Logbuch Lyrik (6): „Geliehene Landschaften“ von Marion Poschmann

42522Marion Poschmann ist eine der interessantesten und vielfältigsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen. Romane, Essays und Lyrikbände wechseln sich in beharrlicher Folge ab, als würde die Autorin eine literarische Dreifelderwirtschaft betreiben. Nach ihrem bemerkenswerten Roman Die Sonnenposition (2013) erschienen in diesem Frühjahr zeitgleich Mondbetrachtung in mondloser Nacht (Suhrkamp Verlag), eine Sammlung ihrer Essays, sowie ihr neuer Gedichtband Geliehene Landschaften.

Mit beeindruckender Konsequenz führt Poschmann darin ihr lyrisches Werk fort. Sie zeigt sich ein weiteres Mal in sehr überzeugender Weise inhaltlich und formal als Konzeptlyrikerin, wie in Grund zu Schafen (2004) mit dem thematischen Schwerpunkt Natur, dem sie sich vornehmlich in der Form antiker Oden näherte, und in dem Band Geistersehen (2010), der sich im formalen Repertoire durch Sonettformen erweitert zeigte und den Themenkomplex Sichtbares-Unsichtbares anging. Der neue Band weist als Thema schon im Titel den Begriff der geliehenen Landschaft auf, der in der ostasiatischen Gartenkunst eine Szenerie bezeichnet, die außerhalb der eigentlichen Gartenanlage liegt, aber bewusst in diese mit einbezogen wird. Die Wirkung dieses ästhetischen Konstrukts fängt Poschmann in ihren Gedichten auf und erweitert sie durch persönliche und thematische Bezüge. Als lyrische Formen verwendet sie dieses Mal vorzugsweise Elegien und Lehrgedichte, wenngleich letztere Form eher zurückhaltend eingesetzt wird.

Zur Umsetzung ihres Konzepts hat Poschmann konkret neun künstliche Landschaften ausgewählt, darunter sieben Parks wie den New Yorker Coney Island Lunapark, den Bernsteinpark Kaliningrad oder den Kindergarten Lichtenberg. Bereits diese Auswahl belegt die Weltoffenheit, die Poschmanns Gedichte auszeichnen. Sie spiegeln keine lokale Nabelschau, sondern eine globale Sicht auf die Dinge, wobei sich die Texte in diesem Band in besonderer Weise von ostasiatischer Kultur beeinflusst zeigen. Die abgedruckten Anmerkungen verdeutlichen, wie sachkundig Poschmann sich ihrem Gegenstand widmet.

Auch die Gliederung ihres Gedichtbandes entspricht dem Gegenstand. Alle neun Kapitel enthalten neun Gedichte. Er weist somit in homologer Weise wie viele Parkanlagen eine symmetrische Ordnung auf. Diese Ordnungsstruktur führt Poschmann sogar noch weiter. Alle Gedichte des ersten Zyklus bestehen aus drei Strophen mit sechs Zeilen. Alle neun Texte über den Sibeliuspark in Helsinki sind aus drei Strophen mit jeweils drei Zeilen gestaltet. Andere Abschnitte wiederum sind variantenreicher aufgebaut, vielfach als kompakte Textblöcke.

„Park ist der Leib des Gedankens, und ich, / Gottes Gartenberater, bespreche den Umstand, daß jede / Generation durch ihr Lustwandeln Welt erzeugt oder / entwurzelt wird.“ Poschmann arbeitet häufig mit ganzen Sätzen und verwendet durchgängig eine korrekte Zeichensetzung, allerdings immer noch auf der Grundlage der alten Rechtschreibung. Hinzu kommen elliptische Sätze, die teilweise nur aus einem Wort bestehen: „Teer denken. Teerpappe. Flachdachmisere.“ Fremdwörter wie „Ikonostase“ werden nur vereinzelt als Einsprengsel verwendet.

Geliehene Landschaften ist ein formal und inhaltlich sehr ansprechender, vollständig durchkomponierter Gedichtband, der dem Leser viele Reize bietet, für eigene Assoziationen, Erinnerungen und Reflektionen: „Du weißt nicht mehr, wer du bist, du erscheinst dir ganz neu. Und die Landschaft beginnt noch einmal von vorn.“

Marion Poschmann: Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 124 Seiten, gebunden. 19,95 €

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2 Gedanken zu “Logbuch Lyrik (6): „Geliehene Landschaften“ von Marion Poschmann

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