Marie T. Martin „Luftpost“ – poetische Erzählungen über anstehende Veränderungen

marie-martin-luftpost-cover-internetDie in diesem Band versammelten fünfzehn Texte von Marie T. Martin stellen keine Kurzgeschichten im klassischen Sinn dar, sondern kurze Erzählungen, die mit zahlreichen Rückblenden und Versatzstücken arbeiten.

In der Titelstory „Luftpost“ wird deutlich, dass die junge Therapeutin selbst den Verlust ihres Freundes Roderik aus Kindertagen noch nicht vollständig verarbeitet hat. Immer wieder taucht er in ihren Gedanken auf, dient als imaginärer Gesprächspartner und verhindert eine Verabredung mit dem Arbeitskollegen Fred. Auch die Erzählung „Nachmittag“ enthält keine durchgehende Handlung, sondern Reflexionen, Erinnerungen und Assoziationen, die aneinander gefügt eine nachdenkliche, melancholische Atmosphäre erzeugen. „Fünfter Stock“ dagegen ist eine lineare Erzählung, in der eine junge Frau für den Sommer die Wohnung einer Freundin in Berlin bezieht. Sie lässt deren (Ex-)Freund herein und zieht mit ihm und dessen Freund durch die Stadt. Auf der Suche nach sich selbst lässt sie sich gar auf einen heißen Dreier ein.

In dreizehn der fünfzehn Erzählungen wird die Ich-Perspektive eingenommen, nur in „Drei Teller“ und „Wind“ wird die Perspektive gewechselt und in der dritten Person erzählt. Das Besondere ist die Atmosphäre dieser Texte: leicht und etwas verwunschen kommt sie daher. Viele Texte befinden sich auch am Ende in einem Schwebezustand. Ein wind of change durchweht sie: Veränderungen, Wechsel, Neues liegen in der Luft, erscheinen nahe liegend, möglich und sind doch nicht eingetreten oder umgesetzt. Die Anstöße dazu kommen bei Marie T. Martin leise daher. Kleine Begebenheiten im Alltag, zufällige Begegnungen, die das Leben verändern. Wie in „Winterreise“, wo das zufällig auf der Treppe sitzende Nachbarmädchen den erfolglosen Musiker nach und nach aus seiner Lethargie weckt. Oder auch in „Wind“, wo ein einziger Abend auf einem Feuerwehrfest im Nachbardorf mit einem alten Bekannten, bei der Ich-Erzählerin den Entschluss weckt, ihr Leben zu ändern.

Eine besondere Stärke von Martins Texten ist ihre poetische Sprache. Die lyrische Ader  der 1982 in Freiburg geborenen Autorin, die auch Gedichte veröffentlicht („Wisperzimmer“, 2012),  kommt ihrer Prosa in besonderer Weise zu gute: „Meine Bierflasche leuchtete wie ein kostbares Juwel im Gegenlicht.“ Der gelassene Blick auf die eigene Generation erinnert in seiner Grundhaltung an die frühen Erzählungen von Judith Hermann („Sommerhaus, später“, 1998). Aber Martin beschreibt bereits eine neue, eine andere Generation.

In vielen Erzählungen flammt ein Verlangen nach einem anderen Leben auf. Die Alternativen liegen oft gar nicht so weit entfernt. Aber es bedarf einer Kraftanstrengung, einer Entscheidung, einer Trennung vom Gewohnten, um diese Chance zu nutzen. Martins Erzählungen lassen erahnen, was möglich wäre.

Marie T. Martin: Luftpost. Erzählungen. poetenladen, Leipzig 2013. 142 Seiten. 15,80 €.

P.S.: Am 12.11.2014 um 20 Uhr wird Marie T. Martin im Rahmen meiner Reihe „1Gedicht und mehr“ Gast im Niederrheinischen Literaturhaus Krefeld sein.

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