„Ostergewitter“ – Saskia Fischers beißende Vergangenheitsbewältigung

42280„Ich bin, bis auf den anhaltenden Durchfall als Baby und den Verkehrsunfall, nie ernsthaft krank gewesen, und doch kommt mir meine Kindheit vor wie eine einzige Krankheit.“ Was für ein böses Fazit. Mit einer immer wieder leicht ironisch durchbrochenen Bitterkeit lässt Saskia Fischer ihre Ich-Erzählerin Aleit ihr bisheriges Leben schonungslos durchleuchten: ihre Kindheit in der DDR und die Übersiedlung in den Westen. Die ganze Familie kommt auf den Prüfstand und wird gnadenlos auseinander genommen. Es ist eine Abrechnung mit der lieblosen, egoistischen Mutter, dem Missbrauch durch den Stiefvater, dem getrübten Verhältnis zur Halbschwester und die Entfremdung vom eigenen Ehemann. Nur die eigene Tochter wird liebevoll betrachtet. Der Roman ist eine unversöhnliche Suada, ein Monolog, in dem die Ich-Erzählerin ihr Leben Revue passieren lässt, während sie die aktuellen Ereignisse, beginnend am Ostersonntag über acht Tage beschreibt. Auslöser ist ein epileptischer Anfall, der Aleit ins Krankenhaus bringt. Dieses Gewitter im Kopf löst zahlreiche Erinnerungen aus, die Saskia Fischer in einer Prosa erzählt, die große Sogkraft entwickelt, sodass man den Roman trotz vordergründig wenig Handlung, aber zahlreichen scharfen Reflektionen, unbedingt weiterlesen möchte. Das Ganze ist so eindrucksvoll geschrieben und mit so vielen Details, vor allem aus der DDR-Zeit, gespickt, dass man schnell den Verdacht hegt, dass diese befreiende Brandrede, die in Teilen eben auch ein Wenderoman ist, stark autobiografisch geprägt ist. Ein Vergleich des Lebenslaufes der Ich-Erzählerin und der Autorin untermauert diese Vermutung. Saskia Fischer wurde 1971 in Schlema im Erzgebirge geboren und wuchs in der DDR auf. 1986 übersiedelte sie nach Nordrhein-Westfalen, wo sie ihr Abitur ablegte. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaften – die Protagonistin dagegen Geschichte -, in Bochum, brach das Studium jedoch ab und lebt nun seit vielen Jahren in Berlin.

„Heimat, denke ich, ist reines Sentiment und nichts als der Blick zurück“, heißt es an einer Stelle im Roman. Vielleicht muss so die nüchterne, konsequente Schlussfolgerung einer Person mit einer derartigen Lebensgeschichte lauten. Das Ostergewitter, das Aleit auf ihre Familienmitglieder niederprasseln lässt, hat zumindest eine reinigende Wirkung. Nachträglich wird der Stiefvater angeschwärzt, ihre Tochter wird ihm nach dem ersten Annäherungsversuch sofort entzogen und auch die Trennung von ihrem Ehemann scheint beschlossene Sache.

Saskia Fischer hatte sich bislang auf der Grundlage mehrerer großartiger Gedichtbände, zuletzt Scharmützelwetter (Suhrkamp Verlag, 2008), einen Namen als Lyrikerin gemacht. Ostergewitter zeigt, dass sie auch eine bemerkenswerte Prosaautorin ist. Wir dürfen auf ihre weiteren Werke sehr gespannt sein.

Saskia Fischer: Ostergewitter. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 196 Seiten, gebunden. 19,95 €. 

Advertisements

2 Gedanken zu “„Ostergewitter“ – Saskia Fischers beißende Vergangenheitsbewältigung

  1. Pingback: ZUGABE von “1Gedicht und mehr” – Saskia Fischer und Hellmuth Opitz sind am 11.12. zu Gast | Seitenaus linie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s