„Von Sprache sprechen“ – Lang lebe die Thomas-Kling-Poetikdozentur

Cover VON SPRACHE SPRECHEN_Lilienfeld Verlag 2014Viel zu früh verstorben ist der einzigartige Sprachjongleur Thomas Kling (1957-2005), der seine letzten Jahre auf der Raketenstation Hombroich in Neuss verbrachte und auf mindestens eine Lyrikergeneration nachhaltig einwirkte. Sein Werk harrt immer noch einer umfassenden literaturwissenschaftlichen Aufarbeitung.

Die Kunststiftung NRW setzte 2011 die glorreiche Idee in die Tat um, Thomas Kling dadurch zu ehren, dass sie an der Universität Bonn eine Poetikdozentur einrichtete, in der jedes Jahr ein anderer Autor zwei Semester lang seine poetologischen Konzepte vorstellt und mit den Studierenden in einen Austausch tritt, und diese Dozentur nach ihm benannte. Thomas Kling hätte die Idee und ihre Umsetzung gefallen. Und ganz besonders auch, dass die jährlich gehaltenen Antrittsvorlesungen nebst Laudationes durch eine Publikation festgehalten und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden.

Im ambitionierten Lilienfeld Verlag sind nun die aus dem genannten Anlass entstandenen Vorträge der ersten drei Poetikdozenten samt Lobreden und einem einführenden Essay von Hubert Winkels erschienen. Letzterer beschreibt Thomas Kling in seinem kenntnisreichen und sehr persönlichem Beitrag als „sanften Beserker“, der unentwegt das Zwiegespräch „mit den großen fernen und den nahen lieben Toten“ führte. Die Poetikdozentur bietet nun immer wieder Anlass, in einen Totentanz mit Thomas Kling zu treten.

Als erster Dozent trat der  Essayist und Übersetzer, vor allem aus dem Arabischen, Stefan Weidner sein Amt an. In seiner Antrittsvorlesung „Warum Übersetzungen altern und die orientalischen Poesie so blumig ist“ macht er deutlich, welche bedeutende eigenständige Leistung eine literarische Übersetzung stets darstellt. Und er belegt eindrucksvoll, wie sehr Übersetzungen das Bild eines Kulturraums prägen können und bezüglich des Orients bei uns geprägt haben. Die orientalische Poesie erscheint uns beispielsweise nur aufgrund der bekannten Übersetzungen blumig, was sie im Original nicht ist.

Ganz andere Akzente formulierte die zweite Poetikdozentin Barbara Köhler 2012. Die bekannte Lyrikerin und Sprachbildnerin setzt sich ausgehend von Kafkas Bericht für eine Akademie mit der besonderen Situation einer Schriftstellerin als universitäre Lehrkraft im Hörsaal auseinander.

Nachfolger als ständiger Bewohner auf der Raketenstation Hombroich wurde der Lyriker und Essayist Oswald Egger. Nur konsequent, dass er 2013 auch die Thomas-Kling-Poetikdozentur übernahm. Seine eigenwillige Antrittsvorlesung kreist um das Thema „Wie heiße ich noch einmal (wenn ich einer bin)?“, nimmt damit Bezug zur Märchenfigur Rumpelstilzchen, zitiert Tucholskys geistreichen Nonsense-Text „Zur soziologischen Physiognomie der Löcher“, ohne dies zu verraten, und wirft Fragen auf wie „Gehört es zum Wesen des Gedichts, dass es den Eindruck erweckt, aber nicht vermittelt?“.

Solche anregenden Vorlesungen habe ich mir als Student immer gewünscht. Wenn man schon nicht mehr an der Uni weilen kann, so kann man mit diesem Buch wenigstens im Nachhinein bei den alljährlichen Auftaktveranstaltungen dabei sein. Mögen die Thomas-Kling-Poetikdozentur und die Gepflogenheit, die Vorträge zu veröffentlichen, noch lange, lange Bestand haben.

Von Sprache sprechen. Die Thomas-Kling-Poetikdozentur. Herausgegeben von der Kunststiftung NRW. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2014. 120 Seiten, Klappenbroschur. 14,90 €
(Schriftenreihe der Kunststiftung NRW Literatur, Band 2) 

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2 Gedanken zu “„Von Sprache sprechen“ – Lang lebe die Thomas-Kling-Poetikdozentur

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