Logbuch Lyrik (3): „Wisperzimmer“ – von Marie T. Martin

wisperzimmer.inddIn einem Wisperzimmer wird geflüstert, weil ein Kind schläft. In einem Wisperzimmer hört man Stimmen, nahe und ferne, bekannte und unbekannte, reale und surreale. In Marie T. Martins Wisperzimmer vermischt sich Wirklichkeit mit Erinnerungen und Träumen: „Im Wisperzimmer / sind alle Geschichten ein Rascheln / blättrige Narben ohne Anfang / und Ende wo ist das Echo gelagert / wenn keiner mehr singt // im Wisperzimmer / sind Blattlichter Äste aus Stimmen / hier strecken sich Ende und Anfang / entgegen hier liegt was erklingt“. Martin selbst unterstreicht dies durch das vorangestellte Zitat des schottischen Dichters Seán Rafferty (1909-1993), das mit der Frage endet: „What can I give but a dream?“ Es ist der Traum von einem anderen Leben, ein Traum vom Leben hinter den Dingen.

Der Titel des Debütbandes der 1982 in Freiburg geborenen Autorin macht neugierig.  Und er passt zu den Texten, die leise und fragil daherkommen, wie geflüstert, und die dadurch eine geheimnisvolle Aura umgibt. Wer flüstert, der lügt, sagten wir als Kinder. Es steht etwas zwischen den Zeilen, dass sich nicht greifen lässt, aber doch erahnen. Immer wieder tauchen Relikte aus der Kindheit in den Gedichten auf: „Als ich noch hören konnte was die Türangel mir versprach / und ich lauschte dem vielstimmigen Karpfenchor„. Eine Kindheit, in der die Dinge beseelt waren. Martins Gedichte bewahren diesen Zauber der Kindheit, der bei ihr in den Alltag hineinragt. Es sind leichte Gedichte, lichte Gedichte, es ist überzeugend komponierte luzide Lyrik.

Formal betrachtet arbeitet Martin ohne Satzzeichen, mit vielfältigen Formen, oft auch mit Strophen. Ein weiteres Kennzeichen ist, dass ihre Gedichte keine Überschrift besitzen. Den Titel kann man lediglich dem Inhaltsverzeichnis entnehmen, er entspricht stets der ersten Zeile oder zumindest einem Teil von ihr. Der Gedichtband ist in sechs Kapitel eingeteilt, die Überschriften tragen wie „Warum der Kalender rückwärts läuft“ oder „Versteck unter Efeudecken“. Auffällig viele Vögel beleben die poetische Welt von Marie T. Martin: Meisen, immer wieder Meisen, aber auch Rotkehlchen, Krähen und Tauben erscheinen in den Texten, die eine sehr gelungene Überblendung von Realität, sinnlicher Wahrnehmung und fantasievollen Kopfgeburten darstellen: „dies ist das Paradies nicht wahr das Licht / das Leuchten Verbindung und Veränderung“.

Marie T. Martin: Wisperzimmer. Gedichte. 2. Auflage. poetenladen Verlag, Leipzig 2013. 88 Seiten, Klappenbroschur. 15,80 €

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