut gefällt, wie mir beispielsweise diese: „der tag, der seine kreide nimmt und geht.“ Durch den gesamten Gedichtband weht eine sanfte positive Grundstimmung, angereichert mit einer leicht melancholischen Note.

Formal sind alle Texte unglaublich gekonnt fabriziert. Wagner spielt mit den literarischen Formen, ohne jemals schiefe Bilder oder bemühte Reime zu produzieren. Man findet neben freien Versen sapphische Oden, häufiger Terzinen, Haikus und sogar einen formidablen Sonettenkranz über die Stadt Görlitz.

Wenn es nicht so unqualifiziert klingen würde, könnte man sagen, Jan Wagner schreibt schöne Gedichte. Das liegt auch am Inhalt. Zentrale Themen sind Reiseeindrücke und Naturbeschreibungen sowie Rückblicke auf historische Ereignisse wie im Titelgedicht, das auf ein physikalisches Experiment von Otto von Guericke anspielt. Das führt dazu, dass immer wieder das Wort „himmel“ auftaucht – offenbar in Fortführung seines ersten Gedichtbandes „Probebohrung im Himmel“ (2001). Auch der Blick aus dem oder in ein Fenster wird häufig inszeniert. Jahreszeiten und Tageszeiten spielen eine große Rolle. Personale Konflikte sucht man dagegen ebenso vergebens wie die Auseinandersetzung mit moderner Technologie. Selbst alltägliche Gegenstände wie Handy oder Toaster zählen nicht zum Inventar der Wagnerschen Gedichte, allenfalls wird einmal ein Fernseher erwähnt. Hier könnte natürlich eine Kritik an dieser fein austarierten, kunstfertigen Lyrik ansetzen. Doch ein einzelner Lyriker kann nicht allen Ansprüchen gerecht werden. Und eine derartige Kritik würde dieser so souverän vorgetragenen Poesie nicht gerecht. Jan Wagner ist ein würdiger Träger des Georg-Büchner-Preises.

Jan Wagner: Guerickes Sperling. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2004. 84 Seiten, gebunden. 

Logbuch Lyrik (10): „Alt?“ – Franz Hohler setzt sich lyrisch mit dem Tod auseinander

9783630875446_CoverDer Schweizer Schriftsteller Franz Hohler hat in seinem langen Leben eine riesige Zahl an Texten veröffentlicht, vornehmlich Kurzgeschichten und Erzählungen, aber auch Kinderbücher, Romane und Theaterstücke. Ganz selten auch Gedichte. Nun hat er mit „Alt?“ einen neuen Lyrikband vorgelegt, der thematisch um ein einziges Thema kreist: das Altwerden. Hohler selbst ist inzwischen 74 Jahre alt und macht sich aus nahe liegenden Gründen sehr persönliche Gedanken über den Tod: „Wenn du / das Alter betrittst / setz den Helm auf // es herrscht / Steinschlagefahr.“ Dieser Text steht auf der Rückseite des Umschlags und ist in mehrfacher Hinsicht typisch für Hohlers Lyrik. Es ist nur ein einziger Satz, der in Zeilen gebrochen wird. Der Zeilenumbruch dient als Atempause. Die Länge der Verse ist sehr kurz. Es handelt sich vielfach eher um Aphorismen, Sprachspiele und Gedankensplitter als um Lyrik.

Die toten Freunde Urs Widmer und Hans Arp tauchen in diesem Buch ebenso auf wie Todesanzeigen und Kindheitserinnerungen. Schwach sind die Texte, die sich auf moderne Zeiten beziehen wie das Gedicht „iPhone“: „Wenn er plötzlich / erscheint / auf dem kleinen Bildschirm / in deiner linken Hand / und dich anschaut / der Tod / wisch ihn weg / mit dem Finger / und wähle das App / Leben.“ Mit moderner Lyrik hat das wenig zu tun. Die Pointe in der letzten Zeile beispielsweise ist ein überkommenes Stilmittel.

Gleichwohl sind Franz Hohler auch poetische Perlen gelungen. In einigen, wenigen Gedichten findet er eindringliche Bilder und eine ansprechende lyrische Darstellung. In „Besuch“ schwebt ein Schmetterling durchs Fenster auf den Schreibtisch, klappt ein paar Mal die Flügel auf und zu, ehe er „in den Tag / und den Tod“ taumelt. Auch der Text „Warte nur“ klingt nach: „irgend einmal / nimmt der Tod / die Sonnenbrille ab // und schaut dich an.“ Hohler Fans werden diesen Gedichtband mögen. Für Lyrik-Interessierte bietet er insgesamt ein bisschen wenig.

Franz Hohler: Alt? Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2017. 96 Seiten, gebunden. 16,- €