Vanessa Geuen untersucht Kneipen, Bars und Clubs als postmoderne Heimatkonstruktionen

Geuen_BarsGibt es das Genre Kneipenroman? Und wenn nicht, macht es Sinn, dieses zu definieren und zu etablieren? Vanessa Geuen geht diesen Fragen in ihrer kulturwissenschaftlichen – und eben nicht literaturwissenschaftlichen – Dissertation nach. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Kneipenromane, wie sie vom Feuilleton teilweise bezeichnet werden, in der Gegenwartsliteratur relativ häufig auftreten, ohne dass sich die Literaturwissenschaft bislang diesem Komplex zugewendet hat. Daraus resultiert, dass das Genre Kneipenroman wissenschaftlich nicht existiert. Vanessa Geuen zeigt gleichwohl, dass es sich relativ schlüssig abgrenzen ließe. Für ihre Untersuchung vorliegender Romane postuliert sie zwei notwendige Kriterien: „Erstens ist eine Kneipe, eine Bar oder ein Club der handlungstragende Raum für die Figuren….Zweitens beziehen sich die Figuren in ihren Handlungen, Einstellungen und Interaktionen immer wieder auf den Raum Kneipe, Bar oder Club.“ Diskotheken, Restaurants und Cafés werden aufgrund ihrer Andersartigkeit ausgeschlossen.

Nach einigen methodischen Überlegungen wählt Geuen sechs Romane als exemplarisch aus. Diese dienen ihr als Basis und Belege für ihre theoretischen Überlegungen. Darin liegt ein Problem der Arbeit, denn die Auswahl ist natürlich subjektiv und enthält zudem keinen bekannten bzw. literarisch anerkannten Roman. Zudem bleibt fragwürdig, dass Geuen sich nicht auf die deutschsprachige Literatur beschränkt, sondern auch Übersetzungen aus dem westlichen Kulturraum miteinbezieht.

Gleichwohl erscheinen ihre Gliederung einleuchtend und ihre Ergebnisse erhellend. Im zweiten Kapitel untersucht sie die Kneipe als individuelles Konstrukt und soziales Geflecht. Ihm folgen drei Kapitel, die sich der Kneipe als Heimatraum widmen: Vertrautheit im Unvertrauten, Gemeinschaft und Freiheit sowie Kollaps und Katharsis. Es geht Geuen dabei vor allem darum, postmoderne Heimat und postmoderne Identität miteinander in Beziehung zu setzen. Auch wenn das Fazit „Die Heimat-Insel Kneipe erweist sich als zu unwirtlich und bereits besetzt vom Fremden, als dass sie dauerhaft eine stabile, vertraute und verlässliche Zufluchtsstätte innerhalb postmoderner Komplexität und Instabilität sein könnte.“ wenig überraschend ist, so hat Vanessa Geuen in ihrem Buch doch gezeigt, dass die weitere Untersuchung dieses besonderen Raums anhand literarischer Texte vor dem Hintergrund theoretischer Ansätze wie dem Thirdspace-Konzept oder Foucaults Heterotopie-Konzept lohnenswert erscheint.

Vanessa Geuen: Kneipen, Bars und Clubs. Postmoderne Heimat- und Identitätskonstruktionen in der Literatur. Verlag Ripperger & Kremers, Berlin 2016. 296 Seiten. 34,90 €

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