„Das russische Duell“ – Felix Philipp Ingold nimmt ein altes Ritual der Konfliktbewältigung ins Visier

csm_9783862530700_ef35fb2d6cDer 1942 in Basel geborene Dichter, Übersetzer und emeritierte Professor Felix Philipp Ingold ist einer der profundesten deutschsprachigen Kenner der russischen Kulturgeschichte und Literatur. Diese Exzellenz belegt er einmal mehr mit seinem neusten Buch, in dem er dem Ritual des Duells in Russland nachspürt. Das russische Duell, das man nicht mit dem russischen Roulette verwechseln sollte, ist eine kulturspezifische Variante des Duells, wie es auch in anderen europäischen Ländern seit dem 15. Jahrhundert in unterschiedlichen Ausprägungen, vornehmlich unter Angehörigen des Adels, praktiziert wurde. Im russischen Zarenreich kam das Duell erst relativ spät, nach der Öffnung gen Westen unter Peter I., auf. Trotz des Verbots durch den Zar, der berechtigterweise eine erheblich Dezimierung seiner Führungsschicht befürchtete, hielt sich diese martialische Form der Konfliktbewältigung bis zum Ende des russischen Kaiserreichs 1917.

Ingold interessiert sich so eingehend für dieses Thema, zu dem er nun die erste deutschsprachige Gesamtdarstellung vorlegt, „weil das Duell ja tatsächlich eine existenzielle humane Grundkonstellation und zudem einen elementaren wie auch psychischen Mechanismus modellhaft veranschaulicht, nämlich die von Aktion und Reaktion – zwischen bewegten Körpern.“ Dieses Ritual der Satisfaktion wird in all seinen Details, von der Anzahl der Schritte bis zum Gebrauch der Schusswaffe, sowie seiner Varianten ausführlich im historischen Kontext erläutert. Zahlreiche Dokumente, die teilweise abgebildet werden, verdeutlichen die intensive Recherche, die diesem bemerkenswerten Buch zu Grund liegt.

Einen großen Stellenwert räumt Ingold Duellen von Schriftstellern und der Darstellung von Duellen in der Literatur ein. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der große Dichter Alexander Puschkin bereits mit 37 Jahren durch ein Duell starb, nachdem er zuvor bereits zwanzig dieser grausamen Auseinandersetzungen überlebt hatte. Ingolds Kulturgeschichte des Duells endet auf Seite 196 des voluminösen Bandes. Die folgenden gut 230 Seiten dienen lediglich dem Abdruck von Texten und Dokumenten. Neben zahlreichen literarischen Texten sind dies auch Auszüge aus Prozessakten, Gesetze und Kommentare. Vermutlich hätte ein Band ohne diesen Materialanhang und mit einem deutlich günstigeren Preis deutlich mehr Leser gefunden. Im Sinne der Sache ist es aber gut, dass beides zusammen ist. So hat Felix Philipp Ingold hundert Jahre nach dem Verschwinden aufgrund des tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels ein grundlegendes Werk über ein altes Ritual verfasst, das den Lesern aus Filmen und Romanen nur in groben Umrissen geläufig sein dürfte.

Felix Philipp Ingold: Das russische Duell. Kultur- und Sozialgeschichte eines alten Rituals. Konstanz University Press, Paderborn 2016. 438 Seiten, gebunden. 39,90 €

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