„Vor dem Fest“ – Saša Stanišić eröffnete den Literarischen Sommer

Vor dem Fest von Saa StaniiEs war ein perfekter Auftakt für den 15. Literarischen Sommer: ein warmer Sommerabend, ein großartiger Autor und ein passendes Ambiente. Große Fenster gaben den Blick frei auf den geduldig dahin fließenden Rhein. Der Schankraum des Crefelder Ruderclubs im Stadtteil Uerdingen war seit Wochen ausverkauft, denn der diesjährige Preisträger der Leipziger Buchmesse las dort.

Saša Stanišić wurde 1978 in Visegrad in Bosnien-Herzegowina geboren und lebt seit 1992 in Deutschland, zunächst in Heidelberg, später in Leipzig. Sein Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert begeisterte Leser und Kritiker gleichermaßen; er wurde bisher in 30 Sprachen übersetzt. Auszüge seines neuen Romans Vor dem Fest wurden bereits vor Erscheinen  mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet .

In diesem Buch erzählt Stanišić von der Nacht vor einem Fest im uckermärkischen Fürstenfelde. Das Dorf schläft. Bis auf den Fährmann – der ist tot. Ein Glöckner und sein Lehrling wollen die Glocken läuten, das Problem ist bloß: die Glocken sind weg. Niemand will den Einbruch ins „Haus der Heimat“ beobachtet haben. Das Dorfarchiv steht aber offen. Doch nicht das, was gestohlen wurde, sondern das, was entkommen ist, treibt die Schlaflosen um. Alte Geschichten, Sagen und Märchen ziehen mit den Menschen um die Häuser. Sie fügen sich zum Roman einer langen Nacht. Stanišić ist ein Erzähler des magischen Realismus, dessen Wurzeln bis zu E.T.A. Hoffmann in die Romantik zurückreichen. Fürstenfelde ist ein erfundenes Dorf, als dessen Vorbild diente zwar Fürstenwerder in der Uckermark, doch da zugleich viele Geschichten aus der bosnischen Heimat von Saša Stanišić Eingang in das Buch gefunden haben, ist es vielmehr als ein universelles europäisches Dorf zu betrachten.

Seine sehr lebendig vorgetragene Lesung konzentrierte sich auf zwei der vielen Protagonisten in seinem Roman: eine Füchsin, deren erklärtes Ziel es ist, ein Ei aus dem Hühnerstall zu stehlen und wohl behalten zu ihren Jungen zu bringen, und Dietmar Dietsch, genannt Dittsche, ein ehemaliger Postbote mit mutmaßlicher Stasi-Vergangenheit und einer nebenberuflichen Hühnerzucht. Mit beeindruckenden Fachkenntnissen, insbesondere über den Bau eines Hühnerstalls, Humor und vor allem viel Empathie für seine Figuren erzählt Saša Stanišić die Geschichte dieser beiden bis zu ihrem Zusammentreffen. Exemplarisch wurde so deutlich, dass die erzählte Zeit zwar nur eine Nacht umfasst, zugleich aber mehrere Jahrhunderte (Dorf-)Geschichte beinhaltet. Moderatorin Maren Jungclaus vom Literaturbüro Düsseldorf wies abschließend auf die ungewöhnliche Erzählperspektive hin, die Saša Stanišić gewählt hat. Es spricht ein „Wir“, das multiperspektivisch die Sicht des ganzen Dorfes in sich vereint. Beeindruckend, wie überzeugend dieses Vorhaben gelungen ist.

Materialen zum Buch, vornehmlich Geschichten, die nicht mehr Platz in diesem Roman gefunden haben, sind auf der Internetseite fürstenfelde.de frei zugänglich.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s