„Trakl und wir“ – Fünfzig tiefe Blicke in einen Opal

Scannen0035In diesem Jahr gedenken wir des 100. Todestages von Georg Trakl (1887-1914). Dazu sind zahlreiche Publikationen erschienen, Neuausgaben seiner Werke und allein drei Biographien. Etwas Besonderes hat sich die Münchener Stiftung Lyrik Kabinett einfallen lassen. Gemeinsam mit den beiden Herausgebern Mirko Bonné und Tom Schulz, beide selbst außerordentliche Dichter, lud sie fünfzig zeitgenössische Lyrikerinnen und Lyriker zu einer Auseinandersetzung mit Trakls Gedichten ein. Herausgekommen ist ein formal und inhaltlich formidabler Band. Man hält eine wunderschöne Ausgabe in der Hand: feines, dickes Papier, modernes, großzügiges Layout und ansprechende, variable Typografie.

Beinahe alle, die Rang und Namen in der deutschsprachigen Lyrik haben, sind diesem Aufruf nachgekommen: von Nora Bossong bis Durs Grünbein. Jeder Dichter hat sich einen speziellen Text von Trakl ausgewählt, der jeweils auf der linke Seite abgedruckt ist. Ihm gegenüber steht das Ergebnis der Auseinandersetzung: meistens ein korrespondierendes Gedicht, aber gelegentlich auch eine Interpretation oder ein Kommentar.

Es ist beeindruckend, wie ergiebig Trakls Gedichte heute noch sind. Die intensive Auseinandersetzung hat zu einer Reihe großartiger neuer poetischer Texte geführt. Hervorheben möchte ich Jan Wagners Essay „Rinnende Perlen“ über Trakls Rosenkranzlieder. Ebenso Ulla Hahns Salzburger Notizen. Zudem das Gedicht „Verfallsstudie“ von Nora Bossong als Replik auf Trakls Sonett „Verfall“. Bossong stellt dazu die Sonettform auf den Kopf und arbeitet mit einem originellen Reimschema.

Kathrin Schmidt dagegen hält fest: „Anders als formal auf ihn Bezug nehmen, will nicht gelingen. So reden wir aneinander vorbei.“ Ganz nah dran ist wiederum Marie T. Martin mit einem einfühlsamen Gedicht und einem Kommentar zum ausgesuchten Gedicht „Naturtheater“. Sie stellt fest: „Da im Gedicht alle Zeiträume miteinander verschränkt werden können, besteht die Möglichkeit, eine Klage zu wandeln oder zu transformieren. Ein Gedicht kann also alchemistische Qualitäten haben.“

Diese Magie der lyrischen Texte von Georg Trakl überträgt sich auf viele der neu entstandenen Gedichte: Ulrich Kochs „Bevor der Winter kommt“ oder Marcel Beyers „An die Vermummten“, das überzeugend eine Verbindung zwischen dem Wahnsinn von vor hundert Jahren und heutigen Terrorakten herstellt. Weniger gelungene Texte gibt es auch: Arne Rautenbergs „Winterbogen“ oder auch Ron Winklers Montage von Textbausteinen aus Trakls Poem „De profundis“, die sich im Ungefähren verliert. Die Version von Johannes Kühn zu „Verklärter Herbst“ erscheint mir zu profan, um dem Original gerecht zu werden, zumal Marcel Beyer schon vor Jahren mit „Verklirrter Herbst“ eine kaum zu übertreffende Adaption vorlegt hat.

Sehr interessante Einblicke in den Opal – der Titel des Buches spielt auf Trakls Gedicht „Drei Blicke in einen Opal“ an – liefert Dorothea Grünzweig, die in Finnland lebt und in ihrem Text auch Fragen der Übersetzung und der Bedeutung des Begriffs „Moor“ nachgeht. Norbert Hummelt steuert einen glänzenden Essay zu Trakls „Ein Winterabend“ bei, in dem er Martin Heideggers These „Die Sprache spricht als Geläut der Stille“ aufgreift.

Dieser Sammelband ist ein Füllhorn mit fünfzig Edelsteinen. Nur wenige bleiben blass, die allermeisten leuchten hell. Das Konzept, das dieser Auseinandersetzung mit einem Dichter aus einer vergangenen Epoche zu Grunde liegt, ist voll aufgegangen. Es sollte unbedingt bald wieder Anwendung finden.

Mirko Bonné / Tom Schulz (Hg.): Trakl und wir. Fünfzig Blicke in einen Opal. Stiftung Lyrik Kabinett, München 2014. Paperback mit Fadenheftung. 196 Seiten 22,00 €

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