Logbuch Lyrik (11): Jan Wagners „Guerickes Sperling“ wieder gelesen

wagner sperling

Ich gestehe nach 13 Jahren. Das mir seinerzeit auf meine Bitte hin zugesandte Rezensionsexemplar von Jan Wagners „Guerickes Sperling“ habe ich nie besprochen. Damals schrieb ich regelmäßig Beiträge für die Rubrik Buchtipp in der Rheinischen Post. Dort wurden Bücher ausschließlich und vorbehaltlos empfohlen. Es gab keinen Platz für differenzierende Urteile. Der zweite Gedichtband von Jan Wagner hatte mir nicht so gut gefallen, dass ich ihn dort vorstellen wollte.

Inzwischen ist Jan Wagner zum erfolgreichsten deutschen Lyriker der Gegenwart avanciert. Als erster Lyriker erhielt er 2015 den Preis der Leipziger Buchmesse, woraufhin sein sechster Gedichtband „Regentonnenvariationen“ zu einem veritablen Bestseller avancierte, der sogar eine Taschenbuchausgabe erleben darf. Im Jahr 2017 wurde Wagner schließlich mit dem renommiertesten deutschen Literaturpreis, dem Georg-Büchner-Preis, ausgezeichnet. Das war nun Grund genug für mich, im Bücherregal nach besagtem Buch zu suchen, es noch einmal zu lesen und es nun endlich zu besprechen.

Ich muss sagen, diese Gedichte kann man relativ zügig lesen. Wagners Lyrik ist nicht anstregend, sie ist nicht sperrig und kaum hermetisch. Man stolpert nicht beim Lesen, man bleibt nicht hängen. Der Rhythmus und der Wohlklang der Worte verführen zum Weiterlesen. Ab und an liest man eine Zeile noch einmal, weil sie einem besonders gut gefällt, wie mir beispielsweise diese: „der tag, der seine kreide nimmt und geht.“ Durch den gesamten Gedichtband weht eine sanfte positive Grundstimmung, angereichert mit einer leicht melancholischen Note.

Formal sind alle Texte unglaublich gekonnt fabriziert. Wagner spielt mit den literarischen Formen, ohne jemals schiefe Bilder oder bemühte Reime zu produzieren. Man findet neben freien Versen sapphische Oden, häufiger Terzinen, Haikus und sogar einen formidablen Sonettenkranz über die Stadt Görlitz.

Wenn es nicht so unqualifiziert klingen würde, könnte man sagen, Jan Wagner schreibt schöne Gedichte. Das liegt auch am Inhalt. Zentrale Themen sind Reiseeindrücke und Naturbeschreibungen sowie Rückblicke auf historische Ereignisse wie im Titelgedicht, das auf ein physikalisches Experiment von Otto von Guericke anspielt. Das führt dazu, dass immer wieder das Wort „himmel“ auftaucht – offenbar in Fortführung seines ersten Gedichtbandes „Probebohrung im Himmel“ (2001). Auch der Blick aus dem oder in ein Fenster wird häufig inszeniert. Jahreszeiten und Tageszeiten spielen eine große Rolle. Personale Konflikte sucht man dagegen ebenso vergebens wie die Auseinandersetzung mit moderner Technologie. Selbst alltägliche Gegenstände wie Handy oder Toaster zählen nicht zum Inventar der Wagnerschen Gedichte, allenfalls wird einmal ein Fernseher erwähnt. Hier könnte natürlich eine Kritik an dieser fein austarierten, kunstfertigen Lyrik ansetzen. Doch ein einzelner Lyriker kann nicht allen Ansprüchen gerecht werden. Und eine derartige Kritik würde dieser so souverän vorgetragenen Poesie nicht gerecht. Jan Wagner ist ein würdiger Träger des Georg-Büchner-Preises.

Jan Wagner: Guerickes Sperling. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2004. 84 Seiten, gebunden. 

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