Auch in Krefeld! – Arisierung, Enteignung und kaum Bemühen um Wiedergutmachung

Krefeld_14.8.2015.inddSo beginnen eigentlich nur Romane. Claudia Flümann findet auf dem Dachboden Rückerstattungsakten aus dem Besitz ihrer Familie. Sie betreffen mehrere Firmen aus jüdischem Besitz in Königsberg, Berlin und ihrem Wohnort Krefeld. Ihr Großvater Heinrich Dietz hatte diese in den Dreißiger Jahren erworben. Laut Familiensaga waren die ursprünglichen Eigentümer zum Zeitpunkt des Erwerbs längst ausgewandert und der Großvater nie in der Partei gewesen. Claudia Flümann ließen die Akten keine Ruhe, und sie begann zu recherchieren.Der Großvater war am 1.5.1933 in die NSDAP eingetreten und zumindest zwei der jüdischen Voreigentümer waren im Holocaust umgekommen. Claudia Flümann, selbst promovierte Historikerin, hörte nicht auf zu recherchieren, viele Jahre lang. Nun liegen ihre Ergebnisse vor. Es ist ein voluminöses Buch geworden, detailreich, übersichtlich und sorgfältig editiert. Zahlreiche, teilweise farbige Reproduktionen –  es sind insgesamt 141 Abbbildungen enthalten – lockern das Buch auf und laden auch zum Blättern und Verweilen ein.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Der erste beschreibt die ökonomisch und soziale Existenzvernichtung der jüdischen Bürger in Krefeld in der Zeit von 1933 bis 1945. Die Arisierung und Enteignung geschah umfassend. Schon bis 1939 wurden sämtliche jüdischen Einzelhändler, Fabrikanten und Geschäftsleute, die seit dem 19. Jahrhundert einen selbstverständlichen Platz im wirtschaftlichen und sozialen Leben der Stadt innehatten, verdrängt. Dies betraf in besondere Weise auch das Textilgewerbe, das die „Samt- und Seidenstadt“ traditionell geprägt hat. Klar und deutlich arbeitet Flümann das Netzwerk der an der Existenzvernichtung Beteiligten heraus: die Stadtverwaltung, die Fachgruppe Seiden- und Samtindustrie, die Industrie- und Handelskammer, die Finanzverwaltung, die Gestapo, die Geldinstitute und nicht zuletzt private Profiteure.

Der zweite Teil widmet sich dem langen Kampf um die Wiedergutmachung nach 1945 bis 1963. Es ist beschämend, was Flümann alles zu Tage fördert. Mit wie vielen Widerständen die wenigen zurückgekehrten jüdischen Vorbesitzer zu kämpfen hatten. Und wie gering insgesamt ihre Entschädigung ausfiel, eine Wiedergutmachung im eigentlichen Sinne konnte dies ja ohnehin nicht sein. Viele Einzelfälle rollt Flümann vor uns aus. Immer wieder durch Zitate aus persönlichen Berichten und Gerichtsakten lebendig gemacht. So im besonders dreisten Fall des Kaufmanns Heinrich Kaufmann, der 1938 und 1939 beträchtliche Vermögenswerte von jüdischen Eigentümern weit unter Wert erworben hatte und sich 1947 selbst – wie viele andere auch – als Opfer des Nationalsozialismus stilisierte. 1963 stellte er gar einen Wiedergutmachungsantrag, da er angeblich jüdische Angestellte länger als andere beschäftigt und dadurch geschäftliche Nachteile gehabt hätte.

Im dritten Teil, dem Versuch einer Bilanz, macht Claudia Flümann unmissverständlich klar, dass die Stadt Krefeld, die sich gerne ihrer liberalen Tradition als Rückzugsort für Glaubensflüchtlinge (Mennoniten) rühmt, keineswegs weniger brutal mit ihren jüdischen Mitbürgern umging. „An dem bald nach dem Krieg auch in Krefeld einsetzenden deutschen `Wirtschaftswunder` hatten die jüdischen Kaufleute und Unternehmer, deren Väter und Großväter einst zum Wohlstand der Stadt erheblich beigetragen hatten, keinen Anteil mehr.“

Claudia Flümann hat eines der wichtigsten Bücher zur Krefelder Stadtgeschichte verfasst. Der Klartext Verlag hat dieses Buch sehr ansprechend gestaltet. Ohne die finanzielle Unterstützung mehrerer Vereine und Verbände hätte dieses Werk niemals so günstig auf den Markt kommen können. Auf diese Weise ist es für interessierte Bürger durchaus erschwinglich, was hoffentlich viele nutzen werden. In den Zeiten, in den Fremdenfeindlichkeit wieder ein tagesaktuelles Thema geworden ist, erscheint es besonders wichtig, sich die deutsche Vergangenheit  – hier besonders eindrucksvoll konkretisiert an einer Großstadt – bewusst zu machen.

Claudia Flümann: „… doch nicht bei uns in Krefeld!“ Arisierung, Enteignung, Wiedergutmachung in der Samt- und Seidenstadt 1933 bis 1963. Klaretxt Verlag, Essen 2015. 662 Seiten, Hardcover. 29,95 €

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