„Märzgefallene“ – Volker Kutschers ambitionierte Krimiserie erreicht die Nazi-Zeit

9783462047073_5Der Kölner Autor Volker Kutscher beabsichtigt in einem sehr ambitionierten Unterfangen, eine Kriminalromanserie vorzulegen, die den Niedergang der Weimarer Republik und den Aufstieg des Nationalsozialismus in acht Bänden bis zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin beschreibt. Seine Serie beginnt am 28. April 1929 mit dem Kapitel „Der Tote im Landwehrkanal“. Dieser erste Band „Der nasse Fisch“ beleuchtet vor allem das Milieu der Exilrussen in der deutschen Hauptstadt, während der zweite Band („Der stumme Tod“) im Filmmilieu spielt.

Der dritte Fall des Gereon Rath („Goldstein“) behandelt schwerpunktmäßig die untergehende Welt der orthodoxen Juden rund um den Alexanderplatz. Zudem bilden der Machtkampf in der SA und die aufkommende Wirtschaftskrise die Kulisse für einen epischen Krimi, der viel Wert auf realistische Details legt. Den bisherigen Höhepunkt der Serie bildet der vierte Teil „Die Akte Vaterland“, in dem es Kutscher auf beeindruckende Weise gelingt, eine untergegangen Kulturlandschaft, nämlich Masuren, wieder aufleben zu lassen, und daran die tiefgreifenden politischen Veränderungen, die sich anbahnen, deutlich werden zu lassen.

Der fünfte Fall hat die schwierige Aufgabe die Machtergreifung der Nationalsozialisten in den ersten Monaten des Jahres 1933, die in wesentlichen Teilen eine Machtübertragung war, darzustellen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum weniger Spannung aufkommt als in den vorangegangen Bänden. Es ist der Übergangsroman von der Weimarer Republik ins sogenannte Dritte Reich. Dieser Übergang wird vor allem aus der Sicht der beiden wenig politisierten Protagonisten, dem Kriminalkommissar Gereon Rath und Charlotte Ritter, seiner inzwischen zur Verlobten, aber auch zur Betrogenen avancierten Freundin, geschildert. Dies wirkt immer wieder etwas bemüht, zumal die aktuellen politischen Ereignisse nicht direkt mit dem unspektakulären Mordfall zu tun haben, der sich dann zu einem Serienmord, dessen Entstehungsgeschichte in den Ersten Weltkrieg zurückreicht, ausweitet. Es geht erneut um einen Goldschatz (wie in Band 1) und um Jugendliche, die auf der Straße hausen (wie in Band 3). Außerdem spielt natürlich der legendäre Unterweltkönig John Marlow alias Doktor M., mit dem sich Rath eingelassen hat, wieder eine große Rolle.

Speziell Zigarettenmarken haben es Kutscher angetan: Overstolz, Manoli, Muratti, Juno und sogar Camel werden bei jeder sich bietenden Gelegenheit geraucht. Das ist wenig originell – im Gegensatz zu der Marotte von Raths Chef Gennat, der permanent Kuchenstücke vertilgt. Geschickt spinnt Kutscher seine Plots um authentische Persönlichkeiten, wie eben den bekannten Kriminalrat Ernst Gennat (1880-1939) oder den Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer. Diesen Personen werden fiktive Charaktere zur Seite gestellt, neben Gereon Rath insbesondere seine Freundin und spätere Frau Charlotte Ritter, die zunächst als ambitionierte Jurastudentin mit einem Faible für Kriminalfälle und später als Kriminalbeamtin mit ihm zusammenarbeitet.

Kutscher zeichnet das Bild eines korrupten Berlins, das aus den Fugen geraten ist und nun unter die Kontrolle der Nationalsozialisten gerät. Doch auch in diesem Band eilt häufig Kommissar Zufall zur Hilfe.

Kutscher schreibt stilistisch nicht gerade brillant, auch psychologisch sind viele Figuren eher holzschnittartig angelegte Charaktere. Es fehlt im Berlin von Tucholsky und Kästner vor allem eine Auseinandersetzung mit den Intellektuellen der Weimarer Republik. Zentrale historische Ereignisse, wie die Bankenkrise in Deutschland, wurden nur beiläufig in das Geschehen mit eingeflochten. Ein vertieftes Verständnis für die Zusammenhänge wird so nur in Ansätzen vermittelt.

Der aus Köln nach Berlin versetzte Kriminalkommissar Geren Rath verfügt inzwischen sogar über eine eigene Homepage: www.gereonrath.de. So werden die verschiedenen Epochen auf einfache Weise verlinkt. Auf dieser Internetseite findet man ein beeindruckendes Quellenverzeichnis, auf dem die Recherchen seines Erschaffers beruhen. Doch zu guter Literatur gehört mehr als historische Glaubwürdigkeit. Aber diese Serie bleibt trotz der genannten Einwände ein besonderes, ein spannendes und ein lesenswertes Vorhaben.

Volker Kutscher: Märzgefallene. Gereon Raths fünfter Fall. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 608 Seiten, gebunden. 19,99 €

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2 Gedanken zu “„Märzgefallene“ – Volker Kutschers ambitionierte Krimiserie erreicht die Nazi-Zeit

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