„Der gelbe Akrobat 2“ – Michael Braun und Michael Buselmeier verführen zum Lyriklesen

3d-akrobat2Der Literaturkritiker Michael Braun und der Autor Michael Buselmeier haben sich in den letzten fünfundzwanzig Jahren mit dem Projekt „Der gelbe Akrobat“ einen Namen gemacht, insbesondere seit der erste Band mit einer Sammlung von 100 kommentierten Gedichten 2009 im poetenladen erschienen ist. Er liegt inzwischen in der dritten Auflage vor. Dieses ambitionierte Unterfangen, das sich ganz der deutschsprachigen Lyrik verschrieben hat, beschränkt sich im Gegensatz zur ähnlich konzipierten, von Marcel Reich-Ranicki begründeten Frankfurter Anthologie, die inzwischen auch Selbstinterpretationen und fremdsprachige Gedichte zulässt, auf Autorinnen und Autoren der Gegenwart. Zudem wird von jedem Verfasser nur ein Gedicht besprochen. Dieses nutzen Braun und Buselmeier dann gekonnt exemplarisch als pars pro toto, um den Lyriker bzw. die Lyrikerin mit den Grundzügen seines bzw. ihres Werkes vorzustellen. Der zweite Band bricht insofern mit dieser Grundidee, als er mit Ulrike Draesner, Rolf Haufs, Wolfgang Hilbig, Jan Koneffke, Ursula Krechel, Christoph Meckel und Jürgen Theobaldy einige Autorinnen und Autoren enthält, die bereits im ersten Band vertreten sind.

Aber auch der zweite Band besticht mit fünfzig deutschsprachigen Gedichten von fünfzig unterschiedlichen Verfassern, deren Texte abwechselnd von Michael Buselmeier und Michael Braun vortrefflich kommentiert werden. Alle Kommentare sind zuvor bereits auf der Internetseite des Poetenladens und in dessen formidablen Literaturmagazin poet erschienen.

Unter den vorgestellten Autorinnen und Autoren gibt es immer wieder neue Entdeckungen, die das feine Gespür der beiden Herausgeber – nennen wir sie einmal so – für aktuelle Tendenzen oder neue Stimmen in der Lyrikszene belegen.  So wurde beispielsweise Kerstin Preiwuß bereits im Jahre 2008 gewürdigt, lange bevor der zweite Gedichtband dieser Autorin im Suhrkamp Verlag veröffentlicht wurde.. Etwas aus dem Rahmen fallen dagegen die Kommentierungen der Gedichte von Elisabeth Langgässer (1899-1950), Oskar Loerke (1884-1941) und Wilhelm Lehmann (1882-1968),  die man schwerlich noch als Gegenwartsautoren gelten lassen kann. Im Vorwort heißt es dazu: Mit diesen Gedichten „wird an die Großmeister der naturmagischen Schule erinnert, um die es still geworden ist“.

Es ist bemerkenswert, wie es sowohl dem Heidelberger Lyrikpatron Michael Buselmeier, der immerhin schon mehr als 75 Jahre hinter sich weiß, als auch dem brillanten Lyrikritiker Michael Braun gelingt, auf knapp zwei, maximal zweieinhalb Buchseiten anhand eines einzelnen Gedichtes zum Kern des lyrischen Werkes des Verfassers respektive der Verfasserin vorzudringen. Von Marion Poschmann beispielsweise hat Michael Braun das relativ kurze und nicht leicht zugängliche Gedicht „latenter Ort“ ausgesucht, um dem Leser zu verdeutlichen, dass in Poschmanns Lyrik „die vertrauten Positionen von Subjekt und Objekt, die Verhältnisse zwischen Ich und Natur immer wieder ins Wanken gebracht“ werden. Und weiter heißt es: „Marion Poschmanns Dichtung ist eine hoch artifizielle Wahrnehmungskunst: Sie bevorzugt Bild-Kombinationen, die manchmal ins Alogische und Rätselhafte gehen, gleichwohl etwas Suggestives haben.“ Das ist so prägnant formuliert, dass dieser Satz in einem entsprechenden Lexikon stehen könnte.

Der zweite Band erinnert mit ausgewählten Gedichten auch an verstorbene Autoren wie Clemens Eich, Rolf Haufs und Rainer Malkowski und ruft diese noch einmal eindringlich in unser poetisches Bewusstsein. In besonderer Weise aber rückt er Gegenwartsstimmen in den Blickpunkt, die zum Weiterlesen animieren, so wie Norbert Hummelt, Nadja Küchenmeister, Ann Cotten oder Hendrik Rost. Der gelbe Akrobat ist eine wunderbare, verlässliche Fundgrube zeitgenössischer Lyrik. Großartiger Weise führen Braun und Buselmeier die Reihe weiter. Man darf in einigen Jahren also auf einen dritten Band hoffen. Bis dahin gilt es, eindringlich in den ersten beiden Bände zu stöbern.

Michael Braun und Michael Buselmeier: Der gelbe Akrobat 2. 50 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert. poetenladen Verlag, Leipzig 2016. 186 Seiten, Klappenbroschur. 18,80 € 

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