Logbuch Lyrik (2): „Das Gesicht der Welt“ von Karin Kiwus

Kiwus-Karin-Das-Gesicht-der-WeltNur vier Gedichtbände hat Karin Kiwus in dreißig Jahren vorgelegt. Und doch kennt sie jeder in der Lyrikszene. Das spricht für das Besondere ihrer Gedichte, ihren eigenen Ton. Bekannt wurde sie in den Siebziger Jahren mit ihrem Anti-Liebesgedicht „Im ersten Licht“: „und wenn ich dann im ersten Licht / deinen fetten Arsch sehe /… dann weiß ich wieder / daß ich dich nicht liebe“.

Nach den beide ersten Lyrikbänden Von beiden Seiten der Gegenwart (1976) und Angenommen später (1979) , die gleich im renommierten Suhrkamp Verlag erschienen, für den Kiwus auch einige Zeit als Lektorin arbeitete, dauerte es dreizehn Jahre bis schließlich der lang erwartete dritte Band erschien: Das Chinesische Examen (1992). Dieser Band unterscheidet sich inhaltlich und formal von den ersten beiden Veröffentlichungen. Kiwus verwendet nun Satzzeichen, die Themen werden ernster, kompromissloser und nachdrücklicher angegangen.  Es fehlt etwas von der Lockerheit der frühen Gedichte, und doch überzeugen auch sie auf ihre eigene Art.

Die 1942 in Berlin geborene Autorin überzeugte über all die Jahre mit Entschiedenheit und Prägnanz in ihrer Lyrik.  Jüngst erhielt sie zu Recht den mit 10.000 Euro dotierten Orphil-Lyrikpreis der Stadt Wiesbaden. Mirko Bonné, selbst ein bemerkenswerter Lyriker, bezeichnet in seinem verdienstvollen Nachwort „Examen eines Lebens“ den dritten der vier chronologisch angeordneten Bände als „die dunkle Nabe des Werkes, um die es rotiert“. Im Text „Abonnement“ stellt Kiwus nach Bonné „die Resignation und die Sinnleere dar, nachdem das Schreiben aufgehört hat, Lebensmittelpunkt zu sein“.

Es dauerte noch einmal vierzehn Jahre bis Karin Kiwus ihren vorerst letzten Gedichtband vorlegte. Der Titel Nach dem Leben (2006) deutet darauf hin, dass sie mit diesem Band eine Bilanz ihres gelebten Lebens zieht. Verschiedenartige Erinnerungen aus unterschiedlichen Lebenszeiten, auch an historische Persönlichkeiten, werden hier zu poetischen Texten verdichtet. Der verhalten melancholische Tenor dieser Gedichte spiegelt sich auch in einigen Titeln wider: „Zuvorletzt“, „Immer und ewig“, „Lebendigen Todes“ oder „Erbe“ beispielsweise. Es sind zumeist längere Gedichte, in einem narrativen Stil gehalten, teilweise mit sehr genauen Beschreibungen, deren Stärke der Wortklang und der evozierte Resonanzraum sind. Der Band mündet schließlich in die nachwirkende Darstellung einer Epiphanie: „Dieser Engel am Ende, seht, er / verkündet nicht mehr, er schweigt, / und doch bedeutet er, das Lächeln, / der aufzeigende Finger, ein betörendes / unlösbares Rätsel zu kennen, jenes / über ihm und ihm über.“

Karin Kiwus: Das Gesicht der Welt. Gedichte 1976-2006. Mit einem Nachwort von Mirko Bonné. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2014. 349 Seiten, gebunden.  22,95 €.

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