„Schmugglerpfade“ – bilateral betreten von Thomas Hoeps und Jac. Toes

schmugglerpfadeEs sind keine ausgetretenen Pfade, denen die Beiträge dieser Anthologie mit Kriminalstorys folgen, sondern verschlungene, teilweise bereits vergessene, überwucherte und auch neue Wege. Die Sammlung mit Kurzgeschichten über das Schmuggeln im deutsch-niederländischen Grenzbezirk überrascht durch seine fundierte Konzeption. Der Krefelder Thomas Hoeps und der Niederländer Jac. Toes, die sich mit drei grenzübergreifenden Kriminalromanen bereits auf beiden Seiten des Schlagbaums einen Namen gemacht haben, recherchierten ausführlich die Geschichte des Schmuggels zwischen den beiden Nachbarländern seit 1818. Die Anordnung der 16 Texte, je acht von deutschen und von niederländischen Autoren, ist chronologisch, beginnt zur Zeit des Ersten Weltkriegs („Die Syphilis kennt keine Grenzen!“ von Richard Birkefeld) , verfolgt die besondere Lage während des Zweiten Weltkriegs, behandelt schwerpunktmäßig die letzten Jahrzehnte und blickt schließlich bis ins Jahr 2048. Das dystopische Zukunftsszenario beschreibt Nina George in ihrer beklemmenden Story „Just in time“ über die Auswüchse eines Menschen verachtenden, illegalen Organhandels.

Sehr ambitioniert geht Mitherausgeber Thomas Hoeps ans Werk. Seine Geschichte „Unzählbar all jene, die zurückbleiben mussten“ erzählt von der gescheiterten Flucht einer jüdischen Familie im November 1939 an der grünen Grenze bei Venlo. Der Zollbeamte, der die gesamte Familie und ihren deutschen Fluchthelfer erschießt, um sich am mitgeführten Schmuck zu bereichern, macht nach dem Zweiten Weltkrieg Karriere im Zollgrenzdienst und es bedarf großer Anstrengungen einzelner, ihn nach vielen Jahren endlich zur Rechenschaft zu ziehen. Damit erinnert Hoeps im Zusammenhang mit dem authentischen Venlo Zwischenfall eindrucksvoll an ein besonders dunkles Kapitel der deutsch-niederländischen Historie.

Auch der andere Herausgeber lässt Geschichte lebendig werden. Sehr gekonnt spielt Jac. Toes in „Eine linke Tour“ die Doppeldeutigkeit des Titels aus und nimmt uns mit in die Zeit Ende der 70er Jahre, als Kalkar am Niederrhein alles andere als ein verschlafenes Örtchen war, sondern die Kernkraftgegner dort immer wieder Großdemonstrationen auf dem Gelände des Schnellen Brüters organisierten, was den Politikern und der Polizei auf beiden Seiten der Grenze ein Dorn im Auge war, da  sie schon genügend Schwierigkeiten mit den RAF-Terroristen hatten.

Diese historisch verankerten Storys sind die besondere Stärke dieses Bandes. Andere Beiträge bestechen durch spannende Unterhaltung. Jung und wild kommt beispielsweise die Geschichte der Niederländerin Corine Hartmann daher. Ihr abgedrehte Ermittlerin Jessica Haider hat es mit dem Schmuggel von exotischen Tieren zu tun und löst den Fall in „Wildfang“ auf ihre ganz eigenwillige Art.

Hoeps & Toes ist es in ihrer bilateralen Zusammenarbeit auf beeindruckende Weise gelungen, spannende Unterhaltung mit einem geschärften Blick auf die deutsch-niederländischen Grenzbeziehungen und ihre Geschichte zu verbinden. Dank der Unterstützung mit Mitteln mehrerer Kulturförderungen erscheint dieses Buch zeitgleich auch auf Niederländisch unter den Titel Over de grens und leistet so auch einen Beitrag zur Völkerverständigung im Grenzgebiet.

Thomas Hoeps / Jac. Toes (Hg.): Schmugglerpfade. Grenzübergreifende Kriminalstorys. Grafit Verlag, Dortmund 2014. 315 Seiten. 11,00 €.

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