Düsseldorfer Beiträge zur Thomas Mann-Forschung Band 2

tmgd2Auch der zweite Band der Schriftenreihe der 2009 gegründeten Thomas Mann-Gesellschaft Düsseldorf enthält eine Reihe inspirierender Beiträge, auch wenn die Qualität der Aufsätze, die auf den Veranstaltungen des Jahres 2011 basieren, insgesamt heterogen ist. Das liegt daran, dass neben Fachaufsätzen renommierter Literaturwissenschaftler wie Hans-Georg Pott auch die Beiträge aus dem Studierenden- und Doktorandenforum zum Thema „Thomas Mann – ein Langweiler?“ aufgenommen wurden. Leider fehlt in diesem Band eine schriftliche Fassung des Vortrags von Hermann Kurzke, den dieser im genannten Zeitraum über „Das Streitgespräch der Brüder Thomas und Heinrich Mann in den ‚Betrachtungen eines Unpolitischen'“ in Düsseldorf gehalten hat.

Gleich mehrere Beiträge beschäftigen sich mit Thomas Manns letztem Roman Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Natürlich geht es da um Liebe und Erotik. Stefan Nagel untersucht „Felix Krulls Ars Armandi“ unter den beiden Stichworte „Pan-Erotik und Juwelendiebstahl“, die Thomas Mann selbst in einem Brief nennt. Nagel weist mit einem Rückgriff auf Hegel relativ schlüssig nach, dass Mann in seinem letzten Roman einen „letzten Humanisierungsversuch unternimmt, indem er zwei der wichtigsten und zentralsten abendländisch-bürgerlichen Grundwerte in Frage stellt: Ehe und Eigentum“. Besonders anregend sind die Ausführungen vom Björn Moll, der die Erotisierung des Blicks im Felix Krull darstellt. Er zeigt, wie das Auge des Protagonisten als Geschlechtsorgan konditioniert wird und dass Narzissmus, Voyeurismus und Exhibitionismus die Gründe seiner Erregung sind: „Das von Felix Krull angelernte erotische Sehen ist somit auch ein Muster der Welterfassung und einer theoretischen Auseinandersetzung mit der Welt.“

Musil Experte Hans-Georg Pott vergleicht die beiden großen Autoren des letzten Jahrhunderts anhand ihrer teilweise komplementären Romane, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs spielen: Der Mann ohne Eigenschaften und Der Zauberberg, und behauptet: „Ohne Dichtung keine Wahrheit“. Pott zeigt Ähnlichkeiten in den beiden Romanen auf, die in ganz unterschiedlichen Ansätzen sich derselben großen Thematik widmen, der europäischen Seelenverfassung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist, wie der Mathematiker Robert Musil einige gesellschaftliche Aspekte mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitstheorie analysierte. Und als Aphorismus bleibt seine Stelle im Gedächtnis: „Gute Menschen können eine böse Gemeinschaft bilden.“ Abschließend nennt Pott Robert Musil und Thomas Mann „das weithin leuchtende Zwillingssternbild der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts“, welches das Höchste in der geistigen Durchdringung sah. Über die Bedeutung von Musil ließe sich diesbezüglich vielleicht streiten.

Zwei Beiträge widmen sich dem schwierigen Verhältnis von Thomas Mann und Bertolt Brecht. Johannes Roskothen nennt es eine „unproduktive Spannung“, die zwischen den beiden deutschen Literaturgrößen herrschte, und reflektiert die gut dreißig Jahre, in denen die beiden Antipoden auf unterschiedlichste Weise in Kontakt kamen. Der Künstler Bernhard Heisig  (1925-2011) hat diese Konstellation in einem Doppelporträt dargestellt. Ute Olliges-Wiesczorek stellt den Druck, den die Thomas-Mann-Sammlung der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf 2010 erworben hat, und seine Entstehungsgeschichte ausführlich vor.

Lediglich aufgrund der vielen abgedruckten Fotos interessant ist die ausführliche Rekonstruktion des Besuchs Thomas Manns in der Düsseldorfer Buchhandlung Schrobsdorff im August 1954.

Anregende und zukunftsweisende Bezüge zwischen Thomas Mann und dem großen niederländischen Schriftsteller Harry Mulisch zeigt Marc van Zoggel im einzigen englischsprachigen Beitrag dieses Bandes auf. Er geht dabei dem Konzept von Ironie und Selbstironie in den Werken der beiden Autoren nach. Es wird deutlich, dass das umfassende Werk von Harry Mulisch noch ein Desiderat der deutschsprachigen Literaturwissenschaft darstellt.

Düsseldorfer Beiträge zur Thomas Mann-Forschung Band 2. Schriftenreihe der Thomas Mann Gesellschaft Düsseldorf. Wellem Verlag, Düsseldorf 2013. 238 Seiten, gebunden. 36,00 €

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