„Die Launen der Poesie“ – Harald Hartung erhellt die Lyrik der letzten dreißig Jahre

9783835313804„Dem Lyriker bleibt oft nur der rezensierende Kollege: Lyrikkritik als Freundschaftskartell.“, stellt Harald Hartung im einleitenden Beitrag seiner Sammlung mit Rezensionen fest. Auch Hartung ist Kollege, ein anerkannter Poet, der seit 1970 neun beachtenswerte Gedichtbände vorgelegt hat, zuletzt „Wintermalerei“ (2010). Aber als Rezensent ist er stets über jeden Verdacht der Kumpanei erhaben geblieben. Das zeigt sich auch daran, dass er nicht auf den Plan tritt, wenn der neue Band eines bestimmten Autors erschienen ist, sondern mit einer beeindruckenden Konstanz und Kontinuität seit Jahrzehnten in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und im Merkur regelmäßig Lyrik bespricht. Und es manifestiert sich darin, dass Hartung erstaunlicherweise von jedem Lyriker nur einen Gedichtband vorstellt – zumindest ist das im vorliegenden Buch so, abgesehen von den Erwähnungen in den Überblicksartikeln, welche die drei Jahrzehnte, nach denen die Beiträge geordnet sind, jeweils einleiten. Von Durs Grünbein beispielsweise nur „Grauzone morgens“ (1988), von Thomas Kling nur „morsch“ (1996), von Ulla Hahn nur „So offen die Welt“ (2004) und von Rainer Malkowski nur das Gesamtwerk „Die Gedichte“ (2009).  Einzigartig als Lyrikkenner machen Hartung seine kundigen Besprechungen der internationalen Lyrik. Er nähert sich allen großen Dichtern an und erhält sich dabei doch einen kühlen, distanzierten Blick: auf Robert Lowell, Charles Simic, Emily Dickinson, Göran Sonnevi und Hugo Claus, um nur einige zu nennen.

Erstaunlich ist, wie frisch die meisten seiner Besprechungen heute noch wirken. Die Rezension des lyrischen Debüts „Solo“ (1986) der inzwischen fast vergessenen Barbara Maria Kloos etwa lässt Züge der wilden achtziger noch einmal lebendig werden. Zielsicher zitierte Hartung damals ihren frivol-frechen Text „Münchner Honeymoon“, der auch heute noch nicht angestaubt wirkt: „Himmel, hat der Halbmond / einen Ständer! Die Sterne / reiben sich in Scharen / an seinem gelben Schwanz . // Ich glaub, heut hat der / Sommer Schnaps gesoffen. / Die heiße Nacht nimmt mich / von hinten: voll und ganz.“

Während Durs Grünbeins erster Gedichtband relativ kritisch besprochen wird, wird  Thomas Kling, einem in der Frankfurter Anthologie, an der Hartung jahrzehntelang mitarbeitetemit nur einem Gedicht völlig unterrepräsentierten Dichter, als „Star dieser experimentellen Lyrikszene“ erkannt und seine „Virtuosität“ gewürdigt.

Charakteristisch für die Beiträge ist ihre Ausgewogenheit. Präzise arbeitet Hartung die Vorzüge und die Mängel der Texte heraus, vergleicht ihren Anspruch mit ihrer Einlösung. Böse Verrisse kennt man von ihm nicht. Allerdings fehlen einige negative Kritiken in dieser Sammlung, wie der Herausgeber Heinrich Detering in seinem Nachwort ausführt. Viele Jahre lehrte der 1932 in Herne geborene Hartung an der Technischen Universität Berlin Geschichte und Theorie der Lyrik und doch sind seine Texte alles andere als akademisch geschrieben. Sie wenden sich an den interessierten Leser der Tageszeitung beziehungsweise der Monatszeitschrift. Jedoch spürt man an vielen Stellen, über welche profunden Kenntnisse der Verfasser verfügt.

Der erste der versammelten Texte erschien am 22. Mai 1982 und stellt den Gedichtband „Die Stille der Welt vor Bach“ des schwedischen Schriftstellers Lars Gustafsson vor, der in den folgenden Jahren Weltruhm erreichte. Die neuste Besprechung stammt vom 17. Januar 2013 und würdigt den noch jungen amerikanischen Autor Jeffrey Yang und dessen Debüt „Ein Aquarium“:  „Yang ist ein Poeta doctus, nicht nur fit in Meereskunde, sondern auch in Historie und Philosophie, Kulturkritik und Ökologie“. Diese Beispiele mögen genügen, um das breite lyrische Spektrum und die Reichhaltigkeit dieses Buches deutlich werden zu lassen. Jammerschade nur, dass Harald Hartung bislang keinen meiner Gedichtbände rezensiert hat – es wäre ein Ritterschlag.

Harald Hartung: Die Launen der Poesie. Deutsche und internationale Lyrik seit 1980. Herausgegeben von Heinrich Detering. Wallstein Verlag, Göttingen 2014. 376 S., gebunden. 24,90 €

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